Freitag, 17. November 2006 01:13
Andreas In: WARUM HEIRATEN DIE PRIESTER UND ORDENSLEUTE NICHT ?
Der Zölibat der Priester und Ordensleute ist für viele Nichtkatholiken unverständlich. Eine ganze Reihe von Menschen in der Welt bleibt zwar ledig, aber es steht ihnen jederzeit frei, zu heiraten. Priester und Ordensleute dagegen verpflichten sich durch ein Gelübde zur Ehelosigkeit. Ist das nicht eine seltsame und sogar etwas unnatürliche Vorschrift ? Liegt darin nicht eine Tendenz, den Ehestand herabzusetzen ?
Der Zölibat der Geistlichen wird weder durch göttliches noch durch natürliches Gesetzt vorgeschrieben und ist auch kein Dogma der katholischen Kirche. Es handelt sich dabei nur um eine disziplinare Regelung der Kirche des lateinischen Ritus, die im Hinblick auf eine wirksamere und gründliche Erfüllung der priesterlichen Pflichten und auf eine engere Annäherung an das Ideal unseres grossen Hohenpriesters Jesus Christus erfolgte.
Es ist ein evangelischer Rat, der sich auf die Worte unseres Herrn gründet: „Nicht alle fassen dieses Wort, sondern nur jene, denen es gegeben ist. Denn es gibt Ehelose, die vom Mutterleib so geboren sind, und es gibt Ehelose, die von Menschen eheunfähig gemacht wurden; und es gibt Ehelose, die um des Himmelreiches willen sich der Ehe enthalten. Wer es fassen kann, der fasse es“ (Mt 19,11-12).
Aus diesen Worten geht klar hervor, dass Christus seinen Jüngern die freiwillige Ehelosigkeit nicht als Vorschrift, sondern nur als Rat zur Vollkommenheit vorgestellt hat. Unser Herr hatte ihnen gerade gesagt, dass die Ehe göttlichen Ursprungs und ein Stand voll Würde ist. „Habt ihr nicht gelesen, dass der Schöpfer von Anfang an sie als Mann und Frau geschaffen und gesagt hat: Deshalb wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und die zwei werden ein Fleisch sein? So sind sie also nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch.“
Dann stellte der Heiland die Ehe in ihrer ursprünglichen Unauflöslichkeit wieder her und sagte: „Was nun Gott verbunden hat, das soll der Mensch nicht trennen“ (Mt 19,4-6). Es ist klar: Gott hat den Stand der Ehe für die überwältigende Mehrzahl der Menschen bestimmt. Sie ist ein hoher und heiliger Stand, der durch den Empfang des Sakraments der Ehre, das der hl. Paulus „gross“ nennt, erreicht wird. Bleibt man aber aus rein egoistischen Gründen ehelos, so ist diese Ehelosigkeit nicht so gut und heilig wie der Ehestand.
Wenn man sich jedoch um des Himmelreiches willen, das heisst, um des priesterlichen Dienstes, um der Werke der Barmherzigkeit und der Religion willen zu ihr bekennt, dann steht sie höher. Für ein Leben gelobter ewiger Jungfräulichkeit bedarf der Mensch besonderer Gnade. Was für die gefallene Natur ohne übernatürliche Hilfe ungeheuer schwierig, wenn nicht moralisch unmöglich scheint, wird durch die grosszügige und stärkende Gnade des allmächtigen Gottes möglich. Die Worte des hl .Paulus geben genau den Geist Christi wieder: „Der Unverheiratete sorgt sich um das, was des Herrn ist, wie er dem Herrn gefalle. Der Verheiratete sorgt sich um das, was der Welt ist, wie er der Frau gefalle, und ist geteilt. Die unverheiratete Frau und die Jungfrau sorgt sich um das, was des Herrn ist, dass sie an Leib und Geist heilig sei; die Verheiratete aber sorgt sich um das, was der Welt ist, wie sie dem Mann gefalle. Dies sage ich jedoch zu eurem Besten, nicht um euch eine Schlinge anzulegen, sondern in der Sorge um das rechte Verhalten und ungestörte Verharren beim Herrn“(1Kor 7,32-35).
Mit welch tiefer psychologischer Einsicht verweist der Apostel auf die unvermeidliche Teilung des Interesses bei dem, der die ernste und schwere Verantwortung für eine Familie übernommen hat. Es ist natürlich, dass der Gatte und Vater sich um das Wohlergehen und Glück seiner Frau und seiner Kinder kümmert und sich in der Sorge für ihre vielen Nöte und Bedürfnisse aufreibt. Und auf wen liessen sich die Worte des Apostels richtiger anwenden als auf die „Diener Christi und Spender der Geheimnisse Gottes“ und die Ordensfrauen, die ihr ganzes Leben Gott weihen?
Durch ihre Berufung stellen die Priester ihr Leben in den „Dienst des Herrn“ und der Seelen, die ihrer Obhut anvertraut sind. da sie zu den geistigen Vätern der Gläubigen werden, ist es nur recht und billig, wenn sie von den Sorgen und Ängsten, den Ablenkungen und Verpflichtungen des natürlichen Familienlebens frei sind. Sie weihen ihr Herz Gott und geben sich ungeteilt seinem Werk hin; darum nennt man Nonnen mit Recht „Bräute Christi“; denn sobald sie ihr Gelübde ablegen, weihen sie sich ihm ebenso, wie Braut und Bräutigam sich einander durch ihr Ehegelöbnis schenken. Und ebenso ist es bei den Priestern. Sie sind Christus verlobt, und die Pfarrkinder, denen sie dienen und die sie lieben, sind ihre geistlichen Kinder.
