Montag, 8. Oktober 2007 02:29
Seraphim †: Zwei Ritter und ein Drachen von Uri Avnery
Zwei Ritter und ein Drachen
von Uri Avnery
06.10.2007 – uri-avnery.de / ZNet Deutschland
Zwei Ritter und ein Drachen
von Uri Avnery
06.10.2007 – uri-avnery.de / ZNet Deutschland
ES GIBT BÜCHER, die das Bewusstsein der Menschen und die Geschichte verändern. Einige darunter erzählen eine Geschichte, wie Harriet Beech Stowe’s 1851 erschienenes Buch „Onkel Toms Hütte“, das der Kampagne für die Abschaffung der Sklaverei eine enorme Antriebskraft freisetzte. Sie können auch die Form einer politischen Abhandlung annehmen wie Theodor Herzls Buch „Der Judenstaat“, das die zionistische Bewegung entstehen ließ. Oder sie können wissenschaftlicher Natur sein wie Charles Darwins Buch „Über den Ursprung der Arten“, das die Art und Weise, wie sich die Menschheit selbst sieht, verändert hat. Und vielleicht auch die politische Satire, die die Welt erschüttern kann, wie „1984“ von George Orwell.

Die Wirkung dieser Bücher ist durch den Zeitpunkt ihrer Erscheinung verstärkt worden. Sie erschienen genau im richtigen Moment, als ein großes Publikum bereit war, ihre Botschaft aufzunehmen.

Es kann sehr gut sein, dass das Buch der beiden Professoren John Mearsheimer und Stephen Walt „Die Israel-Lobby und die US-Außenpolitik“ genau so ein Buch ist.

Es ist eine trockene, wissenschaftliche Forschungsarbeit mit einem Umfang von 355 Seiten und weiteren 106 Seiten mit ca. 1000 Quellenangaben.

Es ist kein streitsüchtiges Buch. Im Gegenteil – sein Stil ist zurückhaltend und sachlich. Die Autoren geben sich große Mühe, nicht einen einzigen negativen Kommentar über die Legitimität der Lobby zu äußern. Tatsächlich betonen sie bei jeder Gelegenheit ihre Unterstützung für die Existenz und Sicherheit Israels. Sie lassen die Fakten für sich selbst sprechen. Mit der Geschicklichkeit erfahrener Maurer legen sie systematisch einen Ziegel auf den anderen, Reihe um Reihe. In ihrer Argumentation lassen sie keine Lücke.

Diese so entstandene Mauer kann nicht durch vernünftige Argumente eingerissen werden. Keiner hat es versucht. Stattdessen werden die Autoren verunglimpft und unlautere Motive werden ihnen untergeschoben. Wenn das Buch hätte ignoriert werden können, dann hätte man es getan – wie es bereits mit anderen Büchern geschehen ist, die lebendig begraben wurden.

(Vor ein paar Jahren erschien in Russland ein dicker Band von Alexander Solschenizyn, dem bekannten Literaturnobelpreisträger, über Russland und seine Juden . Dieses Buch mit dem Titel „200 Jahre zusammen“ wurde fast vollkommen ignoriert. So weit ich weiß, ist es nur ins Deutsche (*) übersetzt worden, aber nicht ins Hebräische. Ich fragte mehrere führende Intellektuelle Israels, aber keiner hat je etwas von diesem Buch gehört. Es erschien auch nicht auf der Liste von Amazon.com, die alle anderen Bücher des Autors aufführt.) *) „Zweihundert Jahre zusammen, die russisch-jüdische Geschichte 1795 – 1916, Verlag Weltbild, 2002

DIE BEIDEN Professoren packen den Stier bei den Hörnern. Sie befassten sich mit einem Thema, das in den USA ein absolutes Tabu ist – einem Thema, das keiner, der noch ganz bei Trost ist, auch nur erwähnt: den immensen Einfluss der Pro-Israel-Lobby auf die amerikanische Außenpolitik.

In einer erbarmungslos systematischen Weise analysiert das Buch die Lobby, nimmt sie aus einander, beschreibt ihren Modus operandi, enthüllt ihre finanziellen Quellen und deckt ihre Beziehungen zum Weißen Haus, den beiden Häusern des Kongresses, zu den Führern der beiden größeren Parteien und zu führenden Medienleuten auf.

