Übersetzung von ‘Radio Vatikan’
1. Liebe Schwestern und Brüder, mit großer Sorge schreibe ich euch
als Hirte der weltweiten Kirche. Wie Euch, haben auch mich die Informationen über den Mißbrauch an Kindern
und Schutzbefohlenen durch Mitglieder der Kirche Irlands, besonders durch Priester und Ordensleute, sehr
beunruhigt.
Ich kann die Bestürzung und das Gefühl des Vertrauensbruchs nur teilen, das so viele von
euch beim Erfahren dieser sündhaften und kriminellen Taten und der Art der Autoritäten der Kirche, damit
umzugehen, erfahren haben.
Wie ihr wißt, habe ich erst kürzlich die irischen Bischöfe zu einem Treffen
hier in Rom eingeladen, daß sie über ihren Umgang mit diesen Angelegenheiten in der Vergangenheit berichten
und um die Schritte aufzuzeigen, die sie unternommen haben, um auf diese schwerwiegende Situation zu reagieren.
Gemeinsam mit höheren Verantwortlichen der römischen Kurie habe ich gehört, was sie, sowohl einzeln
als auch als Gruppe, zu der Analyse der begangenen Fehler und der gelernten Lektionen, als auch in der
Darstellung der Programme und jetzt geltenden Richtlinien zu sagen hatten. Unsere Diskussionen waren offen
und konstruktiv.
Ich bin zuversichtlich, daß resultierend aus diesen Gesprächen die Bischöfe nun besser
in der Lage sind, die Aufgabe zu übernehmen, die vergangenen Ungerechtigkeiten wieder gut zu machen und
das weitergehende Thema des Mißbrauchs an Minderjährigen in einer Weise anzugehen, die den Anforderungen
der Justiz und der Lehre des Evangeliums entspricht.
2. Die Schwere der Vergehen und die oftmals unangemessenen
Reaktion der kirchlichen Autoritäten in eurem Land erwägend habe ich entschieden, diesen Hirtenbrief
zu schreiben, um meine Nähe zu euch auszudrücken und einen Weg der Heilung, der Erneuerung und der Wiedergutmachung
vorzuschlagen.
Wie viele in Eurem Land betont haben: es ist wahr, daß das Problem des Mißbrauchs von
Kindern weder ein rein irisches noch ein rein kirchliches ist. Trotzdem ist Eure Aufgabe nun, das Problem
des Mißbrauchs aufzuarbeiten, das in der irischen katholischen Gemeinschaft entstanden ist, und dies
mit Mut und Bestimmtheit zu tun. Niemand erwartet, daß diese schmerzhafte Situation sich schnell lösen
läßt. Wirklicher Fortschritt ist gemacht worden, aber es bleibt noch viel zu tun. Durchhaltevermögen
und Gebet sind nötig, mit großem Vertrauen in die heilende Kraft der Gnade Gottes.
Gleichzeitig muß
ich aber auch meine Überzeugung mitteilen, daß die Kirche in Irland, um von dieser tiefen Wunde zu genesen,
die schwere Sünde gegen schutzlose Kinder vor Gott und vor anderen offen zugeben muß. Solch eine Anerkennung,
begleitet durch ernste Reue für die Verletzung dieser Opfer und ihrer Familien, muß zu einer gemeinsamen
Anstrengung führen, um den Schutz von Kindern vor ähnlichen Verbrechen in der Zukunft sicher zu stellen.
Da Ihr nun die Herausforderungen des Augenblicks auf euch nehmt bitte ich euch, „blickt auf den Felsen,
aus dem ihr herausgehauen seid“ (Jesaja 51:1). Bedenkt den großherzigen und oft heroischen Beitrag, den
vergangene Generationen irischer Männer und Frauen für die Kirche und die ganze Menschheit geleistet
haben.
Laßt Euch das Ansporn sein für eine ehrliche Selbstbetrachtung und ein engagiertes Programm kirchlicher
und persönlicher Erneuerung. Ich bete dafür, daß die Kirche in Irland, durch den Beistand der vielen
Heiligen und gereinigt durch Reue, die augenblickliche Krise überwindet und erneut ein Zeuge für die
Wahrheit und die Güte des allmächtigen Gottes wird, die sich zeigt in seinem Sohn Jesus Christus.
3.
In der Geschichte waren die Katholiken Irlands immer eine starke Kraft für das Gute, in der Heimat und
außerhalb. Keltische Mönche wie der heilige Kolumban haben das Evangelium in Westeuropa verbreitet und
das Fundament für die mittelalterliche Klosterkultur gelegt.
