Montag, 12. Mai 2008 17:53
Aida: Der Zorn der Verdammten
Der türkische Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk in einem bemerkenswerten Essay zu den Terroranschlägen von New York am 11.9.2001, ausgeführt von einer Gruppe radikaler Salafi.
Katastrophen stärken, scheint mir das Zusammengehörigkeitsgefühl im Menschen. Nach den großen Istanbuler Bränden in meiner Kindheit oder dem Erdbeben vor zwei Jahren trieb es mich sofort hinaus, um die Katastrophe mit anderen zu teilen, über sie zu sprechen. Diesmal, als die Zwillingstürme in New York brennend einstürzten, saß ich in einem kleinen Istanbuler Kaffeehaus neben einer Anlegestelle dessen Kunden meistens Pferdekutscher, Tuberkulosekranke und Lastenträger sind, und fühlte mich vor dem Fernseher schrecklich allein. Gleich nachdem das zweite Flugzeug den Turm gerammt hatte, waren die türkischen Fernsehsender zur Liveberichterstattung übergegangen. Die kleine Menschengruppe im Kaffeehaus betrachtete die unfassbaren Bilder auf dem Fernsehschirm mit distanziertem Erstaunen, verwundert, aber nicht erschüttert. Einen Augenblick lang war ich versucht aufzustehen und zu den Leuten im Kaffeehaus zu sagen: „Ich habe zwischen diesen Gebäuden gelebt, bin völlig pleite diese Strassen entlanggebummelt, habe mich mit Leuten in diesen Türmen getroffen – ich habe drei Jahre in Manhatten verbracht.“ Aber wie in einem Traum, in dem der Mensch sich immer einsamer fühlt, brachte ich kein Wort heraus.

Später begegnete ich einem Nachbarn auf der Straße. „Orhan Bey, hast du gesehen, sie haben eine Bombe auf Amerika geworfen“, sagte er. Dann fügt er aufgebracht hinzu: „Das haben sie gut gemacht!“ Dieser keineswegs besonders islamistisch eingestellte Alte ist einer, der versucht, sich mit kleinen Reparaturen und Gartenarbeiten über Wasser zu halten, der abends einen hebt und dann mit seiner Frau streitet. Er hatte wohl die schrecklichen Bilder im Fernsehen nicht gesehen, sondern nur gehört, dass jemand den Amerikanern Böses zugefügt hatte. Ähnliches wie seinen ersten Zornesausbruch, der ihm in den nächsten Tagen sicher leid getan hat, habe ich später von zahlreichen Leuten gehört. Ganz selbstverständlich: Wie auch andernorts sagen in der Türkei zunächst alle wie aus einem Mund, dass dieser Terror barbarisch ist und wie widerwärtig und schrecklich diese Taten sind. Nach diesen Worten, die die Ermordung unschuldiger Menschen verdammen, wird dann verschämte oder zornige Kritik hörbar, die mit einem „Aber“ beginnt und sich gegen die politische und wirtschaftliche Rolle des Westens in der Welt richtet.
Es mag schwierig und womöglich ethisch verfehlt sein, über diese Rolle zu streiten, solange alles von einem Terror überschattet wird, der aus seinem Hass gegen den Westen einen künstlichen Gegensatz zwischen Islam und Christentum herzustellen versucht und dafür in unfassbarer Grausamkeit unschuldige Menschen umbringt. Aber man möchte doch etwas sagen, denn mit dem Eifer der gerechtfertigten Empörung gegenüber diesem barbarischen Terror werden jetzt Dinge öffentlich ausgesprochen, die dazu führen können, dass aus einem ganz und gar nicht gerechten Gerechtigkeitsgefühl und nationalistischem Zorn heraus weitere unschuldige Menschen getötet werden.
