Jerusalemer Gespräch mit P. Bargil Pixner OSB: eine Belehrung über Bilder, Steine, die Unbefleckte Empfängnis
und die Aufnahme Marias über den Himmel von Mexiko.
Wenn irgendetwas wahr sein soll, was von ihr erzählt
wird, wird Maria hier eingreifen müssen: in diesem heiligen Land. Es kann ihr doch nicht gleichgültig
sein, weder das Land noch die heilige Stadt. An welchem Flecken der Erde wird sie wohl schmerzhafter hängen
als an dem Zionsberg? Nach Osten und Westen geht es von hier oben aus nur noch bergab. Hier hat Maria
um ihren Sohn getrauert, hier ist sie gestorben, wo auch jetzt die Welt noch scharf in zwei Hälften auseinander
fällt. Von hier aus ging ihr letzter Blick über die Erde hinweg, über die Hügel da hinten und über
das Tal von Siluan da vorne, wo die Stimmen der Muezzins, die der Wind über Jerusalem durcheinander wirbelt,
gerade wieder die Größe Gottes preisen. Hier standen die ersten Häuser der frühen Christenheit. Hier
hat Maria gewohnt – egal, ob sie danach noch in Guadalupe, Lourdes oder Fatima erschienen ist.
»Schau
dir das an«, sagte Pater Pixner hier oben schon bei einer unserer ersten Begegnungen, als ich ihn in
seiner Abtei kennen lernte, »das sind die beiden Steine.« Es war der Beginn eines endlosen Gesprächs
und einer ewigen Freundschaft. Er zeigte auf zwei große, helle Quader aus Jerusalemer Stein mit tief
eingraviertem Kreuz, die kurz über dem Boden links und rechts in die Außenwand des Glockenturms der
Abtei eingelassen sind. »Das ist der Marienstein und das ist der Stephansstein. Als Kaiser Wilhelm im
Jahr 1898 hier neben dem Abendmahlsaal einen Gemüsegarten kaufte, auf dem die Mönche eine Abtei errichten
sollten, kamen Äthiopier und Syrer zu ihnen und fragten: ›Was wird denn jetzt aus den Steinen vom Marias
Haus in dem Garten?‹ Und sie zeigten ihnen zwei große, grobe Steine, die hier im Garten lagen und die
sie seit vielen Jahrhunderten verehrt hatten. Das waren diese Steinquader. Der eine stammte aus dem Haus
Marias, der andere aus dem Haus des Stephanus, wie sie sagten. Da nahmen die Baumeister die beiden Steine
und fügten sie in das Fundament des neuen Glockenturms ein, wo sie jetzt noch jeder berühren kann. Die
Äthiopier kommen noch regelmäßig, um ihn zu streicheln.«
Später haben wir noch oft und lange miteinander
gesprochen, in einer kleinen Garküche am Jaffator, bei einem Bier, bei einem Mokka, unterwegs in der
Stadt und auf langen Autofahrten. In dieser gewalttätigen, am meisten politisierten Stadt der Welt scheint
Pater Bargil frei von Aggressionen und unpolitisch wie ein Kind zu sein. Er erzählt für sein Leben gern –
und über kaum jemanden lieber als über Jesus, dessen Schritte er alle einzeln nachgegangen ist, und
über Maria, die Königin des Heiligen Landes. Am Nordufer des Sees Genezareth hat er Bethsaida ausgegraben,
die Heimatstadt der Apostel Petrus, Jakobus, Johannes und Andreas. Er kennt jeden Baum in Galiläa – obwohl
er in Südtirol geboren ist –, bald ist er achtzig Jahre alt. »Sohn der Freude« bedeutete der Vorname
des Benediktinerpaters auf Aramäisch. Er hatte ihn aufgrund eines Missverständnisses in einer Hebräischschule
bekommen. Sein alter Name ‘Virgil’ wurde auf hebräisch geschrieben und als ‘Bargil’ gelesen. Diesen Namen
hat der Pater gleich beibehalten, als er mit fünfzig Jahren hier seine ewigen Mönchsgelübde ablegte,
wo er zu einem modernen Heinrich Schliemann des Zionsberges wurde, zu einem etwas schusseligen Genie,
der die vielen Sprachen, die er beherrscht, als habe er sie zuhause in seinem Dorf gelernt, manchmal etwas
durcheinander bringt. Das Schöne bei seinen Erzählungen ist, dass sie fast ganz ohne Einschränkungen
wie »vielleicht«, »wahrscheinlich« oder »würde« und »hätte« auskommen. Er ist umfassend gebildet
und hat eine große Kombinationsgabe, das Leben auf dem Zionsberg des ersten nachchristlichen Jahrhunderts
erzählt er am liebsten dennoch ohne Filter nach, als sei er dabei gewesen.
Über meine Erzählungen
von der Morenita aus Guadalupe musste er hingegen immer wieder lächeln. Er hatte von ihr nur am Rande
gehört und stand der Geschichte skeptisch gegenüber. Er glaubte nicht recht an die wunderbare Geschichte
ihrer Erscheinung, trotz des Mosaiks der Madonna in der Krypta und der vielen mexikanischen Pilger, die
selbst mitten im Krieg immer noch nach Jerusalem zur Hagia Maria Sion-Abtei kamen, die auch Mariendom
oder Dormitio-Abtei genannt wird, d.h. »Entschlafungskirche«. Aber er glaubte sehr fest daran, dass
sie hier gelebt hat. Für ihn war Maria vor allem in Jerusalem präsent.
»Was soll das heißen: ich
glaube daran? Ich liebe Maria. Für diese Liebe brauche ich hier in Jerusalem aber keine Erscheinung.
