„Singt das Lob dem Osterlamme, bringt es ihm dar, ihr Christen. Das Lamm erlöst die Schafe: Christus,
der ohne Schuld war, versöhnte die Sünder mit dem Vater. Tod und Leben, die kämpften unbegreiflichen
Zweikampf; Des Lebens Fürst, der starb, herrscht nun lebend.“ Osterpredigt von Bischof Gerhard Ludwig
Müller.
So, meine lieben Schwestern und Brüder, beginnt die berühmte Sequenz des Ostertags. Leben und Tod in
einem unbegreiflichen Zweikampf – mors et vita duello conflixere mirando.
Der Ausgang dieses Kampfes
zwischen Leben und Tod – ein Zweikampf auf Leben und Tod – ist uns bekannt. Das Leben lebt, der Tod ist
tot, vernichtet für immer.
Gegen den Herrn und seinen Christus hatten sich alle Mächte der Finsternis,
Tod, Hölle und Teufel verschworen. Obwohl Jesus nur Gutes tat, alle heilte, die in der Gewalt des Teufels
waren, wurde er am Pfahl des Kreuzes aufgehängt und unschuldig getötet.
Alle Hoffnung, daß er es sei,
der Israel erlösen würde, war, so bezeugen es die Jünger von Emmaus, zusammengebrochen. Er, der angebliche
Prophet, groß in Wort und Tat, war sogar scheinbar von Gott verlassen und verworfen am Schandpfahl des
Kreuzes umgekommen und in den Augen der Menschen auch von Gott als falscher Prophet verworfen worden.
Doch Gott hat ihn am dritten Tage auferweckt und den von Gott vorherbestimmten Zeugen erscheinen lassen –
so bezeugt es der Apostel Simon Petrus mit allen Aposteln und allen Jüngern, denen sich der auferstandene
Herr als der wahre Sohn Gottes, der Erlöser aller Menschen und als der von Gott eingesetzte Richter der
Lebenden und der Toten offenbart hat. Er ist der Urheber des Lebens.
Und wir alle sind mit Christus gestorben
und mit ihm auferweckt und unser Leben ist mit Christus schon verborgen in Gott. Und wenn Christus bei
seiner Wiederkunft am Ende von Zeit und Geschichte offenbar wird als Wahrheit und Leben, dann wird sich
an uns die Herrlichkeit Gottes erweisen.
Denn, wie der Kirchenvater Irenäus von Lyon im 2. Jahrhundert
sagt: Die Herrlichkeit Gottes wird offenbar im Leben des Menschen. Das ist die Offenbarung des innersten
Wesens Gottes. Er ist ein Gott der Lebenden und nicht der Toten.
„Das ist der Name Gottes. Er, der das,
was nicht ist, ins Dasein ruft und der die Toten lebendig macht.“ (Röm 4,17)
Spätestens jetzt müssen
aber die Einwände gegen den Auferstehungsglauben auf den Tisch.
Schon die Popularphilosophen auf dem
Areopag, dem Intellektuellentreff im antiken Athen, hatten für die Botschaft des hl. Paulus von der Auferstehung
der Toten nur Spott übrig. Sie waren peinlich berührt oder sturzbetroffen und empört.
Seit der Popularphilosophie
des 17. Jahrhunderts hat sich im ehemals christlich geprägten Europa unter den Intellektuellen und besonders
deren, die sich dafür halten, also den Halbgebildeten, die Abwehrfront gebildet. Das klassische Argument
ist folgendes: Es kann nicht sein, was nicht aus den eigen Kräften der Natur und ihrer evolutiven Eigendynamik
möglich ist.
Es herrscht die Meinung vor, was von der Naturwissenschaft und der Philosophie als nicht
denkbar ausgegeben werde, das sei auch nicht möglich.
Dieses „kritische“ Denken, das nach der Möglichkeit
von allerlei behaupteten Tatsachen fragt, steht aber keineswegs dem Glauben als der Selbstoffenbarung
Gottes in Wort und Heilstat entgegen. Viele phantastische Behauptungen können so ins Reich der Fabel
und Phantasie verwiesen werden.
Bei der Offenbarung Gottes handelt es sich aber um etwas ganz anderes.
Gottes Macht findet keine Grenzen an den Möglichkeiten der von ihm selbst hervorgebrachten Kreatur.
Die Existenz einer materiellen Welt ist aus sich heraus nicht möglich. Indem Gott frei die Schöpfung
ins Dasein verfügt, ist ihre Wirklichkeit zugleich die Voraussetzung ihrer Denkbarkeit und Möglichkeit.