Die Ideale von Heiligkeit, Nächstenliebe
und transzendenter Weisheit, geboren aus dem christlichen Glauben, fanden ihren Ausdruck in den Kirchen
und Klöstern, in den Schulen, Bibliotheken und Hospitälern, die alle daran mitwirkten, die geistige
Identität Europas zu festigen. Diese irischen Missionare haben ihre Stärke aus dem festen Glauben, der
starken Leitung und der aufrechtem Verhalten der Kirche in ihrem Mutterland gewonnen.
Beginnend mit dem
16. Jahrhundert haben die Katholiken in Irland eine lange Zeit der Verfolgung erdulden müssen, während
derer sie sich mühten, die Flamme des Glaubens unter gefährlichen und schwierigen Umständen lebendig
zu halten.
Der Heilige Oliver Plunkett, der Märtyrerbischof von Armagh, ist das berühmteste Beispiel
einer ganzen Schar von mutigen Söhnen und Töchtern Irlands, die bereit waren, ihr Leben aus Treue zum
Evangelium hinzugeben.
Nach der katholischen Emanzipation war die Kirche frei, neu zu wachsen. Familien
und zahllose Einzelne, die den Glauben in Zeiten der Prüfung erhalten haben, wurden zum Auslöser für
das große Wiederaufleben des irischen Katholizismus im 19. Jahrhundert. Die Kirche bot Bildung, besonders
für die Armen, und leistete dadurch ihren Beitrag zur Gesellschaft Irlands.
Zu den Früchten des Wachsens
der neuen katholischen Schulen gehörte eine Zunahme in Berufungen: Generationen von Missionaren, Schwestern
und Brüdern, haben ihr Heimatland verlassen um auf allen Kontinenten zu dienen, besonders in der englischsprachigen
Welt. Bemerkenswert waren nicht nur ihre große Zahl, sondern auch die Stärke ihres Glaubens und die
Standhaftigkeit ihres pastoralen Engagements.
Viele Bistümer, besonders in Afrika, Amerika und Australien,
haben von der Präsenz irischer Geistlicher und Ordensleute profitiert, die das Evangelium verkündeten
und Pfarreien, Schulen, Universitäten und Krankenhäuser gründeten, die sowohl den Katholiken als auch
der gesamten Gesellschaft dienten, mit besonderem Augenmerk auf die Bedürfnisse der Armen.
In fast jeder
Familie in Irland gibt es jemanden – einen Sohn oder eine Tochter, einen Onkel oder eine Tante – der sein
Leben der Kirche gegeben hat. Irische Familien würdigen und schätzen zu Recht die Ihren, die ihr Leben
Christus geweiht haben, die das Geschenk des Glaubens mit anderen Teilen und aus diesem Glauben Taten
folgen lassen, in liebendem Dienst an Gott und dem Nächsten.
4. In den vergangenen Dekaden hatte die
Kirche in Eurem Land jedoch neue und schwere Herausforderungen für den Glauben durch die rasche Transformation
und Säkularisierung der irischen Gesellschaft zu bestehen.
Der schnelllebige soziale Wandel hat oft
genug das traditionelle Festhalten der Menschen an den katholischen Lehren und Werten beeinträchtigt.
Viel zu oft wurden die sakramentalen und andächtigen Gebräuche vernachläßigt, die den Glauben erhalten
und ihm erlauben, zu wachsen, wie etwa die regelmäßige Beichte, das tägliche Gebet und jährliche Einkehrtage.
Bedeutsam war während dieser Zeit ebenfalls die Tendenz vieler Priester und Ordensleute, Weisen des
Denkens und der Einschätzung säkularer Realitäten ohne ausreichenden Bezug zum Evangelium zu übernehmen.
Das Programm der Erneuerung, daß das Zweite Vatikanische Konzil vorgelegt hat, wurde häufig falsch gelesen;
im Licht des tiefen sozialen Wandels war es schwer, die richtigen Weisen der Umsetzung zu finden.
Es
gab im Besonderen die wohlmeinende aber fehlgeleitete Tendenz, Strafen für kanonisch irreguläre Umstände
zu vermeiden. In diesem Gesamtkontext müssen wir das verstörende Problem des sexuellen Mißbrauchs von
Kindern zu verstehen versuchen, das nicht wenig zur Schwächung des Glaubens und dem Verlust des Respekts
vor der Kirche und ihre Lehren beigetragen hat.