Denn hier spricht sie ja überall als historische Person zu mir. Hier war sie doch lebendig. Sie war doch
kein Gespenst oder Schemen. Trotz der vielen tausend Bilder von ihr – und meinetwegen auch trotz all ihrer
Erscheinungen –, war und ist sie doch nur eine Person. Nicht zwei, nicht drei, nicht zehntausend. Sie
hat ja gelebt, in Fleisch und Blut. Und Morenita, Morenita! Sie ist doch keine mexikanische Göttin. Es
ist doch Maria. Und es gibt nur eine Maria, immer dieselbe, egal wie oft sie noch erschienen ist.«
»Wann
ist Maria gestorben?«
»Um das Jahr 48/49/50.«
»Welche Anhaltspunkte gibt es für diese Datierung?«
»Diese Kirche heißt ›Kirche vom Heimgang Mariens‹, weil sie hier gestorben ist. Das ist in der ältesten
Tradition verwurzelt. Diese Überlieferung hält fest, dass hier der Ort ist, wo sie nach der Auferstehung
Christi gelebt hat. Dazu kommen Traditionen der Ostkirchen, hauptsächlich bei den Syrern, Äthiopiern
und Griechen, wo all diese Geschichten weiterleben. Hier ist sie deshalb wohl auch gestorben. Dass das
um das Jahr 48/49 oder 49/50 war, schließe ich aus mehreren Beobachtungen. Es gibt einen sehr alten Bericht
über ihren Tod, der im Vatikan aufbewahrt wird. Er heißt Transitus Mariae, auf Deutsch:›Übergang
Mariens‹. Dieser Bericht enthält viele judenchristliche Elemente. Sein Ursprung weist also in die früheste
Zeit der Kirche zurück, zu jener Gruppe von Juden, die an Jesus glaubten und Hebräisch sprachen. Da
wird besonders betont, dass bei Marias Tod die Apostel zugegen waren. Da die meisten von ihnen inzwischen
aber schon in der ganzen Welt verstreut waren, kommt für das Datum ihres Todes eigentlich nur ein Ereignis
infrage. Das war das so genannte Apostelkonzil, als alle Apostel noch einmal nach Jerusalem zurückkamen.
Dass sich alle jemals woanders noch ein zweites Mal getroffen haben könnten, ist weder irgendwo erwähnt
noch dokumentiert noch vorstellbar. Und das Apostelkonzil ist ziemlich genau datiert.«
»Maria starb
während des Apostelkonzils?«
»Ja, das glaube ich, oder kurz danach oder davor. Bis dahin hat sie nach
der Auferstehung ihres Sohnes von den Toten sicher hier irgendwo in der Nähe gewohnt. Johannes wird bei
ihr gelebt haben, aber auch ihre eigene Familie, die aus Nazareth hierher gekommen war. Da hat sie bestimmt
viel von ihren eigenen Erlebnissen erzählt. Und diese Berichte, da bin ich mir sicher, wird einer aus
dieser Familie zu einer Haggada zusammengestellt haben.
Als Haggada werden Erzählungen biblischer Stoffe
bezeichnet, in denen manches legendenhaft sein kann, deren Grundsubstanz aber geschichtlich ist.
Diese
Erzählungen wird der Evangelist Lukas hier angetroffen haben, als er etwa fünf Jahre nach der Zerstörung
Jerusalems aus Antiochien zum Zion kam.«
»Lukas kam im Jahr 75 hierher?«
»Vielleicht auch schon früher.
Aber sicher danach. Da hat er jedenfalls diese Haggada hier vorgefunden. Sie war hebräisch geschrieben,
jemand wird sie ihm ins Griechische übersetzt haben, wenn er die Sprache nicht selber konnte, und so
sind die Marienberichte in sein Evangelium hineingekommen, wo wir immer wieder auf Sätze stoßen wie:
›Maria bewahrte alle diese Worte in ihrem Herzen. Maria dachte nach, was das bedeutete.‹ Ein solcher
Satz kann meines Erachtens nur eines heißen, dass sie die Zeugin der entsprechenden Ereignisse war. Mit
diesem Satz will Lukas uns klarmachen, dies ist weder ein Gerede noch eine Spekulation, sondern der Bericht
der Verkündigung, der Bericht der Geburt in Bethlehem, die Hirten, die Begegnung von Elisabeth und Maria,
dies ist alles von ihr diktiert. Die Muttergottes wird hier deutlich von ihm als Mitautorin des Evangeliums
benannt. Denn was Jesus gesagt hatte, gerade als er noch jung war, hat auf sie doch sicher einen großen
Eindruck gemacht. Sie ist ›das Gedächtnis der Kirche‹, wie der Papst heute noch immer sagt. Immer
wieder kommt bei Lukas also Maria zum Vorschein. Die Schilderung der Geburt Jesu in Bethlehem kommt von
ihr, so auch der Bericht über Simon im Tempel und den zwölfjährigen Jesus – all das waren ursprünglich
Erzählungen Marias. Von Lukas haben wir jedenfalls fast alles, was wir über sie wissen. Und er wird
es hier auf dem Zionsberg vorgefunden haben.«
»Und was ist mit den Bildern Marias, die man Lukas seit
alters her zuschreibt?«
»Dazu muss man sagen: Erstens ist das eine besonders kostbare Überlieferung,
und zweitens ist das auch gar keine so absurde Vorstellung. Denn Lukas war ja Grieche. Und in hellenistischer
Zeit blühte besonders in diesem orientalischen Raum die Porträtkunst und war sehr weit verbreitet. Da
gibt es Bilder höchster Meisterschaft neben sehr primitiven Bildern, die aber auch zeigen, dass diese
Porträtkunst in allen Schichten sehr weit verbreitet war. In Ägypten wurde vor rund hundert Jahren in
der Oase Fayoum eine riesige Menge phantastisch erhaltener zeitgenössischer Porträts in unterschiedlichster
Qualität aus den ersten Jahrhunderten nach Christus gefunden. Darunter sind Meisterwerke neben Skizzen,
die man fast mit einem flüchtigen, unscharfen Foto, mit Schnappschüssen vergleichen könnte. Auf jeden
Fall sind es alles realistische Bilder und außerordentliche Dokumente. Das einmal vorweg.
