Samstag, 10. Oktober 2009 16:26
DJM: Frau Uta im Dienst der Zeit
Die ideelle Vereinnahmung einer Skulptur
«Banausen sind solche, deren Verhältnis zu Kunstwerken davon beherrscht wird, ob und in welchem Mass sie sich etwa anstelle der Personen setzen können, die da vorkommen», schrieb Theodor W. Adorno. Vor solchen Rezipienten wird das Kunstwerk seinerseits zu einem Rezipienten, aus dem der Betrachter seine Sehnsüchte befriedigt und Wunschvorstellungen schöpft, zur Fläche für mannigfache Projektionen. Die frühgotische Skulptur der Uta, eine von zwölf lebensgrossen Stifterfiguren im Westchor des Naumburger Domes, wurde auf diese Weise «eine deutsche Ikone». So der Untertitel eines Buches von Wolfgang Ullrich über die interpretatorische Vereinnahmung der Uta-Figur, der damit nach fast zwanzig Jahren Willibald Sauerländers Auseinandersetzung mit der Rezeptionsgeschichte der Naumburger Stifterfiguren (in: «Kunst der Staufer», 1979) wiederaufnimmt.

Nach jahrhundertelangem allgemeinem Desinteresse an den Naumburger Stifterfiguren wurde in den zwanziger Jahren vor allem die Figur der Markgräfin Uta zum Symbol deutscher Kunst des Mittelalters erhoben, zu einer überzeitlich «klassischen» Skulptur, obwohl sie dem damaligen Verständnis der Kategorie Klassik widersprach: Klassik war entpersönlichtes Ideal, während die Naumburger Stifterfiguren ausgesprochen individuelle Züge tragen. Dies wiederum lud dazu ein, in Uta alle möglichen Schicksale und Emotionen hineinzulesen. Romane und Gedichte erhoben sie zur Hauptperson.

Die Skulptur der weltlichen Markgräfin wurde zu einer Heiligen stilisiert, die alle, auch den Nationalsozialisten wünschenswerten weiblichen Tugenden verkörperte. Anmut und Hoheit, Menschlichkeit und Entrücktheit wurden ihr in Romanen und Erbauungsbüchern ebenso unterstellt wie Duldsamkeit und Leidensfähigkeit. Aus der steinernen Skulptur wurde eine geheimnisvolle Frau, von der mancher meinte, ihr en passant schon einmal begegnet zu sein. Die Vermenschlichung des Steinbildes der Uta – Sauerländer spricht von Pygmalionismus – war nicht zuletzt Resultat der Photographien von Walter Hege. Hege, der quasi ein Naumburg-Monopol besass, photographierte die Stifterfiguren in einer Weise, die den Stein negierte und die Tatsache verschleierte, dass die Skulpturen mit den gotischen Diensten hinter ihnen aus einem Block gehauen sind. Heges geschönte und den Anblick vor Ort weit übertreffende Aufnahmen setzten ebenso wie das kitschige Uta-Pathos der Literaten, vor dem auch manch Kunsthistoriker nicht gefeit war, viele «Kunstgläubige» im Naumburger Westchor unter einen Ergriffenheitszwang, dem sie trotz eingehaltener Rezeptionsrituale, wie Ullrich es sehr treffend nennt, nicht gewachsen waren. Ergriffenheit stellte sich oft erst im Theater ein, wenn die Hauptdarstellerin als lebendes Bild in der Pose der Skulptur verharrte.

Uta, Heilige und Namenspatronin, Traumfrau und Inbegriff der deutschen Frau, bewundertes Photo in Konfirmandinnenzimmern und Wohnstuben, Inbegriff deutscher Kunst und wirksames Gegegenbild zu «entarteter» Kunst – Wolfgang Ullrich ist ein glänzendes und kenntnisreiches Stück kultureller Rezeptionsgeschichte gelungen.

So unvermittelt, wie es das Buch suggeriert, entstand die Uta-Manie jedoch nicht. Sie steht vielmehr in einem Klima, das die Gotik als überzeitliches, wesenhaft nordisches Pendant zur südlichen, antiken Klassik zu etablieren suchte. Diesen Hintergrund, der auf Wilhelm Worringer zurückgeht («Formprobleme der Gotik», 1911), setzt Ullrich ebenso wie die Kenntnis der Verhältnisse in situ beim Leser voraus.

Karen Lütge –- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.