Nur durch sorgfältige Prüfung der vielen Faktoren die
zum Entstehen der augenblicklichen Krise geführt haben kann eine klare Diagnose ihrer Gründe unternommen
und können wirkungsvolle Abhilfemaßnahmen gefunden werden. Sicherlich können wir zu den entscheidenden
Faktoren hinzuzählen: unangemessene Verfahren zur Feststellung der Eignung von Kandidaten für das Priesteramt
und das Ordensleben; nicht ausreichende menschliche, moralische, intellektuelle und geistliche Ausbildung
in Seminarien und Noviziaten; eine Tendenz in der Gesellschaft, den Klerus und andere Autoritäten zu
favorisieren; und eine fehlgeleitete Sorge für den Ruf der Kirche und die Vermeidung von Skandalen, die
zum Versagen in der Anwendung bestehender kanonischer Strafen und im Schutz der Würde jeder Person geführt
hat.
Es muß dringend gehandelt werden um diese Faktoren anzugehen, die so tragische Konsequenzen in
den Leben von Opfern und ihrer Familien hatten und die das Licht des Evangeliums in einer solchen Weise
verdunkelt haben, wie es noch nicht einmal Jahrhunderten der Verfolgung gelungen ist.
5. Bereits mehrfach
seit meiner Wahl auf den Stuhl Petri habe ich Opfer sexuellen Mißbrauchs getroffen und ich bin bereit,
das auch in Zukunft zu tun. Ich habe mit ihnen zusammen gesessen, habe ihre Geschichten gehört, ihr Leiden
wahrgenommen und ich habe mit ihnen und für sie gebetet.
Schon früher in meinem Pontifikat habe ich
in meiner Sorge diese Frage anzusprechen, die Bischöfe Irlands aufgefordert, „die Wahrheit dessen, was
in der Vergangenheit geschehen ist, festzustellen, jede notwendige Maßnahme zu ergreifen, damit das nie
wieder geschehen kann, sicherzustellen, daß die Vorgaben der Justiz voll eingehalten werden und, am wichtigsten,
den Opfern und allen von diesen ungeheuerlichen Verbrechen Betroffenen Heilung zu bringen“ (Ansprache
an die Bischöfe von Irland während des Ad Limina Besuchs, 28. Oktober 2006).
Mit diesem Brief möchte
ich euch alle, das Volk Gottes in Irland, ermahnen, die Wunden am Körper Christi zu betrachten. Betrachtet
aber auch die manchmal schmerzhaften Heilmittel, die wir brauchen, um diese Wunden zu binden und zu heilen,
und ebenfalls die Notwendigkeit der Einheit, der Nächstenliebe und der gegenseitigen Unterstützung in
einem langwierigen Prozeß der Wiederherstellung und kirchlicher Erneuerung.
Ich wende mich nun an euch
mit Worten, die von Herzen kommen und ich möchte zu euch einzeln und zu euch allen gemeinsam als Brüder
und Schwestern im Herrn sprechen.
6. An die Opfer des Mißbrauchs und ihre Familien
Ihr habt viel gelitten
und ich bedaure das aufrecht. Ich weiß, daß nichts das Erlittene ungeschehen machen kann. Euer Vertrauen
wurde verraten und eure Würde wurde verletzt. Viele von Euch mußten erfahren, daß, als Ihr den Mut
gefunden habt, über das zu spreche, was euch zugestoßen ist, Euch niemand zugehört hat. Diejenigen
von euch, denen das in Wohnheimen und Internaten geschehen ist, müssen gefühlt haben, daß es kein Entkommen
gibt aus Eurem Leid. Es ist verständlich, daß es schwer für Euch ist, der Kirche zu vergeben oder sich
mit ihr zu versöhnen. Im Namen der Kirche drücke ich offen die Schande und die Reue aus, die wir alle
fühlen.
Gleichzeitig bitte ich Euch, die Hoffnung nicht aufzugeben. In der Gemeinschaft der Kirche begegnen
wir Christus, der selbst ein Opfer von Ungerechtigkeit und Sünde war. Wie ihr trägt er immer noch die
Wunden seines eigenen ungerechten Leidens. Er versteht die Tiefe eures Leides und die fortdauernden Auswirkungen
auf Euer Leben und Eure eigenen Beziehungen, eingeschlossen Eure Beziehung zur Kirche. Ich weiß, daß
es einigen von euch schwer fällt durch die Türen der Kirche zu gehen nach allem, was passiert ist.