Gott hat den Menschen mit einer Vernunft ausgestattet. Mit seinem Geist kann der Menschen nicht nur die
Funktionsweisen der Materie erforschen und beschreiben. Mit seiner Vernunft fragt der Menschen auch nach
dem Sinn von Mensch und Welt. Warum macht sich das Universum überhaupt die Mühe zu existieren – so fragt
ein bekannter Naturwissenschaftler und bekennt zugleich, daß weder die Natur- noch die Geisteswissenschaften
darauf eine befriedigende Antwort geben.
Der Tod als Ende aller Bemühungen, den Sinn des Lebens zu erkennen
und zu erfassen, ist darum niemals das Ziel der menschlichen Existenz.
Der Mensch ist das Wesen, das
ausgespannt ist zwischen der Sterblichkeit seiner leiblichen Natur und der Hoffnung auf eine Vollendung
seiner unendlichen Sehnsucht nach Wahrheit und Liebe. Und dies kann nur Gott selbst sein. Die Hoffnung
auf Unsterblichkeit und ewiges Leben in und mit Gott ist die Natur des Menschen.
Das ewige Leben ist
darum möglich und denkbar, weil Gott den Menschen so geschaffen hat. Und diese Hoffnung hat sich erfüllt
durch das allmächtige Handeln Gottes. Wenn Jesus unsere menschliche Natur angenommen und die Gleichgültigkeit
und den Haß der Sünder auf Gott an sich herankommen hat lassen, dann hat sich der Tod an Gott ausgetobt.
Der Tod hat sich am Leben die Zähne ausgebissen. Das Leben Gottes hat die zermalmenden Kiefer des Todes
auseinandergebrochen.
Der Tod liegt tot auf dem Kampfplatz. Das Leben triumphiert. Jesus sagt bei der
Auferweckung seines gestorbenen Freundes Lazarus: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich
glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben.“
Und Marta, die Schwester des Lazarus, gibt den Grund an, in dem sie für uns alle bekennt: „ Ja, Herr,
ich glaube, daß du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.“ (Joh 11,27)
Den
Glauben an die endgültige Rettung jedes Menschen vor dem ewigen Tod kann man nicht durch Vergleiche mit
allen möglichen Sonderlichkeiten und Phantastereien aus den Religionen und der modernen Esoterik relativieren
oder gar als lächerlich abtun oder auf das Konto der Wundersucht und vergeblichen Hoffnung von wissenschaftlich
unaufgeklärten Zeitgenossen buchen.
Der Glaube an die Auferstehung Christi als Hoffnung auf Gott als
Ursprung und Ziel der Sehnsucht und Selbsttranszendenz der menschlichen Geistnatur ist die einzige Antwort
auf die Grundfrage des Menschen nach dem Sinn seines Lebens, Leidens und Hoffens. Die Auferstehung der
Toten ist möglich und denkbar, weil Gott, der Schöpfer und Vollender, sie wirklich gemacht hat.
Im
Blick auf den Glauben Abrahams, der gegen alle menschliche Wahrscheinlichkeit und Möglichkeitsberechnung
geglaubt hat, sagt Paulus im Römerbrief:
„Er zweifelte nicht im Unglauben an die Verheißung Gottes,
sondern wurde stark im Glauben und er erwies Gott Ehre, fest davon überzeugt, daß Gott die Macht besitzt
zu tun, was er verheißen hat. Darum wurde ihm der Glaube als Gerechtigkeit angerechnet. Doch nicht allein
um seinetwegen steht in der Schrift, daß der Glaube ihm angerechnet wurde, sondern auch um unseretwegen;
er soll auch uns angerechnet werden, die wir an den glauben, der Jesus, unseren Herrn, von den Toten auferweckt
hat. Wegen unserer Verfehlungen wurde er hingegeben, wegen unserer Gerechtmachung wurde er auferweckt.“
(Röm 4,20-25)
Und darum können wir uns auch den letzten Satz der Ostersequenz Victimae paschali laudes
zu eigen machen, wenn es im Blick auf die Ostererscheinung Jesu vor Maria aus Magdala heißt:
Laßt uns
glauben, was Maria den Jüngern verkündet. Sie sah den Herrn, den Auferstandenen. Ja, der Herr ist auferstanden,
ist wahrhaft auferstanden. Du Sieger, König, Herr, hab Erbarmen! Amen. Halleluja.
Das Leben siegt: Predigt
von Bischof Gerhard Ludwig zum Osterhochamt 2005, gehalten am 27. März 2005 im Regensburger Dom St. Peter.
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