Sonntag, 24. Februar 2008 16:35
Anita Berber †: Kindheitstage
Taha Husain wurde als siebentes von fünfzehn Kindern in einem Dorf in Oberägypten geboren. Sein Vater war einfacher Angestellter einer Zuckerraffinerie.
Auf der Dorfschule lernte Taha Husain, der in früher Kindheit erblindet war, mit knapp neun Jahren den Koran auswendig und mit Hilfe seines Bruders die Alfiyya des Ibn Malik, eine vielbenutzte in Versen verfasste arabische Grammatik. Im Alter von dreizehn Jahren begann er mit dem Studium an Al Azhar, der religiösen Universität in Misr. 1908 wechselte er zu der Ägyptischen Universität (jetzt Kairoer Universität) und gehörte zu den ersten Studenten dieser von europäischen Gelehrten neu gegründeten Hochschule. 1914 promovierte er.
1914 – 1919 studierte er Geschichtswissenschaft und Literatur in Montpellier und Paris und beschloß das Studium mit einer Dissertation über Ibn Chaldun, dem bedeutendsten arabischen Historiker (1332 – 1406). In Frankreich lernte er auch die klassischen Sprachen, Latein und Griechisch, kennen.
So wurde Taha Husain nach seiner Rückkehr zum wichtigsten Vermittler sowohl des griechischen als auch des französichen Geistesgutes, zum Teil durch Übersetzungen (z.B. Aristoteles), vor allem aber durch zahlreiche literaturkritische Arbeiten. Von 1920 bis 1932 war er Professor für arabische Literatur an der Kairoer Universität. Unablässig kämpfte er im Sinne der Vernunft gegen die Fesseln des religiösen Denkens und für eine Verbindung und Vereinigung des arabischen Kulturerbes und der europäischen Kultur.
Im Jahr 1926 wurde er angeklagt, den Islam verunglimpft zu haben. Die Staatsanwaltschaft schlug die Klage nieder, aber die Diskussion über dieses Thema blieb im Gang. 1932 wurde er unter dem Vorwand einer islamfeindlichen Haltung aus der Universität entlassen.
Von 1942 bis 1944 war Taha Husain Rektor der Universität Alexandria, schließlich Unterstaatssekretär im Unterrichtsministerium und von 1950 – 1952 Unterrichtsminister. Unter seinem Leitmotiv: „Bildung ist das Recht aller, wie Wasser und Luft“, setzte er sich für zahlreiche Neuerungen ein, so z.B. für die Schulgeldfreiheit für Sekundarstufen und das Frauenstudium.
Taha Husain war Literaturhistoriker, Kulturkritiker, Übersetzer, Publizist, Literat und Hochschullehrer und vor allem ein großer Aufklärer. Er gilt als geistiger Vater der modernen arabischen Literatur.