Aber Christi eigene Wunden, verwandelt durch sein erlösendes Leiden, sind der Weg, durch den die Macht
des Bösen gebrochen wird und wir zu Leben und Hoffnung wiedergeboren sind. Ich glaube zutiefst, daß
diese heilende Kraft der aufopfernden Liebe Befreiung und die Verheißung eines Neuanfangs bringt – sogar
in den dunkelsten und hoffnungslosesten Situationen.
Ich spreche zu Euch als Hirte, der sich um das Wohl
aller Kinder Gottes sorgt und bitte Euch, zu bedenken, was ich gesagt habe. Ich bete, daß durch die Annäherung
an Christus und durch die Teilnahme am Leben seiner Kirche – einer Kirche gereinigt durch Buße und erneuert
in Nächstenliebe – Ihr die unermeßliche Liebe Christi für jeden von Euch wiederentdecken könnt. Ich
bin zuversichtlich, daß Ihr auf diese Weise Versöhnung, tiefe innere Heilung und Frieden finden könnt.
7. An die Priester und Ordensleute, die Kinder Mißbraucht haben
Ihr habt das Vertrauen, das von unschuldigen
jungen Menschen und ihren Familien in Euch gesetzt wurde, verraten und Ihr müßt Euch vor dem allmächtigen
Gott und vor den zuständigen Gerichten dafür verantworten. Ihr habt die Achtung der Menschen Irlands
verspielt und Schande und Unehre auf Eure Mitbrüder gebracht. Die Priester unter Euch haben die Heiligkeit
des Weihesakraments verletzt, in dem Christus sich selbst in uns und unseren Handlungen gegenwärtig macht.
Gemeinsam mit dem immensen Leid, das Ihr den Opfern angetan habt, wurde die Kirche und die öffentlichen
Wahrnehmung des Priestertums und des Ordensleben beschädigt.
Ich mahne Euch, Euer Gewissen zu erforschen,
Verantwortung für die begangenen Sünden zu übernehmen und demütig Euer Bedauern auszudrücken. Ehrliche
Reue öffnet die Tür zu Gottes Vergebung und die Gnade ehrlicher Besserung. Durch Gebet und Buße für
die, denen Ihr Unrecht getan habt, sollt ihr persönlich für Euer Handeln Sühne leisten. Christi erlösendes
Opfer hat die Kraft, sogar die größte Sünde zu vergeben und Gutes sogar aus dem schlimmsten Übel wachsen
zu lassen. Gleichzeitig ruft uns Gottes Gerechtigkeit dazu auf, Rechenschaft über unsere Taten abzulegen
und nichts zu verheimlichen. Erkennt Eure Schuld öffentlich an, unterwerft Euch der Rechtsprechung, aber
verzweifelt nicht an der Gnade Gottes.
8. An die Eltern
Ihr seid zutiefst entsetzt über die furchtbaren
Dinge, die an den Orten stattgefunden haben, die eigentlich die sichersten und sorgenfreiesten Orte hätte
sein sollen. Es ist heute nicht einfach, ein Zuhause zu bilden und Kinder zu erziehen.
Sie verdienen
es, sicher aufzuwachsen, geliebt und geschätzt mit einem starken Gefühl ihrer Identität und ihres Wertes.
Sie haben das Recht, mit authentischen moralischen Werten erzogen zu werden, zutiefst in der Menschenwürde
verankert. Sie haben das Recht, inspiriert zu werden durch die Wahrheit unseres katholischen Glaubens
und Weisen des Verhaltens und Handelns zu erlernen, die zu einem gesunden Selbstwert und zu dauerhaftem
Glück führen.
Diese noble aber auch anspruchsvolle Aufgabe ist zuallererst Euch anvertraut, den Eltern.
Ich bitte Euch dringend, Eure Rolle bei der Gewährleistung der besten möglichen Fürsorge für die Kinder
sowohl zu Hause als auch in der Gesellschaft zu spielen, während die Kirche ihre Rolle wahrnimmt und
weiter die Maßnahmen der letzten Jahre umsetzt um junge Menschen in Pfarreien und Schulen zu schützen.
Während Ihr Eure lebenswichtige Verantwortung wahrnehmt möchte ich Euch versichern, daß ich Euch nahe
bin und die Unterstützung meiner Gebete anbiete.
