Heiliges Land
Verschiedene Wahrheiten wird es dennoch nicht geben
In seinem jüngsten Buch über das Heilige Land berichtet der deutsche Journalist Paul Badde auch von einem fatalen Ort, der zur Irrenanstalt wurde. Von Paul Badde.
Eine Überlebende des Massakers von Deir Jassin
Eine Überlebende des Massakers von Deir Jassin
(kreuz.net) Der Hügel von Yad Vashem schiebt sich unterhalb Jerusalems als Nase in die zum Meer hin abfallenden Hügel Judäas.

Wer von der Spitze des Hügels seinen Blick schweifen läßt, sieht deshalb auch links unter sich im Tal den Kirch von Ein Karem, wo Maria ihre Verwandte Elisabeth aufsuchte, und rechts auf einem Nachbarhügel das moderne Givat Scha’ul, das 1909 gegründet wurde.

Daneben, in dem modernen Har Nof, gibt es einige Häuser eines älteren Dorfes, das einmal einen ganz anderen Namen hatte. Dessen Geschichte hat auch mit der Schoah in Europa zu tun, und es gibt dazu, wie über fast jedes historische Ereignis der letzten hundert Jahre im Heiligen Land, „conflicting theories“, wie es hier oft heißt: widerstreitende Meinungen.

Verschiedene Wahrheiten wird es dennoch nicht geben. Unbestritten ist, daß der Rumpf des älteren Dorfes innerhalb von Givat Scha’ul früher Deir Jassin hieß.

Das jüngste Buch von Paul Badde
Das jüngste Buch von Paul Badde
Nicht Teil des jüdischen Staates

Dem Teilungsplan der UN zufolge sollte es nicht Teil jenes jüdischen Staates werden, den Politiker und Diplomaten nach dem Ende des britischen Mandats am 14. Mai 1948 neben einem arabischen Staat im Heiligen Land vorgesehen hatten.

Auch Ein Kerem sollte nicht dazu gehören, der Ort der »Heimsuchung« Marias. Es war sogar unklar, ob Jerusalem dazu gehören sollte. Die UN hatten eine internationale Verwaltung für die komplizierte Stadt vorgesehen.

Wer auf die Landkarte schaut, sieht, daß Jerusalem quasi in der Fingerspitze eines Fingers liegt, der sich von dem israelischen Kernland nach Osten in den arabischen Teil Palästinas bohrte.

Wie es zu diesem »Finger« kam, davon erzählt der Name Deir Jassin.

Strategie des Terrors

In Jerusalem hatten sich schon seit Jahrhunderten wieder viele Juden um die Trümmer ihrer alten Heiligtümer unter den Arabern niedergelassen.

Hier aber war im März 1948 noch ganz und gar arabisches Gebiet. Rein militärisch war der Korridor von Tel Aviv nach Jerusalem bis zum Abzug der Briten nicht mehr frei zu kämpfen.

Palästinenser kontrollierten einen guten Teil der Straßen im Gebirge. Die Gewalttätigkeiten hatten schon lange vor dem Unabhängigkeitskrieg Israels begonnen und auf beiden Seiten viele Opfer gefordert.

Im Februar hatte ein mit Sprengstoff beladener Lastkraftwagen in der Jerusalemer Ben Jehuda Straße fünfzig Menschen in den Tod gerissen.

Da entsannen sich auch einige der Kämpfer auf der israelischen Seite einer Geheimwaffe, die sie zuvor unter der Schreckensherrschaft der Nazis in Europa kennen gelernt hatten. Der Name der Waffe: Terror. So erzählt es die eine Seite.

Die andere Seite besteht darauf, daß die jüdischen Kämpfer hier endlich aus der Verteidigung zum Angriff und zur Initiative übergehen wollten.

Ohne Rücksicht auf Frauen und Kinder

Früh in der Nacht am Freitag, dem 9. April 1948, griff jedenfalls ein Kommando von rund siebzig Männern der radikalen Stern-Bande – aus der Untergrundbewegung des Irgun – unter Führung Menachim Begins aus Polen Deir Jassin an.

Widerstand kam so gut wie nicht aus den Häusern, sagen die einen.

Andere behaupten, der Widerstand sei stark gewesen. Das Dorf hatte etwa 750 Einwohner, und gegen Mittag waren es über hundert weniger, die wahllos umgebracht worden waren, die Hälfte von ihnen Frauen und Kinder.

Von einem Panzerwagen waren die Menschen vorher mit einem Megaphon aufgefordert worden, sich zu ergeben oder nach Ein Karem zu fliehen. Dort seien sie sicher.

