Italien: Die Verhaftung eines Priesters wirft hohe Wellen
Einen riesigen Medienwirbel hat die Verhaftung des Priesters Cesare Lodeserto am letzten Freitag ausgelöst. Der Geistliche führt seit Jahren Aufnahmezentren für osteuropäische Prostituierte. Wurde der Priester Opfer eines Racheakts?
(kreuz.net, Lecce) Als „Engel der Flüchtlinge“ bezeichnen ihn die einen, als handfesten Haudegen, der
bereit ist, das Gute zu tun, selbst wenn es der Begünstigte nicht will, die andern. Don Cesare Lodeserto
(45) hat in Lecce zusammen mit der Erzdiözese ein großes Zentrum für die Wiedereingliederung von osteuropäischen
Prostituierten gegründet. Das Zentrum nennt sich „Stiftung Regina Pacis“. Lecce befindet sich an der
südöstlichen Spitze Italiens.
Die Anklageschrift, die den Priester in Untersuchungshaft brachte, umfaßt
sechs Seiten. Wie rechtlose Sklavinnen soll der katholische Geistliche seine Schutzbefohlenen angeblich
herumkommandiert und mit rabiaten Erziehungsmethoden traktiert haben. Ohrfeigen, Beleidigungen und Einsperren
seien systematisch eingesetzt worden, um das unkorrekte Verhalten der Mädchen zu bestrafen. Dazu hätten
auch der Einzug des persönlichen Ausweises, Ausgangsverbote oder kollektive Bestrafungen für Vergehen,
für die nur eines der Mädchen verantwortlich war, gedient. Außerdem seien die Mädchen gezwungen worden,
als Haushaltshilfen schwarz zu arbeiten.
Die Anklage beruft sich auf die Zeugenaussagen von vier schutzbefohlenen
ehemaligen Prostituierten, die ihre Klage aber in der Zwischenzeit wieder zurückgezogen haben. Sie hätten
in dem Augenblick wohl ein bißchen zuviel getrunken gehabt, erklärten sie lakonisch.
Zur Stiftung „Regina
Pacis“, wo sich die Mißbräuche zugetragen haben sollen, gehören ein Aufnahmezentrum und ein Werk für
die Wiedereingliederung ehemaliger Prostituierter.
An der Wurzel des Problems ist auch die oft kritisierte
unklare Rechtslage in den sogenannten „Aufnahmezentren“ der Art von „Regina Pacis“. Diese dienen der Unterbringung
von Menschen, die sich ohne gültige Rechtstitel in Italien aufhalten, aber aus verschiedenen Gründen
nicht sofort aus dem Lande geschafft werden können. Darum sind solche Zentren nicht selten und de facto
eine Art von Halbgefängnissen, ohne dafür eine ausreichende rechtliche Deckung zu besitzen.
Entsprechend
bemängelt der Untersuchungsrichter, daß man nicht verstehe, nach welcher Rechtsnorm der Priester in
seinen Erziehungsversuchen gehandelt habe. Nach Ansicht des Richters hätten dafür keine Sicherheitserfordernisse
bestanden. Das Zentrum ziele auf eine Wiedereingliederung von Personen, denen durch die Prostitution ein
schwerer Schaden zugefügt wurde.
Neben den kritisierten Erziehungsmaßnahmen gibt es noch andere Anklagen.
Don Cesare solle auch einen Polizeioffizier fälschlicherweise beschuldigt haben. Dieser solle von einem
Möbelproduzenten Gratismöbel gefordert und dafür seinen Schutz versprochen habe.
Der Priester hat
sich angeblich auch selber SMS-Drohbotschaften zugeschickt, um die Polizei davon zu überzeugen, die Polizei-Eskorte,
die ihn seit Jahren zu seinem persönlichen Schutz begleitet, weiter zu gewähren.
Die Magistratur begründete
die Verhaftung von Don Cesare mit der Gefahr einer Verwischung der Spuren und damit, daß der Geistliche
als Direktor von „Regina Pacis“ eventuell sogar hätte rückfällig werden können. Letzteres ist vielleicht
auch der Grund, warum er den Rücktritt eingereicht hat. Auf diese Weise könnte er in Kürze wieder freikommen.
Linke und Linksextreme in Lecce hatten es schon seit langem aus politisch unsauberen Motiven auf Don
Cesare abgesehen. Als „Henker von Regina Pacis“ wurde er aus dieser Ecke beschimpft. Vom politischen Kampf
ging man über zu Anzeigen wegen Mißhandlung und Veruntreuung. Schließlich flogen die Bomben gegen den
Dom von Lecce, gegen Wohnungen von Verwandten von Don Cesare und Büros der bischöflichen Kurie. Es ist
nicht ausgeschlossen, daß die Linke eine heimliche Allianz mit der lokalen Mafia eingegangen ist. Auch
die italienische Magistratur ist nicht über jeden Verdacht erhaben und gilt im Land als verlängerter
Arm der politischen Linken.
Die Verhaftung von Don Cesare Lodeserto ist in katholischen und anderen Milieus
auf völliges Unverständnis gestoßen: „Er hat sein Leben gegeben, um den Armen, Einwanderern und Prostituierten
zu helfen und jetzt wird er unverschämten Anklagen ausgesetzt“, meinte der Minister Rocco Buttiglione.
Unterstützt wird der Priester auch von einigen Frauen seines Zentrums: „Sein Hauptankläger“ – sagt
eine von ihnen „ist eine Person, die hier früher als Freiwilliger gearbeitet hat und dann von Don Cesare
entlassen wurde, weil er sich zu sehr für uns Mädchen interessierte.“
Über die Anklägerinnen des
Priesters: „Diese wollten sich nur betrinken und sich mit Männern abgeben. Darum hat Don Cesare wie ein
Vater gehandelt. Er hat sie bestraft und ihnen den Ausgang gesperrt. Er wollte sie dazu bringen zu verstehen,
daß sie ihr Leben ändern müssen.“
Die Rechtsanwälte von Don Cesare weisen auch auf die osteuropäische
Prostitutionsmafia hin: „Don Cesare hat in diesen Jahren mehr als 1100 Mädchen aus der Prostitution herausgeholt.
Für die Zuhälter ist das ein schwerer Schlag.“
Inzwischen sind Tausende von Emails aus Italien und
dem Ausland eingetroffen, vor allem aus Moldawien, der Ukraine und Rumänien. Viele Familien haben sich
gemeldet, denen Don Cesare ihre Mütter, Töchter und Schwestern wieder zurückgegeben hat.
Aus Chisinau,
der Hauptstadt der inzwischen unabhängigen ehemaligen Sowjetrepublik Moldawien, meldete sich der dortige
Diözesanbischof Anton Coscha: „Ich hätte mir nie gedacht, daß man bis zu diesem Punkt hätte kommen
können. Ich bin mir sicher, daß hinter der Sache die Kraft des Bösen steckt. Don Cesare, bleib stark
und falle nicht! Das ist nur ein weiterer Beweis für unseren Kampf. Das zeigt, daß es sich um einen
wahren Kampf handelt.“
Don Cesare bewegte sich schon lange auf dünnem Eis. „Warum“ – fragte er in einem
Brief an italienische Parlamentarier – „sind die Tänzerinnen in den Night Clubs von Quotenregelung ausgenommen,
die Haushalthilfen aber nicht?“
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