11:28:03 | Dienstag, 30. Dezember 2008
Was zeigt sich, wenn bei den hohen kirchlichen Feiertagen aus Sakristeischränken barocke Baßgeigen oder ihnen nachempfundene Stücke aus der Zeit nach 1900 ausgegraben werden? Ein Kommentar.

Der gregorianische Choral erklingt zur Ehre Gottes.
(kreuz.net) Kürzlich hielt sich der Hauptschriftleiter der Zeitschrift ‘Gottesdienst’, Eduard Nagel,
zurecht an der häufig benützen Formulierung „Heilige Messe zum Gedenken an X. Y.“ auf.
Nagel weist
darauf hin, daß die Messe im Gedächtnis an den Heiland zelebriert wird – und nicht im Gedenken an irgendeinen
Verstorbenen.
Bedenken hat Nagel auch, wenn die während der Messe aufgeführte Kirchenmusik in Pfarrbriefen
anpriesen wird: „Ist dieses Konzert mit liturgischer Begleitung die Botschaft, welche die Kirche zum Feiertag
als ihr Proprium beizutragen hat?“ – fragt er.
In der Beurteilung der Kirchenmusik geht er noch einen
Schritt weiter:
„Wenn es wahr ist, daß Außenstehende die Kirche vor allem in ihrer Liturgie wahrnehmen,
was bedeutet es dann, wenn vielerorts das mehrstimmige Kirchenmusikrepertoire an hohen Feiertagen noch
nicht die Schwelle zum 20. Jahrhundert erreicht hat?“
Die offensichtliche Antwort – die Nagel allerdings
nicht einfällt: Das bedeutet, daß die Kirchenmusik des 20. Jahrhunderts fast immer unhörbar, nervig
oder einfach schlecht ist.
In ihr geht es eben nicht um Glauben, sondern (nur) um die Reflexion zeitgenössischer
Befindlichkeiten oder um eine Musik-Ideologie, der ohne Rücksicht auf andere Anliegen gehuldigt wird.
Insofern ist Nagel zuzustimmen: „Ein unbefangener Beobachter mag daraus schließen, daß es eben seither
kaum mehr entsprechend hochwertige Kompositionen für die Liturgie gegeben hat.“
Das unbefangene Beobachten
führt in der Tat und häufig zur Erkenntnis, daß der Kaiser keine Kleider anhat.
Nagel geht noch weiter:
„Was zeigt sich, wenn bei solchen Gelegenheiten aus Sakristeischränken barocke »Baßgeigen« oder ihnen
nachempfundene Stücke aus der Zeit nach 1900 ausgegraben werden?“
(Nagels Baßgeigen-Polemik unterschlägt,
daß Priester in zahllosen Pfarreien sogar an Weihnachten und Ostern überhaupt keine Kasel mehr tragen.)
Mit seiner Antwort trifft Nagel wiederum den Nagel auf den Kopf: „Wohl nichts anderes, als daß seither
Entstandenes von geringerer Qualität ist.“
Doch dann plumpst er in ein hartes
non sequitur: „So signalisiert
die Kirche akustisch und visuell, wo sie ihr Heil sucht: im Gestern.“
Nagels Denkfehler ist schwer. Denn
er wechselt unbemerkt von der Kategorie der Qualität, zu der „Schönheit“ gehört, auf die Kategorie
der Quantität, welche „Zeit“ umfaßt.
Die Kirche, die sich nicht als Produkt des Augenblicks versteht,
kann sich nur mit dem ewig Schönen, Guten und Wahren, das kein Gestern, Heute oder Morgen kennt, zufriedengeben.
Würde vielleicht ein zeitgenössischer Musiker, der noch ganz bei Trost ist, es wagen, Wolfgang Amadeus
Mozart als Musiker „von gestern“ zu bezeichnen?
Wäre es etwa ein ernstzunehmendes Argument gegen die
Bibel, daß sie „vor dem Konzil“ geschrieben wurde?
Deshalb kommt Nagels Schlußfolgerung der Welt der
Witwe von Mao Tsetung und der chinesischen Kulturrevolution bedrohlich nahe:
„Doch wen zieht das an?
Wohl am ehesten Menschen, die selber mit der Gegenwart nicht zurechtkommen und für die Zukunft schwarz
sehen.“
Natürlich wird es immer Menschen geben, welche die Qualität von Kunst und Kultur nur anhand
des Zeigerstandes ihrer Armbanduhr beurteilen können.
Es stimmt auch, daß sich die nachkonziliären
Kultrevolutionäre aus der Reihe dieser Primitivlinge rekrutierten.
Eine andere Frage ist aber, ob man
solche Bilderstürmer und Kulturbanausen zum Maß aller Dinge machen will.
Nagel gibt sich siegessicher:
„Es bedarf keiner Sinusstudie, um zu ahnen, warum die Kirche mit ihren wichtigsten Angeboten nur noch
einen schmalen Ausschnitt aus dem Spektrum der Bevölkerung erreicht“ – triumphiert er:
„Für viele andere
ist einfach nichts dabei, wofür hinzugehen sich lohnen würde.“
Die Verwendung des marktorientierten
Wortes „Angebot“ verrät ihn.
In der Tat. Wenn die Liturgie nicht mehr als ein „Angebot“ auf dem Markt
der Freizeitunterhaltung ist, dürfte sie gemeinsam mit Mozart und anderen gegen die Marktführer Fressen,
Vögeln und Betriebsausflug schlechte Chancen haben.
Doch je mehr sich das „Angebot“ an Gott richtet
und an seiner Schönheit Maßstab nimmt, desto mehr wird Er dafür Sorge tragen, daß seine kleine Herde,
die aber nicht von der Welt ist, gesammelt wird.
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