13:30:04 | Donnerstag, 14. Mai 2009
Handelsübliche Dialogangebote gleichen in Deutschland der Einladung, es sich bitte in der Gummizelle nebenan gemütlich zu machen: Es tue ganz bestimmt nicht weh.

Das bekannte Altarbild der römischen Kirche San Lorenzo in Lucina
© SteO153, CC(kreuz.net) In interreligiöser Eintracht werden Karl Kardinal Lehmann, der frühere hessisch-nassauische
Kirchenpräsident Peter Steinacker und Salomon Korn, Vizepräsident des ‘Zentralrats der Juden in Deutschland’,
am 5. Juli den ‘Hessischen Kulturpreis’ erhalten.
Die ‘Frankfurter Allgemeine Zeitung’ kommentierte diese
Preisverleihung heute mit den Worten: „Hinter dieser Nachricht verbirgt sich ein kleines deutsches Trauerspiel“.
Der Grund: Es fehlt ein ursprünglich ins Auge gefaßter Vertreter des Islam.
Als moslemischer Preisträger
war der deutsch-iranische Schriftsteller und Publizist Navid Kermani (41) vorgesehen.
Kermani ist habilitierter
Orientalist. Er lebt als freier Schriftsteller in Köln. Für sein akademisches und literarisches Werk
ist er mehrfach ausgezeichnet worden.

Die römischen Kirche San Lorenzo in Lucina
© SteO153, CC Ablehnung des KreuzesZum Stein des Anstoßes wurde sein Artikel
„Bildansicht: Warum hast du uns verlassen“, der Mitte März in der ‘Neuen Zürcher Zeitung’ erschien.
Es handelte sich um Gedanken über das Kreuz nach der Vorlage von Guido Renis bekanntes Altarbild in
der römischen Kirche San Lorenzo in Lucina.
Als Moslem macht Kermani aus seinem Herzen keine Mördergrube:
„Kreuzen gegenüber bin ich prinzipiell negativ eingestellt.“
Ihm stoße die angebliche Lust, „die katholische
Darstellungen seit der Renaissance an Jesu Leiden haben, auch deshalb so auf, weil ich es von der Schia
kenne und nicht kenne“ – erklärt der Autor:
„Ich kenne es, weil das Martyrium dort genauso exzessiv
bis hin zum Pornographischen zelebriert wird“.
Das bringe die Menschen davon ab, „die Welt zu verbessern,
statt nur ihren Zustand zu beklagen“ – predigt Kermani weltfromm.
„Gotteslästerung und Idolatrie“Kermani
will seine Kritik am Kreuz nicht als Vorwurf verstanden wissen: „Gerade weil ich ernst nehme, was es darstellt,
lehne ich das Kreuz rundherum ab.“
Nebenbei finde er die „Hypostasierung des Schmerzes barbarisch, körperfeindlich,
ein Undank gegenüber der Schöpfung, über die wir uns freuen, die wir geniessen sollen“ – meint Kermani
konsumbewußt.
Die Kreuzestheologie bezeichnet er dafür als „Gotteslästerung und Idolatrie“.
Hostien
essen für MoslemsDann erinnert sich Kermani an seine Tochter, die als Grundschülerin gelegentlich
in der Katholischen Kirche die Fürbitten las, „weil sie so gut lesen konnte und so eitel war, auf jeder
Bühne stehen zu wollen, selbst wenn sie dafür eine Stunde früher aufstehen mußte“.
Doch seine Tochter
unter dem Kreuz zu wissen, sei ihm, dem Vater, unangenehm gewesen: „Natürlich sagte ich nichts, schließlich
ist man liberal.“
Dann wird es happig: „Eingegriffen habe ich nur bei der Messe zur Einschulung, als
die Kinder Hostien essen sollten, gleich welchen Glaubens. Da wünschte ich mir, die Kirche sei weniger
liberal.“
Kreuz ohne EckenWenn er selber in einer Kirche bete – „was ich tue“ – achte er immer darauf,
niemals zum Kreuz zu beten:
„Und nun saß ich vor dem Altarbild Guido Renis in der Kirche San Lorenzo
in Lucina und fand den Anblick so berückend, so voller Segen, daß ich am liebsten nicht mehr aufgestanden
wäre.
Erstmals dachte ich: Ich – nicht nur: man –, ich könnte an ein Kreuz glauben.“
Vor dem Bild
findet Kermani zu einer kleinbürgerlich-moralisierenden Kreuzesinterpretation: „Jesus leidet nicht, wie
es die christliche Ideologie will, um Gott zu entlasten, Jesus klagt an: Nicht, warum hast du mich, nein,
warum hast du uns verlassen?“
Der Autor kommt zum Schluß: „Dieser Jesus ist nicht Sohn Gottes und nicht
einmal sein Gesandter.“
Weil Christi Schmerz bei Reni kein körperlicher sei und keine Folge unmenschlicher
Folterungen, sterbe Jesus „stellvertretend für die Menschen, für alle Menschen, ist er jeder Tote, jederzeit,
an jedem Ort.“
Kermani ist nur ein MoslemKermanis Rhapsodie ist jene Mischung von wahr und falsch,
die in der offiziellen Medienindustrie – die auch den Geschmack der katholischen Bischöfe diktiert –
in der Regel gut ankommt.
Wäre er ein Jude gewesen, hätten die zu ehrenden Amtschristen den Artikel –
und schlimmeres – ohne Probleme geschluckt.
Aber so nicht: Kardinal Lehmann und Peter Steinacker erkannten
in Kermanis Gedankengang – nach Angaben der ‘Frankfurter Allgemeinen Zeitung’ – einen „so fundamentalen
und unversöhnlichen Angriff auf das Kreuz als zentrales Symbol des christlichen Glaubens“, daß sie den
Preis bei gleichzeitiger Vergabe an Kermani nicht annehmen wollten.
Die ‘Frankfurter Allgemeine Zeitung’
mag dem sonst recht Ketzerei-resistenten Kardinal seine Empörung nicht abnehmen:
„Der vielbeschworene
»Dialog« hat sich diesmal selbst ad absurdum geführt, indem sich zeigt, wie wenig gerade seine lautstärksten
Vertreter, zu denen Kardinal Lehmann und Peter Steinacker nun einmal gehören, in Wahrheit zu ihm bereit
sind.“
Kermani ist auch nicht Erzbischof Robert ZollitschDas Blatt staunt über die „plötzliche Entschlossenheit“
der Kirchenmänner:
„Auch deshalb, weil sich in der gerade vergangenen Osterzeit in der Sprachregelung
beider Kirchen eine Auffassung des Kreuzestodes durchgesetzt hat, die vom Sühnopfer denkbar weit entfernt
ist: nur noch als Zeichen der »Solidarität« Christi mit den sterblichen Menschen soll das Kreuz noch
Bedeutung haben.“
Es gebe da ein paar gute Leute, die „Freunde der allgemeinen Toleranz und des Friedens“ –
konstatiert die Zeitung:
„Diese guten Leute scheinen zu glauben, daß ein Gespräch dann besonders fruchtbar
ist, wenn von Anfang an alle einer Meinung sind.“
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