Aus der kirchlichen Hülle und Fülle
Die Päpste dürften schon seit frühester Zeit Ärzte in ihrer Umgebung und an ihrem Hof gehabt haben. In den Berichten ausländischer Gesandter an ihre Herrscher wird ihr Vorhandensein bezeugt; ebenso in den offiziellen Dokumenten der Päpste und in den Aufzeichnungen der Römischen Kurie. Von Ulrich Nersinger.
Namenslisten liegen seit dem 12. Jahrhundert vor: Der erste Arzt, dessen Name in einem „Rotulo“, einem Namensverzeichnis des Päpstlichen Hofs genannt wird, ist um das Jahr 1160 ein gewisser Magister Philippus.

Unter Innozenz III. (1198-1216) nahm der Leibarzt, in den Urkunden „archiatra“ oder auch „physicus“ genannt, eine immer bedeutsamere Rolle am Päpstlichen Hof ein. Rangmäßig stand er über allen weltlichen Kammerherren des Papstes. Dies wird auch aus seiner Besoldung ersichtlich; abgesehen von den üblichen Naturallieferungen wurde er mit Pfründen und Gratifikationen versorgt. Untergebracht war er im päpstlichen Palast, nur wenige Schritte von den Gemächern des Papstes entfernt.

Aus dem Pontifikat Papst Alexanders IV. (1254-1261) weiß man um zwei päpstliche Leibärzte; am Hof Bonifaz’ VIII. (1294-1303) versahen dann schon drei Doktoren diesen Dienst. Die Mediziner mußten nicht unbedingt Christen sein. Unter dem Colonna-Papst Martin V. (1417-1431) war Meister Elias aus dem Judenviertel Roms der Archiatra des Papstes. Bis ins 16. Jahrhundert fanden sich immer wieder Leibärzte mosaischen Bekenntnisses am Hof des Papstes, so der berühmte, aus Spanien stammende Samuel Sarfadi, der in den Diensten Papst Leos X. (1513-1521) stand.

Der wohlberühmteste päpstliche Leibarzt war Petrus Hispanus, der um das Jahr 1215 in Lissabon als Sohn eines wohlhabenden Mediziners geboren wurde.

Nach einer ersten Ausbildung in Leon ging er nach Paris zum Studium der „artes“; dort hatte er das große Glück, Albertus Magnus in Naturkunde, William Shyreswood in Philosophie und Lambert von Auxerre in Logik zu hören. Nach der Erlangung der Magistergrade der Philosophie und der Medizin zog es ihn nach Süditalien, wo er in Palermo zum „professor artis medicinae“ ernannt wurde.

Der gelehrte Spanier schuf bedeutende wissenschaftliche Werke; so die „Summulae logicales“, die bis in unsere Zeit hinein als Standardwerk der Logik galten. Der Beschaulichkeit seiner Gelehrtenstube wurde er entrissen, als er die Berufung zum Leibarzt Ottobono Fieschis, des späteren Papstes Hadrian V., annahm. Er diente zudem Gregor X. (1271-1276) als Archivar und Leibarzt. Petrus Hispanus schlug auf Wunsch der Päpste die kirchliche Laufbahn ein und stieg in denkbar kürzester Zeit in der Hierarchie auf – zum Erzbischof von Braga und Kardinalbischof von Tusculum. Am 8. September 1276 wurde er als Johannes XXI. zum Papst erwählt. Er galt als ein hochgebildeter Pontifex Maximus, der die Wissenschaften förderte, mildtätig war und mit arm und reich gleichermaßen herzlich verkehrte.

