Montag, 22. Oktober 2007 00:57
Mulurin: Imperium des Unrechts
Imperium des Unrechts
In »Weltmacht ohne Skrupel« beleuchtet John Perkins das Ausmaß globaler Korruption. |
Von Andrea Bistrich

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Dollar sinkt, Barrel steigt
Nordlight
So,so, „Dollar stabil, Barrel steigt“
Hören wir da nicht den leisen Versuch,
den Dollar doch noch ein wenig schön
zu reden?

Richtig muss es natürlich heissen
„Dollar sinkt, Barrel steigt“.
Wers nicht glaubt, kann gerne die
Forex und Nymex charts konsultieren.

http://www.heise.de/tp/blogs/foren/go.shtml?read=1&forum_id=125689&msg_id=13720238
22.10.2007 / Thema / Seite 10
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Imperium des Unrechts
Wirtschaftskiller und »Schakale« in Washingtons Diensten. In seinem neuen Buch »Weltmacht ohne Skrupel« beleuchtet John Perkins das Ausmaß globaler Korruption
Von Andrea Bistrich

Im November 2002 wurde Lucio Gutiérrez zum neuen Präsidenten von Ecuador gewählt. Nur zwei Monate später ist seine Politik von US-Interessen geleitet
Foto: AP
Die Welt ist ein gefährlicher Ort geworden, sagt John Perkins. Die US-Invasionen im Irak und in Afghanistan haben sie nicht sicherer gemacht. Im Gegenteil: Im 21. Jahrhundert ist das Schicksal von Milliarden Menschen ungewisser denn je. Aber wie nur konnte es so weit kommen? Und wer ist dafür verantwortlich?

In seinem unlängst auf deutsch erschienenen Buch »Weltmacht ohne Skrupel« nimmt der Globalisierungskritiker John Perkins die neokolonialistischen Ambitionen der Vereinigten Staaten ins Visier, deren Erfolge sich auf eine fatale Verflechtung von Wirtschaft und Politik gründen. Perkins warnt vor den Gefahren eines amerikanischen Imperiums, das seit Jahrzehnten schon von mächtigen US-Konzernen, US-Geheimdienstbehörden und unter Beteiligung wechselnder US-Regierungen im geheimen aufgebaut wird. Er knüpft mit seiner aktuellen Veröffentlichung an sein erstes Buch »Bekenntnisse eines Economic Hit Man. Unterwegs im Dienst der Wirtschaftsmafia« (deutsche Ausgabe: München 2005, siehe Rezension in jW v. 11.4.2005) an, das sich über ein Jahr an der Spitze der Bestsellerliste der New York Times hielt.

John Perkins gehörte selbst einmal zu diesem elitären Kreis aus Wirtschaft, Geheimdienst und Regierung, den er jetzt auffliegen läßt: Zehn Jahre lang, von 1971 bis 1981, war er einer jener hochbezahlten Wirtschaftskiller, die im Auftrag der US-Regierung sogenannte Entwicklungsländer auf der ganzen Welt um Billionen Dollar berauben. Ihre Methoden: betrügerische Finanzanalysen, Wahlmanipulation, sexuelle Verführung, Bestechung, Erpressung, bis hin zu Mord. »Die Ehefrauen von Politikern oder Direktoren von Ölfirmen zu verführen, war für uns nichts Ungewöhnliches, wenn wir so an wichtige Informationen herankommen konnten.« Sex zur Erreichung strategischer Ziele ist in dieser Branche ein durchaus gebräuchliches Mittel, sagt Perkins. Als Chefökonom der Beraterfirma Chas. T. Main köderte er undercover ausländische Staatsoberhäupter und Regierungschefs mit teuren Krediten, verleitete sie zu überdimensionierten Technikprojekten und machte sie so von den USA abhängig. Wer auch immer die Wahl gewonnen haben mochte, ganz gleich, wer ein Land regierte, Perkins’ Aufgabe war es, sagt er, dafür zu sorgen, daß US-Busineßinteressen in dieser Region an erster Stelle standen. »Unser Job bestand im wesentlichen darin, ein Imperium aufzubauen, und es ist uns gelungen, das erste wirklich globale Imperium in der Weltgeschichte zu erschaffen«, erklärte Perkins im vergangenen Jahr in einem Interview gegenüber einer US-Zeitschrift. Heute bereut der inzwischen 62jährige Familienvater seine Beteiligung an diesem unheilvollen Streben nach Macht, bei dem nur die Reichen gewinnen und die Armen noch ärmer werden. »Konzerne kennen kein Mitgefühl. Sie sind nicht auf die Bedürfnisse des Menschen ausgerichtet, ihre Götzen heißen Expansion und Gewinnmaximierung.« Gezielt habe man eine, wie Perkins es nennt, »Korporatokratie«, eine Herrschaft der Konzerne, installiert: eine Gruppe von Männern und einigen Frauen, die die größten US-Konzerne und Banken leiten und deren langer Arm bis weit in die Regierung in Washington hineinreicht.

