17:25:57 | Samstag, 11. April 2009
Es gibt in Frankreich Kathedralen, in denen sich am Sonntag gerade mal siebzig Gläubige versammeln. Von John Casey.

Papst Benedikt XVI. am Karfreitag im Kolloseum.
(kreuz.net) Gegenwärtig geschieht in der Katholischen Kirche etwas Unerwartetes. Fern von den alten aussterbenden
Formen, erscheint eine Generation junger Priester und katholischer Laien, die sich enthusiastisch der
Alten Messe und der katholischen Orthodoxie verpflichtet fühlt.
In Frankreich ist gegenwärtig einer
von fünf geweihten Priestern der Alten Messe zugetan. Das ist eine engagierte, zielstrebige Minderheit,
die im Ödland der französischen Kirche heranwächst.
Nur fünf Prozent der französischen Katholiken
besuchen die Kirche regelmäßig. In einer Diözese zieht die Kathedrale am Sonntag gerade noch siebzig
Gläubige an.
Dagegen versammeln sich in einer Kapelle der mit Rom im Streit liegenden Priesterbruderschaft
Sankt Pius X. siebenhundert Gläubige zur Alten Messe.
Damit zeigt sich, daß eine Mehrheit der Kirchenbesucher
am Sonntag in Frankreich die Gottesdienste der Lefebvristen besucht.
Der Papst ist ein philosophischer
Traditionalist, der in der modernen Welt kaum verstanden wird.
Während seines
Vortrages an der Universität
in Regensburg empörte er einige Muslime, weil der den byzantinischen Kaiser zitierte, der sagte, daß
Mohammed gewaltsame Bekehrungen zulasse.
Benedikt XVI. suggerierte, daß der Gott einiger muslimischen
Theologen – und einiger spätmittelalterlichen Philosophen, Luther und Calvin eingeschlossen – alle unsere
Kategorien übersteige – sogar die Rationalität.
In diesem Fall bleibe für den Menschen in seinem Verhältnis
zu Gott nur dessen unabhängiger und undurchschaubarer Wille übrig.
Ein solcher Gott hätte den Menschen
auch befehlen können, Götzendienst oder Gewalt zu praktizieren.
Doch der Papst argumentiert gegen eine
solche Vorstellung von Gott. Er forderte, daß das christliche Verständnis von Gott in der Vernünftigkeit
eingewurzelt sein müsse.
Gott ist Vernunft, Logos. Somit ist auch jeder Versuch einer gewaltsamen Bekehrung
gegen die Natur Gottes gerichtet.
Das mag wie eine geheime Diskussion unter Theologen aussehen.
Es darf
aber nicht übersehen werden, daß das Christentum mit der griechischen Philosophie verbunden ist.
Diese
Verbindung mit dem griechischen Denken schließt aber zugleich die jüdische Religion ein. Dazu kommt
auch das römische Erbe.
Folglich ist das Christentum auch eine Kultur – nicht nur ein Glaubensgebäude.
Darum muß Europa seine christlichen Wurzeln immer im Kopf behalten.
(Kardinal Joseph Ratzinger hat
einmal gesagt: Wenn der Türkei erlaubt wird der Europäischen Gemeinschaft beizutreten, ist das ein Triumph
der Wirtschaft über die Kultur.)
Die katholische Liturgie muß ihr römisches und europäisches Erbe
bewahren. Sie kann sich nicht einfach den örtlichen Bedingungen, Sprachen und Kulturen anpassen.
Die
Messe in China sollte nicht mit Reis und Reiswein gefeiert werden. In den USA sollte sie nicht einfach
eine gesellige „Inklusivität“ zum Ausdruck bringen.
Für Benedikt XVI. ist die Mischung von Judentum,
griechischer Philosophie und Romanitas für die Kirche wesentlich. Das ist eine Vorstellung, die Luther
verachtete.
Insofern ist es undenkbar, daß nach dem Konzil eine echte Liturgie fabriziert werden konnte,
die aber nicht aus der uralten Tradition stammte.
Die Bewunderer von Papst Benedikt XVI. beharren darauf,
daß sein Traditionalismus keine engstirnige Liebe für die Vergangenheit ist.
Der Schriftsteller T.S.
Eliot († 1965) stellte es so dar: Die Tradition ist nicht etwas, das man blind erbt, sondern etwas, was
man in jedem Alter neu entdecken muß und ein Unternehmen, das viel Arbeit braucht.
Keiner, der Benedikt
XVI. liest, würde bestreiten, daß er viel ringende Intelligenz in sein Bestreben einbringt, die Tradition
wieder zu entdecken.
Die Kritiker des Papstes und Verteidiger des Zweiten Vatikanums befinden sich dagegen
eher in einer intellektuellen Lethargie.
In Benedikt XVI besitzen die katholischen Modernisten allerdings
einen hochkaratigen Gegner.
Seine milde Art und sein Wille zum Diskurs, der den Gegner nicht autoritär
niederknüppelt und seine Philosophie der Tradition fordern nicht nur liturgische Kulturbanausen heraus,
sondern auch alle Katholiken für welche die Kirchengeschichte mit dem Zweiten Vatikanum beginnt.
Die
Autorität des Papstes kann nicht unterschätzt werden. Als sein Motu Proprio ‘Summorum Pontificum’ bekannt
wurde, weinten viele katholische Traditionalisten vor Freude.
Nach der Bekanntgabe seiner Wahl im Jahr
2005 auf dem Petersplatz, sah man auch, wie einige modernistische Priester weinten – aus Ärger.
Vorausgesetzt,
daß die Gesundheit des Papstes noch einige Jahre erhalten bleibt, werden das – um Henry James falsch
zu zitieren – nicht ihre letzten Tränen sein.
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