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Der Greifswalder Althistoriker Egon Flaig steuert zu aktuellen Debatten immer wieder fundierte und scharfsinnige
Artikel bei: ob es sich um die prinzipiell kriegerischen Züge des Islam handelt (FAZ Nr. 216 vom 16.9.2006,
S. 35, 37: „Der Islam will die Welteroberung“) oder um Einschüchterungsversuche von Argumentationsgegnern
mit dem beliebten Hinweis auf historisch „Unvergleichliches“ (Merkur 61 (2007) 701, S. 978 – 981: „Das
Unvergleichliche, hier wird’s Ereignis. Reflexion über die moralisch erzwungene Verdummung“), der Althistoriker
erweist sich zugleich als berufener Zeitdiagnostiker.
In einem neuen Beitrag für die Frankfurter Allgemeine
Zeitung (Nr. 301 vom 28. 12. 2007, S. 34) erinnert der Greifswalder Ordinarius daran, daß Menschenrechte
kein unverlierbarer Besitz sind und die politische Ordnung der europäischen Staaten durch theokratische
Phantasien ausgehöhlt wird, die ihr religiöses Fundament im Koran haben. „Republik oder Kalifat?“ lautet
daher die …
Freitag, 28. Dezember 2007 10:50
Pünktchen: Gottesstaat oder Republik?
.die provozierende Frage. Flaig sieht in diesen unvereinbaren Ordnungsvorstellungen auch einen Gegensatz der politischen Philosophien von Platon einerseits und Aristoteles/Solon andererseits. Der politische Platonismus – „in Europa ein spätes und präfaschistisches Phänomen“ – sei als „genuine Errungenschaft des Islam“ darauf gerichtet, den autonomen politischen Raum zu zerstören.
Der Althistoriker führt aus:
Beide Ordnungsvorstellungen, die solonisch-republikanische und die theokratische, schließen einander radikal aus. Der große Gelehrte Ibn Chaldun, nach Erwin Rosenthal der einzige wirkliche politische Denker des Islam, teilt darum die Staaten in zwei Arten: Die einen beruhen auf einem göttlichen Gesetz, die anderen werden von menschlicher Vernunft gelenkt. Da islamische Gelehrte diese Unvereinbarkeit seit mehr als tausend Jahren betonen, fragt sich, was unsere Demokratie zu tun hat, wenn Muslime sich auf die Religionsfreiheit berufen, um seelenruhig auf einen Gottesstaat hinzuarbeiten. Verträgt es die autonome Republik, wenn die Gesinnung einer entschlossenen Minderheit die republikanischen Fundamente zerstört? Seit Solon schwebt die Einsicht im Traditionsraum des Politischen: Der Bürgerstaat funktioniert nicht wegen seiner passiv „loyalen“ Einwohner, sondern wegen seiner partizipierenden Bürger. Aber um zu partizipieren, müssen die Bürger ein Inventar gemeinsamer Werte teilen. Wer kein übergeordnetes Gemeinwohl anerkennt, kann Mehrheitsentscheidungen nicht akzeptieren. Und ohne die Mehrheitsentscheidung keine Demokratie.
Solons Ideen standen lange auf dem Prüfstand, nun stehen sie auf dem Spiel: Theokratie verwirft jegliche autonome Gestaltung der politischen Ordnung als Auflehnung gegen Gott. Daher ist keine Institution so illegitim wie ein legislatives Parlament; denn der Mensch darf sich keine Gesetze geben; es sei denn die Rechtsgelehrten befinden solche als vereinbar mit Gottes Gesetz. Und kein Verfahren ist so illegitim wie die Mehrheitsentscheidung, denn diese macht alle Abstimmenden gleich und schafft klare, schnelle Beschlüsse; mit ihr drohen die Menschen zu Bürgern zu werden, die ihre Ordnung nach ihrem Willen gestalten. Die Scharia negiert die bürgerlichen Gemeinwesen der europäischen Welt, indem sie den Bürgerbegriff radikal löscht, um die Einwohner gemäß ihren Religionen in lauter Parallelgesellschaften aufzusplittern, wobei die unterworfenen Religionen in einer brutalen Apartheid dahinvegetieren, wie etwa im Millet-System der türkischen Herrschaft.
Multikulturalistische Intellektuelle üben sich im Leugnen von Unvereinbarkeiten und im Schönreden von deren blutigen Folgen. Sie betreiben amnestische Barbarei: Wir vergessen, wer wir kulturell sind und wie wir historisch dazu geworden sind, und vor allem, wie viel dieses Gewordensein gekostet hat: Bürgerrechte, Verfassungen, Menschenrechte. In der Geschichte gibt es keinen garantierten „Besitz für immer“; sie vollzieht sich als unaufhörlicher kultureller Prozess, was heißt: unablässig müssen wir erwerben, was uns gehört; unentwegt müssen wir darum kämpfen, zu sein, was wir sind. Solche Kämpfe erfordern Mühe, Schweiß, Blut und Tränen; und sie können verlorengehen. Vielleicht bringt der Krieg, den Islamisten 1998 den Vereinigten Staaten erklärt haben, eine kognitive Chance. Denn der Krieg ist, so sagt Thukydides, ein gewaltsamer Lehrer. Solche Lehrer befreien von Amnesie und öffnen die Augen für die Entscheidungen, denen nicht auszuweichen ist. Die wichtigste hat globale Bedeutung und lautet: Gottesstaat oder Republik?
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Pünktchen
Quelle: Flaig, Egon: Republik oder Kalifat? FAZ Nr. 301 vom 28 . 12. 2007, S. 34
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