Weltmacht ohne Skrupel. Die enorme Tragweite des Problems, das John Perkins seinen Lesern bewußt machen will, wird deutlich, wenn man erfährt, daß es sich hier um ein systematisches und kaltblütig kalkuliertes Programm zur Ausbeutung ganzer Erdregionen handelt. Nicht als Vermutung, nicht als Anklage, sondern als Sensibilisierungsversuch für die bei weiten Teilen der Öffentlichkeit noch wenig bekannten, aber ganz realen Alptraumszenarien versteht der einstige Insider sein Buch. Vieles darin hat er nach seinem Ausstieg aus den Schilderungen seiner ehemaligen Kollegen zusammengetragen. Sie wußten, Perkins ist einer aus den eigenen Reihen, ihm würden sie vertrauen können. Also redeten sie mit ihm – allerdings unter einer Bedingung: Unter keinen Umständen dürfe ihre Anonymität preisgegeben werden. Perkins ließ sich darauf ein, weil das, wie er plausibel erklärt, die einzige Chance sei, die Wahrheit dennoch ans Licht zu bringen. Für seine Kritiker ist das Fehlen von Namen und konkreten Zeugen ein gefundenes Fressen. Sie werfen ihm Übertreibung und mangelnde Beweise vor.
Wie die Konzerne abkassieren
In Ecuador gewann am 24. November 2002 der Exmilitär Lucio Gutiérrez mit eindeutiger Mehrheit die Präsidentschaftswahlen. Der populäre Politiker hatte sich als Erneuerer der »linken Mitte« präsentiert. Vor allem der indigenen Bevölkerung, die zu weiten Teilen in großer Armut lebt, hatte er Unterstützung versprochen. Innerhalb nur einer Woche erhielt Gutiérrez Besuch, schreibt Perkins. »Ein Economic Hit Man betrat sein Büro und sagte: Herzlichen Glückwunsch zum Wahlsieg, Herr Präsident. Ich möchte, daß Sie wissen, daß ich hier einige Millionen Dollar für Sie und Ihre Familie habe, wenn Sie mit Onkel Sam und unseren Ölfirmen zusammenarbeiten. Und hier, auf der anderen Seite, habe ich ein Gewehr mit einer Kugel, auf der Ihr Name eingraviert ist.« In nur zwei Monaten hatte Gutiérrez sich entschieden: Die einschneidenden Sparmaßnahmen, die er nun entgegen seiner Wahlversprechen erließ, trafen genau jene armen Bevölkerungsschichten, die ihn zuvor voller Hoffnung in das Präsidentenamt gewählt hatten.

