10:54:30 | Donnerstag, 8. Oktober 2009
Vernünftige Kirchenmänner überlassen ihr Urteil über eine Streitfrage jenen katholischen Hirten, die der Kontroverse am nächsten stehen.

Erzbischof Charles J. Chaput (65) von Denver
(kreuz.net)
Erzbischof Charles J. Chaput (65) von Denver im US-Bundesstaat Colorado hat den emeritierten
Kurienkardinal Georges Cottier mit deutlichen Worten zurechtgewiesen.
In einem Artikel für die rechtsgerichtete
italienische Tageszeitung ‘Il Foglio’ kritisierte er am 6. Oktober die Juli-Stellungnahme des Kardinals
zum US-amerikanischen Blut- und Homo-Präsidenten Barack Obama.
Kardinal Cottier hatte sich in enthusiastischen
Tönen über die umstrittene Rede geäußert, die Obama an der katholischen US-Universität Notre Dame
hielt.
Er behauptete, daß Obamas Ansichten in vielem mit der katholischen Lehre übereinstimmten. Sogar
auf dem Gebiet der Kinderabschlachtung unterstellte der Kardinal dem Präsidenten gute Absichten.
Hier
die Antwort von Mons. Chaput:Politik, Moral und ein Präsident: eine amerikanische PerspektiveEine
der Stärken der Kirche ist ihre globale Perspektive. In diesem Licht ist der jüngste
Artikel von Kardinal
Georges Cottier über US-Präsident Barack Obama („Politik, Moral und Erbsünde“ in der Zeitschrift ‘30
Tage’) ein wertvoller Beitrag zu einer katholischen Diskussion über den US-Präsidenten.
Der Glaube
verbindet uns über Staatsgrenzen hinweg. Was in einer Nation geschieht, kann einen Einfluß auf viele
andere Nationen haben. Es ist nicht nur angemessen, sondern auch willkommen, daß sich die Welt eine Meinung
über der US-Präsidenten bildet.
Dennoch lebt und wählt die Welt nicht in den Vereinigten Staaten –
das tun die Amerikaner. Die pastoralen Wirklichkeiten eines Land sind am besten den Ortsbischöfen bekannt,
die dort ihre Herde weiden.
Darum haben die Überlegungen eines US-Bischofs über den Präsidenten Amerikas
einen gewissen Wert. Sie können die Ansichten des guten Kardinals bereichern, indem sie eine unterschiedliche
Perspektive anbieten.
Man beachte hierbei, daß ich hier nur für mich rede. Ich spreche nicht für die
US-Bischöfe als eine Körperschaft oder für sonst einen anderen individuellen Bischof.
Ich werde auch
nicht auf die Rede von Präsident Obama an die islamische Welt eingehen, die Kardinal Cottier in seinem
Artikel erwähnt. Das würde eine getrennte Diskussion verlangen.
Ich möchte mich auf die Rede des Präsidenten
zur Abschlußfeier an der University of Notre Dame konzentrieren und auf Kardinal Cottiers Kommentare
über das Denken des Präsidenten. Ich habe zwei Gründe, das zu tun.
Zunächst gehören Menschen aus
meiner Diözese als Studenten, Absolventen oder Eltern zur Gemeinschaft von Notre Dame. Jeder Bischof
hat Anteil am Glauben der Menschen, die seiner Sorge unterstellt sind.
Notre Dame war nie nur eine örtliche
katholische Universität. Sie ist ein Abbild des Lebens der US-Katholiken.
Zweitens. Wenn der Ortsbischof
von Notre Dame mit dem Auftritt eines Redners an der Universität so ausdrücklich nicht einverstanden
ist und ihn weitere achtzig Bischof und 300.000 Laien im ganzen Land öffentlich unterstützen, dann müssen
vernünftige Menschen daraus schließen, daß mit dem Sprecher ein wirkliches Problem besteht – oder zumindest
mit seinem Auftritt an dem in Frage stehenden Ereignis.
Vernünftige Menschen würden darum das Urteil
über den Sachverhalt jenen katholischen Hirten überlassen, die der Kontroverse am nächsten stehen.
Bedauerlicherweise und wohl ohne Absicht unterschätzt Kardinal Cottiers Artikel die Bedeutung dessen,
was in Notre Dame geschah.
Er überschätzt auch Präsident Obamas Übereinstimmung mit der katholischen
Lehre. Hier muß an verschiedene Grundgegebenheiten erinnert werden.
Zunächst hat der Widerstand gegen
Präsident Obamas Auftritt in Notre Dame nichts damit zu tun, ob er ein guter oder schlechter Mensch ist.
Obama hat offensichtlich viele Talente. Er besitzt viele gute moralische und politische Instinkte und
eine bewundernswerte Hingabe an seine Familie. Diese Dinge sind von Bedeutung.
Doch leider gibt es auch
das folgende: Die Ansichten dieses Präsidenten über vitale bioethische Fragen – einschließlich der
Kinderabtreibung, aber nicht nur ihr – unterscheiden sich scharf von der katholischen Lehre. Darum wurde
Obama über viele Jahr so massiv von wichtigen Abtreibungs-Organisationen unterstützt.
In gewissen religiösen
Kreisen macht man viel Aufhebens um die Sympathien des Präsidenten für die katholische Soziallehre.
Aber die Verteidigung des ungeborenen Kindes ist auch eine Forderung der sozialen Gerechtigkeit. Gute
Initiativen für die Armen sind lebenswichtig. Aber sie können nicht als Entschuldigung für grundlegende
Verletzungen der Menschenrechte herhalten.
Zweitens. In einem anderen Augenblick und unter anderen Umständen
wäre der Konflikt in Notre Dame vielleicht vom Tisch gewesen, wenn die Universität den Präsidenten
einfach gebeten hätte, einen Vortrag oder eine Ansprache zu halten.