Es ist möglich, dass ein Priester einmal zu einem Kranken mit einer abstossenden und ansteckenden tödlichen krankheit gerufen wird. Wäre er verheiratet und hätte Frau und Kinder, könnte er vor der Gefahr zurückschrecken, sich vielleicht anzustecken und damit die Gesundheit seiner Familie aufs Spiel zu setzen. Er muss aber bereit sein, in jede Pfarrei, auf jede Missionsstation zu gehen, ganz gleich, wie arm sie ist. Überdies fordert sein Amt ein sehr enges Vertrauensverhältnis zwischen ihm und den Pfarrkindern und Bussfertigen, und viele Menschen fühlen sich sicherer, wenn sie ihre Geheimnisse und Sünden einem unverheirateten Priester anvertrauen können. Seit den apostolischen Zeiten galt die Ehelosigkeit als das Ideal der Diener Christi. Die Schriftsteller des dritten und vierten Jahrhunderts, wie Tertullian, Origenes, Eusebius, der hl. Cyrillus von Jerusalem, der hl. Hieronymus und der hl. Epiphanius, lassen erkennen, dass der grösste Teil der Geistlichen sich seit den frühesten Zeiten auch an den Brauch hielt und ihn achtete.
Zum ersten Male wurde diese Gewohnheit in der lateinischen Kirche im Jahre 385 in einem geschriebenen Gesetz erhärtet, und zwar in einem Brief des Papstes Siricius. Er verkündete, dass „alle Priester und Diakone durch ein Gesetzt, von dem es keinen Dispens gibt“, verpflichtet sind, vom Tag ihrer Ordination an die Keuschheit zu bewahren. Er weist darauf hin, dass diese Verpflichtung keine Neueinführung sei, sondern schon seit alter Zeit bestehe. Später wurde sie auch auf die Subdiakone ausgedehnt. Schliesslich fasste das erste Laterankonzil vom Jahre 1123 und das zweite Laterankonzil im Jahre 1139 diese allgemeine Gesetz neu und verordneten darüber hinaus, dass die Ehen von Geistlichen mit höheren Weihen ungültig seien.
In der katholischen Kirche des Ostens nahm der Brauch der Ehelosigkeit eine andere Entwicklung. Das Konzil von Ankyra in Galizien gestatteten den Diakonen, eine Ehe zu schliessen, wenn sie vor ihrer Ordination erklärten, sie wollten nicht Ehelos leben. Im folgenden Jahr verbot das Konzil Neo-Cäsarea in Kappadozien unter Strafe der Amtsenthebung die Schliessung einer neuen Ehe. Die apostolischen Konstitutionen von 400 schliesslich untersagten es den Bischöfen, Priestern und Diakonen, nach ihrer Weihe zu heiraten. Waren sie bereits verheiratet, durften sie ihre Frauen behalten.
Während der Regierung des Kaisers Justinian (527-565) bildete sich der Brauch eines ehelosen Episkopats zu einem Gesetz. Das Zugeständnis jedoch, dass Diakone und Priester mit den Frauen, die sie vor ihrer Ordination geheiratet hatten, leben durften, wurde 692 vom Konzil von Trullo feierlich bestätigt. Mit einigen leichten Änderungen besteht dieses Gesetz heute noch in der Ostkirche, ob sie mit Rom vereint oder im Schisma lebt.
Ganz allgemein können wir sagen, dass in der Ostkirche Verheiratete, vorausgesetzt, dass sie nur einmal verheiratet waren, trotz der Fortführung ihrer Ehe Priester werden, aber nicht zur Bischofswürde aufsteigen können. Wenn ihre Frauen sterben, dürfen sie keine andere Ehe eingehen. Die Ehen höherer Geistlicher sind in der Ostkirche ebenso ungültig wie in der Westkirche.
Es muss gerechterweise festgestellt werden, dass die Geistlichkeit der Ostkirche von den Gläubigen geachtet und geehrt wird; sie sind eifrige und einsatzbereite Seelenhirten, beispielhaft und christlich in ihrer Lebensführung. In den Gesetzen, die wir erwähnten, deutet aber die Tatsache, dass Priester nicht heiraten sollen und die Bischöfe nicht heiraten dürfen, wohl zum mindesten auf eine Anerkennung des Ideals der priesterlichen Ehelosigkeit. In der Westkirche hat dieses Ideal in der lebenslangen Ehelosigkeit der Priester und Klosterfrauen eine herrliche und dauernde Frucht entwickelt. Warum tragen nun Priester und Ordensleute besondere Gewänder? Sie wollen dadurch ihre besondere Berufung als Diener und Verwalter Jesu Christi, die sich die Ausbreitung seines Reiches in den Herzen der Menschen zur Aufgabe gestellt haben betonen. Dies unterscheidet sie von allen weltlichen Berufen und rechtfertigt auch ein besonderes und kennzeichnendes Kleid.
Alle Soldaten tragen eine Uniform. Priester und Nonnen sind Soldaten Christi, und ihr Gewand bringt das zum Ausdruck. Darüber hinaus erinnert es seine Träger daran, dass sie es nicht nur dem Namen nach und in der Theorie, sondern auch in der Tat sein müssen.
Quelle: 100 Fragen über den katholischen Glauben / John A. O’Brien
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