11:02:47 | Mittwoch, 8. Juli 2009
Ein neokonservativer Priester hat mit altliberalen Argumenten die Neue Messe verteidigt. Seine Hauptstrategie – die Leugnung aller Probleme. Ein Kommentar.
(kreuz.net) Die sogenannt „erneuerte Messe“ komme dem Wesen des Christentums näher als die Alte Messe.
Das behauptete Pfarrer Stefan Hartmann Mitte Februar in einem Artikel für das in Rom erscheinende ‘Vatican-magazin’.
Hw. Hartmann ist publizistisch tätig und wirkt als Pfarrer in Oberhaid – einer 4700-Seelen-Gemeinde
im oberfränkischen Landkreis Bamberg.
Er wendet sich in seinem Beitrag gegen Artikel des Aachener Priester
Guido Rodheudt. Dieser hatte in einer vorausgehenden Nummer des gleichen Magazins die Alte Messe verteidigt.
Hw. Hartmann kritisiert ihn dafür, die Neue Messe einer „generellen und teilweise vernichtenden Kritik“
ausgesetzt zu haben.
Organisch gewachsen?Immerhin gibt Hw. Hartmann zu, daß es im Neuen Ritus „in
Mißachtung der liturgischen Richtlinien tatsächlich oft schlimme und geschmacklose Entgleisungen gegeben“
hat.
Zugleich unterstellt er, daß es im Alten Ritus Mißbräuche ähnlichen Ausmaßes gegeben habe –
„wenn etwa während der hastig abgeleierten Zelebration geschneuzt, mit Ministranten geschimpft oder sogar
ausgespuckt wurde.“
Mit diesem Vergleich beweist Hw. Hartmann eine beeindruckende Verharmlosung des epochalen
liturgischen Zusammenbruches, der mit der Einführung des Neuen Ritus über die Kirche fegte.
In diesem
verharmlosenden Ton fährt er weiter: „Einzelne ärgerliche Mißbräuche, törichte Subjektivismen und
Fehlentwicklungen können aber nicht ein über lange Zeit aus der Überlieferung organisch gewachsenes
liturgisches Gefüge derart in Frage stellen, daß dann allein die Notbremse einer „Avantgarde der Tradition“
(Martin Mosebach) Form und Würde der Liturgie wiederherstellen kann.“
Ist liturgische Treue Rubrizismus?
Die Alte Liturgie handelt Hw. Hartmann im neokonservativ-altliberalen Stil unter der Rubrik „steril-geistloser
Meßrubrizismus“ ab.
Dann nimmt er Bezug auf drei Kritiken, die Hw. Rodheuth in seinem Artikel gegen
die Neue Messe vorgebracht hat:
• der faktische Verlust der gottbezogenen Zelebrationsrichtung
• die
Handkommunion
• das Aussterben der Kultsprache.
So tun, als ob man es nicht täte?Nur dem letzten
Punkt kann Hw. Hartmann „teilweise“ zustimmen. In seiner übrigen Kritik an Hw. Rodheudt bleibt er aber
an der Oberfläche:
„Wie kann ein Satz fallen, daß am Volksaltar »Zelebranten in ihr Publikum grinsen«,
und wie kann die Forderung erhoben werden, daß sich andächtige Kinder etwa beim Vater-unser-Gebet nicht
um den Altar stellen dürfen?“
Es ist aber eine Tatsache, daß jeder Priester, der zum Volk hin zelebriert,
das tut, um vom Volk gesehen zu werden und sich entsprechend auf das Volk einzustellen hat.
Die Hinwendung
zum Volk impliziert darum eine Abwendung vom Tabernakel und von Gott.
Hw. Hartmanns Lösung: „Wenn ein
Priester am Volksaltar – meinetwegen »versus populum« – die Eucharistie feiert, dann schaut er, wenn
die Augen nicht betend geschlossen sind, ins Meßbuch, auf die eucharistischen Gestalten oder auf das
auf dem Altar liegende Kreuz, aber doch nie in die Gesichter der in der Regel kniend betenden Gemeinde.“
Was der Autor offenbar nicht beachtet: Was für einen Sinn hat es, sich dem Volk hinzuwenden und dabei
so zu tun, als ob man es nicht täte?
Nicht wie im AbendmahlssaalIn diesem Zusammenhang verfällt der
Geistliche einer historischen Fehlinterpretation:
„Ist es denn so verwerflich, die Feier der Eucharistie
wie im Abendmahlsaal und in vielen Deutungen der christlichen Kunstgeschichte im Bild eines Kreises zu
sehen?“
In Wahrheit wurde das historische Abendmahl in einem nach vorne offenen Halbkreis liegend eingenommen.
Wenn dieses Argument gilt, ist liturgisch alles möglichHw. Hartmann benutzt auch Argumente des Typs:
„Ist es nicht auch »katholischer« und damit »umfassender«, den Möglichkeiten der Zelebrationsrichtung
ein »sowohl als auch« statt ein »entweder oder« zuzugestehen?“
Mit einem solchen Beweismuster kann
man freilich jeden kirchlichen Mißbrauch rechtfertigen.
Es ist auch intellektuell unredlich, wenn Hw.
