Donnerstag, 3. April 2008 18:15
Scheblimini: Die Seeschlacht von Inebahti (Lepanto)
Geopolitische Gründe und Auswirkungen einer scheinbar religiös überhöhten Schlacht.
Im Zuge der grassierenden Kreuzzugsstimmung im Westen werden die militärischen Niederlagen und noch mehr die Siege „des Abendlandes“ gegen die islamischen Heere aus der geschichtlichen (relativen) Vergeßlichkeit hervorgeholt. Eine tatsächlich bedeutende Wende in der Geschichte des Abendlandes wie des Dar-al-Islam fand am 7. Oktober 1571 bei Lepanto (Inebahti) statt, wenn auch weitgehend in ganz anderem Sinne als es die Möchtegern-Kreuzritter heute wahrhaben wollen. Ich habe gerade eine Diplomarbeit gelesen, die an der Universität Wien verfaßt wurde, und die die von der westlichen Geschichtsforschung sträflich vernachlässigten osmanischen Quellen ins Zentrum der Betrachtung rückt (Ibrahim Celik, Die Seeschlacht von Lepanto (Inebahti) 1571 (979). Der Kampf um die Vorherrschaft im Mittelmeer mit besonderer Berücksichtigung der osmanischen Quellen und der türkischen Literatur; Wien September 2007.) Allerdings stelle ich nicht die Detailergebnisse, die die Organisation der osmanischen Marine und die möglichen Gründe für die Niederlage der zahlenmäßig vermutlich überlegenen und zuvor immer siegreichen Osmanen betreffen, dar, sondern betrachte den größeren geopolitischen Rahmen.
Zunächst stellt der Autor die berechtigte Frage wie eine klassische eurasische Landmacht wie die Türken überhaupt zu einer maritimen Größe aufsteigen konnte. Tatsächlich waren die Türken ein nomadisches Reitervolk im Zentrum des Kontinents, das nach Konflikten mit den chinesischen Nachbarn auf den Weg in den Westen aufbrach, dabei drei Reichen begegnete, von denen es zwei unterwerfen konnte und am dritten gescheitert ist. Zunächst besiegten die „heidnischen“ (schamanistisch geprägten) Türken die Araber, danach eroberten sie rasch die östliche Hälfte des oströmischen Reiches, erst bedeutend später fiel auch die – durch einen katholischen Kreuzzug bereits verwüstete – Hauptstadt Byzanz. Als die Türken nun nicht nur den Mantel des Kalifats übernommen, sondern auch das Erbe Roms angetreten hatten (vgl. Claudio Mutti, Roma dopo Roma; Eurasia, N.2, 2005), wollten sie verständlicherweise auch die westliche Hälfte des oströmischen Reiches übernehmen, und stießen dabei auf die Konkurrenz des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, was sie schließlich bis vor Wien führte, wo der Traum von der Wiedervereinigung West- und Ostroms im Osmanischen Kalifat im Jahr 1683 an einer vom Papst geschmiedeten Allianz katholischer Königtümer zerschellte, und der Abstieg der Osmanen zum „kranken Mann am Bosporos“ nun geschichtlich rasch voranschritt. Alle diese Reichseroberungen, die beiden gelungenen und die gescheiterte, lassen die Türken als Landarmee erscheinen, bei der der religiöse Anspruch nur Tünche darstellt – nach dem Sieg über die Muslime nahmen sie deren Religion an, man kann darüber spekulieren, ob sie wie die Magyaren auch die christliche Religion angenommen hätten, wenn sie zuerst auf ein christliches Reich gestoßen wären. Bei der Belagerung der deutschen Reichshauptstadt Wien hatten sie protestantische Ungarn im Gefolge und wurden stillschweigend vom allerkatholischsten Frankreich unterstützt. Bei Inebahti standen nun tatsächlich ausschließlich katholische und muslimische Flotten gegenüber, dies aber nur weil das Vorfühlen des Papstes um ein Bündnis mit Arabern und Persern zu keinem Erfolg geführt hatte.