Man darf sich
aber auf keinen Fall vorstellen, dass Lukas selbst zu den Füßen Marias gesessen und sie gemalt hat.
Denn er hat Maria mit Sicherheit nicht mehr kennen gelernt. Klar ist aber, dass ihm als Grieche Bilder
nicht fremd waren, wie sie einem Juden fremd gewesen wären. Er war ja auch Arzt, Naturwissenschaftler,
und er hat gewiss dieses moderne Verhältnis der Griechen zum Bilddokument gehabt. Und in der Urgemeinde
auf dem Zionsberg gab es bestimmt auch schon Griechen, die ein ähnliches Verhältnis zum Bild hatten.
So kann ich mir also auch gut vorstellen, dass ein Grieche, der Christ wird und in enger Verbindung zur
Gottesmutter steht, sie dann auch malt. Im rein jüdischen Umkreis der Muttergottes wäre das undenkbar
gewesen. Aber aus griechischer Sicht finde ich das naheliegend. Ich stell es mir gerade so vor, wie wenn
du ein Foto von mir machst, wenn wir hier gerade beisammen sitzen. Dass es auf diese Weise also auch zu
einem ersten Bild von Maria gekommen ist, halte ich für durchaus möglich, dass also Lukas nicht nur
die Haggada zu Maria, sondern auch schon ein regelrechtes Bild von ihr vorgefunden hat, das er genauso
selbstverständlich angenommen hat. Vielleicht hat er es ja danach auch kopiert und noch einmal oder mehrmals
abgemalt. Solche Überlieferungen sollte man jedenfalls nie leichtfertig beiseite schieben. Ich habe den
höchsten Respekt vor ihnen, denn eins sind sie nie: einfach nur so erfunden. Im Gegenteil: Es ist geradezu
absurd, sich vorzustellen, dass jemand einfach hingeht und so etwas erfindet und dass ihm dann von allen
durch die Jahrhunderte geglaubt wird.
Vorstellen kann ich mir aber sehr wohl, dass es ein erstes Porträt
von Maria gegeben hat, ob in Wachs, auf Leder, Holz oder Papyrus, das weiß keiner. Und zwar ein persönliches
Porträt, kein idealisiertes Bild des Weiblichen wie etwa die Darstellungen der Göttin Artemis. Ob aber
das, was nach dieser Überlieferung von ihr gemalt wurde, erhalten geblieben ist, das steht auf einem
anderen Blatt, oder ob die Bilder, die man Lukas zuschreibt, von seinen Enkeln oder Urenkeln stammen und
selbst schon Kopien von Kopien von Kopien sind, ist wiederum etwas anderes. Auffällig ist aber bis heute,
wie sehr Maria sich immer in Bildern ausgedrückt hat. Über sie ist ja auch viel weniger Text überliefert
als über ihren Sohn Jesus. Auf ganz eigenartige Weise hat Maria also immer sehr stark in Bildern gesprochen,
vielleicht mehr als jede andere Figur der Weltgeschichte. Hier aber«, sagte P. Bargil Pixner stolz, bevor
er aufstand, um zum Chorgebet in die Kirche zurückzugehen, »hier bei uns und an diesem Ort spricht sie
anders.«
»Hier spricht sie wie in keinem anderen Zeugnis«, fuhr er dann fort, »denn hier hat sie
gelebt. Gleich nebenan war sie beim ersten Pfingstfest dabei. Es war in den Tagen, als die Apostel anfingen,
in ihrem Gesicht wie in keinem Bild sonst die Gesichtszüge ihres leiblichen Sohnes zu erkennen, der nun
nicht mehr unter ihnen war. Denn im Gesicht der Mutter spiegelten sie sich ja immer noch. ›Alle gerieten
außer sich und waren ratlos‹, schreibt Lukas in seinem Bericht über das Pfingstfest auf dem Zionsberg.
Aber warum? Was heißt das? Lies es einmal selbst in der Bibel nach. Das heißt nämlich, dass damals
gerade hier, wo wir jetzt sitzen, im Beisein Marias die Barrieren zwischen Israel und allen Heidenvölkern
zerbrachen, zwischen den Juden und Parthern, Medern, Elamitern und Römern, zwischen Asiaten, Afrikanern
und Europäern. Es war eine unglaubliche Revolution der Weltgeschichte. Schon bald danach nahmen sie –
was vorher undenkbar war – gemeinsam das Mahl in ihren Häusern ein, schon bald auch zusammen mit kultisch
unreinen Heiden, in Rom, Korinth und Syrien, wo sie außerdem mit Herren und Sklaven, Männern und Frauen
gemeinsam am Tisch saßen. An diesem Tag hat sich das Judentum für alle Völker geöffnet. Ohne dieses
Pfingstfest hätten uns die Zehn Gebote nie erreicht. Ich glaube, es war die größte Revolution der Weltgeschichte.
Rund zwanzig Jahre später wurde sie vollendet im ersten Apostelkonzil, wieder hier an diesem Ort, an
dem Maria wieder zugegen war – und an dem sie dann auch starb. Vielleicht starb sie vor Freude, das noch
miterlebt zu haben, bevor sie endlich wieder ihrem Sohn begegnen konnte.