Die Autoren stellen die Legitimität der Lobby nicht in Frage. Im Gegenteil, sie zeigen, dass Hunderte von Lobbys dieser Art eine wesentliche Rolle im amerikanischen demokratischen System spielen. Die Waffenlobby und die medizinische Lobby sind z.B. auch sehr mächtige politische Kräfte. Aber die Pro-Israel-Lobby ist überproportional angewachsen, ihre politische Macht ist ohnegleichen. Sie kann im Kongress und in den Medien alle Kritik an Israel zum Schweigen bringen; den politischen Niedergang von jedem veranlassen, der es wagt, das Tabu zu brechen; und jede Handlung unterbinden, die nicht mit der israelischen Regierung konform geht .

Im zweiten Teil zeigt das Buch, wie die Lobby ihre gewaltige Macht in die Praxis umsetzt: wie sie jeden Druck auf Israel, mit den Palästinensern Frieden zu machen, verhindert; wie sie die USA in die Invasion in den Irak getrieben hat,; wie sie jetzt zu Kriegen mit dem Iran und Syrien antreibt; wie sie die israelische Führung im letzten Libanonkrieg unterstützte und Aufrufe für eine Feuerpause blockierte, als sie dies nicht wollte.

Jede dieser Behauptungen ist von so vielen unleugbaren Beweisen und schriftlichen Zitaten gestützt – die meisten aus israelischen Quellen – die nicht ignoriert werden können.

DIE MEISTEN dieser Enthüllungen sind für die in Israel, die sich mit dieser Materie (schon lange) befassen, nichts Neues.

Ich könnte diesem Buch selbst noch ein ganzes Kapitel auf Grund eigener Erfahrungen hinzufügen.

In den späten 50ern besuchte ich die USA das erste Mal. Eine bedeutende Radiostation in New York lud mich zu einem Interview ein. Später warnten sie mich: „Sie können sehr wohl den Präsidenten (Dwight Eisenhower) und den Außenminister (John Foster Dulles) nach Herzenslust kritisieren, aber, bitte, keinen israelischen Führer!“ Im letzten Augenblick wurde das Interview ganz gestrichen, und der irakische Botschafter wurde stattdessen eingeladen. Anscheinend war Kritik passabel, wenn sie von einem Araber kam, aber keineswegs, wenn sie von einem Israeli stammte.

1970 lud mich die geachtete amerikanische „Gesellschaft für Versöhnung“ ein, um an 30 Universitäten unter der Schirmherrschaft von Hillel-Rabbinern einen Vortrag zu halten. Als ich in New York ankam, wurde ich davon unterrichtet, dass 29 der 30 Vorlesungen gestrichen wurden. Der einzige Rabbiner, der den Vortrag nicht ausfallen ließ, Balfour Brinkmann, zeigte mir eine geheime Mitteilung der „Anti-Defamation-Ligue“, in der meine Vortragsreihe geächtet wurde. Darin hieß es: „Während Knessetmitglied Avnery nicht als Verräter angesehen werden kann, würde sein Erscheinen zu diesem Zeitpunkt Anlass zu Kontroversen geben …“ Schließlich wurden alle Vorlesungen unter der Schirmherrschaft von christlichen Geistlichen gehalten.

Ich erinnere mich besonders an ein deprimierendes Erlebnis in Baltimore. Ein guter Jude, der freiwillig mein Gastgeber war, war über die Streichung meines Vortrages in dieser Stadt verärgert und bestand hartnäckig darauf, dass er gehalten werde. Wir durchkämmten die Straßen des jüdischen Viertels – Meile um Meile Schilder mit jüdischen Namen – und fanden keinen einzigen Raum, dessen Besitzer mit dem Vortrag dieses israelischen Knessetmitgliedes einverstanden gewesen wäre. Am Ende hielt ich den Vortrag im Souterrain des Gebäudes, in dem die Wohnung meines Gastgebers lag – und Funktionäre der jüdischen Gemeinde kamen, um zu protestieren.

