11:14:59 | Donnerstag, 8. Januar 2009
„Meine Frau weint die ganze Zeit. Nachts umarmt sie die Kinder und weint.“ Die Situation in Gaza. Von Amira Hass, Ramallah.

Die Opfer werden in Gaza ohne Medikamente nur noch dürftig notbehandelt.
(kreuz.net) Drei Stunden nachdem die israelische Armee ihre Militäroperation im Gaza-Streifen begann –
um etwa 22.30 Uhr Samstag nachmittag – schlug eine Granate oder Rakete im Haus von Hussein al-Awaidi und
seinen Brüdern ein.
21 Menschen leben in diesem isolierten Haus, das in einem landwirtschaftlichem Gebiet
des Gaza-Viertels Zeitoun liegt.
Fünf dieser Leute wurden durch den Anschlag verletzt: zwei Frauen in
ihren Achtzigern – die Mutter und eine Tante –, sein 14jähriger Sohn, seine 13jährige Nichte und sein
zehnjähriger Neffe.
Zwanzig Stunden später bluteten die Verwundeten immer noch in einem Schuppen im
Hof des Hauses.
Es gab keine Elektrizität, keine Wärme, kein Wasser. Ihre Verwandten waren mit ihnen.
Aber jedes Mal, wenn sie versuchten den Hof zu verlassen, um Wasser zu holen, schoß die Armee auf sie.
Al-Awaidi versuchte über sein Mobiltelefon Hilfe herbeizurufen. Aber Gazas Mobilfunk-Netzwerk ist am
Zusammenbrechen.
Sie bluten vor sich hinGranaten
trafen Transponder. Es gab keine Elektrizität und kein Diesel, um die Generatoren am Laufen zu halten.
Jedes Mal, wenn das Telephon funktioniert, ist es wie ein halbes Wunder.
Etwa um Mittag am Sonntag, konnte
Al-Awaidi endlich S. erreichen, der mich widerum anrief.
Es gab nichts anderes, was S. hätte tun können,
der in der Nähe von Al-Awaidi wohnte.
Ich kannte Al-Awaidi schon seit drei Jahren; Ich rief die „Ärzte
für Menschenrechte“ an.
Sie riefen ihrerseits die Kontaktperson der israelischen Armee an, um die Evakuierung
der Verwundeten zu koordinieren. Das war kurz nach Mittag.
Bis zum Presseschluß hatte die Kontaktperson
nicht zurückgerufen.
In der Zwischenzeit hatte jemand anderes es geschafft, die Rote-Kreuz-Gesellschaft
zu erreichen.
Diese rief das Rote Kreuz an und bat es, die Evakuierung der Verwundeten mit der israelischen
Armee zu koordinieren.
Das war um 10.30 Uhr – und bis zum Presseschluß am Sonntag abend, war das Rote
Kreuz nicht in der Lage, dies zu tun.
Zwei Kinder auf dem DachWährend ich am Telephon war – etwa um
die Mittagszeit – rief H. an.
Er berichtete, daß zwei Kinder – Ahmed Sabih (10) und Mohammed al-Mashharawi
(11) – auf das Dach eines Hauses in Gaza-Stadt gestiegen waren, um Wasser über ein Feuer zu erhitzen.
Es gibt in Gaza keine Elektrizität oder Gas. Also blieb ihnen nur Feuer übrig.
Gleichzeitig spuckten
Panzer Granaten. Helikopter regnen Feuer. Kampfflugzeuge erzeugen Erdbeben.
Aber es ist für die Leute
immer noch schwierig, zu begreifen, daß das Erhitzen von Wasser nicht minder gefährlich ist wie der
Beitritt zum militärischen Flügel der Hamas.
Eine Rakete der israelischen Armee traf die beiden Jungen.
Sie töteten Ahmed und verletzten Mohammed schwer. Später am Sonntag berichtete eine Internetseite vom
Tod der beiden.
Aber H.s Mobiltelephon funktionierte nicht. So konnte ich den Bericht nicht verifizieren.
Es wäre sinnlos gewesen, H.s Festnetznummer zu versuchen. Eine Bombe hatte am Samstag das gesamte Telefonnetz
seiner Nachbarschaft zerstört.
Das Ziel der Bomben war eine kleine Druckerei – auch das eines der „militärischen“
Ziele der israelischen Armee.
Der Besitzer der Druckerei – ein pensionierter Mitarbeiter des UNO-Hilfswerks
UNRWA – hat seine gesamte Pension in diesen Laden investiert.
Kein WasserIn Frau B.s Nachbarschaft
trafen die Bomben die Wasserhauptleitungen. Deshalb gab es dort seit Samstag kein Wasser.
„Ich bin es
bereits gewöhnt, ohne Elektrizität auszukommen“ sagt Frau B.:
„Es gibt kein Fernsehen. Aber ich höre,
was los ist von Freunden, die mich anrufen. Ein Freund aus dem Libanon, ein anderer aus Haifa. Und aus
Ramallah. Aber wie sollen wir ohne Wasser auskommen?“
Meine Frau weint die ganze ZeitA. hat seine Sicht
der Dinge so dargestellt: „Ich halte meine Kinder fern vom Fenster, weil F-16 Kampfjets in der Luft sind;
ich verbiete den Kindern, unten zu spielen, weil es gefährlich ist.“
Sie bomben uns vom Meer aus, vom
Osten und aus der Luft. Wenn das Telefon funktioniert, erzählen uns Leute von Verwandten und Freunden,
die getötet wurden.
Meine Frau weint die ganze Zeit. Nachts umarmt sie die Kinder und weint.
Es ist
kalt und die Fenster sind offen. Es gibt Feuer und Rauch auf offenen Flächen. Zuhause gibt es kein Wasser,
keine Elektrizität und kein Heizgas.
Und ihr Israelis sagt, es gäbe keine humanitäre Krise in Gaza.
Sagt mal, seid ihr noch normal?
Die Verfasserin (52) ist eine in Ramallah lebende Journalistin und Tochter
rumänischer Holocaust-Überlebender. Sie ist Korrespondentin der liberalen israelischen Tageszeitung
‘Ha’aretz’.
Quelle: www.toomuchcookies.net
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