Ich stelle mir jedenfalls vor,
dass sie den Streit zwischen Petrus und Paulus noch erlebt hat, der damals von den Aposteln einstimmig
so entschieden wurde, dass es in Zukunft keine Schranken mehr zwischen Juden und Heiden geben sollte.
Keine kultische Mauer sollte mehr die Verbindung der Nationen behindern. Vielleicht hat sie dieses unglaubliche
Ereignis, die Überwindung aller Schranken, mit ihrem Tod noch einmal für alle Zeiten besiegelt. Lies
diese Stelle in der Apostelgeschichte nach! Etwas Spannenderes wirst du in keinem Roman finden, wenn du
dir den geschichtlichen Hintergrund dazu vorstellst.
So spricht Maria hier also zu uns, nicht in Bildern,
sondern durch ihre Existenz und ihren Tod. Als die Abtei vor hundert Jahren gebaut wurde, hat man bei
den Ausgrabungen die Grundmauern einer früheren Kirche gefunden, in deren Westecke eine eigene Kapelle
an den Tod Marias erinnerte. Da ist sie wohl gestorben. Nirgendwo gibt es für ihren Tod eine ältere
Tradition. Sie starb gerade da, wo unsere Krypta gebaut wurde, und darüber die Kirche und unser Kloster,
wo wir jetzt sitzen. Hier spricht sie also natürlich ganz anders als sonst wo auf der Welt, auch anders
als in Rom oder Mexiko. Kein Maler hat sie jemals so zum Sprechen gebracht, nicht einmal Raffael. Und
anders als überall sonst spricht sie natürlich auch unten im Garten Gethsemane an ihrem Grab. Wenn du
willst, kann ich dir morgen früh am Golgatha einmal zeigen, wie sie hier sogar ein Dogma erklärt.« –
»Am Golgatha? Natürlich will ich. Welches Dogma?» –„Das Dogma von der leiblichen Aufnahme Marias im
Himmel.« Wir verabredeten uns für den nächsten Morgen um sieben Uhr am Eingang der Grabeskirche Christi
mitten in der Altstadt, die die Griechen Auferstehungskirche nennen.
Am nächsten Morgen stand er pünktlich
an dem alten Tor der Basilika, die Kaiser Konstantin im 4. Jahrhundert über dem Hinrichtungsfelsen Christi
und seinem nahe gelegenen Grab errichten ließ. Gleich rechts hinter dem Portal stieg ich hinter Bargil
über eine steile Treppe in den ersten Stock hinauf. Die Golgatha-Kapelle ruht in immerwährendem Schatten.
Als wir sie betraten, waren nur zwei Beter da und eine äthiopische Nonne, rechts auf einer Seitenbank.
Bargil ging nach vorne und blieb an der letzten Säule stehen: vor uns eine schmerzerfüllte Rokoko-Madonna
in einer Vitrine, von einem Schwert durchbohrt, links daneben ein griechischer Altar, der sich über einer
dicken Glasplatte erhebt. Darunter ein großer grober Klotz aus aschgrauem Kalkstein, kaum ausgeleuchtet,
kahl und nackt wie ein Schädel. Der Gipfel des Golgatha. Bargil schob auf der Glasplatte eine Vase zur
Seite, knipste hinter dem Altar eine kleine Lampe an und zeigte auf einen zerbrochenen steinernen Ring
in einer Mulde des Felsens unter der Glasplatte. »Das ist die Stelle, wo der Herr gekreuzigt wurde.«
»Zur Zeit Jesu war es der letzte stehen gelassene Felsklotz eines Steinbruchs, der für den Hausbau
nicht mehr taugte, als die Römer ihn für ihre Hinrichtungen zu nutzen begannen«, erzählte er leise.
»Später haben die Architekten der ersten Kirche ihn dann an drei Seiten noch einmal so weit abgetragen,
dass er in die neue Basilika hineinpasste, die der heidnische Imperator Konstantin im Jahr 325 zu Ehren
der Passion und Auferstehung Christi hier zu bauen befohlen hatte. Nur einen hoch aufragenden Kern aus
dem Mittelstück des felsigen Hügels hatten sie unangetastet stehen lassen. Das ist diese Stelle. Der
Durchmesser des steinernen Rings zeigt, dass wir uns den Kreuzesbalken als rohes ungeschältes Rundholz
vorstellen müssen, kaum länger als drei Meter. Wer an ihm gehangen hat, muss also unmittelbar vor den
Augen der nächsten Zuschauer zu Tode gekommen sein, nicht in vornehmer Höhe. Jesus hing also tief unten.
Du siehst selbst, wie wenig Platz auf dem Gipfel ist. Wenn Maria bei ihm war, wie der Evangelist Johannes
berichtet, dann muss sie hier gestanden haben. Hier hing er blutüberströmt in ihrer Reichweite – und
so splitternackt, wie die Römer ihre Delinquenten immer kreuzigten! Hier hörte Maria die letzten Worte
und Schreie Jesu aus nächster Nähe. Sie hörte sie, als ihm die Nägel durch die Gelenke getrieben wurden.
Als er zu Tode gemartert wurde, muss er gerade in Greifweite seiner Mutter erstickt sein. Als er tot war,
stieß ihm ein römischer Offizier noch zur Vergewisserung eine Lanze in den rechten Brustkorb. Blut und
Wasser quollen ihm in einem Schwall aus der Seite, wie der Blutsturz eines Sterbenden – alles hier vor
ihren Augen.