Viele der päpstlichen Ärzte erlangten wissenschaftlichen Ruhm, der über die Grenzen des Kirchenstaates hinausreichte – und nicht auf medizinische Leistungen beschränkt blieb. Von Andrés de Laguna (1499-1560), dem Leibarzt Papst Julius’ II., stammen Abhandlungen über die Anatomie und über die Behandlung der Pest; Laguna machte sich auch als Übersetzer griechischer Schriften, besonders des Aristoteles, in Lateinische einen großen Namen. Einer der herausragendsten Epidemiologen (Seuchenforscher) der Medizingeschichte war der Begründer der Contagienlehre, Girolamo Fracastoro (1478-1553). Der Gelehrte, der auch als Astronom und Dichter hervortat, diente Papst Paul III. als Leibarzt.

Marcello Malphigi (1628-1694), der 1658 die Erythrozyten von Menschen beschrieb, zählte zu den letzten Begründern der mikroskopischen Anatomie; ihm ist die Entdeckung der Kapillaren, der Verbindungen zwischen Arterien und Venen, zu verdanken.

Manche der päpstlichen Leibärzte fanden sogar den Weg in die Werbung: Italienische Speiseölproduzenten verweisen in ihren Werbeschriften auf das Werk „De bonitate et vitio alimentorum centuria“, das aus der Feder Castel Durantes, des berühmten Botanikers und Leibarztes Papst Sixtus’ V. stammt.

Die Region Umbrien, die Heimat des „olio extra vergine“, zitiert in ihren Prospekten einen Ausspruch des päpstlichen Mediziners: „Das Olivenöl wird sehr gelobt, und es ist sehr mild und naturverwandt“. Ein weiterer Leibarzt Sixtus’ V., Andrea Bacci, wird vom „Movimento Turismo del Vino“ vereinnahmt; Baccis Werk „De vinorum naturali historia“ gilt nämlich noch heute als ein ausgezeichneter italienischer „Weinführer“.

Monsignore Giammaria Lancisi, Archiatra Papst Clemens’ XI. (1700-1721), machte sich nicht nur als Mediziner einen hervorragenden Namen, sondern auch als Gourmet und Kenner der italienischen Gastronomie. Das Restaurant „La Gatta“ in Lunano (Puglia) lädt seine Gäste mit großem Erfolg zu den „banchetti del archiatra pontificio“ ein; der Küchenchef serviert dann „Torta salata alle erbe salvatice“ (Wildkräuterkuchen), „Tortino di fegatelli di fagiano e faraona“ (Törtchen aus Fasanen- und Perlhuhnleber) und „Petto d’ anatra al vino rosso speziato“ (Entenbrust auf rotem Gewürzwein).

Von den Freunden einer gepflegten Trinkkultur wird Arnoldus de Villano gefeiert. Der Leibarzt Papst Clemens’ V. hatte bereits im Jahr 1299 ein Patent vom König von Mallorca und Aragonien erhalten, das ihm erlaubte, gärenden Wein mit Weinbrand zu versetzen. Dadurch wurde die Gärung gestoppt, die Süße des zum Teil noch unvergorenen Weines konnte erhalten bleiben und durch den relativ hohen Alkoholgehalt blieb der Wein auch noch stabil – der Portwein war entstanden. Immer dann, wenn die Briten die Erfindung des Portweines auf ihre Fahnen schreiben wollen, wird ihnen der Name des Arnoldus de Villano von den Bewohnern der Iberischen Halbinsel entgegengehalten.

Nicht nur Italiener versahen den Dienst eines päpstlichen Leibarztes. Die Päpste beriefen auch Vertreter anderer Nationen an den ihren Hof. Sogar ein deutscher Mediziner wurde von Gregor XVI. (1831-1846) nach Rom geholt: Dr. Clemens August Alertz aus Aachen, Militärchirurg in Bonn, Kreisphysicus in Aachen und Arzt an der berühmten Berliner Charité. Ihm gelang es im Jahre 1836, ein Augenleiden des Papstes erfolgreich zu behandeln.

