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Sonntag, 20. März 2005 14:15
Strukturänderungen als Antwort auf den galoppierenden Glaubensschwund
Im Bistum Fulda will der Bischof die herkömmlichen Pfarrstruktur zerschlagen. Der galoppierende Glaubenschwund verhindert Berufungen und rüttelt an den Bistumsfinanzen. Eine Regionalzeitung hat die Katholiken vor Ort nach ihrer Meinung gefragt.
Mons. Heinz Josef Algermissen, Bischof von Fulda
Mons. Heinz Josef Algermissen, Bischof von Fulda
(kreuz.net, Fulda) Das Bistum Fulda will seine Pfarreien neu organisieren. Das Projekt nennt sich „Pastoraler Prozeß“. Es beabsichtigt, sogenannte Pastoralverbünde zu schaffen. In Zukunft soll ein ‘Pastoralverbundsleiter’ für eine ‘Pastorale Dienstgemeinschaft’ verantwortlich sein.

Die angestrebten Dienstgemeinschaften sollen aus Priestern und Laien bestehen. Darin wandern die Priester von Pfarrei zu Pfarrei, um dort Messen zu zelebrieren, Beichte zu hören und jene Dienste zu verrichten, die dem geweihten Amt vorbehalten sind. Reisende Laien sind im Pastoralverbund für Beerdigungen, Wortgottesdienste und den Erstkommunionunterricht zuständig. Nicht nur in konservativen Kreisen werden die Strukturänderungen heftig kritisiert.

Die ‘Südthüringer Zeitung’ (stz) – eine Regionalzeitung mit Sitz in Bad Sultingen, rund 60 km nordöstlich von Fulda – hat kürzlich Betroffene zur geplanten Großreform im Bistum Fulda befragt: „Wir brauchen diese Änderungen nicht“, hörte die Zeitungsredaktion von einer Vielzahl von Lesern. Das Herumflicken an Strukturen müsse endlich aufhören.

Schon die verwendeten Fremdwörter, die in der Beschreibung der Strukturreform gebraucht würden, seien für normale Laien komplett unverständlich“, meint Elisabeth Winter, eine Jugendvertreterin aus dem Bistum.

Frau Winter erwähnt eine Gruppe von rund hundert Jugendlichen, die regelmäßig an der Schülermesse teilnehmen: „Wenn das alles mal zentralisiert werden soll, so wie es der ,Pastorale Prozeß’ vorsieht, kann ich mir nicht vorstellen, daß 100 Leute von ihren Eltern zu Messen hingefahren werden, die irgendwo im Dekanat gelesen werden“, befürchtet sie.

Die Strukturveränderungen, die seitens der Verantwortlichen im Bistum Fulda geplant sind, würden eher dazu führen, daß Jugend und Kirche keine Zukunft haben.

Schon die Bibel spreche von einem Hirten und einer Herde. Von drei Hirten, die sich eine Herde teilten, würde sie nirgends etwas finden: „Unsere Jugendlichen gehen wegen Gott in die Kirche, aber auch, weil sie wissen, daß da ein Pfarrer ist, der auf sie schaut“, sagt Frau Winter weiter.

Bei ständig wechselnden Priestern würde jeder Bezugspunkt völlig verlorengehen. Den vorgesehenen „pastoralen Verbundsleiter“, der alle Fäden verwaltungsmäßig in den Händen hält, bezeichnet Frau Winter als einen „Manager“.

„In der Kirche ging es doch über Jahrhunderte ohne einen solchen Manager gut. Ich glaube, daß wir auch keine Laien brauchen, welche die Seelsorge übernehmen. Das muß unser Pfarrer machen“, bekräftigt sie.

Der „Pastorale Prozeß“ ist keine neue Erfindung. Er wurde schon im Erzbistum Paderborn eingeführt, wo der Bischof von Fulda, Mons. Heinz Josef Algermissen, herstammt: „Dort klappt gar nichts mehr“, erklärt Elisabeth Winter. Einen anderen Weg habe man im Bistum Erfurt beschritten. Dort seien die 14 Dekanaten auf sieben reduziert worden. Auf pastorale Pläne, die den Pfarreien ihre Priester nehmen, sei bewußt verzichtet worden.

Auch Bernd Kramer, Verwaltungsrat und ehrenamtlicher Küster, lehnt den „Pastoralen Prozeß“ ab. Schon das Motto „Um der Menschen willen auf der Suche nach Gott“ sei verfehlt, denn seit 2000 Jahren bezeuge die Kirche, Christus gefunden zu haben.

Es sei zu befürchten, daß in Zukunft die Zahl der heiligen Messen eingeschränkt, und die Gläubigen von ständig wechselnden Priestern betreut würden. „Der Papst ist ausdrücklich dafür, daß Priester aus dem Ausland dort helfen, wo Mangel ist. Aber Fulda wünscht so etwas nicht“, sagt er.

