Liebe Schwestern, liebe Brüder!
Heute ist Epiphanie oder auch Theophanie. Wir feiern Gottes Herrlichkeit
in unserer menschlichen Armseligkeit, die sich in diesem Kinde von Bethlehem geoffenbart hat. Weihnachten
haben wir Gottes Kommen gefeiert in der Verborgenheit und in der Verschwiegenheit der Nacht. Heute erfahren
wir sein Kommen in der Lichtfülle seiner Herrlichkeiten. Der Himmel gibt dazu seinen Stern, der den drei
Weisen aus dem Morgenland vorausgeleuchtet ist. Die Erde gibt dazu die ganze Leuchtkraft ihrer Feuer.
Bis zum heutigen Tag weiht die Kirche mancherorts das Feuer am Epiphanietag.
1. Das Licht leuchtet in
die Finsternis und bringt damit die Finsternis in die Krisis, d.h. in die Entscheidung zum Helleren oder
zum Dunkleren. Die Weisen aus dem Morgenland erscheinen vor dem König von Jerusalem und fragen nach dem
neugeborenen König. Sie bringen mit ihren Fragen den König von Jerusalem in die Krisis, d.h. in die
Entscheidung zum Besseren oder zum Schlechteren. Er weiß, dass nun noch ein König in Israel ist. Damit
wird sein Anspruch relativiert. Seine Herrschaft wird eingegrenzt. Das tut Gott zu allen Zeiten bei den
Mächtigen dieser Erde: Er relativiert ihren Absolutheitsanspruch und er begrenzt ihre Herrschaft. Aber
das tut er nicht nur bei den Mächtigen dieser Welt, das tut er bei jedem einzelnen Menschen. Auch uns
führt er in die Krisis, in die Entscheidung zum Besseren oder zum Schlechteren. Mein Leben, mein Herz,
mein Leib gehört nicht mir. Es ist sein Eigentum. Ich kann über mein eigenes Leben und über das Leben
anderer nicht verfügen. Ich kann es immer nur dankend empfangen. Es ist bezeichnend: Wo der Mensch sich
nicht relativieren und eingrenzen lässt, dort verfehlt er sich immer am Leben: zuerst Herodes, der die
Kinder von Bethlehem umbringen lässt, dann unter anderem Stalin, der Millionen Menschen vernichten ließ,
und heute, in unserer Zeit, werden ungeborene Kinder millionenfach umgebracht. Abtreibung und Euthanasie
heißen die Folgen dieses anmaßenden Aufbegehrens gegenüber Gott. Das sind nicht soziale Probleme, sondern
theologische. Hier kommt das erste Gebot ins Spiel: „Du sollst keine fremden Götter neben mir haben“,
d.h. du sollst dich nicht selbst zum Gott machen, der sich Verfügungsrecht über seinen eigenen Leib
und über das Leben anderer anmaßt. „Das Licht leuchtet in die Finsternis“ (Joh 1,5), das ist kein harmloses
Geschehen. Entweder nehme ich es auf, dann gehe ich erleuchteter durch die Welt oder ich verschließe
mich ihm und werde noch dunkler als bisher.
2. Das Licht bringt die Finsternis in die Krise, in die Entscheidung
zum Besseren oder zum Schlechteren. Dieses Kind verändert unsere Maßstäbe. Die Heiligen Drei Könige
suchen einen König und finden nicht das Palais, nicht die Dynastie, nicht den bewaffneten Krieger – nein,
viel weniger: ein schlichtes Haus, eine einfache Familie, ein kleines Kind. Im Weniger Gottes ist immer
das „Mehr“ enthalten. „Hier ist mehr als Abraham“, sagt Christus später von sich selbst. Hier ist mehr
als Aristoteles, hier ist mehr als Augustus. Im Ecce Homo sahen die drei Könige das Ecce Deus, d.h. im
Menschen Jesus sahen sie Gottes Sohn, der in unserer Welt erschienen ist. Wir partizipieren an seiner
Königswürde, sodass Petrus sagt: „Ihr seid eine königliche Priesterschaft“ (1 Petr 2,9). Er berührt
diese Welt und ihre Elemente, indem er bei seiner Taufe in das Wasser des Jordan eintaucht. Damit werden
eigentlich alle Wasser dieser Welt von seiner Gegenwart berührt. Und selbst, wenn Menschen in die Tiefe
des Meeres versinken, sie fallen dabei in die Hände Gottes. Und Gottes Hände sind immer gute Hände.
Der Psalmist bekennt ausdrücklich: „Nehme ich die Flügel des Morgensrots und lasse mich nieder am äußersten
Meer, auch dort wird deine Hand mich ergreifen und deine Rechte mich fassen“ (Ps 139,9-10).
Es ist verständlich,
wenn viele Menschen angesichts der furchtbaren Wasserkatastrophe in Südostasien die Frage stellen: „Wo
bleibt denn da Gott?“ Und wir müssen als Antwort geben: „Mittendrin“ – „In ihm leben wir, bewegen wir
uns und sind wir“ (Apg 19,28), sagt der Apostel. Wo war denn Gott auf Golgotha? – Er war mittendrin im
Leid, denn er wurde selbst zum Leidenden. Wir wissen unsere im Indischen Ozean versunkenen Schwestern
und Brüder in den Händen Gottes und die Zurückgebliebenen in unseren Händen, die sich ihrer Not nun
öffnen werden.