Als die riesigen Nägel aus dem Holz und seinen Knochen gerissen wurden, als er vom Kreuz
herabsackte, war es an dieser Stelle. Hier wurde Maria sein blutüberströmter leichenblasser Körper
in den Schoß gelegt. Hier sah sie halb ohnmächtig auf seine blau gewordenen verkrusteten Lippen. Er
blutete noch aus Händen und Füßen, besonders aus der letzten klaffenden Wunde in seiner Brust. Blut
und Wasser liefen auf ihre Kleider. Hier wurde er auf das Leichentuch gelegt und damit zugedeckt. Hier
sah sie in seine gebrochenen, blutverschmierten Augen. Wer will sich ihren Schmerz ausmalen? Hier, wo
du stehst, ist der Platz der ›Mater Dolorosa‹. Die ›Pietà‹ war hier, sie war nicht aus Marmor,
nicht in Rom, sondern aus lebendem und totem Fleisch und Blut.« Eine Gruppe Russinnen war gekommen und
stimmte ein engelgleiches, zärtliches Lied vor dem Felsen an. Bargil nickte mir zu, ihm die Treppe hinunterzufolgen.
»Das meinte ich, als ich sagte, hier spricht der Ort über Maria, hier brauchen wir keine Erscheinungen«,
sagte er vor dem Portal, als wir uns im Innenhof auf eine umgelegte Säule setzten, »hier sprechen die
Erinnerungen.«
Ein Jerusalemer Morgen spannte sich funkelnd blau über das Viereck des Hofes. Vom Turm
der griechisch-orthodoxen Kirche schlug ungeheuer laut eine stählern klingende Glocke. Das Dröhnen und
Vibrieren des letzten Glockenschlags hing minutenlang in der Luft und zitterte und vibrierte zwischen
den Mauern des Atriums hin und her, eine Ewigkeit, als wolle er gar nicht mehr verwehen.
»Kannst du
dir vorstellen«, sagte P. Bargil noch in das verwehende Vibrieren hinein, »wie der Mutter eines Hingerichteten
nach dem Tod ihres Sohnes bis zu ihrem eigenen Tod zumute ist? Vor allem dieser Mutter! Ich glaube, von
da an muss ihr das Leben nur noch als Verbannung erschienen sein, als Exil, in dem sie sich nur noch nach
ihrer Heimkehr sehnte: als ein einziges Martyrium der Liebe«. Er schwieg, als lausche er dem allerletzten
Ton der Glocke nach.
»Im Grunde«, fuhr er dann fort, »kommt deshalb sogar der schwierige Gedanke der
unbefleckten Empfängnis von hier, den fast keiner mehr versteht. Der Gedanke nämlich, dass Maria schon
vom Zeitpunkt ihrer eigenen Zeugung an für all das auserwählt wurde, was sie später erlebte. Denn wenn
sie am Ende für solch ein Leid bestimmt war, wie du es hier betrachten kannst, dann – so haben die frühen
Christen gefolgert – muss Maria schon von Anfang an aus dem Menschengeschlecht herausgehoben worden sein.
War es nicht ein Muss?
Nirgendwo kann man doch die Zumutung, die Gott Maria abverlangt hat, wie hier
am Golgatha begreifen. Wenn es wahr ist, dass Jesus Gottes Sohn ist, dann ist es einfach nicht vorstellbar,
dass Gott die Mutter, die er so sehr hat mitleiden lassen, nicht auch ähnlich wie den Sohn verherrlicht,
und zwar von Anfang an. Denn die beiden waren doch ein Fleisch. Wenn also schon Eva ohne Erbschuld geschaffen
worden war, konnte Maria das gleiche Privileg bei ihrer Empfängnis dann vom Schöpfer verwehrt werden?
Nein. Wenn Jesus der Sohn Gottes war, konnte es schlechterdings nicht anders sein! Die alte Überzeugung
der ›unbefleckten Empfängnis Marias‹ bezieht sich also nicht so sehr auf sie selbst, sondern muss
vor allem als eine Beglaubigung für ihren Sohn verstanden werden. Dass er eben wirklich Gottes Sohn war
und nicht ein weiterer Prophet. ›Ich bin die unbefleckt Empfangene‹, heißt vor allem: ›mein Sohn
ist Gottes Sohn; mit ihm hat eine vollkommen neue Geschichte der Erde angefangen.‹ Warum, fragst du?
Denn wenn Eva, die Mutter alles Lebendigen, ohne Erbschuld von Gott geschaffen wurde – muss er dann nicht
umso mehr für seinen Sohn noch einmal eine neue Welt schaffen? ›Unbefleckt empfangen‹ ist nur zu
verstehen als Siegel dafür, dass alles wahr ist, was die Apostel und Evangelisten später über ihren
Sohn erzählt und berichtet haben. Dass er die Kette durchbrochen hat. Dass er wirklich von den Toten
auferstanden ist.
Trotzdem ging der Streit in der Kirche darüber durch die Jahrhunderte weiter, und
wenn du erzählst, dass sich Maria in Mexiko als ›unbefleckt Empfangene‹ vorgestellt hat, dann ist
das nach vielen Jahrhunderten auch eine enorme Würdigung der Teilnahme des menschlichen Verstandes am
göttlichen Heilswerk. Es ist fast wie eine himmlische Gegenzeichnung einer logisch zu Ende gedachten
menschlichen Erkenntnis. Denn die Unbefleckte Empfängnis ist ja nicht unverständlich, sondern sie kann
im Gegenteil vom menschlichen Geist tief ergründet werden, allerdings, wie immer bei den Menschen, im
Streit und Konflikt. Jahrhunderte lang hat deshalb auch die Kirche darum gerungen.