In jenem Jahr während des Schwarzen Septembers, hielt ich unter der Schirmherrschaft der Quäker eine Pressekonferenz in Washington DC. Es schien wie ein riesiger Erfolg. Die Journalisten kamen direkt von einer Pressekonferenz mit Ministerpräsidentin Golda Meir und überschütteten mich mit Fragen. Fast alle wichtigen Medienvertreter waren anwesend, TV-Netzwerke, Radio, die größeren Zeitungen. Nach der geplanten Stunde ließ man mich nicht gehen und hielt mich noch weitere anderthalb Stunden auf. Aber am nächsten Tag erschien nicht ein einziges Wort in irgendeinem Medienorgan. 31 Jahre später im Oktober 2001 hielt ich eine Pressekonferenz auf dem Kapitol-Hügel in Washington – und es geschah genau dasselbe: viele Medien waren anwesend, sie hielten mich wieder eine weitere Stunde fest – und kein Wort, kein einziges Wort wurde veröffentlicht.

1968 veröffentliche ein anerkannter amerikanischer Verlag (Macmillan) ein Buch von mir:

„Israel ohne Zionisten“. Es wurde später in acht Sprachen übersetzt. Das Buch beschrieb den israelisch-arabischen Konflikt in einer völlig anderen Weise als sonst: es schlug die Errichtung eines palästinensischen Staates neben Israel vor – damals eine revolutionäre Idee. Es kam keine einzige Buchbesprechung in den amerikanischen Medien. Ich suchte in einem der größten Buchläden New Yorks nach dem Buch und fand es nicht. Als ich einen Verkäufer fragte, fand er ein Exemplar unter einem Stapel von Büchern und legte es oben drauf. Nach einer halben Stunde war es wieder versteckt.

Das Buch befasst sich mit der „Zwei Staaten – zwei Völker“-Lösung lange bevor es zum weltweiten Konsens wurde – und mit meinem Vorschlag für Israels Integration in die „semitische Region“. Es stimmt, ich bin ein israelischer Patriot und wurde von israelischen Wählern in die Knesset gewählt. Aber ich kritisierte die israelische Regierung – das genügte.

DAS BUCH der beiden Professoren, die die israelische Regierung aus einem anderen Gesichtswinkel kritisieren, kann nicht mehr begraben werden. Diese Tatsache allein spricht schon Bände.

Das Buch gründet sich auf einem Aufsatz der beiden, der letztes Jahr in einer englischen Zeitschrift erschienen ist, nachdem keine amerikanische Veröffentlichung es gewagt hatte, ihn zu publizieren. Nun hat ein amerikanischer Verlag es veröffentlicht. Das ist schon ein Anzeichen dafür, dass sich etwas tut. Die Situation hat sich nicht verändert, aber es scheint so, als es ob nun möglich sei, darüber zu reden.

Alles hängt vom richtigen Zeitpunkt ab – und nun scheint die Zeit für solch ein Buch reif zu sein, das viele gute Leute in Amerika schockieren wird. Es verursacht nun einen Aufruhr.

Die beiden Professoren werden natürlich des Antisemitismus’, des Rassismus’ und des Hasses gegen Israel angeklagt. Hass auf Israel ? Es ist die Lobby selbst, die einen großen Teil Israels hasst. Während der letzten Jahre driftete sie sogar immer weiter nach rechts ab. Einige seiner Wählergruppen – wie die Neo-Cons, die die USA in den Irak-Krieg trieben – sind offen mit dem rechten Flügel des Likud verbunden und besonders mit Binyamin Netanyahu. Die Milliardäre, die die Lobby finanzieren, sind dieselben Leute, die auch die extreme israelische Rechte finanzieren – und vor allem die Siedler.

Die kleinen entschlossenen jüdischen Gruppen in den USA, die die israelischen Friedensgruppen unterstützen, werden unbarmherzig verfolgt. Einige von ihnen haben nach ein paar Jahren aufgegeben. Mitglieder von israelischen Friedensgruppen, die nach Amerika gesandt werden, werden boykottiert und als „selbst-hassende Juden“ verleumdet.

Die politischen Ansichten der beiden Professoren, die am Ende des Buches kurz dargestellt werden, stimmen mit dem Standpunkt der israelischen Friedenskräfte überein: die Zwei-Staaten-Lösung, Ende der Besatzung, Grenzen, die auf der Grünen Linie basieren, und eine internationale Unterstützung für ein Friedensabkommen.

Wenn dies Antisemitismus ist, dann sind wir hier alle Antisemiten. Und nur die christlichen Zionisten – diejenigen, die offen die Rückkehr der Juden in dieses Land fordern (heimlich aber die Vernichtung derjenigen Juden prophezeien, die sich nicht vor der Wiederkunft Jesu Christi bekehren) – sie sind die wirklichen Liebhaber Zions.