3. Das Licht bringt die Finsternis in die Krise, in die Entscheidung zum Besseren oder
zum Schlechteren. Gott wird Mensch und lässt sich nun von uns finden, indem wir auf das menschliche Niveau
Gottes hinab steigen. Das zeigen uns die drei Weisen aus dem Morgenland, die vor dem Kind in der Krippe
niederknien, um es anzubeten. Die Schriftgelehrten in Jerusalem dagegen konnten ihnen genau Auskunft geben,
wo der neugeborene König zur Welt kommen wird, aber sie gingen selbst nicht hinaus und knieten sich nicht
nieder und beteten nicht an. Sie waren nur Gelehrte, aber nicht Männer Gottes, wie die Drei es in der
Anbetung wurden. Der Mensch kommt Gott nie näher, als wenn er sich vor Gott bückt und ihn anbetet. Die
Anbetung macht deutlich, dass Gott nicht wie ein Fremder und Ferner weit außerhalb der Welt erachtet
oder gar verachtet wird, sondern dass er erkannt ist als Vater der Menschen und Sterne, sowie auch als
Vater der kleinsten Dinge auf Erden, jedes Atemzuges, jeder Bewegung, jeder kleinen Tat. Alles wird väterlich,
wo wir wahrhaft kindlich sind.
Papst Johannes Paul II. hat die Jugend der Welt vom 16. bis zum 21. August
dieses Jahres nach Köln zum Weltjugendtag eingeladen, über den er die Worte im Hinblick auf die Heiligen
Drei Könige im Kölner Dom geschrieben hat: „Wir sind gekommen, um IHN anzubeten“. Der Mensch wird nirgends
größer, als wenn er auf das Niveau des Mensch gewordenen Gottes herabsteigt und ihn anbetet. Dort wächst
der Mensch über sich selbst hinaus und kann dann – wie Maria im Magnifikat – sprechen: „Denn der Mächtige
hat Großes an mir getan, und sein Name ist heilig“ (Lk 1,49). Wir freuen uns auf die jungen Pilger aus
aller Welt, die auf den Spuren der Heiligen Drei Könige zu uns kommen. Wir beten darum, dass sie von
Köln wieder besser weg gehen, als sie gekommen sind, und uns Kölner besser zurück lassen, als wir sie
empfangen haben.
4. Die Epiphanie Gottes korrigiert die Wege des Menschen. Die drei Weisen aus dem Morgenland
zogen auf einem anderen Weg in ihre Heimat zurück. Wer Gott begegnet, wird immer gedrängt, seine Wege
zu korrigieren. „Eure Wege sind nicht meine Wege“ (Jes 55,8), sagt Gott, aber „Eure Wege sollen meine
Wege werden“!“ – „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken“ (Jes 55,8), aber „Eure Gedanken sollen meine
Gedanken werden!“ – Hier ist Bekehrung fällig! Der Mensch bleibt Zeit seines Lebens ein von Gott zu Korrigierender,
einer, der der Wegweisung und eines Motivs bedarf, das ihn in Bewegung setzt.
Mutter Teresa ging als
Studienrätin nach Kalkutta, um in einer höheren Töchterschule Englisch und Mathematik zu unterrichten.
Und Gott korrigierte ihren Weg, sodass sie die Mutter Teresa der Sterbenden auf den Straßen und die Mutter
der neugeborenen Kinder in den Müllkübeln wurde. Der Erzbischof von Krakau, Karel Wojtyla, flog mit
der polnischen Luftfahrtgesellschaft im Oktober 1978 nach Rom zum Konklave und musste sein Rückfahrtbillett
verfallen lassen, weil er zum Papst gewählt wurde. Ich glaube, dass fasst alle Menschen sagen können:
„In meinem Leben ist es ganz anders gekommen, als ich gedacht hatte“.
Am Vorabend meiner Priesterweihe
habe ich Gott einen Blankoscheck ausgestellt und darauf geschrieben: „Ich gehe überall dorthin, wo du
mich hinschickst“. Dabei hatte ich natürlich nur an die drei Regionen unserer Diözese Erfurt gedacht.
Es kam ganz anders als ich gedacht hatte. Gott führt uns nicht in die Irre, sondern in seine Nähe –
wie die Heiligen Drei Könige.
Das Licht drängt die Finsternis in die Krise zum Besseren oder zum Schlechteren.
Entweder nehmen wir das Licht auf, dann werden wir besser oder wir verschließen uns ihm, dann haben wir
eine Chance verpasst, und wir werden weniger erleuchtet und mehr verfinstert. Diese Stunde stellt uns
ebenfalls in die Krise, d.h. in die Entscheidung. Das weiß ich mit Glaubensgewissheit. Keiner wird unseren
Dom wieder so verlassen, wie er ihn betreten hat: entweder erleuchteter oder verdunkelter. Epiphanie ist
nicht harmlos, sondern Aufruf zur Wende ins Positive. Bitten wir Gott, dass uns die Gnade dieses Tages
geschenkt wird: „Das Licht leuchtet in die Finsternis“. Und wir haben ihn in diesem Lichte erkannt, sodass
wir mit den Weisen vor ihm niederfallen, um ihn anzubeten und ihm unsere Gaben zu bringen. Amen.
+ Joachim
Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln
Mittwoch, 26. Januar 2005 08:18
Dokumentation der Predigt zum Epiphaniefest 2005 im Hohen Dom zu Köln





