„Mir steht das Wasser bis zum Hals“ (Ps 69,2). Dieses Psalmwort drückt die Lebenssituation sehr vieler
Menschen aus. Es drückt auch aus, wie viele unter uns heute Kirche erfahren. Eine Karikatur führt dieses
Psalmwort auf sehr originelle Weise weiter. „Mir steht das Wasser bis zum Hals“, sagt eine Person zur
anderen. „Um Gottes Willen!“, antwortet die andere, „Laß den Kopf nicht hängen!“
Mit diesem Hirtenbrief
wollen wir dazu ermutigen, den Kopf nicht hängen zu lassen, sondern im Hier und Heute Gottes Anruf zu
entdecken und unsere Berufung als Christinnen und Christen überzeugend zu leben.
Lange war es nicht
„in“, über den Glauben und die persönliche Gottesbeziehung zu sprechen. Heute hat sich das geändert.
Dafür gibt es verschiedene Gründe. Viele Menschen leiden darunter, daß sie fast nur noch funktionieren.
Christinnen und Christen, aber auch Gläubige anderer Religionen, suchen nach Tiefe in ihrem Leben.
Auf
Schritt und Tritt begegnen wir der ehrlichen Suche nach Gott. Kurse und Publikationen versuchen darauf
eine Antwort zu geben. Eigentlich wäre unsere Zeit eine besondere Chance für die Kirche. Wir alle müssen
uns fragen, ob nicht auch wir mitschuldig sind an der gelähmten Situation der Kirche in unserem Land –
auch wir Bischöfe.
In einer Zeit, die auf unser Zeugnis in besonderer Weise wartet, verlieren wir sehr
viel an Glaubwürdigkeit mit internen Schwierigkeiten und der Weise, wie wir mit diesen umgehen. Wie viel
Energie und Einsatz brauchen wir, um gegeneinander zu kämpfen oder interne Angriffe abzuwehren!
Daß
unsere eigentliche Aufgabe und der Auftrag, den wir durch die Taufe erhalten haben, darunter leiden, müssen
wir beschämt feststellen. Der Aufruf des Völkerapostels Paulus gilt auch uns: „Lebt als Gemeinde so,
wie es dem Evangelium Christi entspricht“ (Phil 1,27a).
Der heutige Dank-, Buß- und Bettag soll uns
allen Ansporn sein, umzukehren zum Herrn, damit er Erbarmen mit uns hat (vgl. Jes 55,7).
Umkehr setzt
Mut voraus. Wir gestehen damit ein, daß wir falsche Wege gegangen sind. Umkehr ist immer auch ein Loslassen
von Liebgewonnenem und ein Wagnis des Neubeginns.
Wir wollen uns miteinander neu auf den Weg machen,
Gott zu suchen, der sich in keine menschlichen Vorstellungen einzwängen läßt. Und gerade hier liegt
eine große Herausforderung für die Kirche in unserer Zeit.
Ein Grund, warum viele Menschen mit der
Kirche Mühe haben, ist genau die Erfahrung: Gott ist anders.
Gott ist anders, als er im Religionsunterricht
oder daheim von den Eltern dargestellt wurde. Gott ist anders, als er in vielen Drohpredigten gezeichnet
wurde und vielleicht gelegentlich immer noch wird. Gott ist aber auch anders, als ich ihn mir vorstelle
oder eine auch noch so große Mehrheit.
So spricht Gott beim Propheten Jesaja die zugleich herausfordernden
und tröstlichen Worte: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege
(…). So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine
Gedanken über eure Gedanken“ (Jes 55,8-9).
Daß Gott anders ist, als wir ihn uns vorstellen, birgt neben
allem Schmerzlichen die Möglichkeit in sich, daß wir uns immer neu aufmachen und diesen Gott wirklich
suchen. Gott ist anders. Und das Leben mit Gott ist viel spannender, als wir es oft als Kirche bezeugen.
Papst Johannes Paul II. hat bei seinem Besuch anläßlich des nationalen Jugendtreffens in Bern den jungen
Menschen zugerufen: „Nicht ‘Was ist Wahrheit?’, sondern ‘Wer ist Wahrheit?’ muß es heißen (…).
