Mittwoch, 23. Juli 2008 15:20
Harry Zingel: Latein in der Schule: vom modernen Nutzen einer alten Sprache
Mit Überraschung habe ich die heftigen Diskussionen zur Kenntnis genommen, die sich um meine Forderung nach mandatorischem Lateinunterricht aus dem ordoliberalen Manifest entwickelt hat. Während etwa mein Postulat, der Staat solle nur ein Nachtwächter sein, sonst viel eher intensive ideologische Auseinandersetzungen produziert, erregte der Laterinunterricht diesmal viel größeren Widerspruch. Aber weshalb?
Mit Überraschung habe ich die heftigen Diskussionen zur Kenntnis genommen, die sich um meine Forderung
nach mandatorischem Lateinunterricht aus dem ordoliberalen Manifest entwickelt hat. Während etwa mein
Postulat, der Staat solle nur ein Nachtwächter sein, sonst viel eher intensive ideologische Auseinandersetzungen
produziert, erregte der Lateinunterricht diesmal viel größeren Widerspruch. Aber weshalb?Transeamus usque Bethlehem…
weiß das Weihnachtslied, lasset und hinübergehen nach Bethlehem, um dort nämlich das geborene Jesuskund zu bewundern. Als conjunctivus adhortativus deutet „transeamus“ eine Aufforderung an, und der Lateiner kennt natürlich die Infinitivform, transire, hinübergehen (aus trans-, „hinüber“, und „ire“, gehen), und das ist, wo das Jesuskind mit der Elektronik und auch der Betriebswirtschaft zu tun kriegt, denn der Transistor ist ein Teil, in dem Elektronen von der P-Schicht in die N-Schicht wechseln (oder eben auch nicht), und transistorische Posten sind solche, in denen Zahlungen vor dem Abschlußstichtag in Aufwendungen oder Erträge nach diesem Tag hinübergehen, und das ist der Regelungsgehalt von §250 HGB, ein Rechnungsabgrenzungsposten also. So hilft das alte Latein, ganz moderne technische oder kaufmännische Zusammenhänge intuitiv zu verstehen.
Keine tote Sprache
Das Beispiel demonstriert, weshalb Latein eben nicht so tot ist, wie immer behauptet, denn es steckt in einer Menge Fremdworte, ist also gleichsam eine indirekt lebende Sprache. Wer Latein beherrscht, braucht daher in aller Regel kein Fremdwörterbuch mehr, weil er nahezu alle gebräuchlichen Fremdwörter aufgrund ihrer lateinischen Wurzel versteht.
Auch für moderne Fremdsprachen nützlich
Das gilt insbesondere auch beim Lernen moderner Fremdsprachen, und nicht nur der romanischen Sprachen (Italienisch, Französisch, Spanisch aber auch Rumänisch), sondern genauso Englisch: überall, wo einst die Römer herrschten, hinterließen sie auch sprachliche Spuren, die sich in einer Unzahl eigentlich lateinischer Worte auch in Englisch niederschlagen. So verstehe ich zwar kein Wort französisch, weil ich mit deren Aussprache nicht klarkomme, kann aber relativ problemlos französische Zeitungen mindestens verstehen, weil so viel im Französischen lateinischen Ursprungs ist, und mit italienisch ist es nicht anders.
Moderne Wissenschaftsterminologie
In der Sprache der Wissenschaftler, gleich welcher Muttersprache sie sind, gilt das noch viel mehr, denn eine Menge der wohlklingenden Begriffe, mit denen Wissenschaftler Unwissende von ihrem Fach fernhalten wollen, sind oft lateinischen Ursprunges. So ist eine Erklärung der Wirklichkeit bei den Soziologen eine Realexplikation, ein Begriff, den der Unkundige erst nachschlagen muß, den der Lateiner aber sofort versteht. Der Zugang zu wissenschaftlicher Literatur erschließt sich dem Altsprachler also viel leichter, oder das Lernen ist produktiver, weil einmal Gelerntes in vielen Zusammenhängen nützlich ist.