AUCH WENN kein einziges schlechtes Wort über die Pro-Israel-Lobby in den USA geäußert werden kann, so ist sie deshalb keine Geheimgesellschaft, die eine Verschwörung ausbrütet, wie die „Protokolle der Weisen zu Zion“ es suggerieren. Im Gegenteil, AIPAC, die „Liga gegen Diffamierung“, die „Zionistic Federation“ und die anderen Organisationen rühmen sich lautstark ihrer Aktionen und prahlen öffentlich mit ihren unglaublichen Erfolgen.

Natürlich wetteifern die verschiedenen Teile der Lobby: wer hat den größten Einfluss im Weißen Haus; wer jagt den meisten Senatoren Schrecken ein; wer kontrolliert mehr Journalisten und Kommentatoren? Dieser Wettbewerb verursacht eine ständige Eskalation – weil jeder Erfolg der einen Gruppe die andere Gruppe anspornt, ihre Bemühungen zu verdoppeln.

Dies könnte sehr gefährlich werden. Ein Ballon, der monströse Dimensionen angenommen hat, kann eines Tages den amerikanischen Juden direkt ins Gesicht klatschen (die nach Umfragen – übrigens – gegen viele Ansichten der Lobby sind, die behauptet, in ihrem Namen zu sprechen).

Der größte Teil der amerikanischen Öffentlichkeit ist jetzt gegen den Irak-Krieg und sieht ihn als Katastrophe an. Diese Mehrheit verbindet den Krieg noch nicht mit den Aktionen der Pro-Israel-Lobby. Keine Zeitung und kein Politiker wagt es, auf solch eine Verbindung hinzudeuten – noch nicht. Aber wenn dieses Tabu erst einmal gebrochen wird, dann können die Folgen für die Juden und für Israel verheerend sein.

Unter der Oberfläche sammelt sich gegen die Lobby einiger Zorn an. Die Präsidentschaftskandidaten, die gezwungen werden, vor der AIPAC zu kriechen, die Senatoren und Kongressleute, die die Sklaven der Lobby geworden sind, die Medienleute , denen es verboten ist, das zu schreiben, was sie wirklich denken – all diese verachten die Lobby. Wenn dieser Zorn sich entlädt, kann er bei uns Schaden anrichten.

Diese Lobby ist wie ein Golem geworden. Und wie in der Golem-Legende wird auch sie eines Tages Verderben über ihren Schöpfer bringen.

WENN ES MIR erlaubt ist, selbst einige Kritik zu üben:

Als der ursprüngliche Artikel der beiden Professoren erschien, behauptete ich, dass „der Schwanz mit dem Hund wedelt und der Hund mit dem Schwanz.“ Der Schwanz ist natürlich Israel.

Die beiden Professoren bestätigen den ersten Teil der Gleichsetzung, aber leugnen energisch den zweiten Teil. Die zentrale These des Buches ist, dass der Druck der Lobby die USA dazu zwingt, gegen die eigenen Interessen zu handeln (und auf die Dauer auch gegen die wahren Interessen Israels). Sie akzeptierten jedoch nicht meine im Buch zitierte Behauptung, dass Israel im Libanon wie „Amerikas Rottweiler“ (gegenüber der Hisbollahs als Irans Dobermann) handelte.

Ich stimme darin mit den Autoren überein, dass die USA gegen ihre eigenen wahren Interessen handelt (und auch gegen die wahren Interessen Israels) – aber die amerikanische Regierung sieht dies nicht. Bush und seine Leute glauben, dass sogar ohne den Beitrag der Lobby es für die US vorteilhaft sei, eine permanente amerikanische Militärpräsenz in der Mitte der Region mit ihren großen Ölressourcen zu errichten. Meiner Ansicht nach waren diese eines der Hauptziele des Krieges, und gleichzeitig einen von Israels gefährlichsten Feinden zu beseitigen. Leider befasst sich das Buch sehr kurz mit diesem Problem.

Dies vermindert in keiner Weise meine tiefe Bewunderung für die intellektuellen Qualitäten, die Integrität und den Mut von Mearsheimer und Walt, zwei Rittern, die wie St. Georg hinausstürmen, um dem furchtbaren Drachen gegenüber zu treten.