Viele große Theologen
waren gegen die Annahme der Unbefleckten Empfängnis. Augustinus war dagegen, Bernhard von Clairvaux auch,
glaube ich. Erst im Hochmittelalter setzte sich die Überzeugung von der unbefleckt Empfangenen nach Anselm
von Canterbury und Duns Scotus allmählich durch – bis sich Maria in der Neuzeit schließlich selbst als
die ›unbefleckt Empfangene‹ vorstellte, von Lourdes bis Fatima, wo die Seher ausnahmslos nicht wissen
konnten, was damit gemeint war.«
»Aber du wolltest mir doch die Aufnahme Marias in den Himmel erklären«,
unterbrach ich ihn und erzählte ihm von »Mariä Gefängnis«, an deren Festtag mein Vater meine Mutter
erstmals getroffen hatte.
»Ich bin ja schon dabei, es dir zu erklären«, lachte er schelmisch, »denn
diese Aufnahme ist nur eine Konsequenz des gleichen Gedankens und der gleichen Beobachtung. Also noch
einmal: Das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis Marias ist im Grunde nicht mehr und nicht weniger als
eine Konsequenz all dessen, woran Christen glauben. Keiner muss daran glauben. Wer aber als Christ nicht
an die Unbefleckte Empfängnis am Anfang und die Aufnahme Marias in den Himmel nach ihrem Tod glaubt,
braucht auch an alles andere nicht zu glauben, vor allem nicht daran, dass ihr Sohn Gottes Sohn ist. So
sehen es die Orthodoxen, und so sehen es die Katholiken, die hier nie aus den Augen verloren haben, wie
eng Mutter und Sohn verbunden sind und waren, besonders im Leid. Dann kann es ja wohl auch nicht sein,
dass Gott den Sohn mit Leib und Seele aus dem Kreislauf der Verwesung herausnimmt, und die Mutter, die
kaum weniger gelitten hat, nach ihrem Tod verrotten lässt. Das müssen die Menschen schon sehr früh
erkannt haben. Darum fand der marianische Scholastiker Duns Scotus im Hochmittelalter die klassische Formel:
›potuit, decuit, fecit‹, das heißt, ›es war ihm möglich, es ziemte sich, er tat es‹. Das heißt:
Gott konnte Maria unbefleckt und ohne Erbsünde empfangen lassen, es ziemte sich – also tat er es. Und
darum gibt es hier auch zwei leere Gräber in Jerusalem, und ein Fest der Himmelfahrt Christi und ein
Fest der Aufnahme und Krönung Marias im Himmel. Das hat hier ihren Ursprung. Wer sich aber eine Vorstellung
davon machen will, wie das leere Grab Christi neben dem Golgatha einmal ausgesehen haben mag, muss sich
heute Marias leeres Grab anschauen. Es gibt kaum einen einleuchtenderen Ort. Das muss ich dir zeigen.«
Er führte mich durch das Gewirr und Labyrinth der überwölbten Altstadtgassen hinüber zur Via Dolorosa,
durch das Marientor, hinunter zum Kidrontal und hinüber in den Garten Gethsemane. Da gehen links von
der Straße – mitten im freien Gelände – zwei Freitreppen zum offenen Vorhof einer alten Kreuzfahrerkirche
hinab und von dort – hinter deren Portal – an eine große Treppe, die noch tiefer ins Erdinnere hinunterführt,
zu Marias Grab, wie mir Bargil im Dämmerlicht vor einer kleinen frei stehenden Felskammer erklärte.
»Aber Gethsemane war doch ein Ölgarten und kein Gräberfeld, wieso kann es hier Gräber geben? Man hebt
doch keine Gräber im eigenen Garten aus?«, fragte ich ihn leise.
»Dass neben Gethsemane auch ein Friedhof
lag, ist schon in der Kupferrolle aus Qumran erwähnt«, fing er schon hier unten wieder mit einem kleinen
Vortrag an, nachdem er ein Avemaria vorgebetet hatte. »Das ist eine Schriftrolle der Essener, die auch
den Zionsberg nennt, wo die Essener mit Sicherheit ein eigenes Viertel hatten. Wahrscheinlich gehörte
auch dieses Feld hier unten jemandem, der zu ihnen gehörte. Und auch aus einem anderen Grund ergibt der
Ort einen Sinn, das Grab Marias hier zu suchen. Denn dass Jesus seinen allerletzten Abend im Garten Gethsemane
verbrachte, legt nahe, dass der Garten einer mit ihm befreundeten Jerusalemer Familie gehörte. Liegt
es demnach nicht nahe, dass die gleiche Familie seiner Mutter später in diesem Garten auch ein Grab zur
Verfügung stellte? Tatsache ist jedenfalls, dass das Grab gerade neben dem Ölgarten liegt.
Hier in
der Nähe soll auch der so genannte ›Herrenbruder Jakobus‹ begraben sein, der im Jahre 62 in der Nähe
der Tempelzinne getötet wurde – und von dem seit alters her viele annehmen, dass er ein leiblicher Sohn
Josephs war, des Bräutigams Marias, der Maria erst zu sich nahm, nachdem er schon Witwer war. Dieses
Grab ist noch nicht bekannt. Maria wurde jedoch ohne Zweifel an dieser Stelle begraben – die Verehrung
ihres Grabes ist bis in die älteste Zeit bezeugt. Nur Thomas sei nicht dabei gewesen, heißt es in dem
so genannten ›Transitus‹-Text, der von ihrem Begräbnis als Erster berichtet und im Vatikan aufbewahrt
wird. Weil Thomas aber derjenige Apostel war, der schon an der Auferstehung Christi gezweifelt hatte,
wenn er nicht seine Hand in dessen Seitenwunde legen könne, halten manche sein Zu-spät-Kommen bei Marias
Tod allein schon darum für unglaubwürdig – und den ganzen Rest des Berichts gleich mit. Es sei ein ›Troggrab‹
gewesen, heißt es da weiter, wo man sie hineingelegt hat. Und als Thomas später dazukam, habe man das
Grab noch einmal geöffnet. Da ging es hinter dem weggerollten Stein durch ein kleines Labyrinth, bis
er zu diesem Troggrab kam, in das Maria gelegt worden war. Dann sagt Thomas: es ist ja niemand mehr da.
