14:44:04 | Sonntag, 28. Dezember 2008
Die Palästinenser sind die Nachkommen der alten Judäer. Es ist an der Zeit, daß sich auch die katholische Kirche von einer rassistischen Vorstellung des Judentums löst.
(kreuz.net) „Der Charakter der jüdischen Nation wurde 1871 in Deutschland durch Heinrich Graetz, den
bedeutendsten jüdischen Historiker des 19. Jahrhunderts, geprägt.“
Das erklärte der Tel Aviver Historiker
Shlomo Sand Anfang Dezember vor der schweizerischen-jüdischen Zeitung ‘Tacheles’.
Sand hat kürzlich
das Buch
„Wann und wie das jüdische Volk erfunden wurde“ publiziert.
Der Historiker stammt aus einem
kommunistischen Elternhaus. Sein Vater wurde zu den Klängen der „Internationale“ zu Grabe getragen.
Vorbild für das Graetz-Modell war nach Sand der ethnozentrische deutsche Nationalismus von Heinrich von
Treitschke († 1896).

Schlomo Sand
© Schlomo Sand Die Juden sind ein VolkDagegen ist das Judentum nach Sand eine religiös-kulturelle
Definition. Er hat nichts gegen eine Bezeichnung der Juden als Volk – „solange diese persönliche Phantasie
keine negativen Folgen für die Umgebung hat – also Abschottung, Haß und Rassismus.“
In seinem Buch
habe er nichts Neues beschrieben, sondern nur bekanntes Wissen neu geordnet:
Die Vertreibung der Juden
ins babylonische Exil habe nie stattgefunden – wiederholt Sand die dekadente historische Exegese eines
dekadenten Christentums.
Er befürwortet aber nationale Mythen, wenn sie die anderen umarmen und nicht
abweisen.
Israel solle die Verantwortung für das palästinensische Flüchtlingsproblem anerkennen und
eine begrenzte Rückkehr erlauben.
Aber er ist gegen ein generelles Rückkehrrecht der Palästinenser
nach Israel – „weil es die kulturelle Existenz der Israeli gefährden würde.“
Ein freies Einreiserecht
für JudenAllerdings will Sand auch das „Rückkehrrecht“ für Juden abschaffen: „Israel soll nur noch
den Juden Schutz bieten, die wegen ihres Glaubens verfolgt werden, und aufhören, Staat aller Juden der
Welt zu sein, sondern ein Staat aller Israeli – Juden wie Araber, so wie Deutschland der Staat aller Deutschen
ist, nicht der Christen.“
Sand wuchs zusammen mit Arabern in Jaffo bei Tel Aviv auf: „Ich lebte in Jaffo
mit den Arabern ausgezeichnet zusammen.“
Aber: „Wir Juden waren die Hausherren, die Araber lebten in
einem kleinen, erbärmlichen Ghetto, völlig abgeschnitten von der arabischen Kultur“.
Die Katastrophe
der einheimischen AraberIn Jaffo begriff Sand die Katastrophe der Vertreibung der Palästinenser durch
die Juden nach dem Zweiten Weltkrieg.
Für den Historiker ist die Religion die dominante hohe Kultur
der Menschheit: „Die religiöse Identität wird die nationale überleben.“
Daher glaube er nicht, Juden
oder das Judentum zu verletzen, wenn er sage, die Juden seien keine Nation, sondern eine Religionsgemeinschaft:
„Ich persönlich bin nicht religiös, mein Vater war auch säkular, aber ich bin gegenüber der Religion
empathischer als mein Vater es war.“
Gleichzeitig beklagt sich Sand, in einem Staat zu leben, der ihm
religiöse Gesetze aufzwinge: „Daher bin ich sehr empfindlich: Ich werde in Israel niemals eine Kopfbedeckung
tragen!“
Weil es keine Trennung zwischen Staat und Religion gebe, werde er in Israel auch nie eine Synagoge
betreten.
Eine missionarische ReligionIn seinem Buch unterstreicht Sand, daß das Judentum früher
eine missionarische Religion war. Er bezieht sich dabei auf römische Quellen und auf den Talmud:
„Das
Judentum war vom zweiten Jahrhundert vor Christus bis zum zweiten Jahrhundert nach Christus die erste
Religion, zu der man konvertieren konnte. Das ist eine Tatsache.“
Gleichzeitig war Jerusalem nach Angaben
von Sand eine kosmopolitische Stadt und das Judentum pluralistisch und offen für hellenistischen Einfluß:
„Ohne diese Konversionen gäbe es heute etwa so viele Juden wie Samariter, schreiben Sie, nämlich tausend.“
Sand bezeichnet sich als ein Ungläubiger. Dennoch würde er es begrüßen, wenn die jüdische Reformbewegung
in den USA zu ihren nicht-nationalistischen Wurzeln zurückkehren würde:
„Diese waren nicht zionistisch,
dafür aber humanistisch und offen, wie die deutschen Reformjuden.“
Die Palästinenser sind unterdrückte
JudenSand fordert auch eine Annäherung zwischen Juden und Muslimen: „Die orthodoxen Juden jedoch pochen
immer wieder auf die biologische Komponente der jüdischen Identität.“
Die Chance, daß die Palästinenser
die Nachfolger der alten Judäer sind, „ist größer als die, daß die israelischen Juden es sind“ – zitiert
Sand ein Buch des späteren Staatsgründers David Ben Gurion († 1973) und des zweiten Präsidenten Jitzchak
Ben Tzwi († 1963) aus dem Jahr 1918.
Der Historiker bezeichnet es als „größte Ironie der Geschichte“,
daß sich seit 120 Jahren die zionistischen Nachfahren der im Kaukasus lebenden Slawen und Chasaren –
ein Turkvolk – die palästinensischen Nachfahren der Israeliten bekämpfen.
Sands Buch erregte in Israel
viel Aufsehen: „Ich wurde sogar in die Siedlungen eingeladen, um über das Buch zu sprechen.“ Doch das
lehnte er ab: „In diese Gebiete fahre ich nur auf Einladung von Palästinensern.“
Kürzlich sprach er
an einer Universität in Ostjerusalem. Dabei entwickelte sich eine heftige Diskussion: „Denn ich sprach
von einem neuen israelischen Gebilde, das sowohl vom Zionismus als auch von arabischen Nationalisten abgelehnt
wird.“
Sands Fazit: „Man muß auch ein Kind einer Vergewaltigung anerkennen.“
Juden wünschen kein Zusammenleben
Sein Ideal ist ein Zusammenleben von Juden und Arabern zwischen Jordan und Mittelmeer: „Aber das ist
unrealistisch, weil die allermeisten Israeli dies ablehnen.“
Der Historiker spricht dem Staat Israel
das Existenzrecht nicht ab: „Ich will nur, daß Israel sich nicht mehr als jüdischer Staat definiert.“
Er bevorzugt das britische Modell: eine jüdische Hegemonie mit einer weitgehenden Autonomie der palästinensischen
Israeli: „Ansonsten befürchte ich ein »Kosovo in Galiläa«.“
Es brauche ein Umdenken in der israelischen
Politik: „Ohne eine solche Wende wird Israel nicht mehr existieren.“
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