16:21:59 | Dienstag, 31. März 2009
Er war ein deutscher Jesuit und Kurienkardinal. Daß er nur 75 Jahre nach seinem Tod weitgehend der Vergessenheit anheimfiel, ist in sich schon symptomatisch. Von Hubert Alisade.
(kreuz.net) Heute jährt sich zum 75. Male der Todestag des großen Historikers, Bibliothekars und Jesuiten,
Franz Kardinal Ehrle.
Franz Ehrle wurde am 17. Oktober 1845 im württembergischen Isny als Arztsohn geboren.
Er absolvierte das Jesuitengymnasium Stella Matutina in Feldkirch. Im Jahr 1861 trat er ins Jesuitennoviziat
zu Gorheim ein.
Auf das Noviziat folgten die philosophischen Studien in Maria Laach und die theologischen
Studien im englischen Ditton-Hall.
Im Jahre 1876 empfing er die Priesterweihe. Darauf folgte eine kurze
Tätigkeit als Seelsorger in England.
Auf nach RomIm Anschluß daran wurde er vom Orden nach Schloß
Tervueren bei Brüssel gesandt, wo zu dieser Zeit die Zeitschrift ‘Stimmen aus Maria Laach’ ihren Sitz
hatten.

Kardinal Ehrle war ein großer Historiker, Bibliothekar und Jesuit
In dieser Zeitschrift veröffentlichte der Pater im Jahre 1880 seine ersten Artikel – einen über
die Enzyklika ‘Aeterni Patris’ von Papst Leo XIII. und einen weiteren über den damals noch Seligen Albertus
Magnus.
Noch im selben Jahr, in das auch die Öffnung des Vatikanischen Archivs durch Papst Leo XIII.
fällt, wurde Pater Ehrle nach Rom berufen.
Fast gleichzeitig mit ihm traf auch Pater Heinrich Suso Denifle
O.P. ein, der sein langjähriger wissenschaftlicher Weggefährte werden sollte.
In den folgenden Jahren
unternahm Pater Ehrle große Bibliotheksreisen in verschiedene Länder.
Spezialist für alte Handschriften
Auf diese Weise machte er nicht nur wertvolle Bekanntschaften mit Bibliothekaren und Forschern, sondern
er eignete sich auch gute paläographische Kenntnisse an, die für das Handschriftenstudium unerläßlich
sind.
Im Jahre 1885 begründete er zusammen mit Pater Denifle die Zeitschrift ‘Archiv für Literatur-
und Kirchengeschichte des Mittelalters’, von der bis zum Jahre 1900 sieben stattliche Bände erschienen
sind.
In dieser Zeitschrift hat Pater Ehrle viele bahnbrechende Arbeiten veröffentlicht, so über die
mittelalterliche Spiritualen-Bewegung, über den Franziskanertheologen Petrus Johannis Olivi und über
das Verhältnis zwischen Augustinismus und Aristotelismus im 13. Jahrhundert.
Nach dem Tod von Prälat
Isidoro Carini († 1895) ernannte Papst Leo XIII. den Jesuiten zum Präfekten der Vatikanischen Bibliothek,
die unter seiner Leitung reorganisiert und modernisiert wurde.
Den Gelehrten aus aller Welt wurden die
Arbeitsbedingungen an der Vaticana bedeutend erleichtert.
Sein Nachfolger wurde PapstNach fast zwanzigjähriger
Tätigkeit als Präfekt dieser Bibliothek übergab Pater Ehrle die Leitung der Bibliothek an Hw. Achille
Ratti, der acht Jahre später als Pius XI. die Kathedra Petri besteigen sollte.
Pater Ehrle kehrte nach
Deutschland zurück. Dort betrieb er vor allem in München Studien zur Spätscholastik.
Nach dem Ende
des Ersten Weltkriegs kehrte er schließlich nach Rom zurück, hielt am päpstlichen Bibelinstitut Vorlesungen
über Paläographie und gründete an der Gregoriana einen Lehrstuhl für die Geschichte der Scholastik.
Päpstliche EhrenPapst Pius XI. verlieh ihm im ersten Konsistorium seines Pontifikats im Dezember des
Jahres 1922 den Kardinalspurpur.
Zum 80. Geburtstag überreichte ihm Papst Pius XI. im Rahmen eines Festaktes
persönlich eine fünfbändige Festschrift mit dem Titel Miscellanea Francesco Ehrle.
Nach dem Tode des
Benediktinerkardinals Francis Aidan Gasquet im Jahre 1929 wurde Franz Kardinal Ehrle S.J. zum Kardinalarchivar
und -bibliothekar der Römischen Kirche ernannt.
Obwohl er bereits das Greisenalter erreicht hatte, stand
er weiterhin unermüdlich im Dienste der Wissenschaft.
Tod am KarsamstagBis in seine letzten Lebenswochen
arbeitete er, obwohl bereits fast erblindet, an einem Werk über die Statuten der theologischen Fakultät
der Universität Bologna aus dem Jahre 1364.
Am 31. März 1934 schließlich, in den frühen Morgenstunden
des Karsamstags, gab er seine Seele dem Schöpfer zurück.
Leuchte der neoscholastischen Erneuerung
Pater Ehrle hat frühzeitig erkannt, daß die historische Forschung einen unverzichtbaren Bestandteil
der neuscholastischen Erneuerungsbewegung darstellt.
Niemals aber hätte er sich dazu verstiegen, im
Namen der historischen Forschung bestimmte theologische Autoritäten oder gar Glaubenswahrheiten zu relativieren.
Er war ein eherner Verfechter der aristotelisch-scholastischen Philosophie und ein großer Freund des
Heiligen Thomas von Aquin.
Lehrmeister der heutigen ZeitSein Forschen war vom Gedanken beseelt, daß
es notwendig ist, die katholische Tradition immer besser kennenzulernen, um eine wirkliche Erneuerung
in Theologie und Philosophie herbeizuführen.
Diesen Grundsatz befolgte die Neuscholastik weitaus besser
als die moderne Theologie.
So war Pater Ehrle ein frommer und bescheidener Priester. Zugleich glänzte
er als hervorragender Wissenschaftler, der Mitglied von sieben wissenschaftlichen Akademien und Ehrendoktor
von sieben Universitäten – darunter Oxford und Cambridge – war.
In unserer Zeit, die ein halbes Jahrhundert
systematischer Zerstörung der katholischen Theologie und Philosophie hinter sich hat, ist es nützlich,
auf große Gestalten der Vergangenheit zu blicken, die weithin der Vergessenheit anheimgefallen sind.
Die Prinzipien, nach denen sie gelebt und gearbeitet haben, können auch dem Katholiken des 21. Jahrhunderts
als Orientierungspunkte dienen.
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