09:47:24 | Mittwoch, 15. April 2009
Ein Priester, den man in Österreich als Bischof nicht brauchen konnte. Lokalaugenschein am Sonntag danach. Von Ingeborg und Horst Obereder.

Mons. Gerhard Maria Wagner
© Pressebild Diözese Linz(kreuz.net) Organisations- talent, pastorales Geschick, Gebetsleben, Treue zum Glauben: All das spricht
eigentlich für eine Bischofs- ernennung.
Pfarrer
Gerhard Wagner von Windischgarsten bringt diese Eigenschaften
mit. Das beweist ein Besuch in seiner Pfarre.
Wir kennen Pfarrer Wagner seit seinem Amtsantritt in Windischgarsten –
also seit zwanzig Jahren.
Am Sonntag, dem 22. Februar, hielt Pfarrer Wagner wieder den Gottesdienst in
seiner Pfarrkirche.
Zwei Tage vorher hatte er gezwungenermaßen sein Gesuch um Rücknahme seiner Ernennung
zum Linzer Weihbischof unterschrieben.
Stürmischer ApplausWie jeden Sonntag sprach an diesem 22. Februar
eine Gläubige vor dem Einzug des Priesters ein Gebet zur Tauferneuerung.
Dann zog Pfarrer Wagner aus
der Sakristei in die Kirche ein, um die Gläubigen mit Weihwasser zu besprengen.
Nach den Reportagen
über den „unmöglichen Pfarrer“ hätte man Buh-Rufe erwarten müssen. Doch stürmischer Applaus brandete
auf:
„Wir haben ihn wieder! Er bleibt bei uns: So einen hätten wir nie wieder bekommen!“
Obwohl die
Texte der Lesung und des Evangeliums genügend Zündstoff für eine Abrechnung mit den Bischofsverhinderern
gegeben hätten, gab es nur eine einzige Klarstellung: Niemand wird in Windischgarsten zur Beichte „gezwungen“.
Ein Pfarrer für junge MenschenDie Messe war – trotz Schneechaos – sehr gut besucht. Sie wurde, wie
so oft, von Jugendlichen gestaltet.
Die Kirchenbesucher: viele junge Ehepaare mit kleinen Kindern, viele
Jugendliche. Altersdurchschnitt weit unter der Norm.
Hat sich niemand Gedanken gemacht, woher die vielen
jungen Leute kommen?
Wie macht das dieser gefährliche Landpfarrer, der nach unqualifizierten Meldungen
für Höheres nicht geeignet wäre?
Das ist die Frucht von zwei Jahrzehnten „ora et labora“. Pfarrer
Wagner betet und arbeitet.
Er hat die Jugendlichen und jungen Erwachsenen schon als Kinder betreut. Im
Erstkommunionunterricht, in der Jungschar, im Jugendlager, bei einer der vielen Jugendwallfahrten nach
Rom oder Assisi, beim Fußballspiel oder einem Skiwochenende.
Was fällt noch bei einem Gottesdienst
in der Pfarre auf? Der Pfarrer predigt von der Kanzel, damit ihn alle sehen können.
Bei besonderen Gottesdiensten
für Kinder oder Jugendliche allerdings steht er mit dem Funkmikrophon vor dem Altar – ganz nahe bei den
Kindern.
Der Ablauf der Messe ist katholisch. Man muß keine kreativen Neuerungen fürchten.
Bei der
Kommunionspendung assistiert ein Kommunionhelfer. Einer genügt. Es ist schön, daß man Zeit hat zur
Besinnung.
Die beste Pfarrei ÖsterreichsNach der Messe folgen die Verkündigungen. Dabei geht es um
mehr als um die bloßen Gottesdienstzeiten. Diese stehen am Verkündzettel.
Der Pfarrer erklärt, daß
die Jugend vor der Kirchentür wieder ihre Zeitung, den ‘Weidling’, anbietet. Darin geht es dieses Mal
um den Heiligen Paulus.
Von Zeit zu Zeit kommt diese von Jugendlichen gestaltete Zeitung heraus – immer
zu einem Schwerpunktthema, mit dem sich Burschen und Mädchen auseinandergesetzt haben.
