10:01:23 | Freitag, 8. Mai 2009

Eine Überlebende des Massakers von Deir Jassin
(kreuz.net) Der Hügel von
Yad Vashem schiebt sich unterhalb Jerusalems als Nase in die zum Meer hin abfallenden
Hügel Judäas.
Wer von der Spitze des Hügels seinen Blick schweifen läßt, sieht deshalb auch links
unter sich im Tal den Kirch von Ein Karem, wo Maria ihre Verwandte Elisabeth aufsuchte, und rechts auf
einem Nachbarhügel das moderne Givat Scha’ul, das 1909 gegründet wurde.
Daneben, in dem modernen Har
Nof, gibt es einige Häuser eines älteren Dorfes, das einmal einen ganz anderen Namen hatte. Dessen Geschichte
hat auch mit der Schoah in Europa zu tun, und es gibt dazu, wie über fast jedes historische Ereignis
der letzten hundert Jahre im Heiligen Land, „conflicting theories“, wie es hier oft heißt: widerstreitende
Meinungen.
Verschiedene Wahrheiten wird es dennoch nicht geben. Unbestritten ist, daß der Rumpf des
älteren Dorfes innerhalb von Givat Scha’ul früher Deir Jassin hieß.

Das jüngste Buch von Paul Badde
Nicht Teil des jüdischen Staates
Dem Teilungsplan der UN zufolge sollte es nicht Teil jenes jüdischen Staates werden, den Politiker und
Diplomaten nach dem Ende des britischen Mandats am 14. Mai 1948 neben einem arabischen Staat im Heiligen
Land vorgesehen hatten.
Auch Ein Kerem sollte nicht dazu gehören, der Ort der »Heimsuchung« Marias.
Es war sogar unklar, ob Jerusalem dazu gehören sollte. Die UN hatten eine internationale Verwaltung für
die komplizierte Stadt vorgesehen.
Wer auf die Landkarte schaut, sieht, daß Jerusalem quasi in der Fingerspitze
eines Fingers liegt, der sich von dem israelischen Kernland nach Osten in den arabischen Teil Palästinas
bohrte.
Wie es zu diesem »Finger« kam, davon erzählt der Name Deir Jassin.
Strategie des Terrors
In Jerusalem hatten sich schon seit Jahrhunderten wieder viele Juden um die Trümmer ihrer alten Heiligtümer
unter den Arabern niedergelassen.
Hier aber war im März 1948 noch ganz und gar arabisches Gebiet. Rein
militärisch war der Korridor von Tel Aviv nach Jerusalem bis zum Abzug der Briten nicht mehr frei zu
kämpfen.
Palästinenser kontrollierten einen guten Teil der Straßen im Gebirge. Die Gewalttätigkeiten
hatten schon lange vor dem Unabhängigkeitskrieg Israels begonnen und auf beiden Seiten viele Opfer gefordert.
Im Februar hatte ein mit Sprengstoff beladener Lastkraftwagen in der Jerusalemer Ben Jehuda Straße fünfzig
Menschen in den Tod gerissen.
Da entsannen sich auch einige der Kämpfer auf der israelischen Seite einer
Geheimwaffe, die sie zuvor unter der Schreckensherrschaft der Nazis in Europa kennen gelernt hatten. Der
Name der Waffe: Terror. So erzählt es die eine Seite.
Die andere Seite besteht darauf, daß die jüdischen
Kämpfer hier endlich aus der Verteidigung zum Angriff und zur Initiative übergehen wollten.
Ohne Rücksicht
auf Frauen und KinderFrüh in der Nacht am Freitag, dem 9. April 1948, griff jedenfalls ein Kommando
von rund siebzig Männern der radikalen
Stern-Bande – aus der Untergrundbewegung des Irgun – unter Führung
Menachim Begins aus Polen Deir Jassin an.
Widerstand kam so gut wie nicht aus den Häusern, sagen die
einen.
Andere behaupten, der Widerstand sei stark gewesen. Das Dorf hatte etwa 750 Einwohner, und gegen
Mittag waren es über hundert weniger, die wahllos umgebracht worden waren, die Hälfte von ihnen Frauen
und Kinder.
