10:45:26 | Sonntag, 13. März 2005
Am Samstag ist der ehemalige Außenminister Karolos Papoulias als neuer griechischer Staatspräsident vereidigt worden. Das traditionelle Gebet, das die Vereidigung des Sozialisten begleitete, verlief nicht nach Protokoll.
(kreuz.net, Athen) Im Februar wurde der sozialistische Abgeordnete Karolos Papoulias mit 279 der 300 Parlamentsabgeordneten
zum Staatsoberhaupt der griechischen Republik gewählt. Die Vereidigung fand gestern Samstag in Athen
statt. Sie beginnt traditionellerweise mit einem Gebet, das vom orthodoxen Erzbischof von Athen und ganz
Griechenland gesprochen wird. Christodoulos, der gegenwärtige Amtsinhaber, hatte kaum damit begonnen,
als sieben Abgeordnete der kleinen Linkspartei ‘Synaspismos’ demonstrativ den Plenarsaal verließen.
Auch die Sozialistische Partei (Pasok) des neuen Präsidenten und die Kommunisten zeigten dem Erzbischof
ihre offene Ablehnung. Während sich die Abgeordneten üblicherweise bei der Ankunft des Erzbischofs erheben,
blieben die Vertreter der kirchenfeindlichen Linksparteien sitzen.
Mit Paoulias (75), der in der nordwestgriechischen
Stadt Ioannina geboren wurde, übernimmt erstmals ein Sozialist das höchste Staatsamt Griechenlands.
Der Sozialist war Ende Dezember vom konservativen Ministerpräsidenten Kostas Karamanlis vorgeschlagen
worden. Der griechische Staatspräsident bekleidet eine vorwiegend repräsentative Funktion.
Schon länger
fordern die griechischen Linksparteien
wegen der Skandale, welche die orthodoxe Kirche des Landes gegenwärtig
erschüttern, eine Trennung von Kirche und Staat.
Im Vergleich zu vielen europäischen Staaten sind Kirche
und Staat in Griechenland sehr eng verwoben. Im Vorjahr wurde die griechische Regierung einbezogen, um
einen Streit zwischen dem Erzbischof von Athen, Christodoulos, und dem orthodoxen Patriarchen von Konstantinopel,
Bartholomäus, beizulegen. Der Patriarch von Konstantinopel hatte den Erzbischof von Athen in dieser Sache
sogar vorübergehend exkommuniziert.
Die Skandale um Erzbischof Christodoulos beziehen sich beispielsweise
auf den Priester Jakovos Jossakis. Jossakis wird beschuldigt, sich von Richtern milde Strafen für Drogenhändler
erkauft zu haben. Christodoulos hat behauptet, den Priester Jossakis nur flüchtig zu kennen. Jossakis
hat aber seinem Erzbischof bei rund einem Duzend Richtern Audienzen erwirkt.
Der Erzbischof von Athen
soll auch mit dem über Interpol wegen Drogen- und Waffenhandel gesuchten Apostolos Vavilis in Kontakt
gestanden sein. Das Patriarchat von Jerusalem erklärte sogar, daß Christodoulos seinen Freund Vavilis
beauftragt hätte, die letzte Wahl des Patriarchen von Jerusalem zu beeinflussen.
Bisher hat der Erzbischof
von Athen Rücktrittsforderungen, welche Kleriker, Politker und Journalisten an in gerichtet haben abgelehnt:
„Sollten jene, die mich attackieren, glauben, daß ich gehen werde, haben sie sich geirrt. Ich lasse mir
den Mund nicht verbieten.“
Die griechische Presse veröffentlichte mittlerweile verschiedene Verschwörungstheorien.
So meinte der Bischof von Kalavryta, Ambrosius: „Es gibt einen unsichtbaren Finger, der nicht auf unseren
Erzbischof, sondern auf unsere nationale Sicherheit zielt.“ Kalavryta ist ein bekannter griechischer Wintersportort
auf der Halbinsel Peloponnes im Süden Griechenlands.
Ambrosius meinte, daß der israelische Geheimdienst
Mossad hinter der gegenwärtigen Verschwörung stehe. Der griechisch-orthodoxe Patriarch von Jerusalem
sei nämlich ein bedeutender Grundeigentümer. Mit der Kampagne wolle man sein Ansehen beschädigen. Bis
vor kurzem war Bischof Ambrosius noch ein Kritiker von Christodoulos.
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