19:43:57 | Sonntag, 6. September 2009
Zwischen Drinnen und Draußen: Vor lauter Maß scheinen die Benediktiner ins Mittelmaß gefallen zu sein. Von Rudolf Steinmetz.

Neues Buch von Abt Notker Wolf aus dem Herderverlag
(kreuz.net) Der oberste Benediktiner, Abtprimas Notker Wolf, residiert im Kloster Sant’Anselmo auf dem
römischen Hügel Aventin.
Er ist ein vielbeschäftigter Mann – nicht nur als global agierender Mönch,
Rockmusiker, Klostermanager oder Papstflüsterer, sondern auch als Dauergast in TV-Talkshows.
Kürzlich
hat er im Herder-Verlag das Buch „Gönn dir Zeit. Es ist dein Leben“ publiziert.
Der gelehrte Abt möge
uns einen Hinweis auf den italienischen Gelehrten Giambattista Vico († 1744) gestatten. Dieser rät in
seiner „Scienza Nuova“ stets den Ursprungspunkt einer Sache zu bedenken, um diese gut zu beurteilen.
Diesen Ursprungspunkt verorten wir im 13. Kapitel des neuen Buches des Abtprimas. Es trägt den Titel
„Ganz da sein – Kern der Meditation“.
Dort schreibt Abt Notker: „Gregor der Große bezeichnet die Kunst
des Mönchtums als bei sich wohnen können.“
Wir stutzen. Denn dieses „Habitare secum“ lautet bei Papst
Gregor im Original anders: „Das eben möchte ich sagen: Unser heiliger Mann [Benedikt] wohnte ganz in
sich selber, weil er allezeit wachsam auf sich achtete.“
Der Grundgedanke des Buches von Abtprimas Wolf
ist richtig: Um Zeit zu gewinnen muß man sich konzentrieren, statt sich zu zerstreuen.
Allerdings ist,
wer „bei“ sich wohnt, anders behaust, als wer „in“ sich wohnt. Der eine steht mit mancherlei Ablenkungen
neben sich, während der andere davon frei in sich integriert ist.
Meditation oder Kontemplation?Dann
plädiert der Abtprimas für die „Meditation“ als konzentrierende Übung des Mönches.
Wir stutzen wieder.
Auch davon steht beim Papst Gregor nichts – vielmehr von Gebet und Kontemplation. Denn die gegenstandslose
Meditation ist ein Begriff aus Buddhismus und Hinduismus.
Hingegen ist die abendländische Kontemplation
eine Versunkenheit in das Wort und das Werk Gottes. Hier geht es um zwei grundverschiedene Wissenstypen
spiritueller Erkenntnis.
Diese Diskrepanz wirft Fragen auf: Kann es sein, daß unser rastloser Pater
zu wenig Zeit zum Kontemplieren hat, und bei seinem Herumjetten daher lieber „meditiert“?
Liegt es daran,
daß Abtprimas Notker dem Kloster Sankt Ottilien bei München entstammt, jenem Zentrum der Missions-Benediktiner,
das spät im 19. Jahrhundert gegründet wurden und dem Grundsatz der Benediktus-Regel widerspricht, wonach
der Mönch sein Kloster zeitlebens nie mehr verlassen möge?
Wir kommen nicht umhin, den „Prinz“ – ein
Standardwerk über das frühe Mönchtum im Frankenreich – zu befragen.
Was machten die vorbenediktinischen
Mönche?Man erfährt dort, daß es schon vor Benedikt Klöster im Abendland gab – zum Beispiel die Schottenklöster
der iro-keltischen Mönche wie des Heiligen Kolumban, Magnus oder Gallus.
Im Machtpoker zwischen Karl
dem Großen und dem Papst wurden sie zurückgedrängt. Danach hatten die papsttreuen Benediktiner das
Monopol.
Die uralten Kloster-Regeln wurden demokratisch-modern. Ursprünglich ernannten die Äbte ihre
Nachfolger, wählten ihre Schüler – Novizen – aus, und blieben bis zum Tode im Amt.
Nach der Benediktiner-Regel
werden die Äbte mehrheitlich gewählt, und der Konvent wählt die Novizen aus. Inzwischen müssen Benediktineräbtei
sogar mit siebzig Jahren zurücktreten.
Diese Abweichungen haben ihre Folgen. Denn irgendwie plagt die
frommen Benediktiner das Gewissen. Sie wollten zurück zur Quelle, zu den altorientalischen Mönchsvätern
wie Antonius oder Pachomius, um so an das mystische Wissen der Altväter über Jesus zu gelangen.
In
der Ost-Kirche hat sich davon einiges im Hesychasmus bewahrt.
In der römisch-lateinischen Westkirche
entstanden Reformen – Cluny, Hiersau, Gorze – oder neue Orden wie etwa die Zisterzienser.
Das Ende der
GeschichteSoweit der Anfang der Geschichte. Das Ende steht in Bruder Notkers Buch. Er erinnert uns an
eine Geschichte des deutschen Schriftstellers Kurt Tucholsky († 1935).
Darin erfindet ein Mann ein eisernes
Bett. Wer sich hineinlegt, kann Zeit sparen, und sein Leben verlängern. Daraufhin kauften viele Leute
dieses Bett, und hatten ab sofort keine Zeit mehr. Denn sie lagen nur noch im Bett um Zeit zu sparen.
Aber schon bei Augustinus lernen wir über die Zeit, daß man das Leben nicht verlängern, sondern nur
vertiefen kann. Dann jedoch muß man „in“ sich selber zu Hause sein, um, gemäß Meister Eckhart, „zu
entwerden“.
Denn da, wo „ich“ nicht bin, da ist Gott. Und da hat man kaum Zeit für Weltliches.
Sufi-Meister
Ibn Arabi († 1240) fügt hinzu: Wer den Atem verliert, verliert die Sekunde, wer die Sekunde verliert,
der verliert die Stunde, wer die Stunde verliert, der verliert den Tag, und wer den Tag verliert, der
verliert sein Leben.
Auch Notker der Stammler von Sankt Gallen, ein Gelehrter und Dichter der karolingischen
Zeit, war einst in Zeitnot.
Der Benediktiner und Autor des berühmten Antiphon „Media vita in morte sumus“
befragte den Heiligen Gallus an dessen Grablege, was er tun könnte, um in sich selber zu wohnen. „Nimm
Ambra“, riet ihm der keltische Meister, das heißt gehe in den Bauch des Walfisches und wandle dich.
Solch brauchbare Weisheiten waren einst Schwerpunkt des Herder-Verlages.
Als Johann Gottfried Herder
1770 im Straßburger Gasthof „Zum Geist“ den jungen Johann Wolfgang von Goethe traf, schwang Herder gehörig
die Zuchtrute, um seinem still zuhörenden Zögling die Tändeleien auszutreiben.
So einen wünscht man
sich heutzutage zurück.
Abtprimas Notker Wolf, Gönn dir Zeit. Es ist dein Leben. Gebunden mit Schutzumschlag,
159 Seiten, EUR 14,95 ISBN 978-3-451-30187-2 Herder-Verlag, Freiburg 2009.
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