Wirtschaftskiller oder Economic Hit Men arbeiten unabhängig, aber in Einklang mit den staatlichen Interessen. Zwar habe Perkins nie direkt einer Regierungsbehörde Rapport erstatten müssen, dennoch ist er überzeugt, daß die US-Regierung von allen Einzelheiten seiner Arbeit unterrichtet war. Eine typische Vorgehensweise in der Zeit bei Chas. T. Main war es, sagt Perkins, daß man sich gezielt solche Entwicklungsländer ausgesucht habe, die über Ressourcen verfügen, an denen die USA starkes Interesse haben, zum Beispiel Öl. Die Wirtschaftskiller arrangierten dann für diese Länder einen Großkredit von der Weltbank oder einer der ihr angegliederten Organisationen wie der US-Agentur für Internationale Entwicklung (USAID) und anderen ausländischen »Hilfsorganisationen«. Dabei geht der Hauptanteil des Kredits direkt an US-Konzerne wie Bechtel, Halliburton, Stone & Webster, die damit große Infrastrukturprojekte wie den Bau von Elektrizitätswerken, Häfen, Industrieparks und anderer Anlagen durchführen, an denen die Reichen dieser Länder, die zumeist auch die Rohstoffe kontrollieren, verdienen. Dann verläßt man das Land mit seinen gewaltigen Schulden, die so hoch sind, daß es sie unmöglich zurückzahlen kann. Irgendwann tauchen die Wirtschaftskiller wieder auf und sagen: »Ihr schuldet uns eine Menge Geld, das ihr nicht zurückzahlen könnt. Also verkauft unseren Ölgesellschaften euer Öl zu Billigpreisen oder laßt uns Militärstützpunkte in eurem Land bauen oder stellt euch bei der nächsten kritischen UN-Abstimmung auf unsere Seite oder schickt eure Truppen in den Irak oder dahin, wo wir eure Unterstützung brauchen.« Wer sich dem nicht beugt, wird mit geheimer Unterstützung von »Schakalen« aus dem Weg geräumt. Die kommen, wenn die Wirtschaftskiller versagt haben. Ihre Arbeit besteht darin, Regierungen gewaltsam zu stürzen, sie verüben Attentate auf Staatsführer und stacheln das Militär zu Putschen an, schüren Volksaufstände und inszenieren Entführungen. »Schakale« werden von der privaten Industrie rekrutiert – sie operieren im stillschweigenden Einvernehmen ihrer Geheimdienstkollegen von der CIA oder NSA (National Security Agency). Und wenn die »Schakale« in einem Land versagen, geht schließlich – wie derzeit im Irak – das US-Militär rein. Es ist die letzte Op tion, mit der das aufstrebende US-Imperium seine geostrategischen Ziele notfalls auch mit Gewalt durchsetzt.

Jack Corbin (ein Pseudonym) ist einer dieser »Schakale«, von denen Perkins erzählt. Er ist ein Mörder, ein Mann fürs Grobe im Dienst der Vereinigten Staaten von Amerika. 1981 schickt man ihn auf die Seychellen. Sein Auftrag: Sturz des langjährigen Präsidenten France-Albert René. Der hatte damit gedroht, den weiteren Ausbau der Insel Diego Garcia im Indischen Ozean zu einem der wichtigsten strategischen Militärstützpunkte der Briten und Amerikaner zu verhindern. Wegen seines sozialistischen Kurses und seiner kritischen Haltung gegenüber den US-Plänen war René den US-Amerikanern seit langem schon ein Dorn im Auge.

Jack und seine Gruppe wurden als Rugby-Team, das Weihnachtsgeschenke für die Kinder auf den Seychellen mitbrachte, eingeschleust. Ihre eigentliche Aufgabe aber war es, die Regierung zu stürzen und René zu ermorden. Doch das Ganze flog frühzeitig auf, als ein Sicherheitsmann am Flughafen bei einem Mitglied der Gruppe eine Waffe entdeckte. Plötzlich kam es zu einer wilden Schießerei, berichtet Perkins. Nur mit Glück überlebte Jack den Vorfall. Es war eines der wenigen Male, in denen er davon ausging, daß er sterben würde, vertraute er Perkins an. Mit einem Flugzeug der Air India, das die Männer für ihre Flucht kidnappten, konnten sie schließlich nach Südafrika entkommen.

Heute sind Jack und viele andere aus dem damaligen Söldnerteam im Irak. »Unter dem Vorwand, die Demokratie zu verteidigen, führen sie Operationen durch, die den US-Streitkräften untersagt sind. Sie töten und foltern, um die Einrichtungen der US-Unternehmen zu schützen, die gewaltige Profite einfahren. Ähnlich wie die Wirtschaftskiller arbeiten sie für Privatfirmen, die vom Außenministerium oder vom Pentagon finanziert werden.«
Unbeugsame Staatsführer
Den wenigen couragierten Staatsführern, die sich wie France-Albert René weigern, ihr Land zu verhökern, ihr Volk zu verraten und dem großen Ausverkauf preiszugeben, denen wird ein zumeist kurzes – politisches – Leben nachgesagt. Sie kommen bei mysteriösen Hubschrauberabstürzen um, gelten als verschollen oder werden von den eigenen Militärs weggeputscht. So wie der sozialdemokratische Politiker Jaime Roldós, von 1979 bis 1981 Präsident Ecuadors.