9. An die Kinder und die Jugend Irlands
Euch möchte
ich ganz besonders ermutigen. Eure Erfahrung der Kirche ist sehr unterschiedlich von der Eurer Eltern
und Großeltern. Die Welt hat sich sehr geändert seit sie in Eurem Alter waren. Trotzdem sind alle Menschen
aller Generationen dazu berufen, denselben Weg durchs Leben zu gehen, gleich unter welchen Umständen.
Wir sind alle skandalisiert von den Sünden und dem Versagen von einigen Mitgliedern der Kirche, besonders
durch die derer, die eigens dazu ausgesucht waren, jungen Menschen zu dienen und sie anzuleiten. Aber
es ist die Kirche, in der Ihr Christus findet, der derselbe ist, gestern, heute und morgen (Hebräerbrief
13:8).
Er liebt Euch und er hat sich am Kreuz für Euch hingegeben. Sucht eine persönliche Beziehung
zu ihm in der Gemeinschaft der Kirche, denn er wird nie Euer Vertrauen Mißbrauchen! Er allein kann Eure
tiefsten Sehnsüchte erfüllen und Eurem Leben den vollen Sinn geben dadurch, daß er es zum Dienst am
Nächsten lenkt. Haltet Eure Augen auf Jesus und seine Güte gerichtet und schützt die Flamme des Glaubens
in Eurem Herzen. Gemeinsam mit den übrigen Gläubigen in Irland sehe ich in Euch treue Jünger unseres
Herrn; bringt den nötigen Enthusiasmus und Idealismus zum Neuaufbau und der Erneuerung Eurer geliebten
Kirche.
10. An die Priester und Ordensleute in Irland
Wir alle leiden als Folge der Sünden unserer
Mitbrüder, die das heilige Vertrauen Mißbraucht haben oder versagt haben, gerecht und verantwortungsvoll
mit den Mißbrauchsvorwürfen umzugehen.
In der Wut und der Empörung die das alles nicht nur unter den
Gläubigen sondern auch unter Euch und in den Ordensgemeinschaften hervorgerufen hat, fühlen sich viele
von Euch mutlos oder sogar verlassen.
Mir ist ebenfalls bewußt, daß in den Augen vieler Ihr durch die
Nähe zu den Tätern einen Makel tragt und als irgendwie verantwortlich für die Verbrechen anderer gesehen
werdet. In dieser schmerzlichen Zeit möchte ich Eure Hingabe an das Priestertum und das Apostolat würdigen
und Euch einladen, Euren Glauben in Christus zu festigen, Eure Liebe zu seiner Kirche und Euer Vertrauen
in die Verheißung des Evangeliums auf Erlösung, Vergebung und innere Erneuerung. Auf diese Weise werdet
ihr aufzeigen, daß da, wo die Sünde mächtig wurde, die Gnade übergroß wurde (Römerbrief 5:20).
Ich weiß, daß viele von Euch von der Art und Weise, wie diese Dinge von Euren Oberen behandelt wurden,
enttäuscht, verwirrt und verärgert sind. Trotzdem ist es wesentlich, daß Ihr eng mit den Autoritäten
kooperiert und helft, daß die Maßnahmen zur Bewältigung der Krise wirklich dem Evangelium gemäß,
gerecht und effektiv sind.
Vor allem aber bitte ich Euch, immer mehr Männer und Frauen des Gebets zu
werden, die mutig dem Weg der Bekehrung, Reinigung und Versöhnung gehen. Auf diese Weise wird die Kirche
in Irland neues Leben und neue Dynamik aus Eurem Zeugnis für Gottes erlösende Kraft, die in Eurem Leben
sichtbar wird, schöpfen.
11. An meine Mitbrüder im Bischofsamt
Es kann nicht geleugnet werden, daß
einige von Euch und von Euren Vorgängern bei der Anwendung der seit langem bestehenden Vorschriften des
Kirchenrechts zu sexuellem Mißbrauch von Kindern versagt haben. Schwere Fehler sind bei der Behandlung
von Vorwürfen gemacht worden.
Ich erkenne an, daß es schwer war, die Komplexität und das Ausmaß des
Problems zu erkennen, gesicherte Informationen zu erlangen und die richtigen Entscheidungen bei widersprüchlichen
Expertenmeinungen zu treffen. Trotzdem muß zugegeben werden, daß schwerwiegende Fehlurteile getroffen
wurden und Fehler in der Leitung vorkamen. Dies alles hat Eure Glaubwürdigkeit und Effektivität untergraben.
