18:10:47 | Dienstag, 19. Mai 2009
Ein evangelischer Theologe hat die Affäre um die Verleihung des Hessischen Kulturpreises benützt, um seine Irrlehren aufzukochen. Wie jeder Ketzer fand er die richtige Mischung von wahr und falsch.

Pressebild von Kardinal Karl Lehmann
(kreuz.net) Im Streit um ‘Dominus Jesus’ suchte Karl Kardinal Lehmann von Mainz im Herbst 2000 „in blumigen
Worten zu beschwichtigen“.
Daran erinnerte der evangelische Münchner Dogmatiker Friedrich Wilhelm Graf
(60) in einem heutigen Beitrag für die ‘Frankfurter Allgemeine Zeitung’.
‘Dominus Jesus’ ist die Erklärung
der Glaubenskongregation, die besagt, daß allein die römisch-katholische Kirche die Kirche Jesu Christi
ist.
Graf zitiert eine schillernde Aussage, die Kardinal Lehmann dazu in der Wochenzeitung ‘Welt am Sonntag’
machte:
Man müsse solche Lehrtexte im „größeren Zusammenhang anderer römischer Verlautbarungen“ würdigen –
erklärte der Kardinal. Es entspreche „guter theologischer Übung, Texte in ihrer ganzen Dimension zu
erschließen und auszulegen, sie einzuordnen“.
Der Kardinal beklagte, daß die Kunst, solche Dokumente
angemessen und sinngerecht zu lesen, „auch in unseren eigenen Reihen eigentlich immer seltener anzutreffen“
sei.
Der Kommentar des evangelischen Dogmatikers: „Man darf dies nun als prophetische Einsicht preisen.“
Infame Empörung über infamen BriefDann empört sich Graf über den
„infamen Brief“ von Kardinal Lehmann
an den hessischen Ministerpräsident.
Mit dem Schreiben verhinderte der Kardinal die
Vergabe des Hessischen
Kulturpreises an den deutsch-iranischen Autor Navid Kermani.
Graf konstatiert, daß der Brief nicht bereit
sei, einen angeblich „anspruchsvollen religiösen Text in seiner »ganzen Dimension« zu erschließen“.
Für Graf ist Kermani ein frommer muslimischer Religionsintellektueller, der sich den inneren Sinn christlicher
Frömmigkeit einfühlsam zu erschließen suche.
Wüste UnterstellungenMit dem Kardinal und dem früheren
hessisch-nassauischen Kirchenpräsidenten Peter Steinacker geht Graf hart ins Gericht.
Man müsse ihnen
„einen erschreckenden Mangel an theologischer Bildung oder aber einen durch Alterseitelkeit und Machtinstinkt
genährten Willen zur Denunziation eines deutlich jüngeren Gelehrten attestieren, der, im Unterschied
zu den hohen geistlichen Herren, ja keine einflußreiche Großorganisation, sondern nur sich selber repräsentiert.“
Kermani zeige eine demonstrative Unabhängigkeit und bisweilen stolzen Mut, „die Anpassung an die verlogenen
Konventionen des »interreligiösen Dialogs« im Land der korporatistisch verwalteten Religion zu verweigern.“
Was wohl Kermani von einem solchen Theologen denkt?In seinem Artikel über Guido Renis Gemälde „Die
Kreuzigung“ habe Kermani nichts geschrieben, „was nicht auch viele christliche Denker seit Hunderten von
Jahren gesagt haben.“
Graf erinnert an die „Konfliktgeschichten der diversen Christentümer“: „In den
Bilderstürmen der Reformation zerstörten protestantische Gotteswortgläubige Tausende von Christusbildern
und Kruzifixen, weil sie in ihnen gotteslästerliche Idolatrie sahen.“
Der dänische Theologe Sören
Kierkegaard († 1855) und die russischen Schriftsteller Fyodor Mikhaylovich Dostojewski († 1881) und Leo
Tolstoi († 1910) hätten über eine angebliche „amtskirchlich autoritäre Verfälschung des Christusglaubens“
ungleich härter geurteilt als Kermani.
Graf wirft Kardinal Lehmann vor, die umstrittene „gelehrte Unterscheidung“
von geschichtlichem Jesus und verkündigtem Christus im Jahr 1985 als „verhängnisvolle Alternative“ bezeichnet
zu haben.
In seiner Verteidigung Kermanis zeigt Graf wenig Hemmungen, Grundlagen der christlichen Theologie
zu zerreden: „Kein anderes Problemfeld christlicher Lehre ist so umstritten wie die Soteriologie“ – behauptet
er.
Darf man das Kreuz an Karfreitag nicht verehren?„Wahrer Gott und wahrer Mensch“, „eine Person mit
zwei Naturen“, Golgatha und leeres Grab seine „wahrlich schwierige Themen“ – glaubt er.
Es sei „intellektuell
unredlich“, unterstellt er, wenn die ehemaligen Dogmatiker Kardinal Lehmann und Steinacker so täten,
als bewege man sich in der Christologie „nicht in einem dicht verminten Feld ungelöster Probleme“.
