11:09:51 | Montag, 24. August 2009
„Die eingedampften Texte der Messe werden vom Priester gesprochen, der hinter dem Volksaltar den Gläubigen das Mysterium der Wandlung gleichsam vorspielt, wie der Zauberer auf dem berühmten Bild von Hieronymus Bosch seinen Kugeltrick den leichtgläubigen Gaffern.“
(kreuz.net) Am 16. August 1904 veröffentlichte der französische Schriftsteller Marcel Proust († 1922)
in der Pariser Tageszeitung ‘Figaro’ einen Artikel mit dem Titel „Der Tod der Kathedralen“.
Darin stellte
er sich der Frage: Wie gehen wir im Zeitalter von Entchristlichung und Antiklerikalismus mit den Kirchen
um? Proust bezog Partei für das religiöse Erbe.
Dazu veröffentlichte die deutsche Schriftstellerin
und Illustratorin Anita Albus (66) Anfang April in der ‘Frankfurter Allgemeinen Zeitung’ einen Aufsatz.
Proust wandte sich im ‘Figaro’ gegen die Zweckentfremdung von Kirchen und Kathedralen, wie sie das französische
Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat vorsah.
Das wäre noch schlimmer als ihre Zerstörung – erklärte
er.
Im Jahr 1899 hatte er begeistert das Buch „L’Art religieux du XIIIe siècle en France“ des Historikers
Emile Mâle († 1954) gelesen.
Darin erscheint die gotische Kathedrale als visuelle Summa der Scholastik,
als Heilige Schrift, Arithmetik und fixierte Musik und als Ganzes, das bis ins kleinste Detail von der
gleichen Symbolik beseelt ist wie die Liturgie, die sich in ihr vollzieht.
Besser
verwüsten als entfremdenDarum schrieb Proust in dem Artikel: „Wenn das Opfer von Christi Fleisch und
Blut nicht mehr in den Kirchen zelebriert wird, werden diese ohne Leben sein“.
Und weiter: „Es gibt heute
keinen Sozialisten von Geschmack, der die Verstümmelungen all der Statuen, die Zertrümmerung all der
Glasfenster, welche die Revolution unseren Kathedralen zugefügt hat, nicht beklagte.“
Dennoch glaubt
Proust, daß es immer noch besser ist, eine Kirche zu verwüsten, als sie ihrem Zweck zu entfremden:
„Solange man in ihr noch die Messe zelebriert, bewahrt sie, so verstümmelt sie auch sein mag, wenigstens
noch ein bißchen Leben.“
Doch am Tag ihrer Zweckentfremdung sei sie tot – „selbst wenn man sie als ein
historisches Denkmal vor anstößigen Zwecken schützt, ist sie nichts weiter als ein Museum.“
Frau Albus
stimmt dem Schriftsteller zu: „Jedes Wort, jede Zahl, jede Haltung, jede Geste, jede Gestalt und jedes
Ding von den fünf Weihrauchkörnern in der einen Osterkerze bis zu den Farben, Mustern und Teilen des
Priesterornats hat im traditionellen Ritus eine symbolische Bedeutung, die sich auf den Erlöser bezieht.“
Eine Bayreuther Wagner-Aufführung gibt neben der Zelebrierung des Hochamts in der Kathedrale von Chartres
recht wenig her – zitiert sie Proust.
Proust stellt die Schönheit der Messe der Vision einer künftigen
Welt ohne Glauben gegenüber, in der „Karawanen von Snobs“ der Ästhetik huldigen, indem sie einer nach
Jahrhunderten rekonstruierten Messe beiwohnen, die in den Kathedralen von Schauspielern aufgeführt wird.
Wie perfekt sie auch inszeniert wäre, vom Wesen ihrer Schönheit bliebe kein Hauch – weiß Proust.
Er betont, daß die Kathedralen „nicht nur die schönsten Denkmäler unserer Kunst sind, sondern zugleich
die einzigen, die noch ein ganzheitliches Leben führen, die im Zusammenhang mit dem Zweck verblieben
sind, zu dem sie geschaffen wurden“.
Das Erlöschen des Glaubens spiegelt sich in der Gestalt der Messe
Frau Albus erinnert daran, daß seit der Trennung von Kirche und Staat in Frankreich mehr als hundert
Jahre vergangen sind:
„In den seither vom Staat als historische Denkmäler erhaltenen großen Kathedralen
erklingen die sieben gregorianischen Töne nur noch aus den Audioguides am Ohr der »Museumsbesucher«.“
Das Erlöschen des Glaubens sieht Frau Albus nicht nur in den von vom Staat verwalteten, verwahrlosten
kleinen Kirchen auf dem Land, wo manche Pfarrer bis zu sechzig Gemeinden zu betreuen haben und wo, außer
bei Beerdigungen, nur noch Greise am Gottesdienst teilnehmen: „Es spiegelt sich auch in der Gestalt der
Messe.“
An die Stelle des gregorianischen Wechselgesangs von Priester, Schola und Kirchenvolk ist – so
Frau Albus – „ein eher an ältliche Schlager als an Sakralmusik erinnernder Singsang der Gemeinde getreten,
der von einem ihrer Mitglieder armeschwenkend vom Pult aus dirigiert wird.“
„Die eingedampften Texte
der Messe werden vom Priester gesprochen, der hinter dem Volksaltar den Gläubigen das Mysterium der Wandlung
gleichsam vorspielt, wie der Zauberer auf dem berühmten Bild von Hieronymus Bosch seinen Kugeltrick den
leichtgläubigen Gaffern.“
Verarmtes RitualFrau Albus zitiert den gottlosen französischen Anthropologen
Claude Lévi-Strauss (100). Im Jahr 1979 erwähnte er in einem Interview mit der Tageszeitung ‘La Croix’
ihn beunruhigende Vorgänge in der Kirche seit dem Konzil:
„Von außen gesehen scheint es mir, daß man
den religiösen Glauben – oder seine Ausübung – eines großen Teils jener Werte beraubt, die das Gefühl
ansprechen, das nicht weniger wichtig ist als die Vernunft.“
Ihm fiel eine Verarmung des Rituals auf:
„Ein Ethnologe hat vor dem Ritual stets den größten Respekt.“
Dieser Respekt sei um so größer, als
die Wurzeln des Rituals in ferner Vergangenheit liegen:
„Der Ethnologe sieht darin ein Mittel, bestimmte
Werte unmittelbar sichtbar zu machen; sie würden die Seele weniger unmittelbar berühren, wenn man versuchte,
sie mit rein rationalen Mitteln durchzusetzen.“
Keine Gesellschaft könne auf streng rationalen Grundlagen
ruhen: „Um zusammenleben zu können, brauchen die Menschen etwas mehr, ein Wertesystem, das für sie unanfechtbar
ist und ein lebendiges Band zwischen ihnen bildet.“
Jahrzehnte später wurde er von der von Jean-Paul
Sartre gegründeten Zeitschrift „Les Temps modernes“ auf die Beziehung zwischen der Welt der Toten und
jener der Lebenden in unserer Gesellschaft angesprochen.
Lévi-Strauss zitiert in seiner Antwort einen
Burgunder Landpfarrer, der ihm sagte, „daß den Franzosen als einzige Religion der Totenkult geblieben
ist“.
Dieser gelte aber nur den jüngst Verstorbenen.
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