Inzwischen weiß jeder, dass es den künstlich erzeugten Konflikt zwischen „Ost“ und „West“ nur vertiefen und dem Terrorismus, der angeblich bestraft werden soll, nur nützen wird, wenn das amerikanische und europäische Militär in Afghanistan oder anderswo unschuldige Menschen bombardiert, um die eigene Bevölkerung zu beruhigen. Es ist heute moralisch inakzeptabel, über den Tod der mit unglaublicher Mitleidlosigkeit umgebrachten Menschen hinweg die amerikanische Herrschaft über die Welt zu hinterfragen. Aber es muss unsere Sache sein, zu verstehen, warum bei den armen Völkern der Welt, marginalisierten Nationen, die ihre Geschichte nicht selbst bestimmen können, Millionen von Menschen so wütend auf Amerika sind – auch wenn es blinde Wut ist. Wir sind dabei nicht gezwungen, dieser Empörung stets recht zu geben. Ausserdem wird in vielen Ländern der dritten und der islamischen Welt Antiamerikanismus eingesetzt, um vom Fehlen von Demokratie abzulenken und die Macht des jeweiligen Diktators zu steigern. Es ermutigt niemanden, der sich um die Durchsetzung einer säkularen Demokratie in den islamischen Ländern bemüht, wenn Amerika oder Europa enge Beziehungen zu geschlossenen Gesellschaften anknüpft, die, wie etwa Saudi Arabien, so handeln als hätten sie sich geschworen, der Welt zu zeigen, dass Islam und Demokratie sich nicht vertragen. Genauso hilft ein oberlächlicher Antiamerikanismus – wie etwa in der Türkei –, zu verbergen, dass die Regierenden das Geld, das sie von internationalen Finanzinstituten empfangen, durch Betrug und Unfähigkeit vergeuden und dass der Unterschied zwischen Arm und Reich im Land unerträgliche Ausmaße angenommen hat.
Wer heute militärische Operationen uneingeschränkt zustimmt, die vor allem die amerikanische Kriegsmacht demonstrieren und in einer symbolischen Aktion den Terroristen „eine Lehre erteilen“ sollen, wer heute mit dem Vergnügen von Viedospielern im Fernsehen diskutiert, welche Ziele amerikanische Flugzeuge wohl bombardieren werden, der muss wissen, dass hastig und unbedacht ergriffene militärische Maßnahmen bei Millionen Menschen in den islamischen Ländern und den armen Teilen der Welt Feindschaft gegen den Westen fördern und ihr Gefühl von Minderwertigkeit und Hilflosigkeit steigern. Was den Terrorismus nährt, der sich einer in der Menschheitsgeschichte einmaligen Barbarei und großer Kreativität bedient, ist weder der Islam noch die Armut selbst, sondern es sind die Gefühle von Hilflosigkeit und Minderwertigkeit, die sich wie ein Krebsgeschwür in den Ländern der dritten Welt verbreitet haben.
In der Gechichte der Menschheit war der Unterschied zwischen Arm und Reich nie so groß wie heute. Man mag sagen, dass der Reichtum der reichen Länder ihr eigener Erfolg ist und die Armen der Welt nichts angeht. Aber in der Geschichte der Menschheit wurde den Armen das Leben der Reichen durch Fernsehen und Hollywoodfilme auch nie so sehr vor Augen geführt. Man mag einwenden, dass Märchen über das Leben der Könige die Unterhaltung der Armen seien. Noch schlimmer ist aber, dass die Reichen und Mächtigen der Welt noch nie so gerechtfertigt und vernünftig erschienen. Ein durchschnittlicher Bürger eines armen undemokratischen islamischen Landes und ein Beamter in irgendeinem Drittweltland oder einem Reststaat einer alten sozialistischen Republik, der mit Mühe das Monatsende zu erreichen versucht, weiß nicht nur, dass vom Reichtum der Welt auf ihn nur äußerst wenig entfällt und dass er dazu verurteilt ist, ein Leben zu führen, das verglichen mit dem im Westen unter sehr viel härteren Bedingungen verlaufen und sehr viel kürzer sein wird, sondern er ahnt in einem Winkel seines Bewußtseins, dass sein Elend seine eigene Schuld oder die seines Vaters oder Großvaters ist.
