10:48:33 | Donnerstag, 4. Juni 2009
Anderen in einem intoleranten, arroganten und verleumderischen Artikel Unduldsamkeit vorzuwerfen, ist – ob man es merkt oder nicht – ein Selbstwiderspruch. Ein Kommentar.

Karl Kardinal Lehmann
© pixelio.de(kreuz.net) Avraham Zeev Nussbaum – Rabbiner und Kantor der jüdischen Gemeinde Wiesbaden – hat am 28.
Mai in der ‘Frankfurter Allgemeinen Zeitung’ den Bischof von Mainz, Karl Kardinal Lehmann angegriffen.
Der Beitrag steht im Zusammenhang mit der Kontroverse um die Verleihung des
Hessischen Kulturpreises.
Die erste Ohrfeige verteilt der Rabbiner dem Hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch: Man hätte
erwarten können, daß sich jemand weigert, einen Toleranz-Preis von einer Jury anzunehmen, deren Vorsitzender
sich Stimmen durch einen „intoleranten Wahlkampf“ verschafft habe.
Doch sein wahrer Zorn gilt Kardinal
Lehmann, dem evangelischen Kirchenpräsidenten Peter Steinacker – und dem Christentum.
Es gebe in der
Verleihung des Kulturpreises ein „Problem des Umganges“, das menschlich „sehr bedenklich“ bleibe, unterstellt
Nussbaum.
Jüdische ProjektionenManche christliche Vertreter würden unter Toleranz die „Überwindung
verstehen, die es sie kostet, mit Leuten zu reden, die in ihren Augen im Irrtum befangen sind und nicht
als gleichberechtigt anerkannt werden können“ – scheint er die jüdische Position in dieser Frage zusammenzufassen:
„Die anderen sollen dieses Entgegenkommen zu schätzen wissen und sich entsprechend verhalten.“
Dann
sucht er eine Zweckallianz ausgerechnet mit den Moslems und heult: „Wir Juden und Muslime dürfen in einem
solchen Dialog nicht einmal aussprechen, was wir über das Christentum denken und damit assoziieren.“
Ob der Rabbiner hier nicht eher das in Deutschland und darüber hinaus herrschende Rede- und Kritikverbot
in Sachen Judentum meint?
Antichristliche DiffamierungenAls Teilnehmer an vielen Dialogen habe er –
„wie viele andere Juden auch“ – ein Problem mit dem Kreuz, sowohl theologisch-moralisch als auch emotional,
bekennt der Rabbiner.
Es folgen niedere Diffamierungen: „Ein Jude, der weiß, wieviel jüdisches Blut
im Namen des Gekreuzigten wegen der Kreuzigung vergossen wurde, kann schlecht positive Gefühle mit dem
Kreuz verbinden.“
Über die Kreuzigung Jesus Christi und die ersten Christenverfolgungen äußert er
keine Silbe des Bedauerns.
Er versteht sich auch von selber, daß Nussbaum seine Verleumdungen nicht
mit Fakten belegt.
Dafür konzentriert er sich auf die Schmähung des Kreuzes: Kleine Kinder mit dem
Kreuz zu konfrontieren sei – so der Rabbiner – „bestimmt für jeden fühlenden Menschen keine leichte
Aufgabe“.
Darum sei es „verständlich“, daß diese Konfrontation auch einem Erwachsenen schwerfalle,
der nicht mit dem Kreuz aufgewachsen sei.
Theologisches GedankengewirrNussbaum möchte das Kreuz sogar
als Respektlosigkeit gegenüber dem Judentum hinstellen, weil es die jüdische Religion nicht erlaube,
ein Bildnis von Gott zu machen.
In Wahrheit ist das Kreuz ein Bild der Menschheit, nicht der Gottheit
Christi.
„Auch der Glaube an die Dreifaltigkeit ist eine Abweichung vom reinen Monotheismus, die theologisch
für das Judentum inakzeptabel ist“ – legt Nussbaum eine drauf.