Orginalartikel: Dieser Artikel ist NICHT bei www.zmag.org erschienen!
Übersetzt von: Ellen Rohlfs und Christoph Glanz

Teil I: Revolution in greifbarer Nähe
Chomsky-Interview mit Eva Golinger
von Noam Chomsky
04.10.2007 – Venezuelanalysis.com / ZNet
Eva: Ich habe ein Zitat von Ihnen gelesen. Darin heißt es, Macht sei solange illegitim, wie sie ihre Legitimität nicht beweise. In Venezuela befinden wir uns in einem Verfassungsreformprozess. Die Verfassung wird der ‘Volksmacht’ (People’s Power) Verfassungsrang einräumen. Die Volksmacht wird sogar höher stehen als die übrigen Staatsgewalten – Exekutive, Legislative und Judikative. Daneben gibt es in Venezuela noch das Wahlrecht und die zivile Macht (citizen power). Ist das nicht ein Beispiel für legitime Macht? Für Volksmacht? Müsste man auf diesem Hintergrund ‘Macht’ nicht neu bewerten? Und könnte dies das Antlitz Lateinamerikas nicht verändern – angesichts der Tatsache, dass die Bolivarische Revolution einen so großen Einfluss auf die übrigen Staaten der Region hat?

Chomsky: Sie sagen zurecht „könnte“. Das ist hier das richtige Wort. Es könnte passieren – ja – aber das hängt von der Umsetzung ab. Im Prinzip handelt es sich um ein sehr starkes, überzeugendes Konzept, so scheint es. Aber wie immer hängt alles von der Art der Umsetzung ab. Falls es wirklich eine authentische Volksbeteiligung bei den Entscheidungsfindungsprozessen und der freien Assoziation der Gemeinden geben wird, yeah, das wäre etwas ungeheuer Bedeutsames. Im Grunde wäre es das traditionelle anarchistische Ideal. Das einzige Mal, dass dieses Ideal verwirklicht wurde – für circa ein Jahr – war 1936 in Spanien (während des Spanischen Bürgerkriegs – Anmerkung d. Übersetzerin), bevor es von außen zerstört wurde und zwar von allen Kräften, die von außen einwirkten. Das stalinistische Russland, Hitler in Deutschland, Mussolinis Faschismus und die westlichen Demokratien kooperierten bei dessen Zerstörung. Sie fürchteten sich davor. Was Sie hier beschreiben, ist etwas Vergleichbares. Wenn es funktioniert und überlebt und die Macht tatsächlich auf die Partizipanten und ihre Gemeinden verteilt/überträgt, wäre das etwas extrem Bedeutsames.

Was halten Sie davon: Ist es nur eine idealistische Vorstellung, oder wird es sich tatsächlich manifestieren?

Ich glaube, es ist möglich. Im Normalfall wird es (etwas Derartiges) allerdings durch Gewalt von außen zerstört, weil man es für so gefährlich hält…

Aber im vorliegenden Fall (Venezuela) ist es doch die Regierung, die es fördert? Der Staat fördert es, oder?

Das wird zur entscheidenden Frage werden: Kommt es vom Staat oder tatsächlich vom Volk? Nun, der Staat kann es vielleicht initiieren, aber die Energie muss von der Bevölkerung kommen, sonst wird das Ganze vermutlich in irgendein dirigistisches Oben-Unten-Schema abgleiten. Das ist die eigentliche Frage. Der Grund, weshalb es in Spanien 1936 zu einem sehr substanziellen Erfolg kam, ist der, dass die Sache äußerst populär war. In Venezuela ist die Situation anders.

In Spanien hatte die anarchistische Tradition sehr tiefe Wurzeln. 50 Jahre gab es Versuche, gab es Bildung und Anstrengungen – die wieder zunichte gemacht wurden. Was ich damit sagen will, es war in den Köpfen der Leute verankert. Als die Gelegenheit kam, entwickelten sie, was schon längst in ihren Köpfen war, was sie schon oft umzusetzen versucht hatten. Es war nicht spontan, sondern eine Folge jahrzehntelanger Organisierung, Bildung und Aktivität vor Ort. Die Situation in Venezuela ist eine andere. Hier geht die Initiative von Oben aus. Die Frage ist, kann dies zu einer direkten Volksbeteiligung, zu Volksinnovation, Volksenergie usw. führen? Es ist wirklich ein historisches Experiment. Ich kenne die Antwort nicht.

