Donnerstag, 29. Mai 2008 13:35
Pünktchen: Ab wann ist der Mensch Person? – Robert Spaemann in einer Osnabrücker Ringvorlesung.
Die bioethische Gretchenfrage wird von Jürgen Liminski in der Tagespost vom 27. V. wie folgt formuliert:

Wann beginnt der Mensch Person zu sein? Denn es ist die Personhaftigkeit, die dem Menschen Würde und damit Unantastbarkeit verleiht. Und damit wiederum den Staat verpflichtet, diese Unantastbarkeit zu schützen, sofern dieser Staat und seine Repräsentanten ein freiheitlich-rechtsstaatliches Gemeinwesen wollen

Liminski skizziert zustimmend die Argumentation des Philosophen Robert Spaemann:
Die Begriffe Menschsein und Personsein ließen sich nicht voneinander trennen. Spaemann vetrtritt „die These, daß Personsein nicht eine Eigenschaft, sondern das Sein des Menschen ist und deshalb nicht später beginnt, als die Existenz eines neuen, mit dem elterlichen Organismus nicht identischen menschlichen Lebens“. So gebe es keinen kontinierlichen Übergang von „etwas“ zu „jemand“.

Jemanden „jemand“ nennen sei ein Akt der Anerkennung, dennoch aber kein willkürlicher Akt. Denn eine „ungerechtfertigte Einschränkung des Kreises derer, denen diese Anerkennung zuteil wird, verändert die Natur dieses Aktes auch gegenüber denen, die als Personen anerkannt werden“. Ein Akt der Anerkennung bedeute auch eine Art Kooptation derjenigen, die man anerkenne und „liefert die Hinzukommenden der Willkür der bereits sich gegenseitig Anerkennenden aus“. Spaemann weiter: „Wenn wir die Zugehörigkeit zur Spezies homo sapiens und die Abstammung von anderen Mitgliedern dieser Spezies als einziges Kriterium aufgeben, dann wird es zu einer reinen Frage der Macht, welchem Menschen Personenrechte zukommen und welchen nicht. Es gehört zur Würde der Person, dass sie nicht als kooptiertes … Mitglied ihren Platz innerhalb der universalen Personengemeinschaft einnimmt.

Wenn von Anfang an das menschliche Wesen lebt durch die Beseelung mit einer Geistseele, dann kann es nicht sein, dass diese Beseelung nichts zu tun hat mit der Zeugung durch die Eltern“. So müsse man auch Johannes Paul II. verstehen, wenn er in Evangelium Vitae davon spreche, „dass die Schöpfung der menschlichen Seele durch Gott dem Akt der menschlichen Zeugung sozusagen eingeschrieben sei“.

Kann es nicht eine „Gewissensentscheidung“ geben zugunsten eines „Schwangerschaftsabbruches“ oder zuzugunsten einer verbrauchenden Forschung an und mithilfe von Embryonen?

Spaemann: „Die großen Lehrer der philosophischen und theologischen Tradition kennen den Begriff einer Gewissensentscheidung gar nicht, sondern sprechen von Gewissensurteilen“, denn „das Gewissen sagt uns nicht, was gut und böse ist, sondern das Gewissen ist die innere Stimme, die uns mahnt, das, was wir als das Gute erkannt haben, auch zu tun.“

Das Urteil aber kann, wie andere Urteile auch, wahr oder falsch sein. Jeder Mensch müsse dem Urteil seines Gewissens folgen, zuerst aber habe er die Pflicht, das Gewissen zu informieren. Und auch dann sei er vielleicht subjektiv entschuldigt, aber nicht objektiv gerechtfertigt. Und bei der Frage, wer denn Träger von Menschenrechten sei, „so hat der Begriff des Gewissens hier gar nichts verloren. Wenn nämlich einer Träger solcher Rechte, also Person ist, dann heißt das, dass sein Leben und seine Freiheit nicht abhängig gemacht werden dürfen vom Gewissensurteil anderer Menschen.“ Wo die Personwürde beginne, „da endet das Recht des Willens anderer Menschen, auch wenn dieser Wille sich auf ein Gewissensurteil beruft

Der Artikel von Liminski:

s. Liminski, Jürgen: Die Person beginnt im Augenblick der Zeugung. Robert Spaemann über den Beginn der Menschenwürde – Eine Vorlesung am Rande des Katholikentages
DT vom 27.05.2008


Im Rahmen der selben Ringvorlesung an der Uni Osnabrück äußerten sich auch die Bischöfe Marx und Laun:

s. „Den Stummen eine Stimme geben

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s. auch:

Spaemann, Robert: Gezeugt, nicht gemacht. Wann ist der Mensch ein Mensch.
Zeit-Online


s. auch:

Spaemann, Robert: Versuche über den Unterschied zwischen „etwas“ und „jemand“. – 3.Aufl.- Stuttg.: Klett-Cotta, 1998. – 275 S.

s. auch:

Spaemann und die Frage nach dem guten Leben. Biographisches, Bibliographisches und umfangreiche Linksammlung zu Texten von und über Robert Spaemann im Netz!

s. auch:

Prof. Volker Herzog/ Zellbiologe Uni Bonn: „Der Mensch entwickelt sich nicht zum Menschen, sondern als Mensch“

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2 Lesermeinungen:
Donnerstag, 29. Mai 2008 19:50
Josef Preßlmayer: Vielen Dank „Pünktchen“ für Ihre unermüdliche Dokumentationsarbeit!
Die menschliche Entwicklung besteht nicht in Phasen unterschiedlicher Wertigkeit. Jeder Moment in der Entwicklung des Menschen ist gleich bewundernswert, von der Empfängnis angefangen.

Wer die Entwicklung des Menschen, die sich aus der genetisch festgelegten Information, gleich der Explosion einer Supernova, in wenigen Tagen und Wochen in einer präzisen Ordnung vollzieht, „Zellhaufen“ nennt, dokumentiert damit seine eigene Unzulänglichkeit, dieses „Wunder“ des Lebens zu erfassen!
Donnerstag, 29. Mai 2008 14:41
Dr. Christoph Heger: Hervorragend, Pünktchen!
Das ist eine dankenswerte Tat, daß Sie diese Aussagen eines klaren Kopfes hier zur Kenntnis bringen!

Es ist eben so, wie es Spaemann ausführlich darlegt, was Kant einmal knapp formuliert hat: Es ist mit Vernunftbegriffen nicht zu verstehen, wie aus etwas, das nicht Person ist, durch einen Naturprozeß eine Person entstehen soll.

Aber es war seit je so: Die Progressiven dispensieren sich vom klaren Denken, um das Volk erst zu verdummen, dann moralisch zu ruinieren und zuletzt in der Hammelherde aufgehen zu lassen, über der sie ihren Großen Bruder installieren – alles natürlich zum größten Glück der größten Zahl.

MfG
Christoph Heger
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