Von einem Panzerwagen waren die Menschen vorher mit einem Megaphon aufgefordert worden, sich
zu ergeben oder nach Ein Karem zu fliehen. Dort seien sie sicher.
25 Männer wurden in einem offenen
Lastkraftwagen zu einem nahen Steinbruch gebracht und dort erschossen.
Die ‘New York Times’ sprach am
13. April von 254 Toten. Die Angreifer hatten fünf Kämpfer verloren.
Terror war stärker als viele
BatailloneDas „Massaker“, wie es bald hieß, war so spektakulär, daß David Ben Gurion sogar eine Entschuldigung
an den jordanischen König Abdullah nach Amman schickte, in dem er jede Beteiligung seiner provisorischen
Regierung an der Bluttat abstritt.
Begin aber schilderte die Folgen später so:
„Überall im Land wurden
Araber, die von den immer wilderen Geschichten des Irgun-Gemetzels hörten, von kopfloser Panik ergriff
en und begannen um ihr Leben zu fliehen, in einer verrückten, unkontrollierbaren kopflosen Massenflucht.
Die politische und wirtschaftliche Bedeutung dieser Entwicklung kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.“
Die Eroberung Deir Jassins war wirklich ein Durchbruch. Mehr noch als die Israelis verbreiteten arabische
Sender die Nachricht. Das Gerücht vom Terror in Deir Yassin war stärker als viele Bataillone.
Vertreibung
der einheimischen BevölkerungDer Schock der Gewalt gegen die Zivilisten löste unbeschreibliche Panik
unter der palästinensischen Bevölkerung aus. Fünfunddreißig Tage später waren schon an die 300.000
von ihnen geflohen.
Es sollten noch über 700.000 werden, die Platz machten für Überlebende des Holocaust –
und für Juden aus Marokko, dem Irak und anderen Ländern der Welt.
400 palästinensische Dörfer und
Städte wurden so entvölkert. Ein Teil der Häuser wurde gesprengt, Bulldozer ebneten viele Friedhöfe
ein.
Im September 1948 nahmen Neueinwanderer aus Polen, Rumänien und der Slowakei das entvölkerte Deir
Jassin in Besitz, das bald in Givat Scha’ul Bet umbenannt wurde, gegen die Einwände des deutsch-jüdischen
Religionsphilosophen Martin Buber († 1965). Buber wollte das Dorf als Mahnmal erhalten haben wie Yad Vashem.
Der Wahnsinn ist noch immer daGanz werden sich die Ereignisse nie mehr rekonstruieren lassen. Zu sehr
haben sich Gerüchte und Propaganda beider Seiten über den genauen Hergang gelegt.
Daß die Opferzahlen
hoch waren, ist unbestritten. Deir Jassin war tatsächlich ein Durchbruch.
Das Dorf selber aber läßt
sich heute nicht mehr nach Spuren absuchen. Inmitten von Har Nof ist das Ensemble seiner alten palästinensischen
Häuser in eine geschlossene Anstalt umgewandelt worden.
In den alten Häusern von Deir Jassin, in denen
1948 ein Massaker den Weg der Israelis nach Jerusalem frei sprengte, ist jetzt die Nervenklinik Jerusalems
untergebracht, wo auch Patienten mit dem so genannten Jerusalem-Syndrom eingeliefert werden, wenn ihnen
die Gleichzeitigkeiten dieser Stadt zu Kopf gestiegen sind.
Deir Jassin wurde zur Irrenanstalt Jerusalems.
Auch Menachim Begin verbrachte hier seinen Lebensabend, der für das Massaker verantwortlich war – nachdem
der Tod seiner Frau ihn umnachten ließ.
Aus: Paul Badde, „Heiliges Land – Auf dem Königsweg aller Pilgerreisen“,
Gütersloher Verlagshaus, 269 Seiten, 19.80 Euro.Nächstes Mal: Trautes Gespräch mit einem Benediktiner
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