Ich erkenne Eure Bemühungen an, vergangene Fehler wieder gut zu machen und zu garantieren, daß sie
nicht wieder passieren. Abgesehen von der vollständigen Umsetzung der Normen des Kirchenrechts im Umgang
mit Fällen von KindesMißbrauch: kooperiert weiter mit den staatlichen Behörden in ihrem Bereich.
Für
die Ordensoberen gilt dasselbe. Sie haben ebenfalls an Diskussionen hier in Rom teilgenommen, um einen
eindeutigen und klaren Weg zum Umgang in dieser Angelegenheit zu entwickeln. Es ist zwingend erforderlich,
daß die Normen der Kirche in Irland zum Schutz von Kindern kontinuierlich überprüft und aktualisiert
werden und daß sie vollständig und unabhängig in Übereinstimmung mit dem Kirchenrecht angewandt werden.
Ausschließlich entschiedene Handlungsweisen, umgesetzt in voller Aufrichtigkeit und Transparenz, wird
den Respekt und den guten Willen des irischen Volks der Kirche gegenüber, der wir unser Leben geweiht
habt, wiedergewinnen. Das muß zuallererst aus Eurer Selbsterforschung, aus innerer Reinigung und geistlicher
Erneuerung kommen. Die Menschen Irlands erwarten zu Recht, daß Ihr Menschen Gottes seid, daß Ihr gottgefällig
und einfach lebt und täglich die persönliche Bekehrung erstrebt. Für sie – in den Worten des heiligen
Augustinus – seid Ihr Bischof; aber gemeinsam mit ihnen seid Ihr berufen, Christus nachzufolgen (Sermon
340, 1).
Ich ermahne Euch deswegen, Euren Sinn für die Rechenschaftspflicht vor Gott zu erneuern, in
der Solidarität mit Eurem Volk zu wachsen und die pastorale Sorge für alle Mitglieder Eurer Herde zu
vertiefen. Besonders fordere ich Euch auf, achtsam zu sein für die geistlichen und moralischen Bedürfnisse
jedes einzelnen Eurer Priester. Gebt ihnen durch Euer eigenes Leben ein Beispiel, seit ihnen nahe, hört
auf ihre Anliegen, bietet Ermutigung in dieser schwierigen Zeit und nährt die Flamme ihrer Liebe zu Christus
und ihr Engagement für den Dienst an ihren Brüdern und Schwestern.
Die Gläubigen sollen ebenfalls
ermutigt werden, ihre eigene Rolle im Leben der Kirche zu spielen. Sorgt dafür, daß sie so ausgebildet
sind, daß sie eine verständliche und überzeugende Darstellung des Evangeliums in mitten der modernen
Gesellschaft geben können (1. Petrusbrief 3:15) und vollständiger mit dem Leben und dem Auftrag der
Kirche kooperieren. Dies wird umgekehrt Euch helfen, wieder glaubwürdige Obere und Zeugen der erlösenden
Wahrheit Christi zu werden.
12. An alle Gläubigen Irlands
Die Erfahrung der Kirche eines jungen Menschen
sollte immer aus einer persönlichen und Leben spendenden Begegnung mit Jesus Christus in einer liebenden,
nährenden Gemeinschaft Frucht bringen. In dieser Umgebung sollten junge Menschen ermutigt werden, ihre
menschliche und geistliche Gestalt voll zu entwickeln, das hohe Ideal der Heiligkeit, der Nächstenliebe
und der Wahrheit anzustreben, und von den Reichtümern der kulturellen und religiösen Tradition inspiriert
zu sein. In unserer zunehmend säkularisierten Gesellschaft, in der selbst wir Christen es oft schwer
finden, über die transzendente Dimension unserer Existenz zu sprechen, müssen wir neue Wege finden,
jungen Menschen die Schönheit und den Reichtum der Freundschaft mit Christus in der Gemeinschaft der
Kirche nahe zu bringen. Für die Bewältigung der gegenwärtigen Krise sind Maßnahmen, die gerecht mit
individuellem Unrecht umgehen, unerlässlich, aber allein für sich sind sie nicht ausreichend: wir brauchen
eine neue Vision, um zukünftige Generationen zu inspirieren, das Geschenk unseres gemeinsamen Glaubens
zu schätzen. Indem Ihr den Weg des Evangeliums geht, durch das Halten der Gebote und dadurch, daß Ihr
Euer Leben immer mehr in Übereinstimmung mit dem Leben Jesu Christi bringen, werdet Ihr sicher die tiefe
Erneuerung erfahren, die wir in dieser Zeit so dringend brauchen. Ich lade Euch ein, auf diesem Weg beständig
zu sein.