Ich denke, es ist eine Mischung. Der Grund, weshalb der Staatsstreich gegen Chávez damals misslang, war die Macht des Volkes…

Stimmt.

Sie war unstrukturiert und äußerst spontan. Also will man das Ganze jetzt in eine Struktur gießen – diese Idee steckt dahinter. Aus anarchistischer Sicht stelle ich mir allerdings die Frage, ob eine so strukturierte Macht nicht…

… abheben wird.

… oder korrumpiert oder illegitim wird? Oder ob sie abhebt, ja.

Abhebt… Aus diesem Grunde ist der Vergleich mit Spanien auch so interessant. Damals kam alles von Unten und nichts von Oben. Es war da, weil die Leute jahrzehntelang dazu gestanden hatten, sie hatten es organisiert, ausprobiert usw… Es gab sie – die lebendige anarchistische Tradition. Im Grunde gibt es auch in Lateinamerika eine lebendige anarchistische Tradition. Sie wurde nur immer wieder zerstört – in Mexiko, Argentinien, Chile, überall – zufällig habe ich dort auf dem Tisch ein Buch über die Geschichte des Anarchismus in Chile liegen. Sie ist nicht allzu bekannt, aber sie hat – im Verborgenen – durchaus existiert. Ich denke, diese Ideen sind dem Bewusstsein nicht entrückt, nicht sehr fern – nicht einmal hier in den USA. Wenn man mit Arbeitern darüber redet, verstehen sie, was gemeint ist. Es ist wenig bekannt, dass es in den USA zwar nie eine starke organisierte Linke gab, dass die USA aber eine der linkesten Gesellschaften der Welt sind. Mitte des 19. Jahrhunderts, zum Beispiel, also zu Beginn der Industriellen Revolution, gab es gleich hier um die Ecke, in Boston, eine reiche Literatur der Arbeiterklasse. Es gab die sogenannten „Fabrikmädchen“ – junge Frauen, die von den Bauernhöfen kamen, um in den Fabriken zu arbeiten, und es gab irische Künstler, Immigranten, die in Boston lebten. Es war eine sehr reichhaltige Literatur – und mit die freieste Presse, die wir in den USA je hatten. Sie war äußerst radikal. Es gab keine Verbindung zum europäischen Radikalismus, die Leute hatten noch nie etwas von Marx oder jemanden dieser Art gehört. Für sie war einfach selbstverständlich, dass sich Lohnarbeit nicht sehr von Sklaverei unterscheidet. Wenn man sich an jemanden verleiht, ist das nicht anders, als ob man sich verkauft. Im Amerikanischen Bürgerkrieg kämpften viele Arbeiter aus dem Norden unter diesem Banner. Sie kämpften einerseits gegen die Sklaverei und andererseits gegen die Lohnsklaverei. Der Standard-Slogan der Leute war: „Die Menschen, die in den Fabriken arbeiten, sollen sie besitzen und betreiben“. Es hat lange gebraucht, bis man diese Idee den Leuten aus den Köpfen austreiben konnten. In den 90ger Jahren des vorletzten Jahrhunderts gab es Städte, zum Beispiel Homestead in Pennsylvania, die von Leuten der Arbeiterklasse übernommen wurden – Leute, die diese Ideen hatten. Diese Ideen sind noch heute präsent. Durch die enorme Propaganda, Repression usw. wird vieles unterdrückt gehalten, aber direkt unter der Oberfläche ist es präsent. Ich könnte mir vorstellen, dass es in Venezuela nicht anders ist. Es sind ganz natürliche Überzeugungen, und es liegt im Bereich des Möglichen, dass sie – unter den richtigen Umständen – Früchte tragen.

Das gilt auch für die (venezolanische) Verfassungsreform. Dort ist ein Konzept der kommunalen Städte vorgesehen – das heißt, die Kommunen sollen von den Arbeitern verwaltet werden, einschließlich der Unternehmen. Sehr spannend zu sehen, wie sich das alles entwickeln wird.

Ja, sehr spannend.

Wie würde dies die Kräfteverhältnisse in der Region verändern?

Das heißt, falls es durchsetzbar ist. Es wurde ja schon in der Vergangenheit versucht, aber gewaltsam zerstört – selbst hier in den USA wurde es vom Staat gewaltsam zerstört.