So
gehe es am Karfreitag um das definitive Ende der „autoritären Metaphysik vom allmächtigen Gott“ – formuliert
Graf etwas pubertär.
Vom „genuin christologischen Sinn der Rede vom Tode Gottes“ habe Kermani mehr erfaßt
als ein Mainzer Bischof, „der, ich kann es nicht für wahr halten, am Karfreitag »das Kreuz verehrt«“ –
stellt sich Graf endgültig ins Abseits.
Er habe bisher gedacht, daß für Christen nicht „das Kreuz“,
sondern der gekreuzigte Jesus lebenswichtig seien – gleitet er ins Peinliche ab.
Die übliche protestantische
WeltverliebtheitKermani nehme den Gekreuzigten ernst, indem er in Renis Christus den „idealen Repräsentanten
der sterblichen Menschheit“ sehe.
Graf tröstet sich damit, daß die säkularisierten und säkularisierenden
deutschen Denker Immanuel Kant († 1804), Georg Wilhelm Friedrich Hegel († 1831), Friedrich Daniel Ernst
Schleiermacher († 1834) „nicht anders gelehrt“ hätten.
Dann noch ein Hieb gegen die Kirche: „Selbst
seine Behauptung »die katholische Vorstellungswelt erscheint mir heidnisch« entspricht nur altem reformatorischem
Urteil“ – erklärt Graf offenbar zustimmend.
Gegen den Professoren- und KlerikaljargonKermani mache
„in seinen Erfahrungsberichten aus dem katholischen Rom all jene innerchristlichen Konfliktlinien neu
sichtbar, die man in ökumenischer Konsensschummelei verdrängt.“
Er demonstriere durch „glaubenssprachliche
Kreativität“, „daß vielen christlichen Theologen zu den eigenen Überlieferungen nur noch hohle Formelsprache,
lebensferner Klerikaljargon einfällt.“
Graf greift auch unter die Güterlinie: Er stellt die Frage,
ob diese „Episkopalintrige“ aufs Beleidigtsein zweier älterer Herren zurückführen, welche die intellektuelle
Strahlkraft des Jüngeren nicht zu ertragen vermögen:
„Was an Herrn Steinackers Lebenswerk denn kulturpreiswürdig
ist: Das biedere Kirchenfunktionärsgehabe? Die islamophoben Stereotypen in Vorträgen über »Absolutheitsanspruch
und Toleranz«? Die seit Jahren rituell wiederholte Kritik an Lessings Ringparabel und dem freien Geist
der Aufklärung?“
Neomarxistische Macht-InterpretationenGraf weist darauf hin, daß deutsche Bischöfe
gerne und im Unterschied zu den Muslimen behaupten, daß die Christen Religion und Politik ganz aufgeklärt
getrennt hätten.
Deshalb müsse man den Muslimen durch interreligiösen Dialog demokratische »Werte«
vermitteln.
In Steinackers Vorwürfen, Kermani habe angeblich die Regeln im Gespräch der Religionen
verletzt, sieht er eine Fortschreibung der alten Diskriminierung des angeblich „Mächtigen“ dem angeblich
„Machtlosen“ gegenüber.
Je mehr die tiefe Glaubenskrise und die schleichende Erosion der beiden großen
Volkskirchen sichtbar würden, desto mehr würden viele Kirchenführer auf „Klerikalmacht“ setzen.
Auch
die Demokratie dient den MächtigenAusgerechnet in Deutschland beruft sich Graf auf eine „offene Gesellschaft“.
Diese müsse um der gleichen Freiheit aller willen „Kirchenmacht wie die Macht anderer Verbände demokratisch
begrenzen“.
Abschließend bekommt auch der Vatikan von dem rabiaten Dogmatiker eines auf die Peterskuppel.
Als Katholik habe der hessischen Ministerpräsident Roland Koch der „Lehrmäßigen Note zu einigen Fragen
über den Einsatz und das Verhalten der Katholiken im politischen Leben“ entsprochen.
Die Note wurde
im Jahr 2002 von der Glaubenskongregation unter Kardinal Joseph Ratzinger veröffentlicht.
Graf stört
sich an der Aussage der Note, daß sich katholische Politiker an Vorgaben des kirchlichen Lehramtes in
religiösen und moralischen Fragen zu halten haben.
Der Dogmatiker hätte wohl als erster „Heuchelei“
gebrüllt, wenn die Note das Gegenteil gesagt hätte.
Hier habe sich ein Provinzpolitiker, der gern den
starken spiele, von zwei Spitzenklerikern als „Kirchenmaus“ vorführen lassen.
Kardinal Lehmann und Steinacker
würden – Schreck laß nach! – „nicht nur ihr persönliches Ansehen“ gefährden, sondern dafür ausgezeichnet,
daß sie „großen integrationspolitischen Schaden“ angerichtet hätten.
„Aber nicht einmal das haben
diese Lesekünstler gemerkt“ – beendet Graf seine Tirade.
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