Doch nachdem die US-Bischöfe gemeinsam
bereits starke Bedenken über die Abtreibungspolitik der neuen Regierung erhoben hatten, machte Notre
Dame den Präsidenten nicht nur zum wichtigsten Anwesenden an der Abschlußfeier. Die Universität gab
ihm auch ein Ehrendoktorat in Rechtswissenschaft – trotz seiner zutiefst verwirrenden Ansichten über
das Abtreibungsgesetz und ähnliche soziale Fragen.
Die wirkliche Quelle der katholischen Frustration
mit dem Auftritt von Präsident Obama in Notre Dame war sein offen negatives öffentliches Abstimmungsverhalten
und seine Ansichten über die Abtreibung und andere problematische Fragen.
Dadurch ignorierte und verletzte
Notre Dame die Leitlinien der US-Bischofe in dem Dokument „Katholiken im politischen Leben“ aus dem Jahr
2004.
In diesem Text verlangen die Bischöfe von katholischen Institutionen, auf die Ehrung öffentlicher
Amtsträger zu verzichten, die mit der katholischen Lehre in bedeutenden Angelegenheiten nicht übereinstimmen.
Darum ging in den heißen Debatten, die in katholischen Kreisen der USA im Zusammenhang mit der Ehrung
Obamas in Notre Dame geführt wurden, nicht um Parteipolitik.
Aufgrund der Ansichten Obamas ging es um
ernsthafte Fragen des katholischen Glaubens, der katholischen Identität und des katholischen Zeugnisses.
Das hat Kardinal Cottier, der außerhalb des US-amerikanischen Kontextes schrieb, wohl nicht ganz verstanden.
Drittens. Der Kardinal erwähnt klugerweise Kontaktpunkte zwischen Präsident Obamas häufig erwähnter
Suche nach „gemeinsamen politischen Grundlagen“ und dem katholischen Nachdruck auf das „Bonum Commune“.
Diese beiden Ziele können in der Tat häufig übereinstimmen. Aber sie sind nicht das gleiche. In der
Praxis können sie sich auch scharf unterscheiden.
Abtreibungsgesetze auf der Basis „gemeinsamer politischer
Grundlagen“ können sogar das Bonum Commune angreifen, weil sie eine falsche Einheit implizieren. Sie
produzieren eine Art öffentlicher Übereinstimmung, die zu eng und schwach ist, um das Gewicht eines
echten moralischen Konsenses zu tragen.
Dem Bonum Commune ist niemals gedient, wenn man – beginnend mit
den Ungeborenen – die Tötung des Schwachen toleriert.
Viertens. Kardinal Cottier erinnert seine Leser
richtigerweise an den gegenseitigen Respekt und den Geist der Zusammenarbeit, der von den Bürgern in
einer pluralistischen Demokratie gefordert wird.
Aber Pluralismus ist nie ein Ziel in sich selber. Er
ist nie eine Entschuldigung für Passivität. Präsident Obama gestand in Notre Dame ein, daß die gesunde
Demokratie auf überzeugte Menschen angewiesen ist, die in der Öffentlichkeit für ihre Ansichten hart
kämpfen – friedlich, legal aber mit Energie und ohne sich zu entschuldigen.
Leider fügte der Präsident
auch an, daß „die letzte Ironie des Glauben darin besteht, daß er notwendigerweise den Zweifel zuläßt“.
„Dieser Zweifel sollte uns nicht von unserem Glauben entfernen. Aber er sollte uns demütig machen.“
Das ist, in gewisser Weise, wahr: In dieser Welt ist der Zweifel ein Teil des menschlichen Dilemmas.
Aber der Zweifel ist die Abwesenheit von etwas. Er ist kein positiver Wert.
Insofern er die Gläubigen
daran hindert, den Anforderungen des Glaubens zu entsprechen, ist der Zweifel eine fatale Schwäche.
Die Haltung des Zweifelns paßt auf eine allzu komfortable Weise zu einer gewissen Variante des „getauften
Unglaubens“ und einer Art des Christentums, das nur wenig mehr ist als eine vage Stammesloyalität, die
es erlaubt, schöne fromme Worte zu machen.
In der jüngeren amerikanischen Erfahrung wurden Pluralismus
und Zweifel zu oft als Alibis für die moralische und politische Lethargie der Katholiken verwendet. Vielleicht
ist das in Europa anders.
Im übrigen würde ich meine, daß der gegenwärtige historische Augenblick –
der europäischen und amerikanischen Katholiken gemeinsam ist – weit von den sozialen Umständen entfernt
ist, vor denen die christlichen Gesetzgebern des Altertums standen, die der Kardinal in seinem Artikel
erwähnt.
Diese hatten den Glauben und den mit Geduld und Intelligenz gemäßigten Eifer, um den moralischen
Inhalt ihres Glaubens in die Kultur einfließen zu lassen.
Mit anderen Worten: Sie schufen eine Zivilisation,
die vom christlichen Glauben geprägt war. Heute geschieht etwas ganz anderes.
Kardinal Cottiers Artikel
ist ein Zeuge für seine großzügige Geisteshaltung.
Ich war besonders betroffen von seinem Lob auf
Präsident Obamas „demütigen Realismus“. Ich hoffe, daß der Kardinal Recht hat. Amerikanische Katholiken
wünschen sich, daß er Recht hat.
Demut und Realismus sind der Boden, auf dem der gesunde Menschenverstand
und eine bescheidene, menschliche und moralische Politik wachsen können.
Ob Präsident Obama eine solche
Politik bieten kann, bleibt abzuwarten.
Wir sind verpflichtet, für ihn zu beten – damit er dazu in der
Lage ist und es auch tut.
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