Beim Thema „Zerstörung durch Gewalt und staatliche Gewalt“ kommt mir Lateinamerika in den Sinn, die aktuellen Veränderungen in Lateinamerika und Venezuelas Einfluss. Derzeit handelt Hugo Chávez ja den Friedensprozess in Kolumbien aus. Erste Frage: Wie sehen Sie seine Rolle als Mediator, und zweitens, glauben Sie, dass die USA einen Frieden in Kolumbien tatsächlich erlauben werden – angesichts der Ausweitung von ‘Plan Colombia’ und der Tatsache, dass Kolumbien weiterhin die Festung der USA und ihres Militärs in Südamerika ist? Könnten die USA in irgendeiner Form mit verstärkter Aggression reagieren?

Ich denke, die USA werden tun, was sie können, um sicherzustellen, dass Kolumbien – mehr oder minder – ein Klientenstaat bleibt. Andererseits denke ich nicht, dass die USA an einem internen Krieg in Kolumbien interessiert sind. Sie wollen die FARC vernichtet sehen, ja. Die USA wollen aber nicht, dass die Paramilitärs Kolumbien regieren und den Drogenhandel steuern. Aus der Perspektive einer Imperialmacht ist es nicht optimal, wenn Parallelkräfte in einem Land staatliches Handeln übernehmen. Sie waren nützlich. Die USA haben sie nicht nur unterstützt, sondern sogar initiiert. Gehen wir zurück in Venezuelas* frühe 60ger Jahre. 1962 entsandte Präsident Kennedy eine militärische Mission nach Kolumbien – unter Führung von Special Forces General Yarborough. Er sollte Kolumbien unterweisen, mit seinen internen Problemen fertig zu werden. Die Empfehlung lautete auf paramilitärischen Terror. Das war die Wendung, die sie gebrauchten: Wir raten zu „paramiliärischer Stärke gegen (die) bekannten kommunistischen Widersacher“. Damit waren in Lateinamerika Menschenrechtsaktivisten, Gewerkschaftsfunktionäre und Priester, die mit den Bauern zusammenarbeiteten, gemeint, Sie wissen, was ich sagen will, das waren die „bekannten kommunistischen Widersacher“. Und man empfahl paramilitärischen Terror. Rückblickend kann man zwar sagen, die kolumbianische Geschichte war gewaltsam, aber DAS war der Wendepunkt, die Initiation jenes massiven Staatsterrorismus und paramilitärischen Terrors, der in den letzten Jahrzehnten so absolut monströs geworden ist. Die USA haben dieses Monster initiiert und – durch ‘Plan Colombia’ hindurch – unterstützt. Dennoch liegt es nicht im amerikanischen Interesse oder im Interesse von Machtsystemen in den USA, dass es so weitergeht. Sie bevorzugen geordnete, gehorsame Gesellschaften, die ihre Rohstoffe exportieren, Länder, wo Amerikas Produzenten billige Arbeitskräfte vorfinden usw… – ohne interne Gewalt. Daher denke ich, dass man zumindest die Verhandlungsversuche tolerieren wird, um die Gewalt in Kolumbien zu vermindern und die Paramilitärs zu kontrollieren. Die Paramilitärs werden eh im Staat aufgehen, das tun sie jetzt schon.

Aber ausgerechnet Chávez (als Friedensvermittler in Kolumbien)?