25 Männer wurden in einem offenen Lastkraftwagen zu einem nahen Steinbruch gebracht und dort erschossen.

Die ‘New York Times’ sprach am 13. April von 254 Toten. Die Angreifer hatten fünf Kämpfer verloren.

Terror war stärker als viele Bataillone

Das „Massaker“, wie es bald hieß, war so spektakulär, daß David Ben Gurion sogar eine Entschuldigung an den jordanischen König Abdullah nach Amman schickte, in dem er jede Beteiligung seiner provisorischen Regierung an der Bluttat abstritt.

Begin aber schilderte die Folgen später so:

„Überall im Land wurden Araber, die von den immer wilderen Geschichten des Irgun-Gemetzels hörten, von kopfloser Panik ergriff en und begannen um ihr Leben zu fliehen, in einer verrückten, unkontrollierbaren kopflosen Massenflucht. Die politische und wirtschaftliche Bedeutung dieser Entwicklung kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.“

Die Eroberung Deir Jassins war wirklich ein Durchbruch. Mehr noch als die Israelis verbreiteten arabische Sender die Nachricht. Das Gerücht vom Terror in Deir Yassin war stärker als viele Bataillone.

Vertreibung der einheimischen Bevölkerung

Der Schock der Gewalt gegen die Zivilisten löste unbeschreibliche Panik unter der palästinensischen Bevölkerung aus. Fünfunddreißig Tage später waren schon an die 300.000 von ihnen geflohen.

Es sollten noch über 700.000 werden, die Platz machten für Überlebende des Holocaust – und für Juden aus Marokko, dem Irak und anderen Ländern der Welt.

400 palästinensische Dörfer und Städte wurden so entvölkert. Ein Teil der Häuser wurde gesprengt, Bulldozer ebneten viele Friedhöfe ein.

Im September 1948 nahmen Neueinwanderer aus Polen, Rumänien und der Slowakei das entvölkerte Deir Jassin in Besitz, das bald in Givat Scha’ul Bet umbenannt wurde, gegen die Einwände des deutsch-jüdischen Religionsphilosophen Martin Buber († 1965). Buber wollte das Dorf als Mahnmal erhalten haben wie Yad Vashem.

Der Wahnsinn ist noch immer da

Ganz werden sich die Ereignisse nie mehr rekonstruieren lassen. Zu sehr haben sich Gerüchte und Propaganda beider Seiten über den genauen Hergang gelegt.

Daß die Opferzahlen hoch waren, ist unbestritten. Deir Jassin war tatsächlich ein Durchbruch.

Das Dorf selber aber läßt sich heute nicht mehr nach Spuren absuchen. Inmitten von Har Nof ist das Ensemble seiner alten palästinensischen Häuser in eine geschlossene Anstalt umgewandelt worden.

In den alten Häusern von Deir Jassin, in denen 1948 ein Massaker den Weg der Israelis nach Jerusalem frei sprengte, ist jetzt die Nervenklinik Jerusalems untergebracht, wo auch Patienten mit dem so genannten Jerusalem-Syndrom eingeliefert werden, wenn ihnen die Gleichzeitigkeiten dieser Stadt zu Kopf gestiegen sind.

Deir Jassin wurde zur Irrenanstalt Jerusalems. Auch Menachim Begin verbrachte hier seinen Lebensabend, der für das Massaker verantwortlich war – nachdem der Tod seiner Frau ihn umnachten ließ.

Aus: Paul Badde, „Heiliges Land – Auf dem Königsweg aller Pilgerreisen“, Gütersloher Verlagshaus, 269 Seiten, 19.80 Euro.