Von dieser Stelle stammt der Glaube, dass sie in den Himmel aufgenommen wurde.«
»Ist das der gleiche
Bericht, der erzählt, dass ihr Grab voller Rosen war?«
»Ich glaube, ja. Aber das sind wohl spätere
Zufügungen. Keine Zufügung ist allerdings, dass erst vor zwei Jahren herausgefunden wurde, dass das
Grab tatsächlich ein Troggrab ist. Denn das Mariengrab konnte ja noch einmal untersucht werden, als es
hier 1999 in einem Unwetter einen gewaltigen Wolkenbruch gab und ein Sturzbach den ganzen Komplex unter
Wasser setzte. Einer unserer Professoren wäre damals in der Überflutung fast ertrunken. Er hatte unten
gebetet und kam glücklicherweise gerade heraus, als die Wassermassen über die Stufen hinunterstürzten.
Die Bilder, die Ikonen, die Altäre wurden zerstört. Alles musste entfernt und vom Schmutz gereinigt
werden. Erst bei dieser Generalsäuberung entdeckte man, dass der leere Sarkophag Marias als Trog aus
dem Felsbett heraus gehauen und fest im Boden verankert war, erst vor zwei Jahren. Vorher hatten Forscher
immer wieder die These vertreten, der Sarkophag sei aus dem einen oder anderen Grund hierhin verbracht
worden. Aber er war von Anfang an hier, er ist mit dem Fels verbunden. Seit kurzem weiß man also, dass
das Grab dem ältesten Text über Marias Begräbnis entspricht. Erst in späterer Zeit haben die Byzantiner
hier ringsum – wie um das Grab Jesu – den ganzen Felsen abgetragen, damit die Pilger in Prozessionen das
Grab umschreiten konnten. Darum steht das Grab jetzt isoliert da.«
»Aber kann es denn nicht sein, dass
man dieses Grab später nur angelegt hat, um hier noch einmal eine Entsprechung zum Grab Jesu zu haben?«
»Das glaube ich nicht. Warum sollte man? Eher muss man davon ausgehen, dass in Jerusalem tatsächlich
seit dem ersten Jahrhundert zwei leere Gräber verehrt wurden. Dass das Grab Marias heute dabei zu einer
Art Anschauungsmodell für das wahre Grab Jesu geworden ist, das weitgehend zerstört ist, hat damit nichts
zu tun. Es ist einfach von Marias Grab sehr viel mehr erhalten als von dem Grab Jesu. Vielleicht hat das
auch mit der größeren Verehrung Marias durch die Muslime zu tun. Schau dir das hier an: Hier siehst
du gerade bei Marias Grab auch einen Mihrab, eine nach Mekka ausgerichtete Gebetsnische. Dort sammeln
sich die Muslime zum Gebet. Es ist auch ihr Heiligtum«.
Wir stiegen die lange Treppe aus der Tiefe hinauf
gegen das Licht und überquerten vor der Agonie-Kirche die Straße. Gegenüber erhebt sich die Mauerkrone
des Tempelbergs im Abendleuchten über dem Kidrontal. Bargil ging so gleichmäßig langsam und stetig,
als würde er schon seit Jahrhunderten über die Hügel Jerusalems wandern. Wir stiegen ins Tal hinunter,
zur Tempelzinne wieder hinauf und folgten dem Mauernring im Westen zum Zionsberg hoch.
»Der Glaube,
dass Maria von hier aus nach ihrem Tod mit ihrem Leib in den Himmel aufgenommen wurde, lässt sich für
Jerusalem also in die früheste Zeit zurückverfolgen«, erzählte er unterwegs. »Sie ist in den Himmel
aufgenommen worden, das haben die Christen schon sehr früh geglaubt. Weil keiner Jesus näher war, ist
seine Mutter nun neben ihm zur ›Allmacht auf den Knien‹ geworden. Wie könnte er ihr etwas abschlagen?
Schon auf der Erde hat er gegen seinen Willen auf ihre Bitte hin sein erstes Wunder gewirkt, als er auf
einer Hochzeit Wasser in Wein verwandelte. Wie könnte er ihr etwas verweigern?
Dieses Vertrauen geht
in die früheste Zeit der Kirche zurück. Das alles heißt: Aufnahme Marias in den Himmel, Königin des
Weltalls.
Und noch etwas könnte bis heute auch die größten Skeptiker stutzig machen. Maria war von
Anfang an die prominenteste Heilige. Im Gegensatz zu den Aposteln und meisten Märtyrern gibt es von ihr
aber überhaupt keine irdischen Überreste: keinen Knochen, keinen Schädel, keinen Backenzahn, gar nichts.
Nie wurde irgendwo von ihr auch nur ein Fingernagel verehrt, trotz des Feuereifers, mit dem anderswo und
bei anderen Heiligen der kleinste materielle Überrest gesucht und zu Höchstpreisen gehandelt wurde.
Denk an die Gebeine der Apostel Petrus, Paulus, Philippus oder Bartholomäus in Rom, Johannes in Ephesus,
Andreas in Patras, Matthias in Trier, das fast vollständige Skelett des Evangelisten Matthäus in Salerno
oder an Lukas in Padua. Von Maria aber wird nirgendwo auch nur ein einziges Haar verehrt! Nicht einmal
Fälscher und Pfuscher haben gewagt, von ihr eine Reliquie anzubieten.
