14:35:29 | Samstag, 16. Mai 2009
Ein deutscher Journalist traf sich in Jerusalem mit einem Benediktiner. Sie sprachen über die Muttergottes. Von
Paul Badde.

Das Heiligtum der Visitation Ein Kareim bei Jerusalem.
© Nir Nussbaum, CC(kreuz.net) Daß Gott eintritt und ein menschliches Schicksal teilt, das ist so außerordentlich, so verblüffend
und so ungewöhnlich, daß es niemand verstehen kann – erklärte mir Pater Bargil Pixner († 2002) von
der Jerusalemer Benediktinerabtei Dormitio Mariae während unseres Gespräches in Ein Karem: „Auch Maria
wohl nicht.
Maria kann sich nur wundern. Weil sie dieses Geheimnis hat, muß sie mit jemandem sprechen.
Die eine, die sie verstehen konnte, ist diese Verwandte Elisabeth.
Da geht sie hin. Sie war im hohen
Alter. Auch ihre Schwangerschaft war außerordentlich und die von Maria noch außerordentlicher. Deswegen
sind sich diese Frauen dort begegnet.“
Sie
wußte, daß es ein Sohn und keine Tochter war„Maria sei unter allen Frauen gesegnet, habe Elisabeth
ihr zur Begrüßung zugerufen, erzählt der Evangelist. Der Gruß wurde zum zweiten Baustein des Ave Maria.
Hatte Elisabeth erkannt, wen sie selber in sich trug?“„Sie wußte, daß es ein Sohn war, schon das ist
verwunderlich, und wußte, daß Maria auch empfangen hatte.“
„Ist das ‘Magnifikat’, der große Gesang
Marias bei dieser Gelegenheit, authentisch oder Dichtung? Gibt es dafür Anhaltspunkte? Oder hat sich
das Ereignis in der Erzählung aufgelöst wie Zucker im Kaffee?“„Ich glaube kaum, daß Maria damals
in Ein Karem schon diese Worte gesprochen hat.
Aber es ist sehr leicht möglich, daß sie später, nach
der Auferstehung, dieses Lied gedichtet hat. Es baut auf einem alten Lied auf, auf dem Lobpreis der Hanna
im Buch Samuel. Das kannte sie bestimmt.
Ganz bestimmt war es ja nicht nur Dichtung, sondern prophetische
Empfindung und Eingebung.
Es ist gut möglich, daß sie selber den Text verfaßt hat, aber wohl nicht
damals, sondern später, als sie darüber nachdachte.
Denn ‘Großes hat an mir getan der Mächtige’,
das ist ihr erst bewußt geworden nach der Auferstehung. Ganz früh ist das Lied dann auch auf dem Zion
gesungen worden, das bis heute von jedem Priester und Ordensmann mindestens einmal am Tag gebetet wird.“
Verschiedene Muster eines Stoffes„Was sagst du denn zu der Verwandtschaft von Maria und Elisabeth und
von Jesus und Johannes. Theologen behaupten gern, frühere Theologen hätten das fabriziert und in die
Evangelien hineingelegt. War das ein reales Verwandtschaftsverhältnis? Haben Jesus und Johannes sich
öfter gesehen und sind sie miteinander aufgewachsen? In der Barockzeit war ja das ja ein beliebtes Motiv
der Maler.“„Ich glaube nicht. Maria ist mit Josef und Jesus nach Nazareth gezogen, das ist ziemlich
weit weg von Jerusalem. Vielleicht hatten sie Kontakt, wenn die Familie nach Jerusalem kam zu Festen.
Das kann man sich vorstellen.“
„Was ist denn mit dem Brunnen hier vorn in Ein Karem, der Marien-Brunnen
heißt? Was sagt die Archäologie dazu?“„Die Kirchen hier sind alle aus der Kreuzfahrerzeit. Sie ruhen
aber auf byzantinischen Fundamenten. Die Tradition Ein Karems geht also sehr früh in die Geschichte zurück.
Und Brunnen sind meistens besonders stabil. Wo Maria das Wasser geholt hat, weiß ich nicht.
In Nazareth
heißt es, daß sie zum Brunnen ging und vom Brunnen zurückkam. Dabei hätte sie die Stimme des Engels
gehört. Im Hause sei er ihr dann erschienen.
Die verschiedenen Traditionen sind wie verschiedene Muster
eines Stoffes. Brunnen spielten damals im Leben jeder Frau eine wesentliche Rolle.
Die Häuser, in denen
Maria und Elisabeth hier gewohnt haben, wird keiner mehr finden. Der Brunnen aber ist nicht versiegt.
Dort hat sie, wie andere Frauen auch, das Wasser geholt.“
Wir haben unser Auto nicht weit von dem Brunnen
geparkt. Das Wasser sprudelt wie vor 2000 Jahren in ein Becken.
Eine schwangere Frau geht vorbei. Ist
sie Israelin? Palästinenserin? Jüdin? Muslima? Christin? Wir können es nicht erkennen.
„Ich weiß
nicht, warum diese Begegnung zwischen Elisabeth und Maria in den Rosenkranz aufgenommen wurde“ – sagt
Pater Bargil Pixner:
„Doch es gibt ja kaum ein elementareres Bild als die schwangere Maria, so jung noch,
als sie hier zu Fuß über die Hügel kommt.“
Als sie Jesus zu seiner ersten Pilgerreise nach Ein Karem
hinab trug, unsichtbar, schaukelnd und geschaukelt, als versonnen lächelnder Embryo im Leib der Gottesmutter.
Aus: Paul Badde, „Heiliges Land – Auf dem Königsweg aller Pilgerreisen“, Gütersloher Verlagshaus, 269
Seiten, 19,80 Euro.
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