13. Liebe Brüder und Schwestern in Christus, ich wollte Euch diese Worte der Ermutigung und
Unterstützung aus meiner Fürsorge für Euch alle in dieser schmerzvollen Zeit, in der die Zerbrechlichkeit
des menschlichen Wesens so deutlich offenbar geworden ist, schreiben.
Ich hoffe, daß Ihr sie als Zeichen
meiner geistlichen Nähe und meiner Zuversicht in Eure Fähigkeit empfangt, den Herausforderungen der
Stunde dadurch zu begegnen, daß Ihr erneuerte Inspiration und Stärke aus Irlands nobler Tradition der
Treue zum Evangelium empfangt, Ausdauer im Glauben und Beharrlichkeit im Erstreben von Heiligkeit.
In
Solidarität mit Euch allen bete ich, daß mit Gottes Gnade die Wunden, die so viele Einzelne und Familien
verletzt haben, heilen und daß die Kirche in Irland eine Zeit der Wiedergeburt und der geistlichen Erneuerung
erfahre.
14. Ich möchte Euch nun auch einige konkrete Initiativen zum Umgang mit der Situation vorschlagen.
Am Ende meines Treffens mit den irischen Bischöfen habe ich darum gebeten, daß diese Fastenzeit reserviert
wird für das Gebet um das Ausgießen der Barmherzigkeit Gottes und der Geistesgaben der Heiligkeit und
Stärke über der Kirche in Eurem Land. Ich lade Euch alle ein, die Freitagsbuße für die Dauer eines
Jahres bis Ostern 2011 dieser Intention zu widmen.
Ich bitte Euch, Euer Fasten, Euer Gebet, Eure Schriftlesung
und Eure Werke der Nächstenliebe dem zu widmen, damit Ihr so die Gnade der Heilung und der Erneuerung
für die Kirche in Irland erlangt. Ich ermutige Euch, aufs Neue das Sakrament der Versöhnung für Euch
zu entdecken und häufiger die verwandelnde Kraft seiner Gnade zu nutzen.
Besondere Aufmerksamkeit sollte
ebenfalls der eucharistischen Anbetung zuteil werden; in jedem Bistum soll es Kirchen oder Kapellen geben,
die speziell diesem Zweck gewidmet sind. Ich fordere Pfarreien, Seminarien, Ordenshäuser und Klöster
dazu auf, Zeiten eucharistischer Anbetung zu organisieren, so daß sich alle beteiligen können. Durch
intensives Gebet vor dem anwesenden Herrn könnt Ihr Wiedergutmachung leisten für die Sünde des Mißbrauchs,
die so viel Schaden angerichtet hat. Gleichzeitig könnt Ihr so die Gnade neuer Stärke erflehen und einen
tieferen Sinn des Auftrags aller Bischöfe, Priester, Ordensleute und Gläubigen.
Ich bin zuversichtlich,
daß dieses Unterfangen zu einer Neugeburt der Kirche in Irland führen in der Fülle von Gottes Wahrheit
führen wird, denn es ist die Wahrheit, die uns frei macht (Johannesevangelium 8:32).
Darüber hinaus,
nachdem ich darüber beraten und gebetet habe, habe ich vor, eine Apostolische Visitation einiger Bistümer
Irlands abzuhalten, ebenso von Seminarien und Ordensgemeinschaften. Absprachen für diese Visitation,
die der Ortskirche auf ihrem Weg der Erneuerung helfen soll, werden in Absprache mit den zuständigen
Büros der römischen Kurie und der irischen Bischofskonferenz getroffen. Die Einzelheiten werden zu gegebener
Zeit bekannt gegeben.
Ich schlage ebenfalls eine gemeinsame Mission in ganz Irland für alle Bischöfe,
Priester und Ordensleute vor. Es ist meine Hoffnung, daß durch das Nutzen der Expertise erfahrener Prediger
und Exerzitienbegleiter von Irland und andernorts und durch das erneute Studium der Dokumente des Konzils,
der liturgischen Riten von Weihe und Profeß und der neueren päpstlichen Lehren, Ihr zu einem tieferen
Verständnis für Eure jeweilige Berufung kommt, um so die Wurzeln Eures Glaubens in Jesus Christus wieder
zu entdecken und aus dem Quell des lebendigen Wassers zu trinken, den er Euch durch seine Kirche bietet.
