17:39:04 | Donnerstag, 8. Januar 2009
Natürlich wird uns die verleumderischste aller Beleidigungen treffen – und natürlich werden wieder die alten Lügengeschichten aufgetischt werden. Von Robert Fisk.

(kreuz.net) Israel hat den Palästinensern erneut die Tore zur Hölle geöffnet. Vierzig zivilen Flüchtlinge
tot in einer Schule der Vereinten Nationen – drei weitere in einem anderen.
Nicht schlecht für die Arbeit
einer einzigen Nacht in Gaza – vollbracht von einer Armee, die an die „Reinheit der Waffen“ glaubt.
Blutbad
über BlutbadAber warum sollten uns darüber wundern? Haben wir sie vergessen:
• die 17.500 Toten –
fast alle Zivilisten, die meisten Frauen und Kinder – die bei der israelischen Libanon-Invasion im Jahr
1982 ums Leben kamen?
• die 1.700 zivilen Todesopfer bei den Massakern in den palästinensischen Flüchtlingslagern
von Sabra-Chatila?
• das Massaker in dem UN-Stützpunkt Qana als 106 zivile libanesische Flüchtlingen
getötet wurden – mehr als die Hälfte von ihnen Kinder?
• das Massaker an den Flüchtlingen des südlibanesischen
Dorfes Marwahin, denen die Israelis im Jahr 2006 befahlen, ihre Häuser zu verlassen, und die dann von
einem israelischen Kampfhubschrauber abgeschlachtet wurden?
• die 1.000 Toten während der Bombardierung
und Invasion des Libanon im Jahr 2006, wobei es sich fast ausschließlich um Zivilisten handelte?
Das
wirklich erstaunliche ist, daß so viele westliche Politiker sowie – wie ich fürchte – viele Journalisten
aufs Neue die alte Lüge akzeptiert haben, daß Israel sich so überaus große Mühe gibt, zivile Opfer
zu vermeiden.
Wer entschuldigt, hängt mit„Israel
unternimmt jede erdenkliche Anstrengung, um zivile Opfer zu vermeiden,“ verkündete ein weiterer israelischer
Botschafter nur Stunden vor dem Massaker in Gaza.
Jeder Politiker, der diese Lüge wiederholte, um die
Vermeidung eines Waffenstillstandes zu rechtfertigen, hat das Blut der Schlächterei der letzten Nacht
an seinen Händen.
Hätte George Bush 48 Stunden zuvor den Mut gehabt, einen sofortigen Waffenstillstand
zu befehlen, wären diese vierzig Zivilisten – Alte, Frauen, Kinder – noch am Leben.
Was wäre, wenn
die Hamas solche Greuel begangen hätte?Das Geschehene ist nicht nur beschämend – es ist eine Schande.
Ist es übertrieben, von Kriegsverbrechen zu sprechen?
Wir würden diese Grausamkeiten nämlich als solche
bezeichnen, wären sie von der Hamas begangen worden. Ich fürchte also, daß das in der Tat Kriegsverbrechen
waren.
Ich habe über so viele Massenmorde berichtet, die durch die Armeen des Nahen Ostens – syrische,
irakische, iranische oder israelische Truppen – begangen wurden. Darum wäre Zynismus wohl jene Reaktion,
die von mir am ehesten zu erwarten wäre.
Terror als Krieg gegen Terror?Aber Israel nimmt für sich
in Anspruch, unseren Krieg gegen den „internationalen Terror“ zu führen.
Die Israelis behaupten, in
Gaza für uns zu kämpfen, für unsere westlichen Ideale, für unsere Sicherheit, für eine Sicherheit,
die unseren Anforderungen entspricht.
Damit sind wir Komplizen in der Barbarei, die Gaza jetzt heimsucht.
Ich habe über die Rechtfertigung für diese Freveltaten berichtet, welche von der israelischen Armee
in der Vergangenheit aufgetischt wurden.
Ausflüchte und WahrheitDa es wahrscheinlich ist, daß sie
in den kommenden Stunden wiederholt werden, seien hier nochmals einige von ihnen angeführt:
• die
Palästinenser töteten ihre eigenen Flüchtlinge
• die Palästinenser gruben in Friedhöfen Leichen
aus und deponierten sie in den Trümmern
• letztlich sind die Palästinenser die Schuldigen, weil sie
bewaffnete Einheiten unterstützen oder weil bewaffnete Palästinenser willkürlich unschuldige Flüchtlinge
als Deckung benutzten.
Wer tötete die Flüchtlinge?Das Massaker von Sabra und Shatila wurde von den
mit Israel verbündeten rechtsgerichteten Libanesischen Falangisten begangen.
Wie Israels eigens eingesetzte
Untersuchungskommission aufdeckte, sahen israelische Truppen dem Blutbald 48 Stunden untätig zu.
Als
Israel beschuldigt wurde, klagte die Regierung von Menachem Begin († 1992) die Welt an, Blutgerüchte
gegen das Land zu streuen.
Nachdem israelische Artillerie im Jahr 1996 Granaten in den UN Stützpunkt
Qana gefeuert hatte, behaupteten die Israelis, daß dort Hisbollah-Kämpfer Zuflucht gesucht hätten.