„Ich habe manchmal den Eindruck, daß im Fuldaer Bistum Wirtschaftsbosse am Ruder sitzen“, unterstreicht der Verwaltungsrat. Denn letztlich sei es das Ergebnis des „Pastoralen Prozesses“, mehr Sitzungen einzuberufen und mehr Räte zu schaffen.

In der Politik werde vom Abbau der Bürokratie geredet. Im Bistum Fulda solle sie offenbar verstärkt werden: „Wir sollten endlich damit anfangen, Gott den Menschen wieder näher zu bringen“, fordert Kramer.

Das Bistum Speyer bemühe sich gegenwärtig, vom unglücklichen „Pastoralen Prozeß“ wieder wegzukommen. In Fulda sei sehr viel am Schreibtisch geplant worden: „In der Praxis wird es nicht funktionieren“, unterstreicht der Katholik. Der „Pastorale Prozeß“ verordne eine Zusammenarbeit, aber so etwas bringe nur Druck mit sich, der wiederum Gegendruck erzeuge.

Thea Kircher, eine weitere Katholikin aus dem Bistum, fragt sich, ob der Prozeß mit Rom abgestimmt worden sei. Leider seien die Katholiken gezwungen, mit ihren Bedenken an die Öffentlichkeit zu gehen, da sie im Bistum kein Gehör fänden.

Sie erwarte von einem Priester die Seelsorge in der Pfarrei, und daß er sich um seine Pfarrei kümmere: „Nur er kennt seine Schäfchen“, fügt sie hinzu. Außerdem sei der Priester eine feste Bezugsperson. „Ein pastoraler Verbundsleiter hingegen ist ein Manager. Nichts weiter“, unterstreicht die Katholikin.

„Wer will denn noch Priester werden, wenn von vornherein feststeht, daß er Kaplan auf Lebenszeit bleibt?“, fragt sie. Die Strukturveränderungen in der katholischen Kirche müßten endlich ein Ende haben – zu viel sei schon „umhergemogelt“ worden.

Kritische Worte zum „Pastoralen Prozeß“ findet auch Diakon Thomas Kranz aus Empfertshausen rund 40 Kilometer nordöstlich von Fulda: „Der Pfarrer soll in enger Gemeinschaft mit dem Bischof und mit allen Gläubigen vermeiden, in sein Hirtenamt Formen eines improvisierten Autoritarismus oder demokratische Führungsbedingungen einzuführen, die der tieferen Wirklichkeit des Dienstamtes fremd sind“, sagt er.

Auch wenn es immer noch bestritten werde, sieht Diakon Kranz „eine Auflösung der pfarrlichen Strukturen und damit des pfarrlichen Lebens“, denn ein Pastoralverbundsleiter könne keine hilfreiche Seelsorge betreiben.

Notwendige Veränderungen könnten auch innerhalb der herkömmlichen Struktur erfolgen, meint der Diakon. Beispielsweise könnten schlecht besuchte Gottesdienste zusammengelegt werden. Der so entstehende freie Raum könne für die Seelsorge eingesetzt werden. Denkbar wäre auch, die Grenzen der Pfarrgemeinden zu verändern.

„Manchmal habe ich bei all der Planung den Eindruck, daß wir die Zukunft ohne Gott gestalten. Ich wünsche keine Veränderung unserer Kirche und ihrer Strukturen, sondern eine laufende Entwicklung und Verbesserung auf dem Boden unserer traditionellen Werte und auf dem Fundament, das Jesus Christus heißt“, sagt Diakon Kranz.
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2 Lesermeinungen:
Montag, 21. März 2005 10:36
mrnka: Neuauflage der „Reformation“
Die gegenwärtigen „Hirten“ zerstören die Kirche. Der Prozeß beschleunigt sich. Das zeichnet sich nach dem II. Vatikanum immer deutlicher ab – obwohl der Fisch bereits unter dem zwölften Pius angefangen hatte zu stinken.
Montag, 21. März 2005 00:52
spectator †: @ Glaubensschwund in deutschen Diözesen.
Was will der Klerus im Bistum Fulda eigentlich?
Es gibt dort 440593 Katholiken und 409 Priester (dazu noch 32 ständigen Diakone, 110 Gemeindereferenten und 12 Pastoralreferenten) – das bedeutet 1 Priester auf 1077 Katholiken. Berücksichtigt man jedoch nur die Zahl der Kirchgänger (15% durchschnittlich in Deutschland), bedeutet es 1 Priester auf 161 Kirchgänger. (Quelle)

Im Nachbarland Polen gibt es 37000000 Katholiken und 21000 Priester – dh. ein Priester auf 1761 Katholiken. Berücksichtg man die Zahl der Kirchgänger (50%), so ergibt sich = 1 Priester auf 880 Kirchgänger (und das ohne Diakone, Gemeinde- und Pastoralreferenten).
Also noch mal: was will die Diözesanleitung eigentlich????
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