Roldós wollte die Erdölvorkommen des Landes neu organisieren. Er drohte den Ölfirmen mit Verstaatlichung, würden sie nicht bereit sein, dem ecuadorianischen Volk einen höheren Anteil ihrer Gewinne zufließen zu lassen. Roldós starb im Mai 1981 bei einem bis heute ungeklärten Hubschrauberabsturz. Kurz darauf hat Omar Torrijos einen Traum, in dem er in einem Flugzeug sitzt, das an einem Berg zerschellt. »Möglicherweise bin ich als nächster dran«, sagte er seiner Familie. Hauptziel seiner Regierung war es, den von den USA kontrollierten Panamakanal wiederzugewinnen. Der Erfolg kam 1977, als er mit dem damaligen US-Präsidenten James Carter Verträge unterzeichnete, die Panama die volle Autonomie über den Wasserweg zusicherten. »Ich bin bereit, zu gehen. Ich habe meine Aufgabe erfüllt«, erklärt Torrijos nach dem Tod von Roldós wie in einer Vorahnung. Nur drei Monate später, am 1. August 1981, kommt er bei einem Flugzeugabsturz ums Leben. Die genauen Umstände, die seinen Tod verursacht haben, konnten wie auch im Fall von Roldós nie aufgeklärt werden.

Perkins vermutet, daß die CIA in einem Tonbandgerät Sprengstoff an Bord gebracht hatte. »Torrijos hatte begonnen, mit den Japanern über den Bau eines neuen Panamakanals auf Meershöhe zu verhandeln. Der Bechtel-Konzern – George Shultz war Präsident und Caspar Weinberger Chefberater – war damals sehr verärgert darüber. Als Carter ging und Reagan antrat, kamen aus dem Bechtel-Konzern Shultz als Außenminister und Weinberger als Verteidigungsminister. Sie versuchten, Omar Torrijos zu bewegen, den Kanalvertrag neu auszuhandeln und die Verhandlungen mit den Japanern abzubrechen. Torrijos weigerte sich. (…) Dann starb er.«

Während der Großteil der Bevölkerung in den USA die Augen vor der Wahrheit verschließe, wisse man in anderen Ländern längst über die Globalisierung und Amerikas Streben um die Vorherrschaft Bescheid. Selbst Gymnasiasten in ganz Lateinamerika würden sehr gut begreifen, daß die Vereinigten Staaten 1973 am Sturz von Chiles Präsident Salvador Allende beteiligt waren. Daß die CIA 1953 Millionen US-Dollar einsetzte, um den iranischen Ministerpräsidenten Mohammed Mossadegh zu stürzen, weil er sozialistische Reformen in seinem Land durchsetzte und sich den Forderungen der USA entgegenstellte. Daß Guatemalas Präsident Jacobo Arbenz Guzmán 1954 durch einen von Washington eingefädelten Putsch gestürzt wurde, um an seine Stelle Diktator Castillo Armas einzusetzen, der besser in die US-Pläne paßte. Ebenso Brasiliens Präsident João Goulart. Wie viele andere, wird auch er im Jahr 1964 durch einen Staatsstreich, bei dem die US-Amerikaner ihre Hände mit im Spiel gehabt haben sollen, aus dem Amt gejagt.

Im Irak, Ende der fünfziger Jahre, versucht sich Premierminister Abd al-Karim Qasim aus der wirtschaftlichen Bevormundung durch die USA und Großbritannien zu lösen und fordert eine erhöhte Gewinnbeteiligung am irakischen Öl für sein Volk. Als alle Versuche der Wirtschaftskiller fehlschlagen, Qasim auf ihre Seite zu holen, heuert die CIA ein Team an, mit dem geheimen Auftrag, einen Mordanschlag auf den irakischen Premier zu verüben. Unter den Attentätern befindet sich auch ein junger Mann, der noch seinen Schulabschluß machte, schreibt Perkins: Saddam Hussein. Die Männer eröffneten das Feuer auf Qasims Wagen, den sie mit Kugeln durchsiebten. Diesmal hat Qasim Glück: Er kommt mit Verletzungen davon. Saddam Hussein wird bei dem mißlungenen Anschlag angeschossen und flieht nach Syrien. Fünf Jahre später wird Abd al-Karim Qasim schließlich doch gestürzt und am 9. Februar 1963 von »Putschisten« hingerichtet.
Aushöhlung der Demokratie

Strategisch wichtigste Stütze der USA in Südostasien: Philippiniens Präsidentin Gloria Macapagal Arroyo
Foto: AP
Mit seiner doppelbödigen Politik sandte Wa shington bereits in den fünfziger und sechziger Jahren eine verwirrende Botschaft in die Welt. Und das ist bis heute so geblieben, sagt Perkins: »Unsere Politik verstößt gegen unsere höchsten Ideale.« Trotz wachsender Proteste scheint Washington mit Vorliebe ausgerechnet mit jenen Staatsführern zu paktieren, die durch ihre auffallende Gewissenlosigkeit und Anfälligkeit für Korruption einen schlechten Ruf haben. Die USA machten nie einen besonderen Hehl daraus, daß ihre Geschäftspartner brutale Diktatoren sind, deren Todesschwadronen in Guatemala, El Salvador, Nicaragua und anderswo wahllos folterten und mordeten.