Hartmann mit Verweis auf das 21. Kapitel des Johannesevangeliums erklärt:
„Und wenn die wahren Anbeter
Gott im Geist und in der Wahrheit und nicht auf einem bestimmten Berg oder in eine bestimmte Himmelsrichtung
hin anbeten, was ist dann in Wahrheit »gottbezogene Zelebrationsrichtung«?“
Die Antwort ist einfach –
jene, die von der liturgischen Tradition der Kirche vorgegeben wird.
Es sei denn, Hw. Hartmann will der
völligen liturgischen Beliebigkeit das Wort reden.
Ungebeichtete Ehrfurcht?Hw. Hartmann hat keine
Probleme, die Handkommunion – die inzwischen auch von Papst Benedikt XVI. in Frage gestellt wird – zu
rechtfertigen.
Dabei beschränkt er sich auf den subjektiven – und subjektiv schwer nachprüfbaren –
Aspekt im Empfangsmodus des Gläubigen und erklärt, daß die „allermeisten Gemeinden“ angeblich eine
„ehrfürchtig und gesammelt“ Art der Handkommunion praktizieren würden.
Das ist schon insofern eine
offenkundige Unwahrheit, als eine dramatische Disproportion zwischen den leeren Beichstühlen und dem
quasi obligatorischen Handkommunion-Gang bei jedem Meßbesuch besteht.
Ohne Beichte kann es keine „ehrfürchtige
und gesammelte“ Art des Kommunionempfanges geben.
Außerdem bleibt bei der Verteilung der Handkommunion
das schwere Problem der konsekrierten Partikel, die – vor allem bei den inzwischen verwendeten Brothostien –
vom Priester völlig sorglos durch die Gegend gewirbelt werden.
Gefahr des Esoterischen?Hw. Hartmann
nimmt es seinem Mitbruder auch übel, die Alte Messe und die lateinische Sprache als „letzte Reservate
des Numinosen“ zu zählen.
Er glaubt sogar, daß diese Aussage „die Gefahr des Esoterischen oder Hermetischen“
beinhalte.
Das wäre möglicherweise der Fall, wenn Hw. Rodheudt nicht von „letzten Reservaten“ gesprochen
hätten.
Im real existierenden Bewußtsein des heutigen Katholiken ist nicht der liturgische Esoterismus
die Gefahr, sondern dessen Gegenteil – die Verweltlichung und Verflachung.
Ausgerechnet die Kapelle von
RonchampIm Verlauf seiner Argumentationen verrät Hw. Hartmann immer offener seine altliberalen Vorlieben.
So verteidigt er die berüchtigte
Kapelle von Ronchamp des angeblich „großen Architekten“ Le Corbusier
(† 1965).
Das Bauwerk wurde im Jahr 1955 von Kunstbeauftragen des Erzbistums Paderborn begutachtet. Sie
stellten mit Besorgnis fest, „daß diese Kirche ein nicht zu überbietendes Beispiel von Neuerungssucht,
Willkür und Unordnung ist und den sakralen Charakter völlig vermissen“ läßt.
Der aus der Schweiz
stammende Le Corbusier war ein in eine protestantische Familie hineingeborener Atheist.
Ähnlich „banausenhaft“
kommt Hw. Hartmann manche Kritik am Meßbuch des angeblich „kunstsinnigen Papstes Paul Vl.“ daher.
Die
Neue Messe habe sich auch „in der Inszenierung für eine weltweite und multikulturell geprägte Kirche“
ästhetisch sehen lassen können.
Er verlange angeblich Treue und Gehorsam „genau wie alle andere Riten“ –
behauptet er, um sich sogleich zu widersprechen:
„Aber er ermöglicht eine größere Freiheit in der
Wahl der Gebete und in der Einbindung von Laien.“
Zuzustimmen ist Hw. Hartmann allerdings, wenn er erklärt,
daß der Neue Ritus vom Zelebranten eine größere Zelebrationskunst verlangt.
Das ist auch ein wichtiger
Grund, warum viele Priester – die meisten sind keine Choreographen oder Volksschauspieler – daran so kläglich
scheitern.
Von der Wirklichkeit eingeholte ThesenNach seiner heftigen Polemik gegen die liturgischen
Tradition der Kirche und die Alte Messe plädiert Hw. Hartmann überraschend für eine „geordnete Vielfalt
der anerkannten Riten“.
Für den lateinisch-römischen Bereich postuliert er ein „wohlwollendes und unpolemisches
gegenseitiges Geltenlassen der beiden Formen des einen römischen Ritus.“
Obwohl in der real-existierenden
Kirche das Gegenteil wahr ist, bezeichnet er die Neue Liturgie unbeirrt als angeblich „stärker missionarisch-zentrifugal“.
Sie sei dem Wesen des Christentums angeblich entsprechender als eine „mehr nach innen gerichtete traditionsgebunden-zentripedale
Form“, die angeblich „eher dem jüdischen Religionsverständnis korrespondiert“.
Diese Pauschalisierungen
haben eine ökumenische Schlagseite – denn sie werten auch die dem Alten Ritus eng verwandten Liturgien
des Ostens ab.
Hw. Hartmann wird auch erklären müssen, wie es möglich war, daß die Kirche der Alten
Messe so intensiv missionarisch war, während der evangelisatorische Impetus nach vierzig Jahren Neuer
Messe in der Kirche praktisch zusammengebrochen ist.
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