11:40:43 | Freitag, 15. Mai 2009
Daß es Kardinal Karl Lehmann darum ging, das Kreuz Christi zu verteidigen, glaubt ihm kein rechtschaffener Katholik, der noch alle Tassen im Schrank hat.

Mons. Karl Kardinal Lehmann
© Wikipedia-Benützer: ‘Th1979’, GFDL(kreuz.net) Heute hat der deutsch-iranische Publizist Navid Kermani auf seiner Webseite Hintergründe
zum jüngsten
Skandal um den ‘Hessischen Kulturpreis’ bekanntgegeben.
Als islamischer Vertreter hätte
Kermani den Preis zusammen mit Karl Kardinal Lehmann, dem früheren hessisch-nassauischen Kirchenpräsidenten
Peter Steinacker und dem Vizepräsident des ‘Zentralrats der Juden in Deutschland’, Salomon Korn, am 5.
Juli erhalten sollen.
Ursprünglich war der bedeutende deutsch-türkische Islamwissenschaftler Fuat Sezgin
(84) als Preisträger vorgesehen.
Doch Sezgin lehnte die Auszeichnung mit Hinweis auf Salomon Korns Leugnungen
der jüngsten israelischen Kriegsverbrechen in Gaza ab.
Ein gezieltes MißverständnisKermani war bereit,
den Preis anzunehmen, „sofern ich die Möglichkeit habe, bestehende Differenzen bei der Preisverleihung
anzusprechen.“
Er fügte hinzu, nicht nur mit Samuel Korn, sondern noch mehr mit dem hessischen Ministerpräsidenten
Roland Koch, der den Preis vergibt, Differenzen zu haben.
Die Preisverleiher waren einverstanden.
Doch
Ende April erhielt Kermani vom Protokollchef des Landes Hessen einen Anruf: Kardinal Lehmann und Steinacker
seien – angeblich – wegen eines in der ‘Neuen Zürcher Zeitung’ veröffentlichten Artikels von Kermani
über das Kreuz zurückgetreten.
Kermanis erste Reaktion: „Zuerst dachte ich, es liege eine Verwechslung
oder ein Mißverständnis vor.“
Die wahren HintergründeDann begann der Publizist fieberhaft sein Gewissen
zu erforschen: „Mir fielen alle möglichen Texte ein, über die sich Herr Korn oder Herr Koch geärgert
haben könnten, aber ich begriff nicht, was ich Verwerfliches über das Christentum gesagt oder geschrieben
haben sollte.“
Seine religionswissenschaftlichen Bücher, in denen er sich intensiv mit dem christlichen
Glauben beschäftige, würden in theologischen Zeitschriften gelobt:
„,Regelmäßig werde ich von kirchlichen
Institutionen eingeladen, selbst ein Theaterstück, das auf einer Erzählung von mir beruht, wurde auf
dem Kirchentag aufgeführt.“
Für seine Artikelreihe in der ‘Neuen Zürcher Zeitung’ habe er bewegende
Zuschriften christlicher Leser bekommen – „auch aus dem Vatikan“.
Kürzlich habe er sich in einer Rede
in dem Berliner Ausstellungshaus ‘Martin-Gropius-Bau’ dafür „rechtfertigen“ müssen, „allzu positiv“
von der Katholischen Kirche gesprochen zu haben.
Freundlicher ProtokollchefKermani gesteht ein, in
dem kritisierten Artikel seine Ablehnung der Kreuzestheologie drastisch formuliert zu haben:
„Aber der
Artikel hört nicht bei diesen ersten Sätzen auf, sondern zeigt, wie mich das ästhetische Erleben bis
an den Rand der Konversion führt.“
Der freundliche Protokollchef erklärte dem Autor abschließend,
daß die beiden Kläger von ihm eine öffentliche Erklärung verlangten, die den Text „einordnen“ würden.
Doch das lehnte Kermani ab.
Die Vorbereitungen für die Preisverleihung gingen trotzdem weiter. Kermani
erhielt die Ankündigung, daß in nächster Zukunft Texte und ein Trailer über seine Person produziert
würden.
Eine iranische Musikgruppe war bereits eingeladen worden.
Ungewöhnliche altliberale Aufregung
In dieser Zeit bekam Kermani über Umwege einen Brief des sonst äußerst Ketzerei-resistenten Kardinals
Lehmann zu Gesicht.
Kermanis Kommentar: „Ich kann nur hoffen, daß jemand diesen Brief noch veröffentlicht,
denn zumindest die Passagen, die ich hörte, sind derart aggressiv, daß sich der Verfasser damit selbst
diskreditiert.“
Er sei Kardinal Lehmann zuvor zweimal begegnet – „und muß gestehen, daß er mir alles
andere als unsympathisch war.“
„Es gelingt mir noch immer nicht, den diffamierenden Ton des Briefes mit
der Person zusammenzubringen, die ich meinte, kennengelernt zu haben.“
Welche politischen Prioritäten?
Kermani erkundigte sich per Email bei dem freundlichen Hessischen Protokollchef – und bekam auf einmal
keine Antwort:
„Jetzt ahnte ich, daß Kardinal Lehmann es nicht bei dem Brief belassen und daß Herr
Koch nach der politischen Priorität entschieden hatte.“
Am Mittwoch erfuhr Kermani durch den Anruf eines
Redakteurs der ‘Frankfurter Allgemeinen Zeitung’, daß ihm der ‘Hessische Kulturpreis’ aberkannt wurde.
Später erreichte den gescheiterten Preisträger eine Mail der Hessischen Staatskanzlei mit der Presseerklärung
und einem Brief des Ministerpräsidenten, in dem er Kermani zu einer Podiumsdiskussion einlädt.
Seine
Antwort an den Ministerpräsidenten möchte Kermani – anders als Kardinal Lehmann – von vornherein öffentlich
machen:
„Sehr geehrter Herr Koch, ich hoffe, daß Sie sich wenigstens schämen. Mit freundlichen Grüßen
aus dem katholischen Köln, Navid Kermani.“
Kermani hätte sich gewünscht, daß ihm der Hessische Protokollchef
mindestens telephoniert hätte: „Und der Musikgruppe sollten sie auch noch Bescheid geben.“
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