Die Unabhängigkeit, die die Vereinigten Staaten anderen Ländern nicht zugestehen wollen, beanspruchen sie für sich selbst umso stärker. Absurde Doppelmoral, kommentiert Perkins. Aber es war schon einmal anders: Insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg erlebten die USA ihre moralische Glanzstunde: Sie waren 1946 maßgeblich an der Gründung des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag beteiligt, an der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 und an vielen weiteren Einrichtungen der Vereinten Nationen in New York und anderswo. Wie paßt das mit dem wirtschaftlichen und politischen Handeln der USA von heute zusammen, fragt Perkins. Wo, an welcher Stelle in der Geschichte ist das Land von seinem so hoffnungsvollen Weg abgekommen? Wer hat es zugelassen, daß die Vereinigten Staaten ihre Führung als Beschützer und Menschenfreund gegen das angeschlagene Image einer irrenden Weltmacht eingetauscht haben, deren regierende Politiker das Gemeinwohl aus den Augen verloren haben und statt dessen williges Sprachrohr einer Korporatokratie geworden sind, die in geradezu blinder Versessenheit ihre Macht weiter ausbaut?
Bechtel und der Krieg um Wasser
Eine der erschütternsten Geschichten, die Perkins erzählt, ist die von Bolivien und dem Bechtel-Konzern. Es geht um grenzenlose Habgier und eine unfaßbare menschliche Gleichgültigkeit und Arroganz. Während US-Medien kaum ein Wort darüber verlauten ließen, dokumentierte die lateinamerikanische Presse das Geschehen von Anfang bis Ende. Schließlich ging es um das Überleben des ganzen bolivianischen Volkes.

Als Perkins im Jahr 2000 erstmals davon hörte, daß ein einziges US-Unternehmen die exklusiven Rechte an der Privatisierung des Wassers von Cochabamba, der drittgrößten Stadt Boliviens, erworben hatte, sei ihm unwillkürlich ein Gespräch eingefallen, das er 1977 mit Gen. Charles Noble, dem Vizepräsidenten von Chas. T. Main geführt hatte. Während sie in einer Luxuslimousine durch die Straßen von Buenos Aires fuhren, sagte »Chuck« damals über Lateinamerika, daß diese Länder die Zukunftssicherung der USA seien. »Wasser ist das künftige Gold und Öl in einem. Um unseren Einfluß zu sichern, müssen wir so viel wie möglich davon unter unsere Kontrolle bringen.«

Der Vertrag, der die Wasserversorgung von rund 600000 Bürgerinnen und Bürgern über deren Köpfe hinweg privatisierte, wurde auf Drängen der Weltbank zwischen dem damaligen Diktator Boliviens Hugo Banzer und Aguas del Tunari unterzeichnet, einer Tochtergesellschaft des berüchtigten Bechtel-Konzerns, die eigens zu diesem Zweck gegründet worden war. Nur kurze Zeit darauf stiegen die Wassergebühren der Stadt um ein Vielfaches. Einige Bürger Cochabambas hatten plötzlich Wasserrechnungen, die um 300 Prozent höher ausfielen als zuvor. Viele konnten sich sauberes Trinkwasser nicht mehr leisten. Wegen der überdurchschnittlich hohen Wasserkosten nahmen sie ihre Kinder aus der Schule. Proteste und Unruhen machten sich breit und legten die Stadt schließlich lahm. Wütende Menschenmengen drohten, die Büros der Wassergesellschaft zu stürmen. Das Unternehmen forderte Polizeischutz. »Wir stehen vor der Wahl zwischen Wasser oder Nahrungsmitteln«, erklärten die Menschen. »Während die Gringos immer größere Profite einstreichen, verdursten wir Bolivianer.« Selbst für das Auffangen von Regenwasser verlangte Bechtel Geld.