Kurzbeschreibung
Die Naumburger Stifterfiguren: Vergessene Meisterwerke der frühen Gotik, die im zwanzigsten Jahrhundert plötzlich zur nationalen Ikone wurden – vor allem Uta wurde ein Opfer der weihevollen Sinnsucher. Wolfgang Ullrich beschreibt Gründe und Hintergründe dieser Verehrung. –- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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Weiterlesen:
7 Lesermeinungen:
Mittwoch, 14. Oktober 2009 19:00
DJM: Albrecht der Bär. Gründer der Mark Brandenburg und des Fürstentums Anhalt
„Ekkehard und Uta hinterließen keine Kinder, und so übertrug der Markgraf als der Letzte seines Hauses allen Besitz dem Herrscher, bevor er 1046 das Zeitliche segnete. Da Uta nicht als Witwe und Erbin erscheint, wird sie vor ihr gestorben sein – falls sie nicht ins Kloster ging [Siehe zu Markgraf Ekkehard II. G. Rupp: Ekkehardiner (wie EN 40), Seite 141-156. – Helmut Beumann: Albrecht der Bär und der deutsche Osten. In: Bernburger Kalender 1938; Seite 90-102, hier Seite 102, spannte auch Uta im Sinne nationalsozialisticher Ideologie ein: „… aus seinem (Albrecht des Bären – L.P.) Geschlecht stammte Uta von Ballenstedt, die der Naumburger Meister als germanisch-nordische Gestalt der slavischen Reglindis, einer Tochter des Polen-Herzogs Boleslav Chrobry, mit feinstem Rasseempfinden gegenüberstellen wird.“]. Esico, der sich als Sohn der Tochter des Markgrafen Hodo beim Erlöschen der CHRISTIAN-Sippe sicher auch Hoffnungen auf die Ostmark gemacht hatte, reichte an die Machtstellung seines Schwagers Ekkehard nicht heran, aber die Heirat Utas legt neben den Ehen von Esico und dessen Vater Zeugnis für ein nicht geringes Ansehen dieser beiden frühen ASKANIER ab – selbstverständlich nur unter der Voraussetzung, daß sie wirklich dem Geschlecht entstammte.“ (quelle)
Mittwoch, 14. Oktober 2009 10:14
Brandenburgis: Das hat, wie gesagt
überhaupt nichts zu bedeuten.
Dienstag, 13. Oktober 2009 21:50
DJM: Uta, das Ewige Deutschland
Madonna, Diana, First Lady des „Dritten Reiches“: Die erstaunliche Karriere einer Sandsteinstatue aus dem Dom in Naumburg an der Saale

Als am 19. Juli 1937 in München die Ausstellung „Entartete Kunst“ eröffnet wurde, befand sich zwischen den rund sechshundert Werken der Moderne auch ein einziges Foto einer mittelalterlichen Skulptur. Es war eine Abbildung der Uta von Naumburg, die hier freilich nicht wie alle anderen Exponate denunziert werden sollte, aondern die man als maßstäbliches Gegenbild wahrer Kunst propagierte: als Engel unter lauter Teufeln, als vornehmste Hüterin deutscher Kultur, deren Erscheinung – so der Kunsthistoriker Eberhard Preime – „wie eine Schranke das Häßliche und gemeine von ihr trennt.“ Indem Uta das einzige Gegenbild war (nicht einmal assistiert vom Bamberger Reiter), stilisierte man sie zu einer heroischen Kämpferin wider die Zumutungen des undeutschen Geistes.


http://www.zeit.de/zeitlaeufte/uta

Dienstag, 13. Oktober 2009 19:21
DJM: @ Paulaner
Wer das Ende sieht, sollte an den Anfang achten. Es ist eine Vorsicht, wie bspw. hier. Uta und Ekkehardiner waren das Ende dieses Geschechtes, welches in Merseburg seinen Anfang nahm. Bevor der Dom begonnen wurde zu bauen.

Zu den Merseburger Zaubersprüchen steht hierzu in der Wikipedia:

„Sie wurden im 10. Jahrhundert von einem schriftkundigen Kleriker, vielleicht noch im Kloster Fulda, auf eine freigebliebene Seite eines liturgischen Buches eingetragen – zu welchem Zweck, ist unbekannt.“

Die Mystifizierung fand also bereits lange vorher statt, eben durch diese Allegorie. Die große Schriften der Mystiker wurden erst 1200-1300 herum verfasst. St. Trudperter Hoheslied, Meister Eckhart, Heinrich Seuse, Mechthild von Hackeborn … etc. pp.
Dienstag, 13. Oktober 2009 18:59
Paulaner †: Im Merseburger Dom gibt es mehr als die Uta.
Brandenburgis: Die Rezeption der Uta in den 1920er Jahren hat mit dem Nationalsozialismus nicht das Geringste zu tun.

Die Nazi selber waren ein durch und durch plumpes Volk aber Göbbels war brennend an der Geschichte Europas interessiert, um damit das Judentum und das Christentum auszuhebeln. Was ihm nicht klar war: seine Figuren waren christlicher als er sich vorstellen konnte.

Der NS war anti-aristokratsich und anti-kirchlich und haßte letztlich die ganze deutsche Geschichte.
Die Nazi wollten den Adel genauso ausnutzen (Offiziere, eitle Gockeln) wie die Kirche und dann vernichten.
Dienstag, 13. Oktober 2009 18:48
DJM: @ Brandenburgis
Die Frau Uta ist doch mehr als eine Zeitfigur. Die Simulanz geht in die Heiligkeit der Uta, aufgrund ihrer Darstellung. Die Ehe der Uta blieb kinderlos. Eine interessante Geschichte, die in Merseburg mündert. Den Namen der Stadt kenne ich lediglich von den Merseburger Zaubersprüchen, mit denen sich die Gebrüder Grimm befasst hatten.
Dienstag, 13. Oktober 2009 14:25
Brandenburgis: Die Rezeption der Uta
in den 1920er Jahren hat mit dem Nationalsozialismus nicht das Geringste zu tun. Der NS war anti-aristokratsich und anti-kirchlich und haßte letztlich die ganze deutsche Geschichte.
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