Das war eine Lüge.
Aus dem Friedhof ausgegrabene Leichen?Für die mehr als 1.000 Toten des Libanonkrieges
im Jahr 2006 – ein Krieg, der begonnen wurde, weil Hisbollah zwei israelische Soldaten im Grenzgebiet
festnahm – wurde schlicht die Hisbollah verantwortlich gemacht.
Israel behauptete, daß die Leichen von
Kindern, die während eines
zweiten Massakers in Qana getötet wurden, möglicherweise von einem Friedhof
dorthin gebracht worden seien.
Das war eine weitere Lüge.
Nicht einmal eine EntschuldigungFür das
Massaker im südlibanesischen Dorf Marwahin gab es niemals eine Entschuldigung.
Den Menschen des Ortes
wurde befohlen zu fliehen. Sie gehorchten den israelischen Befehlen und wurden dann von einem Kampfhelikopter
angegriffen.
Die Flüchtlinge hatten ihre Kinder gut sichtbar auf der Aussenseite ihres Lastwagens plaziert,
so daß israelische Piloten sehen könnten, daß sie Unschuldige waren.
Doch dann wurden sie von einem
israelischen Hubschrauber aus nächster Nähe niedergemäht. Nur zwei überlebten, weil sie sich tot stellten.
Israel drückte noch nicht einmal sein Bedauern aus.
Die einzige israelische Antwort: VerleumdungZwölf
Jahre zuvor griff ein israelischer Hubschrauber einen Krankenwagen an, der mit Zivilisten aus einem benachbarten
Dorf unterwegs war – wiederum nachdem Israel das Verlassen der Gegend angeordnet hatte – und tötete drei
Kinder und zwei Frauen.
Die Israelis behaupteten, ein Kämpfer der Hisbollah habe sich in dem Krankenwagen
befunden. Das entsprach nicht den Tatsachen.
Ich habe über alle diese Greueltaten berichtet. Ich untersuchte
sie und sprach mit den Überlebenden. Dasselbe taten eine Reihe meiner Kollegen.
Natürlich traf uns
die verleumderischste aller Beleidigungen: Wir wurden beschuldigt, Anti-Semiten zu sein.
Skandalöse
LügengeschichtenDas folgende schreibe ich ohne den geringsten Zweifel: Wir werden diese skandalösen
Lügengeschichten wieder zu Gehör bekommen.
Wir werden die Lüge hören, Hamas trage die Schuld – der
Himmel weiß: auch ohne daß ihnen diese Verbrechen angehängt werden, haben sie noch genug Schuld zu
tragen.
Wir mögen auch die Lüge von den aus Friedhöfen herbeigeschafften Leichen ein zweites Mal zu
hören bekommen.
Es ist beinahe sicher, daß wir die Lüge hören werden, daß Hamas-Kämpfer in jener
bombardierten UNO-Schule versteckt waren.
Und mit absoluter Sicherheit werden wir die Lüge antisemitischer
Diffamierungen hören.
Wer hat den Waffenstillstand gebrochen?Unsere politischen Anführer werden zornig
hervorstoßen, daß die Hamas den Waffenstillstand gebrochen habe. Das war aber nicht der Fall.
Israel
brach den Waffenstillstand am 4. November, als sechs Palästinenser bei einem israelischen Bombardement
getötet wurden – dann erneut am 17. November, als bei einem weiteren Bombardement weitere vier Palästinenser
getötet wurden.
Es stimmt, daß Israel Sicherheit verdient. Zwanzig tote Israelis in der Umgebung von
Gaza in zehn Jahren sind in der Tat eine düstere Zahl.
Absurde OpferzahlenAber 600 tote Palästinenser
in nur einer Woche, Tausende Tote seit dem Jahr 1948 – als das Massaker der Israelis in Deir Yassin die
Flucht der Palästinenser aus dem Teil Palästinas, der Israel werden sollte, in Bewegung setzte, gehören
doch zu einer ganz anderen Kategorie.
Was gegenwärtig geschieht, ist nicht nur ein weiteres normales
Blutvergießen im Nahen Osten. Es erinnert auch an Greueltaten in der Größenordnung der Balkankriege
in den 90er Jahren.
Wenn Araber mit unbändiger Wut und blinder Raserei gegen uns – den Westen – aufbegehren
und blutige Rache suchen, werden wir natürlich sagen, daß wir mit alledem gar nichts zu tun haben:
„Warum hassen sie uns?“ – werden wir fragen.
Aber wir sollten nicht so tun, als ob wir die Antwort nicht
wüßten.
Der Verfasser (62) ist Nahostkorrespondent der britischen Tageszeitung ‘The Independent’. Er
lebt seit über über 25 Jahren in Beirut.
Sie haben eine Meinung zu diesem Artikel? Dann verfassen Sie einen Beitrag. Bleiben Sie in Ihrem Kommentar sachlich und bemühen Sie sich um eine erträgliche Diskussionsatmosphäre. Bedenken Sie, daß Ihr Beitrag noch über Jahre hinweg abrufbar und durch Suchmaschinen im Internet auffindbar ist.
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Leserbeiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen oder Leser aus der Debatte auszuschließen.