In diesem Jahr des Priesters empfehle ich Euch ganz besonders den heiligen Jean-Marie Vianney, der ein
reiches Verständnis des Mysteriums des Priestertums hatte. Er schrieb: „der Priester hält den Schlüssel
zu den Schätzen des Himmels: er ist es, der die Tür öffnet: er ist der Statthalter des guten Herrn;
der Verwalter seiner Güter.“ Der Pfarrer von Ars verstand sehr gut, wie gesegnet eine Gemeinschaft ist,
wenn ihr von einem guten und heiligen Priester gedient wird: „ein guter Hirte, ein Hüter nach Gottes
Herzen, ist der größte Schatz, den Gott einer Gemeinde schenken kann und eines der wertvollsten Geschenke
göttlicher Gnade.“ Durch die Fürsprache des heiligen Jean-Marie Vianney möge das Priestertum in Irland
neu belebt werden und möge die ganze Kirche in Irland wachsen in Wertschätzung für das große Geschenk
des priesterlichen Dienstes.
An dieser Stelle möchte ich denen im voraus danken, die an der Aufgabe
der Organisation der Apostolischen Visitation und der Mission beteiligt sind, und genauso den vielen Männern
und Frauen in ganz Irland, die schon heute für den Schutz von Kindern im kirchlichen Umfeld arbeiten.
Seit der Zeit, als wir begonnen haben, die Schwere und das Ausmaß des Problems zu verstehen, hat die
Kirche eine ungemein große Anstrengung in vielen Teilen der Welt geleistet, um sich dem zu stellen und
um Abhilfe zu schaffen. Auch wenn keine Anstrengung aufgespart werden sollte, die Verfahren zu verbessern
und zu aktualisieren, bin ich doch ermutigt durch die Tatsache, daß die augenblicklichen Verfahren zur
Absicherung, die die Kirche eingeführt hat, in einigen Teilen der Welt als vorbildlich für andere Institutionen
angesehen werden.
Ich möchte diesen Brief mit einem besonderen Gebet für die Kirche in Irland beenden,
das ich Euch mit der besonderen Sorge des Vaters für seine Kinder und der Zuneigung eines Mitchristen
sende, der skandalisiert und verletzt ist durch das, was in unserer geliebten Kirche geschehen ist. Wenn
Ihr es in Euren Familien, Pfarreien und Gemeinschaften betet, möge die selige Jungfrau Maria jeden von
Euch schützen und leiten zu einer engeren Verbindung mit ihrem Sohn, dem Gekreuzigten und Auferstandenen.
Mit großer Zuneigung und unentwegter Zuversicht in Gottes Zusage sende ich Euch herzlich meinen apostolischen
Segen als eine Zusage von Stärke und Frieden im Herrn.
Aus dem Vatikan, 19. März 2010, am Hochfest
des heiligen Josef
Benediktus PP. XVI.Gebet für die Kirche in Irland
Gott unserer Väter,
erneuere
uns im Glauben, der unser Leben und unsere Rettung ist,
in der Hoffnung, die uns Vergebung und innere
Erneuerung verheißt,
in der Nächstenliebe, die uns reinigt und unsere Herzen öffnet,
daß wir dich
lieben und in dir jeden unserer Brüder und Schwestern.
Herr Jesus Christus,
möge die Kirche in Irland
ihre uralte Hingabe
an die Bildung für junge Menschen zu Wahrheit und Güte,
Heiligkeit und freizügigem
Dienst an der Gesellschaft erneuern.
Heiliger Geist, Tröster, Anwalt und Lenker,
erwecke einen neuen
Frühling der Heiligkeit und apostolischen Eifers
für die Kirche in Irland
Mögen unser Leid und unsere
Tränen,
unsere ernsten Anstrengungen, vergangene Untaten wieder gut zu machen,
und unsere feste Absicht
der Besserung
eine reiche Ernte der Gnade tragen
für die Vertiefung des Glaubens
in unseren Familien,
Pfarreien, Schulen und Gemeinschaften,
für den geistlichen Fortschritt der irischen Gesellschaft,
und
das Wachsen in Nächstenliebe, Gerechtigkeit, Freude und Frieden,
in der gesamten Menschheitsfamilie.
Dir, dreieiniger Gott,
vertrauend auf den liebenden Schutz Mariens,
Königin Irlands, unserer Mutter,
und des heiligen Patrick, der heiligen Brigid und aller Heiligen,
vertrauen wir dir uns, unsere Kinder,
und die Nöte der Kirche in Irland an.
