12:39:13 | Freitag, 20. März 2009
Ein Großenkel des Halbbruders von Adolf Hitler lebt in Jerusalem als jüdischer Konvertit und Professor für Judaistik. Auch andere Deutsche bewältigen auf diese Weise ihre Vergangenheit.

Ein iranischer Jude in der Synagoge in Shiraz, Iran.
© Gemeinfrei(kreuz.net) Letzten Februar veröffentlichte die englische Tageszeitung ‘The Guardian’ einen langen Artikel
über deutsche Konvertiten in Israel.
So traf sich eine Journalistin in der seit 1968 von israelischen
Truppen besetzten Jerusalemer Altstadt mit Aharon Shear-Yashuv (68).
Dessen Vater war Mitglied der Waffen-SS.
Shear-Yashuv trägt einen Bart und kleidet sich mit Pelzhut und Kaftan. Beruflich war er Rabbiner in der
israelischen Armee.
Der Konvertit stammt aus dem Ruhrgebiet. Er begann in Deutschland ein Theologiestudium.
Dabei kam er zur Erkenntnis, daß das Christentum „Heidentum“ sei: „Eines seiner wichtigsten Dogmen ist,
daß Gott Mensch wurde“.
Dann folgert er: „Wenn Gott Mensch wurde, dann kann der Mensch Gott werden“.
Nach einer Pause fügt er hinzu: „Hitler wurde eine Art Gott.“
Die Türken als Strafe für den Holocaust
Shear-Yashuv glaubt, daß Deutschland dem Untergang geweiht ist: „Die Leute heiraten nicht und wenn sie
es tun, haben sie ein einziges Kind“ – erklärt er:
„Aber die Türken und andere Fremde haben viele Kinder.
Somit ist es eine Frage der Zeit, daß Deutschland nicht mehr länger deutsch sein wird.“
Er vermutet,
daß das eine Strafe für den Holocaust sei: „Deutschland wird die Bühne der Weltgeschichte verlassen.
Darüber gibt es keinen Zweifel.“
Die deutsche LastEine andere deutsche Konvertitin arbeitet in der
umstrittenen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Sie stammt aus München, ist um die vierzig
Jahre alt und trägt ein Kopftuch.
Ihre Großeltern hätten zwar nicht am Holocaust teilgenommen, seien
aber Zuschauer und Antisemiten gewesen – erklärt sie.
Sie bekehrte sich zum Judentum, weil sie verärgert
war, wie man in Deutschland über die NS-Zeit gesprochen habe.
Gleichzeitig hält sie es nicht für richtig,
wenn ein Deutscher Jude wird, um sich von seiner „deutschen Last“ zu befreien.
Alles wunderbarAnschließend
trifft die Journalistin einen 24jährigen Deutschen, der von sich erklärt, Deutschland zu hassen: „In
Deutschland waren mir alle egal.“
Er wuchs in einer kleinen Stadt im westlichen Deutschland auf. Nach
seiner Entlassung aus der Schule ging er zur Bundeswehr. Der Reporterin erzählt er, wie alles in Israel
„wunderbar“ sei.
Auf die Frage, warum er zum Judentum konvertierte, erklärt er: „Ich hasse diese Frage.
Ich weiß es nicht.“
Dann: „Ich haßte den Katholizismus. Ich habe ihn gehaßt, seit ich 14 war.“
Im
Judentum zähle die Tat: „Im Christentum ist es genug, zu glauben.“
Eine Homo-KonvertitinDann trifft
die Journalistin in einer Jerusalemer Vorstadt eine aus Deutschland stammende Künstlerin (42). Sie konvertierte
zum Judentum und bezeichnet sich als homosexuell.
Die Konvertitin ist Mitglied einer Organisation, die
für Menschenrechte für Palästinenser kämpft.
Heute findet sie Parallelen zwischen dem Umgang gewisser
Israelis mit dem Palästinenser-Problem und dem Umgang gewisser Deutscher mit der NS-Vergangenheit.
Sie
habe ihre deutsche Großmutter nie nach dem Krieg gefragt aus Angst, von den Informationen verletzt zu
werden:
„Es kommt mir manchmal vor, daß viele Israelis ähnlich leben. Es ist besser, keine Fragen zu
stellen, um nicht verletzt zu werden.“
Man könne dann mit der Illusion von den Guten und den Bösen
leben.
Schockiert über den Rassismus in IsraelNachdem sie von den Judenverfolgungen in Deutschland
gehört hatte, war sie vom eigenen Deutschsein abgestoßen: „Ich wollte keine Deutsche sein.“
Mit 25
zog sie nach Israel, um zu konvertieren. Heute ärgert sie sich über ihre damalige Unreife, die sie zu
dem Schritt führte. Sie ist über den israelischen Rassismus den Arabern gegenüber schockiert:
„Ich
hatte das Gefühl, daß man mir sagte: Um ein guter Jude zu sein, muß man Araber hassen.“
Für sie ist
das konsequent: „Es wäre furchtbar inkonsistent, die Deutschen für ihre unglaubliche Feigheit zu kritisieren,
als es noch möglich war, etwas zu sagen, und dann hierhin zu kommen und sich nicht für Gerechtigkeit
einzusetzen.“
Jetzt spielt sie mit dem Gedanken, wieder von Israel wegzugehen: „Ich bin mehr oder weniger
sicher, daß ich nicht bleiben werde.“
Ein Verwandter von Adolf HitlerZuletzt trifft die Reporterin
einen aus Deutschland stammenden Universitäts-Professor für Judaistik. Seine Frau trägt nach dem Brauch
orthodoxer Juden ein Kopftuch.
Er ist ein großer, schlanker Mann und Großenkel von Alois Hitler – des
Halbbruders des deutschen Reichskanzlers Adolf Hitler.
Alois Hitler hatte einen unehelichen Sohn Hans,
der mit Erna verheiratet war. Die Ehe wurde später geschieden. Hans und Erna sind die Großeltern des
Konvertiten.
Großvater Hans sah er nur einmal im Leben: „Er war ein sehr freundlicher Mann – keine Leidenschaften,
keine Brutalitäten.“ Großmutter Erna blieb bis zu ihrem Tod der NS-Ideologie verhaftet.
Die Tochter
des Paares war die Mutter des Konvertiten, der aus ihrem unehelichen Verhältnis mit einem verheirateten
Mann und Major der Wehrmacht hervorging.
„Sie hatte sich selber als Religion“ – erklärt ihr Sohn.
Faschistische
SöhneDer Einberufung in die Bundeswehr entkam er, indem er einen theologischen Abschluß machte. Im
Rahmen seiner Ausbildung kam er in den frühen 1970er Jahren für sechs Wochen nach Israel: „Ich fühlte
mich hier zuhause.“
Nach eigenen Angaben traf er zum ersten Mal eine Nation, „die damals – heute ist
das problematischer – noch gute Gründe hatte, um auf sich selber stolz zu sein.“
Seinen israelischen
Sohn nennt der Nachfahre von Alois Hitler einen Faschisten. Sein Sohn habe ihm erst kürzlich den Hitlergruß
gezeigt:
„Zwei meiner Söhne sind Chauvinisten. Einer ist sogar teilweise ein Rassist. Ich kann mir faschistische
Reden nicht anhören. Das ertrage ich nicht.“
Die Söhne würden mit Verachtung über die Palästinenser
sprechen.
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