Wie kam nun das imposante und kriegserprobte Landheer der Türken zu einer Flotte, die sehr rasch zur mächtigsten Flotte der östlichen Hälfte des Mittelmeers aufgestiegen ist? Durch die Griechen natürlich, die – Religion hin oder her – ihr Wissen und ihre Erfahrung in Schiffsbau, Handels- und Kriegsschiffahrt, die sie als klassische Seemacht erworben hatten, den Osmanen bereitstellten. Auf türkischer Seite tat sich Admiral Piri Reis in der Organisation der Marine und vor allem der Kartographie hervor. Seine Karten vom Anfang des 16. Jahrhunderts sind heute berühmt, weil sie die gesamte Ostküste Amerikas (immerhin nach Columbus aber in der Genauigkeit doch mehr als überraschend) und angeblich sogar die Umrisse der eisfreien Antarktis zeigen (siehe: Charles H. Hapgood, Die Weltkarten der alten Seefahrer, Frankfurt am Main 2002).
Das Osmanische Reich erlangte rasch die Vorherrschaft über das östliche Mittelmeer, hatte aber die Insel Zypern als permanentes Ärgernis vor seinem Haustor. Ärgernis deswegen weil von dort „christliche“ Korsaren auf Seebeute ausgingen, was den Handel mit Ägypten behinderte (dies die ökonomische Grundlage) und zugleich die Pilgerfahrt nach Mekka gefahrenvoll machte (dies die religiöse Rechtfertigung). Tatsächlich blieben sich „christliche“ und „muslimische“ Piraten im Dienste der jeweiligen Seemacht, also als Korsaren, nichts schuldig. Die religiöse Tünche ist dabei immer mehr als dünn, und tatsächlich hat die Piratenmacht Nr. 1, England, auch marokkanische Korsaren gegen spanische Handelsschiffe eingesetzt. Der Plan der Eroberung Zyperns durch die Türken ist also ein rational begründeter, und die Ursache muß nicht in irgendwelchen Suren des Koran gesucht werden, genauso wie die christliche Piraterie, die von Zypern ausging, nicht im Evangelium fundiert war.
Die Seeschlacht von Lepanto ist nur ein Mosaikstein im Rahmen der Eroberung Zyperns, tatsächlich könnte man meinen ein wenig bedeutender, denn die Eroberung Zyperns gelang ja. Die fruchtbare Insel mit dem berühmten Wein – nach ausschließlich im Westen kursierenden Fabeln sollte ein Jude den als genußfreudig bekannten Sultan mit dem Versprechen des Zypernweins zur Eroberung angestiftet haben – wurde nach einigen Jahrhunderten Fremdherrschaft wieder dem Dar-al-Islam eingegliedert, was u.a. dazu führte daß die Fronarbeit der Bauern abgeschafft wurde, und die Orthodoxe Kirche wieder die alten Rechte und Güter erhielt, die die katholischen Eiferer ihr weggenommen hatten.
Die Seeschlacht von Inebahti selbst fand auf osmanischer Seite unter seltsamen Umständen statt. Das Kommando wurde soeben von erfahrenen Seekommandanten abgezogen und Generälen der Landstreitkräfte übertragen. Außerdem soll es eine Rolle gespielt haben, daß im Herbst die Ruderer bereits sehr erschöpft waren. Jedenfalls gelang es, der „Heiligen Liga“, die durch kräftiges Rosenkranzbeten gestärkt war – der Jahrestag des Gemetzels bei dem auf Seite der „Heiligen Liga“ 8000 Tote und auf Seite der Muslime 20000 Tote zu beklagen waren, wird daher von der Katholischen Kirche jährlich als „Rosenkranz-Feiertag“ begangen – , einen großen Teil der Osmanischen Flotte zu vernichten.
