17:36:42 | Samstag, 16. Mai 2009
Kardinal Karl Lehmann wird als Meister der eindeutigen theologischen Zweideutigkeiten in die wohl nicht mehr lange deutsche Kirchengeschichte eingehen. Darum hat er sich jetzt zwischen alle Stühle gesetzt.

Martin Mosebach in einer Interviewserie mit der Videoseite ‘gloria.tv’.
(kreuz.net) Der deutsche Schriftsteller Martin Mosebach hat heute in der ‘Frankfurter Allgemeinen Zeitung’
zwölf Fragen an Karl Kardinal Lehmann von Mainz formuliert.
Der Text steht im Zusammenhang mit der durch
den Kardinal
verhinderten Verleihung des ‘Hessischen Kulturpreises’ an den deutsch-iranischen Autoren
Navid Kermani.
Mosebach erinnert daran, daß der „hochverdiente“ Islamologe Fuat Sezgin die Annahme des
Preises verweigerte, weil der jüdische Mitpreisträger die jüngsten israelischen Schlächtereien in
Gaza gerechtfertigt hatte. Kermani war der islamische Ersatzkandidat.
Mosebach fragt den Kardinal: „Ist
Ihnen das umgekehrte Verfahren im Fall Kermani gegenüber Professor Sezgin nicht ein wenig peinlich?“
Er wirft die Frage auf, ob der Kardinal als Theologe von einem frommen Muslim etwas anderes als eine
grundsätzliche Ablehnung des Kreuzes erwartet hätte.
Mit Bezug auf den Heiligen Paulus erinnert Mosebach
daran, daß die Botschaft vom Kreuz den Heiden eine Torheit und den Juden ein Ärgernis ist: Ob der Kardinal
diese Überzeugung teile – fragt er.
Es sei „bei Teegesellschaften“ angebracht, religiöse Differenzen
nicht in aller Deutlichkeit zur Sprache zu bringen – erklärt Mosebach dann und will vom Kardinal wissen,
ob das auch für den von ihm geforderten interreligiösen Dialog gelten müsse.
Diese Anfrage weitet
Mosebach aus: „Liegt in dem Verzicht, das Trennende unzweideutig zu benennen, womöglich auch ein Grund
für die Enttäuschung über das Scheitern der Ökumene zwischen Katholiken und Protestanten?“
Sodann
erinnert Mosebach an die bekannte Fähigkeit Kardinal Lehmanns kirchenamtliche und theologische Aussagen
zu verdrehen:
Er sei mit dem Satz „Ich habe gelernt, mit Texten umzugehen“ in die deutsche Kirchengeschichte
eingegangen, als er den Befehl des Papstes, aus der staatlichen Schwangerschaftsberatung auszusteigen,
in die Aufforderung umdeutete, drinnenzubleiben.
Der Schriftsteller ist neugierg, ob diese „Versatilität“
dem Kardinal nicht ermöglicht hätte, „die Schmähung des Kreuzes in Kermanis Guido-Reni-Aufsatz als
Hommage an das Kreuz zu interpretieren?“
Mosebach fügt hinzu, daß der Text einer solchen Umdeutung
gar nicht bedurft hätte – weil Kermani den Weg von einer Schmähung zu einer angeblichen „Huldigung des
Kreuzes“ ausschreite.
Aus Anlaß der Beschreibung einer alten Marien-Ikone habe der jetzt verhinderte
Preisträger vermutlich auch den einzigen marianischen Text der neueren deutschen Literatur verfaßt.
Sein gesamtes Werk enthalte eine Beschäftigung mit dem Christentum: „Das dürfte in der islamischen
Welt einzigartig sein“.
Mosebach betont das Wagnis, das Kermani mit seiner Einfühlung ins Christentum
gegenüber seinen Glaubensbrüdern eingeht:
„Macht Sie als Theologe der Gedanke nicht nachdenklich, daß
dieses Höchstmaß an Einfühlung aufgrund der Beschäftigung mit einem Kunstwerk gelang und nicht aufgrund
von theologischen Formelkompromissen, wie sie in der Sphäre des interreligiösen Dialoges so beliebt
sind?“ – fügt er hinzu.
Mosebach stellt in den Raum, ob eine durch Liebe und Vernunft gezügelte Leidenschaft
zur Erkenntnis die angemessenere Gefühlslage für die Beschäftigung mit den Religionen sei als eine
Toleranz, „die nicht mehr Duldung des für falsch Erkannten, sondern Relativismus und Indifferenz bedeutet“.
Dann erwähnt der Schriftsteller das große Projekt einer „Zähmung der Religion“, mit dem manche den
Namen von Kardinal Lehmann verbänden und bis auf Erzbischof Carl von Dalberg von Mainz († 1817) – dem
deutschen Botschafter des Josephinismus – zurückführten.
Abschließend erinnert Mosebach an die Aussage
im Reni-Artikel, daß Kermanis Tochter in einer katholischen Kölner Schule auch zum „Hostien essen“ geführt
wurde. Der sarkastische Kommentar des Vaters: „Da wünschte ich mir, die Kirche sei weniger liberal.“
Mosebach an Kardinal Lehmann: „Könnte es sein, daß Ihnen diese Äußerung und Kermanis bewundernde
Worte über Papst Benedikt in einem Aufsatz in der ‘Süddeutschen Zeitung’ ebenso sehr mißfielen wie
der Anfang seines Aufsatzes über das Bild des Gekreuzigten?“
Der Schriftsteller hakt nach: „Könnte
es sein, daß Sie in der Kulturpreis-Affäre eine Gelegenheit erkannt haben, sich gegenüber vielen seit
langem bestürzten Katholiken auch einmal als »cultor orthodoxus fidei catholicae« darzustellen?“
Dann
fügt er eilig hinzu: „Nein, diese Frage sei vergessen. Es verbietet sie der Respekt vor Ihrem preisgekrönten
Lebenswerk.“
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