Jedenfalls verstanden die Gläubigen
die Aufnahme Marias in den Himmel schnell als Höhepunkt und Vollendung der Heilsgeschichte. Schau dir
die europäischen Kathedralen an. Da erzählen oft die schönsten und wichtigsten Bilder davon, vielfach
schon gleich draußen über dem Hauptportal, wie in Reims, oder als zentrales Mosaik in der Apsis, wie
in Santa Maria Maggiore in Rom. Nicht das Kreuz ist das zentrale Bildmotiv der meisten alten Kathedralen,
sondern die ›Krönung Marias‹. Die Aufnahme Marias in den Himmel zeigt, dass Gott die Mutter, der
er zugemutet hatte, bei der Hinrichtung Jesu nur einen Schritt neben ihrem Sohn zu stehen, auch in seiner
Verherrlichung genauso eng neben ihn stellte. Was leuchtet mehr ein? Eigentlich gibt es kaum ein menschlicheres
und menschlich vernünftigeres Fest.«
So ging das Gespräch mit P. Bargil Pixner rund zwei Jahre lang,
meistens abends nach der Arbeit, wenn wir ihn nach einem Gang um die Stadtmauer – abwechselnd im Osten
oder im Westen – noch einmal zur Vesper in seiner Abtei besuchten. Waren es nicht die beiden entscheidenden
Jahre des Heiligen Landes, ja der ganzen Welt, die wir hier in dieser Zeit beobachtet hatten? Das Jahr
2000 und 2001. Wie wunderbar hatten sie doch angefangen, die so trostlos endeten! Die Weichen, die hier
gestellt wurden, werden den Lauf der Geschichte noch lange bestimmen. Das war in Jerusalem Tag für Tag
mit den Händen zu greifen, die Tage alle einzeln wie ein Film auf die Netzhaut gebrannt. Kurz vor dem
Papst waren wir ins Land gekommen, mit dem Papst fing meine Arbeit an. Mehr gibt es nicht zu sehen, dachte
ich damals schon, als er das Land wieder verließ. Am Abend zuvor hatte er unmittelbar neben dem Mariengrab
mit dem Abschiednehmen angefangen.
Da das Grab Marias den Griechen und Armeniern gehört, durfte der
lateinische Papst nicht dort von Jerusalem Abschied nehmen, sondern nur daneben, im Garten Gethsemane,
in der Kirche der Franziskaner, wo Jerusalems Christen das Stück Felsen verehren, das den blutigen Angstschweiß
Jesu aufgefangen hat. Es war seine letzte Nacht. Er wusste, was auf ihn zukam. Von der Stadt her war das
Verhaftungskommando unterwegs. Wolkengebirge türmten sich jenseits des Kidrontales über der Tempelmauer
in der Abenddämmerung hoch.
Blaulicht um Blaulicht flackerte auf den abgesperrten Straßen. Hubschrauber
tasteten mit Suchscheinwerfern die uralten Ölbäume des Gartens ab, in dem es von schwer bewaffneten
Soldaten nur so wimmelte. Den Betenden störte es so wenig wie das Blitzlichtgewitter, das ihn seit Jahren
als Wetterleuchten umhüllt. Den Kopf in die Hände gestützt, die Schultern gebeugt, als trage er eine
Welt darauf, verharrte er vor dem nackten Fels auf seinen Knien, als wäre dies der innerste Zweck seiner
Reise. Er schaute nur auf den Stein, über dem Jesus Blut geschwitzt hatte. Er betete unaufhörlich in
diesem Tohuwabohu. Als wäre es das letzte Gelübde des Papstes: seinen Gruß und Dank an Jesus nach Jerusalem
und an die »vornehmste Tochter Galiläas« zurückzutragen, wie er dessen Mutter am Tag zuvor auf den
Hügeln über dem See Genezareth noch gepriesen hatte – sein Ave Maria.
»Was denken Sie«, fragte ich
später draußen im schwer bewachten Journalistenbus Senhora Aura Maria Vistas Miguel aus Lissabon, »war
dieser Besuch des Papstes in Jerusalem nicht der Höhepunkt all seiner Reisen?« Die Kollegin mit dem
immer lächelnden Gesicht und dem kurz geschnittenen Haar hat für Radio Renascenca alle Reisen des Papstes
begleitet. Es war der 25. März 2000. Am Morgen war sie noch mit ihm in Nazareth gewesen, bei dem feierlichen
Gedächtnis »der Verkündigung« der Schwangerschaft Marias durch den Erzengel Gabriel. »Ja«, sagte
sie, überlegte kurz, »diese Reise ist wirklich etwas Besonderes. Jerusalem, Bethlehem, Nazareth, Kafarnaum,
wie sollte es anders sein?!« Dann lächelte sie noch wärmer: »Doch vielleicht hat mich sein letzter
Besuch in Mexiko noch mehr berührt. Die Mexikaner haben all diese Orte nicht. Die meisten von ihnen sind
arm. Aber sie haben dieses Bild der Jungfrau und Fantasie.
Als der Papst damals über der Stadt einflog,
hatten sich Millionen von ihnen in den Straßen versammelt und blinkten ihm mit Spiegeln und Glasscherben
zur Begrüßung aus dem Häusermeer einen ersten Gruß entgegen. Keiner kann so etwas befehlen. Können
sie sich das vorstellen? Kein Regisseur kann das nachstellen oder inszenieren! Es war fast ein kleines
Madonnenwunder. Es war ganz wunderbar.«
Sonntag, 12. Dezember 2004 18:52
Der letzte Wohnort der Muttergottes





