11:06:30 | Freitag, 16. Januar 2009
Wir werden schießen und dann weinen, töten und dann klagen. Wir werden Frauen und Kinder niedermähen – und dabei unsere Würde bewahren. Von Gideon Levy.

Protest gegen die israelischen Kriegsverbrechen.
© Takver, CC(kreuz.net) Dieser Krieg offenbart vielleicht mehr als alle Vorgängerkriege das wahre Wesen der israelischen
Gesellschaft:
Rassismus und Haß erheben ihr Haupt – und mit ihnen der Rachetrieb und der Durst nach
Blut.
Die „Tendenz des Kommandanten“ der israelischen Armee besteht jetzt darin, „so viele wie möglich
zu töten“ – sagte der Militärkorrespondent im Fernsehen.
Sogar wenn damit Hamas-Kämpfer gemeint sind,
ist das dennoch schauderhaft.
Ungezügelte Aggression und Brutalität werden als „Vorsichtsmaßnahmen“
gerechtfertigt:

Kain erschlägt Abel des italienischen Renaissancemalers Tizian († 1576)
100 gegen 1Die furchtbare Blutbilanz – etwa hundert Palästinenser für jeden getöteten
Israeli – wirft keine Fragen auf. Als ob wir – in Anerkennung des uns innewohnenden Rassismus – beschlossen
hätten, daß palästinensisches Blut hundertmal weniger wert ist als unseres.
Rechte, Nationalisten,
Chauvinisten und Militaristen sind die einzigen legitimen Stimmen im Kapitel.
Belästigt uns nicht mit
Menschlichkeit und Mitleid! Nur an den Rändern des Spektrums ist eine Stimme des Protestes zu vernehmen –
illegitim, marginalisiert, von den Medien ignoriert.
Sie stammt von einer kleinen, aber mutigen Gruppe
von Juden und Arabern.
Heuchlerische GerechteDaneben ist eine weitere Stimme zu hören, vielleicht
die schlimmste von allen, die Stimme der „Gerechten und Heuchler“.
Mein Kollege, Ari Shavit, scheint
deren eloquentester Sprecher zu sein.
Diese Woche schrieb er in seinem Artikel „Israel muß seine medizinische
Hilfe an Gaza verdoppeln, verdreifachen, vervierfachen“ – Haaretz, 7. Januar – folgendes:
„Die israelische
Offensive in Gaza ist gerechtfertigt […]. Nur eine sofortige und großzügige humanitäre Initiative
wird beweisen, daß wir uns sogar während dieses blutigen Kampfes, der uns aufgezwungen wurde, daran
erinnern, daß menschliche Wesen auf der anderen Seite stehen.“
Für Shavit, der die Gerechtheit dieses
Krieges verteidigt und darauf besteht, daß er nicht verloren werden darf, ist der Preis immateriell.
Doch nicht weniger ist es eine Tatsache, daß es in solchen ungerechten Kriegen keine Siege geben kann.
Doch im gleichen Atemzug wagt er, „Menschlichkeit“ zu predigen.
Die Opfer im Gazastreifen

© Palestinian
Centre for Human Rights

© Palestinian Centre for Human Rights

© Palestinian Centre for Human Rights

©
Palestinian Centre for Human Rights

© Palestinian Centre for Human Rights

© Palestinian Centre for Human
Rights

© Palestinian Centre for Human Rights
Töten und dann helfen?Wünscht uns Shavit, daß wir töten
und töten und dann Feld-Lazarette einrichten und Medikamente senden, um für die Verletzten zu sorgen?
Er weiß, daß ein Krieg gegen eine hilflose Bevölkerung – vielleicht die hilfloseste auf der Welt –,
die nirgendwo entkommen kann, nur grausam und verachtenswürdig sein kann.
Aber Leute wie Shavit wollen
aus jeder Situation so herauskommen, daß sie dabei einen guten Eindruck hinterlassen.
Wir wollen Bomben
auf Wohnquartiere werfen und dann die Verwundeten in Ichilov behandeln.
Wir beschießen schäbige Zufluchtsorte
in UNO-Schulen und werden die Invaliden dann in Beit Lewinstein rehabilitieren.
Himmelschreiende Heuchelei
Wir werden schießen und dann weinen, töten und dann klagen. Wir werden wie automatische Tötungsmaschinen
Frauen und Kinder niedermähen und dabei unsere Würde bewahren.
Das Problem besteht darin, daß es so
nicht gehen kann: Das ist eine himmelschreiende Heuchelei und Selbstgerechtigkeit.
Jene, die aufrührerische
Appelle zugunsten von mehr und mehr Gewalt ohne Rücksicht auf die Folge machen, sind in dieser Sache
wenigstens ehrlicher.
Man kann nicht beides haben. Die einzige „Reinheit“ in diesem Krieg besteht in
der „Reinigung von Terroristen“. Das bedeutet in Wahrheit das Säen horrender Tragödien.
Man kann mit
blutverschmierten Händen keine Hilfe anbietenWas in Gaza geschieht, ist keine Naturkatastrophe, kein
Erdbeben, keine Flutwelle, sodaß es unsere Pflicht und unser Recht wäre, den Betroffenen eine helfende
Hand auszustrecken und Rettungsmannschaften zu senden, wie wir es so gerne tun.
Zu unserem Unglück sind
die Katastrophen, die gegenwärtig in Gaza geschehen, von Menschenhand gemacht – von uns.
Man kann mit
blutverschmierten Händen keine Hilfe anbieten. Mitleid kann nicht aus Brutalität wachsen.
Dennoch gibt
es solche, die beides haben wollen – töten und wahllos zerstören und dabei einen guten Eindruck hinterlassen.
Sie wollen mit reinem Gewissen Kriegsverbrechen begehen und haben dabei kein Gefühl für die schwere
Schuld, die solche Taten begleiten sollte.
Das braucht Nerven. Wer diesen Krieg rechtfertigt, rechtfertigt
auch alle seine Verbrechen.
Jeder, der zugunsten dieses Krieges predigt und glaubt, daß die von ihm
verursachten Massentötungen gerecht sind, hat kein Recht, über Moralität und Menschlichkeit zu sprechen.
Unerkanntes UnrechtMan kann nicht gleichzeitig töten und Nothelfer spielen.
Diese Haltung ist ein
treuer Ausdruck des grundlegenden, zweifachen israelischen Gefühls, das uns schon immer begleitet hat:
Daß wir Unrecht begehen, aber uns in unseren eigenen Augen rein fühlen. Daß wir töten, zerstören,
verhaften und demütigen – und uns im Recht, ja als Gerechte fühlen.
Doch die gerechten Kriegstreiber
werden sich diesen Luxus nicht länger erlauben können.
Jeder, der diesen Krieg rechtfertigt, rechtfertig
auch alle seine Verbrechen. Jeder, der ihn als einen Verteidigungskrieg betrachtet, muß die moralische
Verantwortung für seine Folgen tragen.
Jeder, der jetzt Politiker und Armee ermutigt weiterzumachen,
muß auch das Kainszeichen tragen, das nach dem Krieg auf seine Stirn gebrannt wird.
Alle, die diesen
Krieg unterstützen, unterstützen auch den Horror.
Sie haben eine Meinung zu diesem Artikel? Dann verfassen Sie einen Beitrag. Bleiben Sie in Ihrem Kommentar sachlich und bemühen Sie sich um eine erträgliche Diskussionsatmosphäre. Bedenken Sie, daß Ihr Beitrag noch über Jahre hinweg abrufbar und durch Suchmaschinen im Internet auffindbar ist.
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Leserbeiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen oder Leser aus der Debatte auszuschließen.