10:09:10 | Mittwoch, 5. November 2008
Aufgrund der Säuglinge und Kleinkinder, deren Kreischen die lateinischen Gesänge und Gebete des Priester übertönt, dürfte das Durchschnittsalter unter zwanzig liegen.

In Großbritannien sind die Bischöfe fortwährend bestrebt, die Freigabe des Alten Ritus zu hintertreiben.
(kreuz.net, London) England erlebt nach Angaben der ‘Latin Mass Society’ gegenwärtig eine Renaissance
der Alten Messe.
Das berichtete Gina Thomas (51), die England-Korrespondentin der ‘Frankfurter Allgemeine
Zeitung’, in einem Artikel vom 29. Oktober.
Als Beispiel nennt Frau Thomas das Little Oratory – eine
Kapelle in London – die sich jeweils am Sonntag für die Alte Messe überbordend füllt:
„Aufgrund der
Säuglinge und Kleinkinder, deren Kreischen den Priester übertönt, dürfte das Durchschnittsalter unter
zwanzig liegen.“
Dennoch ist der Jubel der englischen Traditionalisten über das Motu Proprio des Papstes
nach Angaben von Frau Thomas getrübt.
Denn die britischen Bischöfe sind fortwährend bestrebt, die
Freigabe des Alten Ritus zu hintertreiben.
Bischöfe mauernMit dem Beispiel der USA vor Augen, wo die Ernennung
einiger „traditionsfester Bischöfe“ die Vormacht der liberalen Hierarchie angeblich geschwächt hätten,
würden die britischen Bischöfe Geschlossenheit beweisen, um den Status quo zu wahren – mythologisiert
Frau Thomas mit Berufung auf einen „Eingeweihten“.
Als Symbol des Widerstandes der britischen Bischöfe
nennt Frau Thomas deren demonstrative Abwesenheit, als Kurienkardinal Dario Castillón Hoyos im Sommer
als erster Kardinal seit fast vierzig Jahren in der Kathedrale von Westminster ein Pontifikalamt im Alten
Ritus zelebrierte:
„Bezeichnend sind auch die gewundenen legalistischen Erläuterungen, welche liberale
Diözesanbischöfe zum »scheinbaren Rückschritt« des Papstes verteilen, um der Verbreitung des Alten
Ritus entgegenzuwirken“- so Frau Thomas:
„Einige von ihnen haben offenbar nicht begriffen, daß sich
das Apostolische Schreiben Benedikts XVI. nicht zur Interpretation anbietet, sondern Gesetz ist“ – ist
Frau Thomas überzeugt.
Mit Berufung auf einen Priester erklärt sie, daß britische Geistliche – trotz
Motu Proprio – immer noch Repressalien fürchten müssen, wenn sie die Alte Messe lesen.
Sie zitiert
Damian Thompson, den Chefredakteur der Wochenzeitung ‘The Catholic Herald’, der von einem
innerkirchlichen
Bürgerkrieg gesprochen hat.
„Wir werden die Bedürfnisse aller berücksichtigen“Frau Thomas erinnert
daran, daß die Briten bereits vor der Liturgiereform für die Erhaltung des Alten Ritus kämpften. Sie
nennt das Beispiel des britischen Konvertiten und Schriftstellers Evelyn Waugh († 1966).
Dieser fragte
John Kardinal Heenan († 1975) von Westminster im August 1964, ob es zu viel verlangt wäre, allen Pfarrgemeinden
zu befehlen, zwei Messen zu halten, »eine ‘Pop’ für die Jungen und eine ‘Trad’ für die Alten«.
Die
Antwort des Kardinals: Er solle nicht verzagen, „wir werden die Bedürfnisse aller berücksichtigen.“
Waugh hatte für den am grünen Tisch zusammengeschusterten Neuen Ritus kein Musikgehör: „Sie zerstören
alles, was nach außen hin anziehend war an meiner Kirche“ – beklagte er sich im Februar 1965 bei der
britischen Schriftstellerin Nancy Mitford († 1973).
Erschreckende VerantwortungDann erinnert Frau Thomas
an den
offenen Brief, mit dem eine Gruppe von britischen Intellektuellen Papst Paul VI. im Jahr 1971 auf
die „erschreckende Verantwortung“ des Heiligen Stuhls hinwies, „mit der dieser in der Geschichte des menschlichen
Geistes konfrontiert wäre, wenn er sich weigerte, der traditionellen Messe das Überleben zu erlauben,
auch wenn dieses Überleben mit anderen liturgischen Formen einhergehen würde“.
Unter den Unterzeichnern
waren Ungläubige und Nicht-Katholiken.
Frau Thomas weist darauf hin, daß das Absurde an der ganzen
Diskussion darin besteht, daß die Indulte sich auf einen Zustand bezogen, der formal gar nicht bestand:
„Denn wie die Traditionalisten stets betonen, ist der Alte Ritus nie formal abgeschafft worden.“
Elitäres
Bedürfnis nach AndersseinIn der britischen Debatte kommt im Zusammenhang mit dem Motu Proprio eine
Komponente hinzu, die wohl auf die durch Jahrhunderte der Diskriminierung geprägte Identität der hiesigen
Katholiken zurückzuführen ist: „ein elitäres Bedürfnis nach dem Anderssein“ – deutet Frau Thomas.
Sie zitiert Evelyn Waughs von Theologie durchdrungenem Roman „Wiedersehen mit Brideshead“.
Dort sagt
die atheistische Erzählerfigur Charles Ryder zu seinem adligen Freund Sebastian Flyte, daß die Katholiken
genauso zu sein schienen wie andere Menschen:
„Mein lieber Charles“, entgegnet der charmante Adelige,
der vor dem erdrückenden römischen Glauben seiner Mutter in den Alkohol flüchtet: „Das ist genau, was
sie nicht sind – vor allem in diesem Land, wo es so wenige gibt.“
Auf dem Dach des herrschaftlichen Familiensitzes
in der Sonne liegend, erklärt Sebastian dem Außenstehenden, daß die englischen Katholiken eine völlig
andere Weltanschauung haben: „Alles, was ihnen wichtig ist, unterscheidet sie von den anderen. Sie versuchen
es so weit wie möglich zu verbergen, aber es kommt ständig zum Vorschein.“
Nationalgeschichtliche Wurzeln
Frau Thomas weist darauf hin, daß sich die Verhältnisse geändert haben, „seit Waugh den elegischen
Abgesang auf eine Welt schrieb, die der traditionsliebende Misanthrop für todgeweiht hielt.“
Sie zitiert
die bekannte britische Anthropologin Mary Douglas († 2007), die in den 70er Jahren „wehmütig“ festgestellt
habe, daß „die englischen Katholiken nun so sind wie alle anderen“.
Für die Traditionalisten sei dieser
Befund ein Stachel: „Der gewisse intellektuelle und gesellschaftliche Exklusivitätsanspruch, der den
Liebhabern der Alten Messe in Deutschland und anderen Ländern vielleicht zu Unrecht unterstellt wird,
hat in England nationalgeschichtliche Wurzeln.“
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