10:59:08 | Freitag, 24. April 2009
Wirklich, eine äußerst „lobenswerte“ Logik. Man betrachte hierzu auch die nationalsozialistischen Angriffe auf Lidice und Oradour. Von Noam Chomsky.

Die Opfer im Gazastreifen.
(kreuz.net) Während die jüngste US-israelische Attacke gegen den Gaza-Streifen wütete, erläuterte
der Kolumnist der New York Times, Thomas Friedman, Israels Kriegstaktik – sowohl bei dem aktuellen Angriff
als auch bei der Libanon-Invasion 2006.
Diese Taktik basiere auf dem gesunden Prinzip, „zu versuchen,
die Hamas ‘zu belehren’, indem man den Hamas-Militanten hohe Verluste und der Bevölkerung Gazas große
Schmerzen zufügt“.
In pragmatischer Hinsicht ergibt das Sinn – auch im Libanon, wo die „einzige langfristige
Möglichkeit der Abschreckung“ nach Friedman „darin bestand, den Zivilisten – den Familien und Arbeitgebern
der Militanten – ausreichend Schmerzen zuzufügen, um die Hisbollah künftig abzuschrecken.“
Die Logik
der NationalsozialistenEs ist dieselbe Logik, mit der Osama bin Laden versuchte, die US-Amerikaner am
11. September ‘zu belehren’.
Wirklich, eine äußerst „lobenswerte“ Logik. Man betrachte hierzu auch
die nationalsozialistischen Angriffe auf Lidice und Oradour, Wladimir Putins Zerstörung von der Tschetschenischen
Hauptstadt Grosny oder
andere Versuche der „Belehrung“.
Israel war sichtlich bemüht, sich an diese Leitprinzipien
zu halten.
Wie der Korrespondent der New York Times, Stephen Erlanger, berichtete, „sorgten sich“ israelische
Menschenrechtsgruppen „über israelische Angriffe auf Gebäude, die nach ihrer Meinung als zivil eingestuft
werden sollten – wie das Parlament, Polizeistationen und der Präsidentenpalast“.
Jedes Ziel ist legitimAber auch Dörfer,
Privathäuser, dichtbesiedelte Flüchtlingslager, Wasser- und Abwassersysteme, Schulen, Krankenhäuser,
Universitäten, Moscheen, Einrichtungen des UN-Hilfswerks, Krankenwagen und alles andere, was das Leid
der unwürdigen Opfer verringert, sollte so eingestuft werden.
Ein hochrangiger israelischer Geheimdienstoffizier
erklärte, die israelische Armee wolle „beide Aspekte der Hamas“ angreifen – sowohl „ihren Widerstands-
oder Militärflügel, als auch ihre Dawa, ihren sozialen Flügel“.
Der letztgenannte Begriff ist ein
Euphemismus. Gemeint ist die Zivilgesellschaft.
Der Geheimdienstoffizier erklärte nach Angaben von Erlanger,
daß die Hamas aus einem Stück bestünde: „In einem Krieg seien ihre Instrumente der politischen und
sozialen Kontrolle ebenso legitime Ziele wie Raketenverstecke“.
Offene Werbung für Kriegsverbrechen
Erlanger und seine Redaktion kommentierten diese Praxis und die offene Werbung für massiven Terrorismus
gegen Zivilisten nicht.
Andere Korrespondenten und Kolumnisten signalisierten Toleranz oder sogar offene
Werbung für diese Kriegsverbrechen.
Erlanger hielt sich an die Norm, doch vergaß er nicht, zu betonen,
daß der Raketenbeschuß der Hamas, „ein offensichtlicher Verstoß gegen das Prinzip der Unterscheidung“
zwischen Zivilisten und Militär sei und der „klassischen Definition von Terrorismus“ entspreche.
Zerstörung
der palästinensischen GesellschaftDer Nahostexperte Fawwaz Gerges bemerkt – wie auch andere, die sich
in der Region auskennen:
„Was die israelischen Offiziellen und ihre US-Verbündeten nicht anerkennen,
ist, daß die Hamas nicht nur eine bewaffnete Miliz ist, sondern auch eine Sozialbewegung mit einer großen
Basis im Volk, die tief in der Gesellschaft verwurzelt ist.“
Indem sie ihre Pläne zur Zerstörung des
„sozialen Flügels“ der Hamas ausführen, zielen sie daher auf die Zerstörung der palästinensischen
Gesellschaft.
Gerges ist wohl etwas zu freundlich. Es ist äußerst unwahrscheinlich, daß die Offiziellen
in Israel und den USA – oder die Medien und andere Kommentatoren – diese Tatsachen nicht ‘anerkennen’.
Die Perspektive jener, die das Monopol der Gewalt habenSie übernehmen vielmehr die traditionelle Perspektive
jener, die das Monopol auf die Mittel der Gewalt haben:
Unsere stählerne Faust kann jede Opposition
zermalmen, und falls unser wüster Angriff viele Tote unter den Zivilisten fordert, hat dies doch sein
Gutes – vielleicht haben die Überlebenden ihre Lektion wirklich gelernt.
Der Verfasser (80) war Professor
für Linguistik am Massachusetts Institute of Technologie. Er revolutionierte in den 60er Jahren die Vorstellungen
über Sprache und Denken. Zugleich ist er einer der prominentesten und schärfsten Kritiker der gegenwärtigen
Weltordnung und des US-Imperialismus. Der Text ist eine sprachliche Bearbeitung eines Artikels, der ursprünglich
auf ‘ZNet Deutschland’ erschien.Nächstes Mal: Der Feind hat viele Augen
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