14:36:35 | Mittwoch, 6. April 2005
Medizinische Fachleute äußerten sich kurz vor ihrem Tod über den Zustand der inzwischen ermordeten Frau Terri Schiavo. Niemand könne vorhersagen, welcher Patient aus einem Wachkoma ähnlichen Zustand wieder erwachen wird.
(kreuz.net, Wien) Bei einer Pressekonferenz kurz vor Terris Tod in Wien erklärten Vertreter der Österreichischen
Gesellschaft für Neurorehabilitation – eine Vereinigung von Spezialisten für Wachkomapatienten – daß
sich Frau Schiavo möglicherweise gar nicht in einem sogenannten Wachkoma befunden habe. Das berichtete
die österreichische Tageszeitung ‘Kurier’. Der Tatsache, daß der hilflosen Kranken die Nahrung verweigert
wurde, begegnen die Spezialisten mit Unverständnis.
Eine
Verweigerung von Nahrung und Flüssigkeit für
solche Patienten sei in Mitteleuropa unvorstellbar: „Auf mitteleuropäischer Ebene wird ein solches Vorgehen
nicht akzeptiert.“ Bei den geplanten Patientenverfügungen solle der Gesetzgeber sehr vorsichtig sein,
erklärten Vertreter der Gesellschaft.
Bei der Ernährung und Flüssigkeitszufuhr handle es sich um ein
Grundrecht jedes Patienten und jedes Menschen, meinte Prof. Dr. Leopold Saltuari vom Landeskrankenhaus
Hochzirl in Tirol: „Eine britische Studie hat ergeben, daß ein Drittel der Wachkoma-Patienten als solche
falsch eingestuft wurden.“
Dr. Saltuari betreut seit vielen Jahren Patienten, die am sogenannten apallischen
Syndrom leiden oder in einem stark eingeschränkten Bewußtseinszustand leben.
Apallisches Syndrom ist
der medizinische Fachbegriff für das Wachkoma. Ursache dafür ist eine massive Schädigung des Gehirns,
beispielsweise nach einem Schädel-Hirn-Trauma, einem Schlaganfall oder einer Gehirnhautentzündung. Die
Patienten liegen wach, sind aber häufig nicht durch äußere Reize erreichbar. Blickkontakte sind oft
unmöglich. Weil Wachkomapatienten in der Regel nicht selbständig essen und trinken können, werden sie
über eine Magensonde ernährt. Eine künstliche Beatmung ist meistens nicht notwendig. Besonders bei
Kindern sind gute Rehabilitationerfolge möglich.
Alles was man über den Fall von Terri Schiavo wisse –
inklusive der publizierten Patientendaten – deutet darauf hin – so Prof. Dr. Heinrich Binder von Wien –
daß sich die Frau eher nicht im Wachkoma befunden habe.
„Auch der Befund, der von einem Neurologen veröffentlicht
wurde, entspricht ziemlich dem, was man sehen konnte. Die Patientin befindet sich offenbar nicht im Wachkoma,
sondern in einem ‘minimal response state’.“ Hier sei sehr wohl eine Kommunikationsmöglichkeit mit der
Umwelt gegeben. Man wisse oft nur nicht genau, wie weit die Betroffenen Informationen von außen auch
wirklich verarbeiten könnten.
„Wir wissen“, erklärte Univ.-Prof. Dr. Walter Oder vom Rehabilitationszentrum
des Unfallkrankenhauses Meidling in Wien, „wenn wir gesund sind, erfassen wir nicht alle Dimensionen,
was Leben bedeutet. Wenn man jung und gesund ist, hat man davon keine Vorstellung.“ Bei vielen Betroffenen
hätte man auch nach langer Zeit das Gefühl, daß sie sehr wohl eine Lebensqualität besäßen.
Außerdem
könne niemand genau vorhersagen, welcher Patient aus einem Wachkoma ähnlichen Zustand wieder erwache.
So erwachte beispielsweise Mitte Februar diesen Jahres die bewußtlose Sarah Scantin (38) nach 20 Jahren
aus ihrem vegetativen Zustand und konnte wieder sprechen. Die nach einem Unfall schwer gehirngeschädigte
Sarah nahm nach Angaben ihres Vaters lediglich Augenkontakte zu Besuchern und ihre Umgebung auf. Man habe
mit ihr nicht sprechen können. Warum die Sprachmotorik plötzlich einsetzte, wissen die Ärzte nicht.
Sie vermuten, daß sich die betroffenen Nervenbahnen im Gehirn wieder erneuert haben.
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