Ein böser Verdacht
Das alles bringt mich zu einem Verdacht, der dem derzeitigen Schulsystem dieses Landes wenig schmeichelt, sollte er sich bewahrheiten. Denn unser Transeamus-Beispiel hat gezeigt, daß Latein nur dem hilft, der Transferfähigkeit besitzt, der also, wie im Beispiel gezeigt, die Brücke vom Weihnachtslied zur Elektronik oder Betriebswirtschaft schlagen kann. Sprachen werden seit den 70er Jahren aber selbst im Erwachsenenunterricht immer mehr induktiv und immer weniger deduktiv gelehrt, also durch Nachsprechen und Auswendiglernen statt durch Lernen und Einüben der Grammatik und Vokabeln und durch Erkennen und Verstehen von Ähnlichkeiten. Manche Sprachlehrer versuchen gar ganz auf Grammatik zu verzichten, und erst Recht auf Herkunftslehre: „Transistor“ und „transistorisch“ erscheinen im Geist des Lernenden dann als selbständige Einheiten, und nicht mehr als zwei Erscheinungsformen derselben, nur einmal zu lernenden Grundtatsache („transire“).
Fundamentale Defizite
Es wundert nicht, daß daher auch immer mehr Lernende nicht mehr fähig sind zu erkennen, daß ein Ergebnis von 20% in einer Rechnung und 1,2 in einer Anderen in ihrer Funktion dasselbe sein könnten, nämlich Kalkulationsfaktor und Zuschlag, beide geeignet zur Vollkostenrechnung: es wird nur noch auswendig gelernt, nicht mehr verstanden. Während die Induktivmethode für den Sprachunterricht bei Jugendlichen oder Erwachsenen nämlich untauglich ist, und das Erlernen einer Fremdsprache erheblich erschwert, dient sie im theoretischen Unterricht dem Fördern des Erkennens von Zusammenhängen, dient also dazu, Erkennen und Fähigkeiten aus grundlegendem Wissen auszubilden. Auch wenn also solche Zahlenbeispiele mit Latein nichts zu tun haben, so würde ein im Kindesalter begonnener grundlegender Lateinunterricht, gefolgt von deduktiver Vermittlung moderner Sprachen wie Englisch oder Französisch, doch das diesbezügliche Denkvermögen massiv fördern – und zwar auch in ganz anderen Bereichen. Latein ist damit eine Art studium generale fürs Leben, denn vitae sed scholae discimus, nicht für die Schule sondern fürs Leben lernen wir. Es erhebt sich die Frage, weshalb man dieser an sich simplen Einsicht nicht folgt und immer mehr für die Katz lernt?
Verdeckte Absicht
Konnte man die gleichmacherischen Gesamtschulexperimente der Sozialdemokraten vor 30 Jahren („Mengenlehre“ statt Einmaleins) noch dem Versuch einer Kulturrevolution im damaligen Westen zuordnen, so sollte man überlegen, wer heute von solchen Zuständen profitiert. Und hier drängt sich der Verdacht auf, daß ein nicht mehr selbst denkender Bürger dem Politiker durch weniger Kritik und mehr Ruhe entgegenkommt. Auch politische Zusammenhänge können nämlich verdeckt sein, beispielsweise der zwischen Klimahysterie und Finanzwirtschaft. Je weniger hier mitgedacht wird, desto mehr Macht können die Politiker ausüben und desto weniger Widerstand haben sie zu erwarten. Kein Wunder also, daß von Bildung nur schwadroniert wird, dafür aber auf Euro komm raus gekürzt und gekappt wird. Ruhe ist erste Bürgerpflicht, und die Umgestaltung des Bildungswesens soll dies befördern – im Untertanenstaat, heute wie einst im alten Preußen, nunc et sempre…
Vollständiger Text mit internen sowie weiterführenden Links.
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Redakteur:
Harry Zingel
Quelle: BWL-Bote
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Weiterlesen:
• Sinnfrei: Kommentare zur Leserzeitung
Donnerstag, 24. Juli 2008 23:11
Vineta: Dazu drei Bemerkungen:
1) Man sollte nie argumentieren, daß man nur durch Latein einen Zugang zum Denken der Antike gewinnt.
Gute Übersetzungen können ähnlich viel leisten. Außerdem sind die Schüler dafür kaum reif, und es
steht ja nur wenig Zeit zur Verfügung.
Aber als Grundlage fürs Deutsche und andere Sprachen ist Latein von unschätzbarem Wert, ja es ist unverzichtbar für jegliche sprachliche Bildung. Ich stelle daher folgende Idee zur Diskussion: Wäre nicht ein Lateinunterricht sinnvoll, bei dem es in der Hälfte der Unterrichtszeit nicht um Texte antiker Autoren geht, sondern um Texte, die Lateinkundige zusammengebastelt haben zu modernen Themen wie Autotechnik, Medizin, Wirtschaft, Sport, Religion usw. und gespickt sind mit lateinischen Wörtern, die wir im Deutschen auch benutzen? Dadurch würden ja wohl die Schüler begreifen: Latein lernen lohnt sich, es geht nicht um ein „Es war einmal“.