Im Ergebnis heißt das, daß die Osmanen die Beseitigung der Korsarenbedrohung auf Kibris (Zypern) nunmehr mit dem Verlust ihrer Seehoheit bezahlten. Der Mittelmeerhandel wurde insgesamt geschwächt. Die Hohe Pforte sah sich gezwungen, sogenannte „Kapitulationen“, Handelsprivilegien an ausländische Mächte, an England und die Niederlande zu vergeben. Der atlantische Einfluß auf den Mittelmeerraum nahm in der Folge der Schlacht von Inebahti zu. Nicht nur die Eroberung Zyperns war ein Pyrrhussieg für die Türken, sondern auch die Schlacht von Inebahti hatte also seine lachenden Dritten: die protestantischen, atlantischen Seemächte. Es gibt also auch auf europäisch-katholischer Seite wenig Grund, die „Schlacht von Lepanto“ zum Paradigma für die Auseinandersetzung mit „dem Islam“ hochzustilisieren. Tatsächlich hat sie den Minderwertigkeits- und Angstkomplex des Abendlands vor den Türken gebrochen – noch 100 Jahre vor der Schlacht am Kahlenberg – , aber auch den Weg zur angelsächsischen Invasion des europäischen Mare Nostrum durch die Schwächung der führenden Macht des Mittelmeerraums geöffnet. Eine erneute Auseinandersetzung zwischen der südeuropäischen und arabisch-türkischen Seite würde kein anderes Ergebnis zeitigen.
Klicks: 846 mal
Weiterlesen:
• Reinhard Junker: Gotteswahn oder Selektionswahn?
3 Lesermeinungen:
Sonntag, 13. April 2008 13:16
HarroMeyer: Die Schlacht von Lepanto war ein Vermächtnis Karls V
an seinen unehelichen Sohn, den Herzog von Östereich,(in Augsburg gezeugt), um die Seeräuberei im Mittelmeer zu beenden, die die Osmanen nicht in den Griff bekamen, sie sogar mit Lizenzen unterstützten. Die größten und besten 7 Schiffe, die die Schlacht entschieden, stellte die Republik Venedig Die Flotte der Osmanen war nur ein loose zusammengewürfelter Haufen von Seeräubern, der Seekriegsführung völlig unkundig und deshalb ohne jede Chance. Ein Problem waren die angeketteten Christen als Ruderer auf den osm. Galeeren, weshalb die Christen spezielle Rettungsschiffe aufstellten.Es ging um den freien Handel im östl. Mittelmeer, nicht um den Islam.
Freitag, 4. April 2008 23:39
Anita Berber †: Lieber Scheblimini,
Tatsächlich waren die Türken ein nomadisches Reitervolk im Zentrum des Kontinents, das nach Konflikten mit den chinesischen Nachbarn auf den Weg in den Westen aufbrach, dabei drei Reichen begegnete, von denen es zwei unterwerfen konnte und am dritten gescheitert ist.

Damit meinen sie wohl den Hunnensturm. Dieser hat Europa nur gestreift. Aber selbst hier sind die Hunnen ins kollektive Gedächtnis eingegraben. Mit voller Wucht hat er die islamischen Reiche erfasst und praktisch völlig vernichtet. An diesem Punkt, an dem die staatliche Ordnung praktisch völlig zum Erliegen gekommen war, fand der Aufstieg der Rechtsgelehrten zu zentralen Gestalten des Islam statt.
Das Gerede vom Haus des Islam nervt übrigens. Das klingt nach Propaganda. Mit Islam hatte das gar nix zu tun. Genausowenig wie die Wiener oder Frankreich usw. für das Christentum kämpften. Das war nur Propaganda.
Freitag, 4. April 2008 10:43
methusalix †: Wirklich eine „bedeutende Wende“???
Eine tatsächlich bedeutende Wende in der Geschichte des Abendlandes …

Da sind manche Historiker (und vor allem die Zeitgenossen der Kämpfer von Lepanto) durchaus anderer Meinung.

Für die Türken und Ihre Macht war die Niederlage von Lepanto tatsächlich viel weniger bedeutend (um das Wort Lappalie zu vermeiden), als der Sieg der katholischen Macht psychologische Bedeutung hatte. Letztdenlich haben die Türken Konstantinopel und drum rum behalten, weil sie als Landmacht immer noch bedeutend stärker waren als die Christen. Als erste Seemacht des Mittelmeeres waren sie allerdings nicht mehr vorzeigbar.
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Beiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen sowie Leser aus der Debatte auszuschließen.
Copyright © 2008 kreuz.net