11:48:06 | Sonntag, 1. Februar 2009
Ein deutscher Sprachwissenschaftler hat die nichtssagenden Weihnachts- und Neujahrspredigten führender Kirchenvertreter untersucht. Dünne Suppe.
(kreuz.net) Die Bibel ist leichter zu lesen, als die meisten Texte jener, die sie von Amts wegen auslegen.
Das erklärte der deutsche Sprachkritiker und Journalistenausbildner Wolf Schneider (83) in einem Beitrag
für die ‘Süddeutsche Zeitung’ von Anfang Januar.
Schneider hat die Weihnachts- und Neujahrspredigten
katholischer Bischöfe und protestantischer Superintendenten unter die Lupe genommen.
Verzweckung, Vergleichgültigung,
GeschöpflichkeitSchneider las die Kanzelworte von 19 katholischen Bischöfen und 17 evangelischen Religionsvertretern.
Laut dem Weihnachtswort des protestantischen Landesbischofs von Baden ist „nicht menschliche Macht gefragt,
sondern Bedürftigkeit, die um ihr Angewiesensein auf die heilsame Gnade Gottes weiß“.
Bischof Heinz-Josef
Allgermissen von Fulda tadelte „die vollständige Verzweckung des Menschen“ und „die neuheidnische Vergleichgültigung“.
Der Heiland habe „keine Berührungsängste vor der menschlichen Geschöpflichkeit“ besessen – schwelgte
Mons. Algermissen in Abstraktvokabular.
Dazu Schneider: „Geschöpflichkeit! Das muß einem einfallen.“
Er vermutet, daß es sich dabei um eine jener „immer abstrakteren Verrenkungen“ – Zitat Erzbischof Hans-Josef
Becker von Paderborn – handelt, in denen wir Gott nicht finden.
Für Schneider ist klar, daß solche
Wortgespinste Jesus Christus und Martin Luther um ihren Welterfolg gebracht hätten.
Mütter würden
selten von „Laizismus“ und „Neuatheismus“ reden – ganz im Gegensatz zu Bischof Gerhard Ludwig Müller
von Regensburg.
Der evangelische Landesbischof von Hannover fing mit dem Esel an und endete – so Schneider –
„leider“ damit, daß dieser „als Tier der Demut gleichzeitig Metapher für Jesus Christus“ sei.
Die Bibel
sei voll von Metaphern und Sprachbildern, aber das Wort „Metapher“ komme in der Heiligen Schrift nicht
vor – bemerkt Schneider:
„Die meisten Kirchgänger kennen das Wort nicht, und denen, die es verstehen,
erwärmt es nicht das Herz.“
Der Sprachkritiker glaubt, daß die Gottesdienstbesucher an Weihnachten
Mühe hatten, Sätze wie „Gott hat sein Gottsein hinter sich gelassen“ des evangelischen Landesbischofs
von Greifswald zu verstehen.
Schneider nimmt jene wenigen aus, die „tief im Glauben verwurzelt und überdies
in der Kunst geistlicher Rede bewandert“ sind.
Bischof Karl-Heinz Wiesemann von Speyer predigte: „Gott
selbst bietet sich in seinem eigenen Sohn als Geisel an, damit wir im Austausch die Freiheit aus der Knechtschaft
des Bösen erlangen.“
Bischof Norbert Trelle von Hildesheim sprach davon, daß „die Seligkeit Gottes
die traurige Endlichkeit dieser Erde nicht fürchtet“.
Nur drei Bischöfe – alle katholisch – verzichteten
auf Bezüge zu den mittlerweile verblaßten Neuigkeiten des letzten Jahres.
Nach Angaben von Schneider
sprachen die übrigen von Barack Obama, den Verlusten bei Toyota, von Hunger, Krieg, Terror und Klimawandel
sowie Gewalt von links und rechts.
Einige wenige katholische Bischöfe kritisierten – mit verniedlichendem
Vokabular – die Schlachtung ungeborener Kinder im Mutterleib.
Es geht auch andersSchneider fand in
den Predigten auch verständliche Aussagen.
Der evangelische Landesbischof von Hannover meinte, „Gottvertrauen
ist wichtiger als Geld“.
Erzbischof Becker von Paderborn fragte schlicht: „Wie soll denn auf dem Weg
von der Krippe zum Kreuz die Erlösung der Menschheit stattfinden können?“
„Wer denkt denn an den Beistand
des himmlischen Vaters, wenn er am Telephon die Notrufnummer wählt?“ – fragte Bischof Konrad Zdarsa von
Görlitz.
Vielbenutzt, aber kaum verstandenAbschließend sprach Schneider über den heiklen Ausdruck
der „christlichen Solidarität“ – für welche die Bischöfe gleich neunmal plädierten.
Sie priesen Gott,
der sich an Weihnachten „mit uns solidarisiert“.
Schneider dazu: „Das ist merkwürdig – ‘Solidarität’
hat ja eine politische Geschichte: Um die Mitte des 19. Jahrhunderts löste sie in der deutschen Arbeiterbewegung
die ‘Brüderlichkeit’ ab.
Während bei Friedrich Schiller alle Menschen Brüder werden, gilt Solidarität
nur denen, welche die gleichen Anschauungen und Ziele haben wie wir – allen Menschen also nicht.“
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