Du, meine kleine Tochter, bist reinen Sinnes, unverbildeten Gemüts und guten Herzens. Du stehst in deinem neunten Lebensjahr, in einem Alter, in dem die Kinder ihre Väter und Mütter bewundern und sie als hehres Vorbild für das Leben ansehen. Sie ahmen sie in Rede und Handlungsweise nach und versuchen in jeder Beziehung so wie sie zu sein. Sie rühmen sich ihrer, wenn sie sich mit ihren Altersgenossen beim Spielen unterhalten. Sie nehmen an, daß ihre Eltern auch in ihrer Kindheit schon gensauso gewesen seien wie jetzt: Musterbeispiele, welche ein schönes Vorbild für edles Wesen überzeugend zum Ausdruck bringen.
Ist es nicht so, wie ich sage? Glaubst du nicht auch, daß dein Vater der beste und vornehmste Mensch ist und daß er das beste und edelste Kind war? Bist du nicht davon überzeugt, daß er so lebte wie du jetzt? Oder sogar noch besser als du? Würdest du jetzt nicht gern so leben, wie dein Vater lebte, als er in seinem achten Lebensjahr stand? Und trotzdem gibt sich dein Vater alle erdenkliche Mühe und bietet alles auf, um dir sein Leben als Kind zu ersparen.
Ich, mein Töchterchen, kannte ihn in jenem Abschnitt seines Lebens. Wenn ich dir davon erzählen wollte, wie es damals um ihn bestellt war, so würde ich viele deiner Vorstellungen Lügen strafen, viele deiner Hoffnungen enttäuschen und der Traurigkeit eine Tür in dein reines Herz und deine süße Seele öffnen. Es wäre eine Sünde, wollte ich sie öffnen, solange du in diesem entzückenden Stadium deines Lebens bist. Nein, ich werde dir jetzt nichts von dem Leben erzählen, daß dein Vater damals führte. Ich werde dir nichts davon berichten, bis du ein wenig älter geworden bist und lesen, verstehen und urteilen kannst. Eines Tages wirst du imstande sein, zu begreifen, daß dich dein Vater wirklich geliebt hat und nur dein Glück im Sinne hatte, wenn er dir seine Kindheit und Jugendzeit hat ersparen wollen und wenn er damit bis zu einem gewissen Grad auch erfolgreich war.
Ja, mein kleines Mädchen, ich habe deinen Vater während jenes Abschnittes seines Lebens gekannt. Doch da ich weiß, daß dein Herz sehr zart ist und daß du ein sehr feines Gemüt hast, fürchte ich, das Mitleid könnte dich überwältigen und du würdest zu weinen anfangen, wollte ich dir erzählen wie ich deinen Vater zur damaligen Zeit gekannt habe.
Ich weiß, daß kindlicher Leichtsinn und auch Lust am Scherzen und Lachen in dir liegen – dazu etwas von der Grausamkeit eines jeden Kindes, und ich fürchte, mein Töchterchen, wenn ich dir erzählte, wie dein Vater gewisse Zeiten seiner Jugend verbrachte, könntest du hartherzig sein und gedankenlos darüber lachen. Aber ich habe es nicht gern, wenn ein Kind seinen Vater verlacht, und kann es nicht leiden, wenn es ihn verspottet oder hartherzig gegen ihn ist.
Doch ich habe deinen Vater auch während eines Abschnittes seines Lebens gekannt, von dem ich dir erzählen könnte, ohne daß es dich traurig stimmen oder zum Lachen und Spotten verleiten würde.
Ich kannte ihn als Dreizehnjährigen, als er nach Kairo geschickt wurde, um die Vorlesungen in der Azhar zu besuchen: ein fleißiger und strebsamer Jüngling, schmal, schlecht aussehend, sein Äußeres vernachlässigt. Man merkte ihm die Armut so richtig an. Mit seiner Mütze, deren Weiß schon in Schwarzgrau übergegangen war, mit seinem Hemd, dem die vielen Flecken und Speisereste ein buntscheckiges Aussehen gegeben hatten und mit seinen abgetragenen geflickten Sandalen würde man über ihn die Nase gerümpft haben. Und doch würde man ihm zugelächelt haben, trotz seiner schäbigen Kleidung und trotz seiner Blindheit, denn seine Stirn war hell, und sein Mund lächelte, wenn er mit seinem Führer in die Azhar eilte – seht, er strauchelt nicht und stockt nicht im Gehen, und auf seinem Gesicht zeigt sich nicht die Düsternis, die gewöhnlich das Gesicht der Blinden bedeckt. Man könnte ihn abstoßend finden, und dennoch müßte man ihn mit freundlichen Augen betrachten, wenn man ihn sieht, wie er während der Vorlesung ganz im Zuhören aufgeht, mit seinem ganzen Ich die Worte des Scheichs aufnimmt, immer lächelnd, ohne sich ablenken zu lassen, ohne der Sache überdrüssig zu werden und ganz und gar nicht zu dummen Scherzen aufgelegt wie die Studenten um ihn herum, die verspielt sind und jeder Neigung zum Unsinn nachgehen.
Ich kannte ihn, kleines Mädchen, in jener Epoche seines Lebens, und wie wünschte ich, du kenntest ihn wie ich. Du würdest den Unterschied zwischen ihm und dir ermessen können. Aber nein, wie kämest du wohl dazu, da du mit deinen neun Jahren das Leben noch voller Freude und Schönheit siehst.
Ich kannte ihn, wie er Tag für Tag, Woche für Woche, monate- ja sogar jahrelang nichts anderes als eine bestimmte Speise zu sich nahm, von der er sich morgens und abends seinen Teil holte. Dabei jammerte er nicht und war niemals mißmutig. Im geduldigen Ertragen brauchte er sich nicht zu üben, da es ihm gar nicht in den Sinn kam, daß seine Lebensweise Anlaß zur Klage hätte geben können. Müßtest du, meine Tochter, von dieser Speise nur ein einziges Mal einige Bissen essen, wie würde sich deine Mutter gleich um dich sorgen! Sofort würde sie dir ein Glas Mineralwasser bringen und dauernd gewärtig sein, den Arzt rufen zu müssen.
Die Wochen, ja die Monate hindurch hat dein Vater nichts als das Freibrot der Azhar gegessen, und die Azhariten konnten sich schon beglückwünschen, wenn sich darin nicht Stroh oder kleine Steinchen oder irgendwelche Käfer befanden! Wochen und Monate verbrachte er bei solchem Brot, das in schwarze Zuckermelasse getunkt wurde. Und du weißt noch nicht einmal, wie schwarze Melasse aussieht, und wie gut, daß du sie nicht kennst!
So lebte dein Vater das ganze Jahr, voller Lernbegierde und voller Freude am Leben und am Studium, arm, ohne aber den Mangel zu spüren. Dann ging das Jahr zu Ende, und er kehrte zu seinen Eltern zurück. So war das Leben deines Vaters in seinem vierzehnten Lebensjahr.
Und fragst du mich nun, wie er an den Platz gelangte, an dem er heute steht, wie sich sein Aussehen zum Guten verändert hat, so daß man sich heute nicht mehr verächtlich von ihm abwendet, wie er dir und deinen Brüdern das angenehme Leben hat schaffen können, das ihr habt…und wie er in vielen Menschen Neid, sogar Ablehnung und Haß zu erregen vermochte und in anderen wiederum Wohlwollen, Verehrung und Ermutigung; fragst du mich, wie er aus jenem Leben in das jetzige hineinwuchs – ich könnte es dir nicht sagen.
Jemand anderes kann dir aber auf diese Frage Antwort geben. Den sollst du fragen. Kennst du ihn? Sieh ihn an! Dieser wachsame Engel ist es, der sich abends über dein Bett neigt, damit du ruhig und friedlich in Träume hinüberschlummerst. Dieser Engel ist es, der sich morgens über dein Bett beugt, denn du sollst den Tag mit einem glücklichen Lächeln begrüßen. Bist du nicht dem Engel Dank für den Frieden deiner Nächte und für die sorglose Fröhlichkeit deiner Tage schuldig? Dieser Engel, mein kleines Mädchen, hat sich auch deinem Vater zugeneigt und ihn aus allem Elend zum Glück, aus Verzweiflung und Armseligkeit zu Hoffnung und Wohlfahrt, aus dem Leid zu reiner Glückseligkeit geführt. Die Dankesschuld deines Vaters diesem Engel gegenüber ist nicht geringer als deine. Und so helft ihr beide, meine Tochter, du und dein Vater, gemeinsam die Schulad abzutragen, denn was ihr davon erstatten könnt, wird ohnedies nur ein kleiner Bruchteil dessen sein, was ihr gern tun möchtet.
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Dienstag, 26. Februar 2008 22:25
Anita Berber †: Lieber Herr Leblhuber,
wa alaykum Salam, sicher haben Sie recht.
Ich werde das Buch trotzdem nicht lesen. Ich glaube einfach nicht daß es mich weiterbringt. Außerdem konnte ich in dem was sie zitiert haben, wenig Sinn erkennen.
Dienstag, 26. Februar 2008 22:05
Leblhuber: @ Anita Berber:
„Das ist sicher nicht schade.“
Bedauerlich, dass Sie das meinen.