Nächstes Mal: Trautes Gespräch mit einem Benediktiner
      
8 Lesermeinungen
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#8   Tacitus   14:48:01 | Freitag, 8. Mai 2009
Hervorragender Journalismus…
„Dem Teilungsplan der UN zufolge sollte es nicht Teil jenes jüdischen Staates werden…“
Das ist natürlich völlig richtig.
Man fragt sich allerdings schon, warum das kleine Detail unter den Tisch fällt, daß in der sich an den Teilungsplan anschließenden Abstimmung die jüdischen Bewohner Westpalästinas/Transjordaniens für diesen Teilungsplan ausgesprochen haben, die Araber hingegen mit großer Mehrheit dagegen.
Motto: Traue keiner Historiographie, die Du nicht selbst bis zur völligen Unkenntlichkeit entstellt hast…
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#7   vonHerzmanovsky-Orlando   13:57:52 | Freitag, 8. Mai 2009
@ HBR
Das Relativieren von Verbrechen ist absolut unakzeptabel, egal wer Täter ist und wer Opfer.
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#6   ratzeputz †   13:12:50 | Freitag, 8. Mai 2009
Muss man sich wundern nach der Schreckensherrschaft der Deutschen im Osten??????
???????????????????????????????
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#5   HBR   13:08:30 | Freitag, 8. Mai 2009
@Alois Bischof
Wen wundert es, dass die Polen und Tschechen mit den Deutschen abgerechnet haben? Deutschland hat Polen und die Tschechei quasi ohne Not okkupiert. Das Besatzungsregime war extrem. Daher ist es kein Wunder dass man die Gunst der Stunde nach der Kapitulation genutzt hat und dem Wunsch nach Rache freien Lauf gelassen hat
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#4   Alois Bischof   12:46:33 | Freitag, 8. Mai 2009
Die Abtrennung des ganzen deutschen Ostens
nach dem Vertrag der Potsdamer Konferenz und die blutige etnische Säuberung durch Polen, Sowjets und Tschechen in den ehemaligen deutschen Ostgebieten, wurde auch unter Schlachtrufe wie „ewig polnisches Land“, „Stettin ist slawisch“, „Breslau gehört Polen“, „Schlesien: urpolnisches Gebiet“, „die Sudeten sind slawisch und tschechisch!“, „Tod den Deutschen“, „Deutsche raus“, betrieben. Und es wurde auch im polnischen stalinistischen Sicherheitsministerium, wo der deutschpolnischjüdische Kritiker Marcel Reich-Raniki auch als Verbrecher tätig war unter Jakub Berman bis 1954, noch von „deutschem Terrorismus“ und „Werwolf-Aktivität“ gesprochen.
Daß alte historische Ansprüche und Fälschungen der Geschichte und Aberkennung der Menschenrechte der damaligen Ostdeutschen zum Genozid an Deutschen führten, will sogar heute noch keiner akzeptieren. Denn es ist politisch unkorrekt. Bernd Posselt (CSU) ist vielleicht die einzige Ausnahme.
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#3   HarroMeyer †   12:08:34 | Freitag, 8. Mai 2009
Nur Eins verschweigt er:
Wir haben den Krieg bedingungslos verloren :'( .
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#2   Alois Bischof   10:55:10 | Freitag, 8. Mai 2009
Lebensraum für die jüdischen Herrenrasse, die Auserwählten
„Alle melden, 5 Kgr. Gepäck Maximum.“
Die ganze Siedlungsgeschichte des Hl. Landes nach 1947-1950, ist genauso wie die Siedlungsgeschichte des Raumes Zamosc (dt. Zamosch, 1941-44 Himmlerstadt), wo die Aussiedlung von örtlichen Polen gewaltsam vorgenommen wurde, und die Germanisierung vorangetrieben. Manche Polen durften bleiben, wie auch einige Araber in Israel als Arbeiterminderheit nicht vertrieben wurde.
Wie die Nationalsozialisten diese (kleinere als die spätere deutsche) Vertreibung samt Massaker legitimierten, so taten es später die israelischen Offiziere. Denn vor 1500 Jahren sei auch Ostpolen nach Teil des germanischen Siedlungsraumes, magnae germaniae eben, gewesen, und Gothen und Wandalen hätten dort gewohnt. Die Zionisten in Palästina haben ähnliche Blut-und-Boden-Rechtfertigungspropaganda verbreitet, diese wurde aber angenommen. Nach 2.000 Jahren hätten die Juden wieder Recht das Land zu säubern und zu besiedeln.
Übrigens haben die Nationalsozialisten weniger Polen als die Israelis wehrlose Araber ausgesiedelt – die polnische Heimatarmee im Untergrund hat sich auch effektiver widersetzen können als oft unbewaffnete Araber Palästinas (damals noch unbewaffnet).
Die gewaltsame Vertreibung und Massakrierung der ostdeutschen Bevölkerung bei und nach Kriegsende in Schlesien, Pommern, Ostpreußen, der Neumark und dem sog. Sudetenland war zahlenmässig massiver (14.0 Millionen), forderte mehr Todesopfer (3 Mio.), wurde aber auch mit Panslawismus gerechtfertigt!
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#1   r.ruhrgebietler   10:31:01 | Freitag, 8. Mai 2009
geschenkt nähme ich das Buch
zu mehr wohl (leider) nicht
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