Am Ende verhängte die bolivianische Regierung das Kriegsrecht. Über 170 Menschen wurden bei den Auseinandersetzungen mit der Armee verletzt, sechs Menschen starben. Hugo Banzer gestand die Niederlage ein und trat nach Verhandlungen mit US-Regierungsvertretern von dem Wasservertrag zurück. Doch damit gab sich die Bechtel Group, größtes US-Bauunternehmen, dem enge Verbindungen zur Bush-Familie, zur Republikanischen Partei, zum saudischen Königshaus und sogar zur Bin-Laden-Familie nachgesagt werden, nicht geschlagen. 2001 verklagte der Konzern Bolivien auf 50 Millionen Dollar Entschädigung wegen entgangener Gewinne. Erst nach dem überwältigenden Sieg des populären indigenen Politikers Evo Morales bei den Präsidentschaftswahlen im Dezember 2005 ließ Bechtel die Klage fallen.
Coltan-Plünderung im Kongo
»Die meisten Amerikaner haben nicht die leiseste Ahnung, daß unser aufwendiger Lebensstil, den wir alle führen, nur möglich ist, indem wir andere Menschen ausbeuten, ja regelrecht versklaven.« Das ist die dunkle Seite der Globalisierung, und jeder von uns, die wir bei Nike, Wal-Mart, McDonald’s, General Motors oder irgendeinem anderen Global Player kaufen, hängt da mit drin. »Wir alle sind Teil dieses bösartigen Imperiums, ob wir es wissen oder nicht«, sagt Perkins. Zum Beispiel Kongo und die dramatische Plünderung seiner Coltan-Vorkommen. Perkins schätzt, daß allein in den letzten Jahren Tausende Menschen für den begehrten Rohstoff ihr Leben lassen mußten. Coltan ist ein Erz, das für die Herstellung von Mobiltelefonen und Laptops benötigt wird und praktisch nur im zentralafrikanischen Kongo vorkommt. Während die G-8-Staaten nach immer günstigeren Handys und Laptops verlangen, schuften sich die »local diggers« in den Erzminen für wenige Cents zu Tode. Regelrechte Kriege werden um das Roherz geführt, schwere Umweltschäden in Kauf genommen, damit wir in den reichen Ländern billige Elektronikprodukte kaufen können. Ein großer Teil der Einnahmen aus dem Bergbau fließt völlig unkontrolliert an lokale Milizführer und Rebellen, die davon wiederum Soldaten anheuern, Waffen kaufen und so den Bürgerkrieg am Laufen halten. Die einfache und menschlich logische Konsequenz aus dieser Tragödie, ist, so Perkins, daß die G-8-Staaten endlich Verantwortung übernehmen. Wenn wir in einer sicheren und friedlichen Welt leben wollen, müssen wir bereit sein, höhere Preise für Laptops und Handys zu bezahlen, und gleichzeitig müssen wir von den Konzernen und Regierungen einfordern, daß die Menschen vor Ort, die das Erz für uns abbauen, fair dafür entgolten werden. Und dies müsse genauso für Öl und für alle weiteren Ressourcen gelten.

»Dedicated to changing the world« (der Veränderung der Welt gewidmet), verkündet Perkins wie zur Mahnung an sich selbst in großen Lettern auf seiner Website. Heute ist der oft gefürchtete Wirtschaftskiller von einst um Wiedergutmachung bemüht. Seine persönliche Wende kam, als er nach dem 11. September 2001 am Ground Zero in New York stand. »Als ich in dieses entsetzliche dunkle Loch starrte, aus dem noch der Rauch aufstieg und das nach verbranntem Fleisch roch, wurde mir mit einem Mal klar, daß ich etwas tun mußte. Die Amerikaner mußten endlich die Hintergründe erfahren, warum es soviel Wut und Haß gegen Amerika gibt«, erklärt Perkins in einem Interview mit der US-Journalistin Amy Goodman.

Später wird er in seinem Buch resümieren: »Am 11. September 2001 explodierte der Traum der Korporatokratie, mit dem Einverständnis islamischer Stellvertreterregime und einer für ihre Interessen kämpfenden israelischen Armee an das Öl heranzukommen. (…) Auf dem Weg ins dritte Jahrtausend müssen wir feststellen, daß uns die Korporatokratie in einen Abgrund von historischer Tiefe geführt hat.«

John Perkins: Weltmacht ohne Skrupel. Die dunkle Seite der Globalisierung – Wie die USA systematisch Entwicklungsländer ausbeuten, 328 S., geb., ISBN 978-3-636-01448-1, Redline Wirtschaft, Heidelberg 2007, 24,90 Euro

John Perkins im Internet: johnperkins.org
Quelle: JungeWelt
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