2) Wer ist vernünftiger? Das Volk oder der Episkopat? Antwort: Das Volk, denn der Episkopat schaffte vor vier Jahrzehnten Latein ab in den Gottesdiensten und will von diesem „Hokuspokus“ auch heute kaum was wissen. Das Volk indes schickt seine Kinder immer mehr in den Lateinunterricht, so daß dafür inzwischen die Lehrer fehlen.
3) Dem Autor des Textes wird angeraten, das Studium der deutschen Grammatik nicht zu vernachlässigen, denn man stolpert da über so manches – wie: Ich verstehe kein französisch! Und erst Recht! Bei den Anderen! usw.
Aber als Grundlage fürs Deutsche und andere Sprachen ist Latein von unschätzbarem Wert, ja es ist unverzichtbar für jegliche sprachliche Bildung. Ich stelle daher folgende Idee zur Diskussion: Wäre nicht ein Lateinunterricht sinnvoll, bei dem es in der Hälfte der Unterrichtszeit nicht um Texte antiker Autoren geht, sondern um Texte, die Lateinkundige zusammengebastelt haben zu modernen Themen wie Autotechnik, Medizin, Wirtschaft, Sport, Religion usw. und gespickt sind mit lateinischen Wörtern, die wir im Deutschen auch benutzen? Dadurch würden ja wohl die Schüler begreifen: Latein lernen lohnt sich, es geht nicht um ein „Es war einmal“.
2) Wer ist vernünftiger? Das Volk oder der Episkopat? Antwort: Das Volk, denn der Episkopat schaffte vor vier Jahrzehnten Latein ab in den Gottesdiensten und will von diesem „Hokuspokus“ auch heute kaum was wissen. Das Volk indes schickt seine Kinder immer mehr in den Lateinunterricht, so daß dafür inzwischen die Lehrer fehlen.
3) Dem Autor des Textes wird angeraten, das Studium der deutschen Grammatik nicht zu vernachlässigen, denn man stolpert da über so manches – wie: Ich verstehe kein französisch! Und erst Recht! Bei den Anderen! usw.
Donnerstag, 24. Juli 2008 19:02
Burgorus: Latein, Etymologie, Englisch und Amerikanisch
Jeder hat eine Muttersprache, und gerade beim Lernen derselben macht man sich keine Gedanken über Etymologie
und Ähnliches. So macht sich natürlich auch ein Engländer als Kind keine Gedanken über die Herkunft
der Wörter lateinischer Wurzel. Sowie es aber für einen Deutschen sinnvoll ist, Latein vor Englisch
zu lernen, ist es auch für einen Engländer sinnvoll, etwa Latein vor Französich zu lernen, um eben
ein Gefühl für Etymologie usw. zu entwickeln.
Wichitg ist aber vor allem, dass die weltverbindende Sprache keine Nationalsprache, sondern eine logisch strukturierte Sprache ist, erstens zwecks Vermeidung von Diskriminierungen und zweitens, um logischer Wissenschaft auch äußerlich eine logische Form zu geben.
Und hier ist gerade Englisch ein Negativ-Bsp.:
„The United States is going to prepare…“
Ebenso wird auch „data“ meist mit Singular-Verben gebraucht.
Ganz so einheitlich ist das aber nicht. So verbesserte mir z.B. eine englische Herausgeberin einer Zeitschrift „the data is“ zu „the data are“. In England gibt’s auf wissenschaftlicher Basis also durchaus noch Leute, die die Sprache pflegen.
Im Gegensatz zu amerikanischem Gröhlen hat Englisch durchaus Klang, ja, ist Musik, wenn man’s kann. Z.B. darf bei „park“ das „r“ nicht gesprochen werden, dafür muss das „a“ gedreht werden (twisted vowels). Das „a“ in „man“ ist näher bei „a“ als bei „ä“ in „Wäsche“ (Langenscheidt-Lexikon).
Merke:
Was Amerika und Großbritannien verbindet, ist der Ozean, was sie trennt, ist die Sprache…
Wichitg ist aber vor allem, dass die weltverbindende Sprache keine Nationalsprache, sondern eine logisch strukturierte Sprache ist, erstens zwecks Vermeidung von Diskriminierungen und zweitens, um logischer Wissenschaft auch äußerlich eine logische Form zu geben.
Und hier ist gerade Englisch ein Negativ-Bsp.:
„The United States is going to prepare…“
Ebenso wird auch „data“ meist mit Singular-Verben gebraucht.
