Die Auferstehung, die Abtreibung und die Nationalsozialisten
Am Ostersonntag veröffentlichte der Erzbischof von Westminster (London), Cormac Kardinal Murphy-O’Connor, einen Artikel in der britischen Tageszeitung „Telegraph“. Auszüge aus einer bemerkenswerten Osterbetrachtung.
(kreuz.net, London) Was die Auferstehung für Großbritannien bedeutet, ist manchmal schwer zu sagen,
weil das wichtigste häufig das ist, worüber man am wenigsten nachdenkt. Wer ein behütetes, geliebtes
Kind ist, verbringt wenig Zeit damit, darüber nachzudenken, wie sein Leben aussehen würde, wenn er sich
plötzlich für sich wehren müßte.
Lange Zeit ist Großbritannien als ein christliches Land von einer
Gesellschaft ausgegangen, in der die Hilflosen, Verletzlichen und Verfolgten als die Schutzwürdigsten
betrachtet werden. Diese Voraussetzung hat uns in den Glauben eingelullt, daß das immer so bleiben müsse.
Wir wollen einen Test machen. Die beste Art herauszufinden, ob Großbritannien immer noch eine christliche
Gesellschaft ist, besteht darin zu sehen, wie unsere Gesellschaft die schwächsten Menschen behandelt,
die ohne Schönheit, Kraft oder Intelligenz sind und wenige oder gar keine öffentliche Aufmerksamkeit
beanspruchen können.
Ich denke zum Beispiel an Menschen wie Terri Schiavo, die hirngeschädigte Frau
in Florida, die im Augenblick zu Tode gehungert wird, nachdem ein Gericht entschieden hat, daß ihre Magensonde
entfernt werden soll. Ihr Leben ist es nicht wert, gelebt zu werden, meinen einige. Sie ist von anderen
abhängig, sogar für Essen und Trinken. Die Natur soll ihren Weg gehen, sagen die Todesbefürworter.
Aber was ist daran natürlich, wenn jemand zu Tode hungert? Und was ist so falsch daran, wenn man von
Mitmenschen abhängig ist? Kinder sind von anderen für Nahrung und Wasser abhängig, ebenfalls viele
alte Menschen. Sind solche Menschen weniger wert als andere? Das christliche Gewissen antwortete, daß
Menschen in Abhängigkeit voneinander geschaffen wurden. Nur unsere gefallene Natur glaubt, daß wir alleine
überleben können.
Wie gut schützen die britischen Institutionen und Gesetze jene, die unseres Schutzes
am meisten bedürfen? Gegenwärtig gibt es bei uns 180.000 Kinderabtreibungen im Jahr – die höchste Zahl
seit je. Das sind 180.000 menschliche Leben, die als lebensunwert betrachtet werden. Forschungsembryos
und überschüssige Reagenzbabys werden erzeugt und weggeworfen, weil sie nicht den richtigen Gewebetyp
vorweisen oder weil sie – wie eine parlamentarische Kommission diese Woche vorschlug – das falsche Geschlecht
besitzen, nicht den richtigen genetischen Code aufweisen, um für einen anderen als Organspender zu dienen,
oder auf irgendeine andere Weise behindert oder unvollkommen sind.
Haben die Millionen von Kinderabtreibungen
seit 1967 unsere Gewissen zersetzt und mit ihnen auch unsere Institutionen?
Was an der Kinderabtreibung,
Euthanasie, Embryoselektion und Embryonenforschung falsch ist, sind nicht in erster Linie die Motive jener,
die daran beteiligt sind. Oft sind diese Menschen von einem oberflächlichen Mitleid getrieben. Vielleicht
wollen sie ein Kind davon bewahren unwillkommen zu sein, sie wollen Schmerz und Leiden beenden, ein Kind
mit einer lebensbedrohenden Krankheit erlösen. Aber die schreckliche Wahrheit besteht in diesen Fällen
darin, daß es der Starke ist, der über das Schicksal des Schwachen entscheidet.
Menschen werden auf
diese Weise zu Instrumenten in den Händen anderer Menschen. So arbeitet die Eugenik. Aus der Deutschen
Geschichte wissen wir, wohin das führt. Wir sind bereits auf diesem Weg: denn was anderes ist die Tötung
von sechs Millionen Leben im Mutterschloß seit dem das Abtreibungsgesetz eingeführt wurde und die Embryoselektion
auf der Grundlage von Geschlecht und Genen?
Die Auferstehung macht den Unterschied, daß die innere Würde
des menschlichen Lebens – die Quelle unserer Hoffnung – davon kommt, daß wir wissen, daß der einzige
Sohn Gottes den Tod eines Menschen starb, den man als wertlos betrachtete. Indem Gott ihn auferweckte,
zeigte der Allmächtige, daß der, den man in den Augen der Menschen als wertlos betrachtete, im Lichte
der Ewigkeit von unendlichem Wert ist.
Wissen das die Briten noch? Es gibt Zeichen dafür, daß dem so
ist. Als ich kürzlich einige Politiker dafür lobte, weil sie sich dafür ausgesprochen hatten, die Zeitlimits
für die Kinderabtreibung zu senken, wurde ich angeklagt, mich in die Politik einzumischen und Wahlen
im US-Stil des „gottesfürchtiger als Du“ zu fordern. Aber ich bin glücklich, daß ich mich zu Wort gemeldet
habe, weil dadurch ein Tabu angerührt wurde. Das war eine Gelegenheit für sehr viele Menschen – die
Mehrheit gemäß einer kürzlichen Meinungsumfrage –, ihre Unbehagen über die Tausenden von Abtreibungen
auszudrücken, die jedes Jahr in unserem Land stattfinden.
Dieses Unbehagen kann nur von einem Ort kommen:
von einer tiefsitzenden Einsicht, daß ein Leben, das als wertlos betrachtet wird, in Wahrheit von Gott
geschaffen ist. Das glaubt die Mehrheit der Briten.
Die meisten von uns sind schließlich Ostermenschen.
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