Dann gibt Hw.
Wagner den Hinweis, daß der Krankenbrief abzuholen ist, und sagt, wo sich die „Franziskanische Gemeinschaft
Nr. 15“ diesmal trifft.
Nach der Heiligen Messe bekommen die Kinder höchstpersönlich vom Pfarrer den
„Kinderzettel“ – der auch Kleinkindern das Evangelium, meist in Form von Bildern zum Anmalen, nahebringt.
Schließlich wird verkündet, welche Anbetungswoche gerade läuft.
Denn jeden Tag gibt es in der Pfarre
Windischgarsten eucharistische Anbetung – von früh bis abends.
Etwa 300 Personen haben sich in einem
Turnus von vier Wochen fix für eine Stunde Anbetung verpflichtet. Zur Pfarre zählen rund 5.250 Gläubige.
Ein Heer von MitarbeiternNach der Heiligen Messe kann man auf den Pfarrer warten und mit ihm sprechen.
Wir sind in der Pfarre nur Meßbesucher, keine Mitarbeiter, da wir nicht ständig in der Pfarre wohnen.
Aber wir bekommen viel mit. Da gibt es
• jene, die beim Pfarrblatt mithelfen (das professionell gestaltete
Pfarrblatt Nr. 153 vom Februar 2009 hat vierzig Seiten.
• jene, welche die Bibliothek betreuen;
• jene,
die für die „pflegenden Angehörigen“ da sind;
• da gibt es ein Team für den Krankenbesuchsdienst;
• jene, die sich für die „Trauerbegleitung“ oder für die Zugezogenen engagieren.
Dazu kommen Kreise
für Jungmütter, Jungbäuerinnen.
Es gibt Männer- und Frauenrunden, Bibelkreise, Glaubenskurse und
natürlich Schulungen für die Jungschar- und Jugendführer.
Zugabe sind alle anderen sozialen und karitativen
Aktivitäten, wie Pfarrfeste.
„Er war immer für uns da“Es stand auch die Fastenzeit vor der Tür.
Darum wurde der jeden Freitag in der Fastenzeit durchgeführte Gang auf den örtlichen Kalvarienberg angekündigt,
wo jeweils eine Heilige Messe mit Fastenpredigt gefeiert wird.
Einige Male waren wir in den vergangenen
Jahren dabei. Sogar bei strömendem Regen pilgerte eine beeindruckend große Zahl von Pfarrangehörigen
den Kreuzweg zum Kirchlein am Kalvarienberg hinauf.
Warum kann der Pfarrer eine so große Menge von Menschen
bewegen? Weil er überzeugt.
Er hat eine freundliche, liebenswürdige Ausstrahlung. Man gewinnt Vertrauen
zu ihm.
„Er war immer für uns da!“ – hört man von den Leuten, vor allem von den Jugendlichen.
„Er
geht auf alle zu!“ sagen auch jene, die kaum oder nie in die Kirche gehen. Auch unsere persönlichen Begegnungen
waren immer sehr positiv.
Verfolgt wie ein RäuberWir persönlich sind zweimal bei einer Pfarrwallfahrt
mitgefahren – einmal nach Malta und einmal in die Türkei.
In der Türkei hat er sich nicht versteckt.
Wir feierten jeden Tag Heilige Messe – meistens in alten Ruinen, in einem bescheidenen Gebetsraum oder
in einer Kirche, wie in Izmir.
Bei jugendlichen Muslimen erregte er solches Interesse, daß sie ihn strahlend
umringten.
Hat der Pfarrer von Windischgarsten keine Fehler? Natürlich hat er Fehler.
Wer ist denn
schon makellos? Sollte Makellosigkeit jedoch der Maßstab für Bischofsberufungen werden, müssen wir
uns auf Zeiten ohne Hirten einstellen.
Warum hat man ihn verfolgt? Verfolgt wie einen Räuber?
Als wir
ihn an diesem Nachmittag besuchten, haben wir in absolut reine, aber traurige Augen geblickt.
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