Nicht genug damit: Es sei im Judentum
angeblich auch eine Verletzung der Unendlichkeit und Unbegrenzbarkeit Gottes, Gott menschliches Leid zuzuschreiben.
In Wahrheit werden im Alten Testament Gott sehr häufig leidende, menschliche Gefühlsregungen zugesprochen.
In moralischer Hinsicht könne das Judentum nicht akzeptieren, „daß der Mensch durch Gottes Leiden entlastet
werden soll“ – verdreht Nussbaum die christliche Erlösungslehre durch den menschgewordenen Gott.
Dann
verliert er sich noch mehr in wirrem Gerede: „Im Judentum heißt es, daß jede Sünde des Menschen ein –
göttliches – Leid da oben anrichtet.“
Die konfuse Folgerung des Rabbiners: „Wenn das Leid Gottes eine
Entlastung für den Menschen darstellte, würde doch der Mensch gleich versöhnt, jedesmal, wenn er sündigte.“
Sympathie aus falschen GründenDer Rabbiner zitiert auch ein – leider noch imaginäres – „Projekt der
Judenbekehrung“. Aber in dieser Hinsicht entlastet er den Mainzer Kardinal.
Denn zu diesem Thema habe
gerade er eine Theologie vertreten, die „mutig, moralisch, kreativ, revolutionär und geschichtsbewußt“
sei – jubelt der Rabbiner.
Auch die altliberalen, kirchenschädigenden Positionen des Kardinals sind
für den Rabbiner ein Pluspunkt: „Im gleichen Sinne konsequent hat Kardinal Lehmann zuletzt in der Affäre
um die Pius-Bruderschaft agiert und reagiert.“
Darum hätte nach Nussbaum keiner den Hessischen Toleranz-Preis
so sehr verdient wie Kardinal Lehmann: Um so mehr zeigt sich Nussbaum darüber erstaunt, daß er „kein
Verständnis“ für die Probleme anderer Religionen mit dem Kreuz zeige – fährt er in seiner undifferenziert
unterstellenden Art weiter:
„Wie soll man den anderen verstehen, ohne über das zu sprechen, was man
gegenüber der eigenen und der anderen Religion fühlt?“
Natürlich wäre Nussbaum der erste, der aus
voller Kehle „Antisemitismus! Antisemitismus!“ brüllen würde, wenn jemand es wagte, dieses Prinzip auf
die jüdische Religion anzuwenden.
Was der Kirche schadet, ist gut für den RabbinerDer Rabbiner ist
auch sauer auf den Kardinal, weil dieser bei der Ablehnung des Preises den kirchlichen Frieden über den
„Frieden zwischen den Religionen“ gestellt hat.
Damit sagt er auch, daß interreligiöse Toleranz – wie
er sie versteht – zum Schaden der Kirche hergestellt wird.
Nussbaum endet mit bitterem Sarkasmus: „Die
christlichen Kandidaten haben, blickt man zurück in die Geschichte, in der Verständigung große Fortschritte
gemacht. Besonders gut hat es diesmal untereinander geklappt.“
Die vom Rabbiner an den Tag gelegte Arroganz
ist mehr als eine harmlose Schreibtisch-Realität.
Im Heiligen Land kostet diese selbstgerechte Haltung
hier und jetzt Hunderttausenden von unterdrückten einheimischen Arabern das Leben und die Zukunft.
Im
angeblichen interreligiösen Dialog wird diese Haltung auch durch die Endloskriecherei ehrloser Bischöfe
und Prälaten verschärft.
Wenigstens das hat Rabbiner Nussbaum auf eindrückliche Weise bewiesen.
Sie haben eine Meinung zu diesem Artikel? Dann verfassen Sie einen Beitrag. Bleiben Sie in Ihrem Kommentar sachlich und bemühen Sie sich um eine erträgliche Diskussionsatmosphäre. Bedenken Sie, daß Ihr Beitrag noch über Jahre hinweg abrufbar und durch Suchmaschinen im Internet auffindbar ist.
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Leserbeiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen oder Leser aus der Debatte auszuschließen.