Wer es nicht erträgt, einen kontroversen Standpunkt kennen zu lernen, wird zu keiner gesicherten eigenen Betrachtung kommen. Mehrere Seiten hören, abwägen und sich dann erst entscheiden ist die einzig redliche Suche nach der Wahrheit. Und Sie suchen doch die Wahrheit?

Eine Sonnenbrille macht Ihnen zwar die Sonne erträglich, die Farben verblassen allerdings hinter diesem Filter. Haben Sie einen solchen Filter bereits gewählt?
Montag, 25. Februar 2008 23:23
Anita Berber †: Nicht einmal mit Eurabia mache ich große Fortschritte.
Das ist sicher nicht schade.
Wassalam.
Montag, 25. Februar 2008 23:14
Leblhuber: @Anita B.:
Das ist sehr freundlich von Ihnen. Vielen Dank! Ich habe es auf Englisch (Titel: The Days) bei Amazon.de als Taschenbuchausgabe gefunden und auch gleich bestellt, weil es nur mehr 2 oder 3 Exemplare gab.

Ich fürchte nur, es wird bis Ostern liegen bleiben, weil ich zur Zeit sehr wenig Muße zum Lesen habe. Nicht einmal mit Eurabia mache ich große Fortschritte.

Shalom
Montag, 25. Februar 2008 22:06
Anita Berber †: Sehr geehrter Herr Leblhuber,
da müssen Sie wohl in einem Antiquariat suchen.
Ich kann ihnen das Buch aber auch schicken wenn sie wollen.
Wassalam.
Sonntag, 24. Februar 2008 21:22
Dr. Christoph Heger: Anklage gegen Taha Husain 1926
Im Jahr 1926 wurde er angeklagt, den Islam verunglimpft zu haben.

Es handelt sich um die Affäre, auf die ich in einem früheren Beitrag schon aufmerksam gemacht hatte: Taha Husain hatte in der Vorlesung seine Überzeugung geäußert, daß der Koran „vorislamische metrische Dichtung“ enthalte. Er wurde vom Rektor der Universität vor die Wahl gestellt, zu widerrufen oder seine Professorenstellung aufzugeben. Er widerrief.

MfG
Christoph Heger
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