Der Westen hat leider kaum eine Vorstellung von diesem Gefühl der Erniedrigung, das eine große Mehrheit der Weltbevölkerung, viele Milliarden Menschen, erlebt und überwinden muß, ohne den Verstand zu verlieren oder sich auf Terroristen, radikale Nationalisten oder religiöse Fundamentalisten einzulassen. In diesem fluchbeladenen privaten Bereich können weder die Romane des magischen Realismus, in denen Armut und Dummheit als liebenswert beschrieben werden, noch der Exotismus populärer westlicher Reiseliteratur eindringen.
Aber genau in diesem Bereich führt eine große Mehrheit der Weltbevölkerung ihr bemitleidenswertes Seelenleben: erniedrigt, geringgeschätzt und mit einem leichten Lächeln, mit Mitleid vertröstet. Heute ist das Problem des Westens weniger, heruaszufinden, welcher Terrorist in welchem Zelt, welcher Höhle, welcher Gasse, welcher fernen Stadt einen Anschlag vorbereitet, um dann Bomben regnen zu lassen. Das Problem des Westens ist vielmehr, die seelische Verfassung der armen, erniedrigten und sich stets und immer im „Unrecht“ befindenden Mehrheit zu verstehen, die nicht in der westlichen Welt lebt.
Dabei bewirken Kriegsgeschrei, nationalistische Reden und eilig entfesselte Militäroperationen das genaue Gegenteil. Die neuen Visabestimmungen der Schengen Länder, Polizeimaßnahmen, die die Bewegungen von Muslimen und Angehörigen armer Staaten erschweren, eine misstrauische Haltung allem gegenüber, was islamisch oder nichtwestlich ist, eine grobe und aggressive Sprache, die die ganze islamische Zivilisation mit Terror und Fanatismus gleichsetzt: All das entfernt die Welt jeden Tag weiter vom Frieden. Was einen armen alten Mann in Istanbul – und sei es für einen Augenblick der Empörung – den Terror in New York gutheißen läßt oder einen von israelischem Druck eingeschüchterten palästinensischen Jugendlichen bewundernd zu den Taliban aufschauen läßt, die Frauen mit Salpetersäure das Gesicht verätzen, ist weder die islamische Zivilisation noch der Unsinn, den man als Konflikt zwischen Orient und Okzident bezeichnet, oder gar die Armut selbst, sondern die Ausweglosigkeit, erniedrigt zu werden, sich nicht verständlich machen zu können, nicht gehört zu werden.
Auch die reichen Modernisten, die die Türkische Republik gründeten, haben auf den Widerstand der armen und zurückgebliebenen Landesteile nicht mit Verständnis, sondern nur mit Polizeimaßnahmen, Verboten und aggressiver Militärgewalt reagiert. Die Modernisierung blieb schließlich unvollendet; es entstand in der Türkei eine Demokratie, in der Verständnislosigkeit regiert. Wenn jetzt der Eindruck entsteht, in der ganzen Welt werde zu einem Krieg zwischen Orient und Okzident aufgerufen, befürchte ich, dass die Welt zu einem Ort wird, der wie die Türkei im dauernden Ausnahmezustand regiert wird. Ich befürchte, dass der selbstzufriedene und selbstgerechte westliche Nationalismus den Rest der Welt zwingt, wie Dostojewskis Mann im Kellerloch zu sagen, dass zwei mal zwei fünf sei. Was den Islamisten, die Frauen das Gesicht verätzen weil sie es entblößen, am meisten hilft ist das aggressive Unverständnis des Westens.
Quelle: Orhan Pamuk
Klicks: 1.183 mal
Weiterlesen:
• Zentralrat der Juden: Deutsche, lest „Mein Kampf“!
Alle Lesermeinungen anzeigen 6 von 32 Lesermeinungen:
Freitag, 16. Mai 2008 11:26
Sozialkatholisch: @ Pünktchen
Ich habe ab und zu was mit Muslimen zutun, der Islam ist für mich fast genau so eine Sekte wie der Protestantismus auch, nur ungefähr genau anders herum.