Nun, das ist eine spannende Frage, die bei uns allerdings kaum debattiert wird. Derzeit finden Verhandlungen und Gespräche zwischen Brasilien und Venezuela statt, in denen es um mehrere geplante gemeinsame Projekte geht – um ein Projekt am Orinoco-Fluss, um eine Gas-Pipeline usw… Sie werden kaum einen Artikel zu diesen Themen bei uns finden. Die Leute haben kalte Füße. Das Konzept in Bezug auf Lateinamerika – Sie könnten auch von einer „Parteilinie“ sprechen –, musste abgeändert werden, denn Lateinamerika hatte sich, verglichen mit den 60ger Jahren, stark gewandelt. Zum erstenmal seit der Invasion der Spanier begannen die Menschen in diesen Ländern, sich mit einigen der internen Problemen Lateinamerikas auseinanderzusetzen. Eines der Probleme heißt ‘Desintegration’. Die (lateinamerikanischen) Staaten unterhalten kaum Beziehungen zueinander. Typischerweise hielt man sich früher an die Imperialmacht und orientierte sich nicht aneinander. Das merkt man selbst dem Transportwesen an. Aber auch in den Ländern selbst herrschte Desintegration und unglaubliche Ungleichheit – die schlimmste Ungleichheit weltweit. Die Eliten waren klein, die große Massen des Volkes verarmt. Später orientierten sich die Eliten an Europa oder an den USA. Dort hatten sie ihren Zweitwohnsitz, ihre Kinder gingen dort auf eine Schule, in diesen Staaten bunkerten sie ihr Kapital. Mit der eigenen Bevölkerung hatten sie nichts zu schaffen. Die Eliten Lateinamerikas fühlten sich ihren Ländern sehr wenig verpflichtet. Es sind diese beiden Formen der Desintegration, die nun allmählich überwunden werden. Innerhalb der einzelnen Gesellschaften gibt es ein Mehr an Integration, einige Staaten haben zudem Schritte gegen das schreckliche Problem der Elitenherrschaft unternommen. Dieses Problem hat natürlich auch eine rassistische Komponente. Überall auf dem Kontinent besteht ein reichlich enger Zusammenhang zwischen Reichtum und weißer Hautfarbe. Das ist einer der Gründe für die Abneigung gegen Hugo Chávez: Er ist nicht weiß. Aber jetzt werden Schritte unternommen. Das ist wichtig. Das indoktrinierende amerikanische System – und damit meine ich nicht die Regierung, sondern die Presse, die Intellektuellen, usw. –, schreibt inzwischen anders über Lateinamerika. Es geht nicht mehr um Demokraten versus Kommunisten – Pinochet, der Demokrat gegen… Das hat sich geändert. Heute macht man sich Sorgen um einen Linksruck. Es gibt die „guten Linken“ und die „bösen Linken“. Die bösen Linken sind angeblich Chávez und Morales, vielleicht auch Kirchner und Ecuador – da ist man sich noch nicht ganz sicher –, aber die beiden Ersteren auf alle Fälle. Die Guten sind Brasilien, vielleicht auch Chile usw… Um dieses Bild aufrechtzuerhalten, ist es nötig, die historischen Fakten sorgsam zu kontrollieren. Ein Beispiel: Als der „gute Linke“ Lula wiedergewählt wurde, reiste er als Erstes nach Caracas. Lula und Chávez bauen gemeinsam eine Brücke über den Orinoco… Hier (in den USA) wurde darüber noch nicht einmal berichtet. Man kann über diese Dinge nicht berichten, es widerspricht der Parteilinie – dem Konzept, wer die guten und die bösen Jungs sind. Das Gleiche gilt für die aktuellen Verhandlungen zwischen Brasilien und Venezuela. Sie sind meiner Ansicht nach von großer Bedeutung. Auch Kolumbien ist wichtig. Sollte Chávez dort tatsächlich den Durchbruch schaffen, wäre das toll für Kolumbien. Aber die anderen Themen sind von weit größerer Bedeutung. Es könnte zu einer Kooperation zwischen Brasilien und Venezuela bei Großprojekten kommen, zu gemeinsamen Projekten, eventuell wird es ultimativ die Gas-Pipeline durch Lateinamerika geben. Das ist ein Schritt in Richtung regionale Integration – und regionale Integration ist wirklich eine vorsorgende Verteidigungsmaßnahme gegen Einmischung von außen. Staaten können sich nicht gegen Interventionen verteidigen, wenn sie voneinander getrennt sind und wenn es im Land selbst eine Trennlinie zwischen den Eliten und der Allgemeinheit verläuft. Daher halte ich diese Entwicklungen für sehr bedeutsam. Ich denke auch an Kolumbien: Reduziert die Gewalt – wenn es klappt, wunderbar. Vielleicht sind auch einige Schritte nach vorne für die Menschen Kolumbiens möglich. Aber die anderen Verhandlungen und Debatten – die parallel stattfinden –, sind meiner Ansicht nach von tieferer und langfristigerer Bedeutung.

Anmerkung d. Übersetzerin
* statt ‘Venezuela’ müsste hier (dem Kontext nach) ‘Kolumbien’ stehen

Orginalartikel: A Revolution is Just Below the Surface
Übersetzt von: Andrea Noll
Quelle: zmag
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