Ganz so einheitlich ist das aber nicht. So verbesserte mir z.B. eine englische Herausgeberin einer Zeitschrift „the data is“ zu „the data are“. In England gibt’s auf wissenschaftlicher Basis also durchaus noch Leute, die die Sprache pflegen.
Im Gegensatz zu amerikanischem Gröhlen hat Englisch durchaus Klang, ja, ist Musik, wenn man’s kann. Z.B. darf bei „park“ das „r“ nicht gesprochen werden, dafür muss das „a“ gedreht werden (twisted vowels). Das „a“ in „man“ ist näher bei „a“ als bei „ä“ in „Wäsche“ (Langenscheidt-Lexikon).
Merke:
Was Amerika und Großbritannien verbindet, ist der Ozean, was sie trennt, ist die Sprache…
Donnerstag, 24. Juli 2008 00:19
Benedikt: Englisch…
ist bekanntlich gar keine Sprache, sondern lediglich eine Verständigungsmöglichkeit
.
Mittwoch, 23. Juli 2008 17:50
Sirilo: Si tacuisses…
Die armen englischen und französischen Kinder, die ihre Muttersprachen lernen, ohne Latein gelernt zu
haben…
Wer behauptet, Englisch habe „fast keine Grammatik mehr“, scheint nicht zu wissen, daß Syntax ein Teil der Grammatik ist.
Wer behauptet, Englisch habe „fast keine Grammatik mehr“, scheint nicht zu wissen, daß Syntax ein Teil der Grammatik ist.
Mittwoch, 23. Juli 2008 17:37
Burgorus: Wie ich schon immer sagte.
Wer Englisch oder Französische lernt, ohne Latein gelernt zu haben, gleicht einem Mathematiker, der Lehrsätze
auswendig kann, aber deren Beweise nie verstanden hat. Damit kann man dann zwar reproduzieren, ist aber
zur Erforschung von was Neuem nicht geeignet.
Leider wird heute nicht mehr Latein als die Sprache wissenschaftlicher Publikationen verwendet. Es wird verlangt, eine logische Sprache der Unterordnung an den mündlichen Auswurf der Siegermächte zu opfern.
Es ist nicht leichter, in Englisch als in Latein zu schreiben! Wenn ich englische Artikel von einem „native English speaker“ überlesen lasse, ändern die meist kaum was, aber als Antwort kriege ich oft, dass ich sie von einem „native English speaker“ überlesen lassen solle. Denn im Fachgebiet der Forschung ist halt der Umgang mit den sprachlichen Begriffen wieder etwas anders, sodass es nur ein „native English speaker“ des Fachgebietes gut genug macht.
Dies ist eine ungeheurere Diskriminierung Anderssprachiger; gefördert werden diejenigen, deren Sprache bereits bewiesen hat, dass sie sich aller logischen Konstrukte entledigt haben.
Englisch hat dem Anschein nach fast keine Grammatik mehr, und so mag mancher Latein als schwieriger empfinden. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die lateinische Grammatik einmal gelernt, und schon schreibt man korrektes Latein. Doch in Englisch entscheiden Redewendungen, Wortstellungen, mit/ohne Artikel usw. über den guten Gebrauch. Da gibt’s viel mehr zu lernen, für die Nichtengländer!
Leider wird heute nicht mehr Latein als die Sprache wissenschaftlicher Publikationen verwendet. Es wird verlangt, eine logische Sprache der Unterordnung an den mündlichen Auswurf der Siegermächte zu opfern.
Es ist nicht leichter, in Englisch als in Latein zu schreiben! Wenn ich englische Artikel von einem „native English speaker“ überlesen lasse, ändern die meist kaum was, aber als Antwort kriege ich oft, dass ich sie von einem „native English speaker“ überlesen lassen solle. Denn im Fachgebiet der Forschung ist halt der Umgang mit den sprachlichen Begriffen wieder etwas anders, sodass es nur ein „native English speaker“ des Fachgebietes gut genug macht.
Dies ist eine ungeheurere Diskriminierung Anderssprachiger; gefördert werden diejenigen, deren Sprache bereits bewiesen hat, dass sie sich aller logischen Konstrukte entledigt haben.
Englisch hat dem Anschein nach fast keine Grammatik mehr, und so mag mancher Latein als schwieriger empfinden. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die lateinische Grammatik einmal gelernt, und schon schreibt man korrektes Latein. Doch in Englisch entscheiden Redewendungen, Wortstellungen, mit/ohne Artikel usw. über den guten Gebrauch. Da gibt’s viel mehr zu lernen, für die Nichtengländer!
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