Bei einem Muslim muss man, wenn man vernünftig mit ihm über Religion reden will, schauen ob er Alkohol trinkt und bei einem Protestanten ob er keinen trinkt. Also ungefähr so der eine muss sich von seiner religiösen Gesetzlichkeit entfernt haben und der andere muss sich wieder etwas Gesetzlichkeit angeeignet haben.
Was mir an Gesprächen mit Muslimen immer gefallen hat ist deren Hochachtung für Maria und die Hochachtung für Jesus als Prophet und das findet man u.a. bei Juden überhaupt nicht.
Der Muslim hat für mich ein unvollkommenes mit ein par Fehlern gespicktes Abbild des einen Gottes.
Freitag, 16. Mai 2008 11:06
Pünktchen: sozialkatholisch
Sie beschreiben nur eine mögliche Verfallsform des modernen Geistes. Auf der anderen Seite gibt es zumindest die Fähigkeit und Bereitschaft zur Selbstkritik und Reflexion in der Moderne. Immerhin erkennt sie nämlich ihre prinzipiellen Grenzen und gefährlichen Verabsolutierungen. Von solch einer Selbstkritik (und auch der Fähigkeit zu ihr) ist der Islam jedoch weit entfernt!
Freitag, 16. Mai 2008 08:44
Sozialkatholisch: Die goldene Mitte habt ihr beide nicht
„Dein Islam ist keine Erfolgsgeschichte göttlichen Willens, sondern die Geschichte des Versagens mittelalterlichen Denkens, das auf Biegen und Brechen beibehalten wird, obwohl es sich als erfolglos herausstellt und sein Überleben nur mit Terror gegen die eigene Bevölkerung und Terror gegen Dhimmis, begleitet von Erpressung, sichern kann.

Was für eine armselige Bilanz!“


Das gnadenlose vorantreiben des Fortschritts, wissenschaftliche Erkenntnisse zur Kontrolle und Manipulation der Menschen zu benutzen. Dem Menschen eine scheinbare Selbstbestimmung vorzugaukeln und dann noch (Schein)freiheit draufzuschreiben ist wenigstens genauso verkehrt.
Ich kann, will und werde auf keiner Seite von diesen beiden, so absolut von sich überzeugten Seiten, mittanzen.
Freitag, 16. Mai 2008 08:28
Pünktchen: Aida,
Ihr Glaube behebt oder mildert nicht Armut, sondern erzeugt ihn! Der Islam hat keine organisierte Caritas, vergleichbar der des Christentums hervorgebracht. Das große Versprechen auf „Gerechtigkeit“ und „Egalität“ – es ist ein Versprechen geblieben!

Leblhuber hat es hervorragend auf den Punkt gebracht:

„Dein Islam ist keine Erfolgsgeschichte göttlichen Willens, sondern die Geschichte des Versagens mittelalterlichen Denkens, das auf Biegen und Brechen beibehalten wird, obwohl es sich als erfolglos herausstellt und sein Überleben nur mit Terror gegen die eigene Bevölkerung und Terror gegen Dhimmis, begleitet von Erpressung, sichern kann.

Was für eine armselige Bilanz!“
Freitag, 16. Mai 2008 00:07
Aida: Ich finde meinen
Glauben aber besser als ihren?
Weil ich denke dass mein Glauben die Armen nicht allein lässt. Ihr Glauben aber ist ein GLauben für die reichen Zyniker für die es Privatsache ist gerecht zu sein!
Donnerstag, 15. Mai 2008 22:22
Pünktchen: Aida,
das weiß Gott allein, der die Geschichte einer/s jeden von uns kennt und in die Herzen schaut!
Alle Lesermeinungen anzeigen 26 weitere Lesermeinungen
Die Redaktion übernimmt keine Verantwortung für den Inhalt der Beiträge. Sie behält sich das Recht vor, Beiträge zu löschen sowie Leser aus der Debatte auszuschließen.
Copyright © 2008 kreuz.net