Belegt ist auch die Konsultation des deutschen „Volksarztes“ Sebastian Kneipp durch einen Papst. Leo XIII. hatte den bescheidenen Pfarrer und Naturheilkundler vor ungerechtfertigten Angriffen der Schulmediziner in Schutz genommen und ihn demonstrativ zu seinem Ehren-Geheimkämmerer ernannt. Während einer Privataudienz bat der Papst Pfarrer Kneipp um seinen fachlichen Rat (die in dem 1958 gedrehten Spielfilm „Sebastian Kneipp – Ein großes Leben“ gezeigte Version entspricht freilich nicht ganz der historischen Gegebenheit).

Da es immer wieder Streit um die Rechte und Privilegien der Päpstlichen Leibärzte gab – vor allem auch darüber, wer überhaupt diesen Titel zu führen berechtigt war, erließ der Heilige Stuhl hierzu genaue Verfügungen. Um als „Päpstlicher Leibarzt“ zu gelten, bedurfte es eines eigenen Apostolischen Breve (Schreiben). War das Breve ausgefertigt, gehörte der betreffende Arzt als „Wirklicher Geheimer Kammerherr mit Degen und Mantel“ zur Päpstlichen Familie. Er erfreute sich als einer der wenigen Laien am päpstlichen Hof der Anrede „Monsignore“, auch dann, wenn er verheiratet war.

Der Archiatra hatte den Papst bei allen Prozessionen, Ausfahrten und Reisen zu begleiten; er mußte sich bei liturgischen und zeremoniellen Feierlichkeiten in dessen unmittelbaren Nähe aufhalten. Er sollte, wenn möglich, seine Wohnung im Apostolischen Palast nehmen. Sein Amt erlosch nicht mit dem Tod des Papstes, sondern erst dann, wenn die Einbalsamierung des verstorbenen Pontifex erfolgt war.

Seit einigen Jahrzehnten deckt sich das Amt des Leibarztes mit dem des Direktors der „Direzione dei Servizi Sanitari“ (Gesundheitsamt) des Staates der Vatikanstadt – zur Zeit versieht Professor Dr. Renato Buzzonetti diese Aufgaben.
      
Lesermeinungen
Sie haben eine Meinung zu diesem Artikel? Dann verfassen Sie einen Beitrag. Bleiben Sie in Ihrem Kommentar sachlich und bemühen Sie sich um eine erträgliche Diskussionsatmosphäre. Bedenken Sie, daß Ihr Beitrag noch über Jahre hinweg abrufbar und durch Suchmaschinen im Internet auffindbar ist.
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Leserbeiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen oder Leser aus der Debatte auszuschließen.
Kommentar schreiben
Weiterlesen:
Aus der kirchlichen Hülle und Fülle„Wasser marsch!“ – Die Feuerwehr des Papstes Aus der kirchlichen Hülle und FülleNur Mut, mein Freund! Aus der kirchlichen Hülle und FülleVon der endlosen Langweiligkeit der Häresie Aus der kirchlichen Hülle und FülleHeute schon gelacht? Aus der kirchlichen Hülle und Fülle„Die wundersame Heilung“ des schwächlichen Franziskaner Aus der kirchlichen Hülle und FülleDer Papst hat Humor Aus der kirchlichen Hülle und FülleKüchengeschichte Aus der kirchlichen Hülle und FülleDer Tod des heiligen Stephanus Aus der kirchlichen Hülle und FülleTraum und Wirklichkeit: Der König von Patagonien Aus der kirchlichen Hülle und FülleChesterton im Widerstreit mit sich selber Aus der kirchlichen Hülle und FülleDie wertvollste Visitenkarte der Welt Aus der kirchlichen Hülle und FülleSteinreich in den Tod Aus der kirchlichen Hülle und FülleLeo XIII. in einer äußerst pikanten Situation Aus der kirchlichen Hülle und FülleEine Begebenheit Kardinal Ottavianis auf dem Vatikanum Aus der kirchlichen Hülle und FülleEine Konvertitengeschichte
RSS Feed  •  News Ticker  •  Werbebanner  •  Visitenkarte  •  Kontakt  •  Impressum
© CC-BY-NC-SA 2012 kreuz.net