Die
Wahrheit ist Jesus Christus, der in die Welt gekommen ist, um uns die Liebe des Vaters zu offenbaren und
zu schenken. Wir sind aufgerufen, mit unserem Wort und vor allem mit unserem Leben diese Wahrheit zu bezeugen!“
Jesus Christus können wir nicht einfach „haben“. Wir können mit ihm immer vertrauter werden, wenn wir
die Begegnung mit ihm suchen.
Papst Johannes Paul II. spricht immer wieder davon, daß es darum geht,
das Antlitz Christi in unserem Alltag zu entdecken: in seinem Wort, in den Sakramenten, in der Kirche,
in jedem Menschen, besonders im Armen, Leidenden und Bedürftigen. Man braucht den Blick des Glaubens,
um Christus zu erkennen.
Zwei Weisen der Christusbegegnung möchten wir hier besonders in Erinnerung
rufen. Die Betrachtung des Wortes Gottes ist ein wichtiger Weg der Gottsuche. Gerade der heutige Evangeliumstext
ist dafür ein beeindruckendes Beispiel.
Gott handelt nicht nach menschlicher Gerechtigkeit. Er handelt
nicht so, wie wir es erwarten würden. Tatsächlich müssen wir immer wieder über uns hinauswachsen und
Gott zugestehen, daß er mit dem, was ihm gehört, tun kann, was er will (vgl. Mt 20,15).
In besonderer
Weise begegnen wir dem Geheimnis Jesu Christi in der Anbetung vor dem Tabernakel. Im anbetenden Dasein
vor Gott erfahren wir seine Nähe, aber auch sein Anderssein. Hier lassen wir unser Gottesbild korrigieren,
hier lassen wir uns immer wieder neu von Gott überraschen.
Gott ist anders.
Darum unterscheiden sich
oft auch die Antworten, die wir Christinnen und Christen auf Fragen der Zeit geben. Glaubenssinn ist nicht
Resultat eines Mehrheitsbeschlusses, sondern Frucht tiefer Verbundenheit mit dem lebendigen Gott. Wir
beschäftigen uns in der Kirche oft mit Nebensächlichkeiten und verlieren dabei die Mitte aus den Augen,
die Jesus Christus selber ist.
Zugegeben: Vieles in der Kirche ist nicht so, wie wir es uns wünschen.
Und doch bleiben wir bewußt in der Kirche, weil wir in ihr das Antlitz Christi entdecken. Wir sind Kirche,
weil Christus uns in diese Gemeinschaft gerufen hat, zu der er auch heute sagt: „Seid gewiß: Ich bin
bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20).
Wichtiger als aller Protest gegen tatsächliche
oder vermeintliche Fehlhaltungen in der Kirche ist diese lebendige Mitte. Aus dieser Mitte muß alle Kritik
entspringen.
In dem Maß, in dem wir aus der Begegnung mit Christus leben, wird unser Protest nicht destruktiv
und lähmend wirken, sondern zum Aufbau beitragen. Es schadet unserer Sendung, wenn wir uns in der Forderung
nach bestimmten Postulaten versteifen und dabei die Möglichkeiten verbauen, die uns tagtäglich gegeben
sind.
Helfen wir einander, unsere Berufung zu leben und unsere Verantwortung im Gesamten der Kirche wahrzunehmen!
Dazu gehört in erster Linie die Wertschätzung jedes einzelnen Menschen und jeder einzelnen Berufung.
Tragen wir dazu bei, daß die internen Konflikte nicht unser Glaubenszeugnis schwächen, sondern Herausforderung
zu größerer Suche sind.
Es ist uns Bischöfen ein besonderes Anliegen, daß wir die Katholizität der
Kirche wieder neu entdecken und bewußt und dankbar die Gemeinschaft mit der Weltkirche pflegen. Nur so
können wir auch zu einem fruchtbaren Miteinander gelangen: Wir dürfen von anderen Ortskirchen sehr viel
empfangen und dürfen auch viel von unseren Erfahrungen und Reichtümern weiterschenken.
Zur Pflege dieser
Beziehung ist die gute Kommunikation und Information wichtig. Wir alle haben heute die Möglichkeit, uns
an der Quelle über kirchliche Belange zu informieren. Wir können Dokumente und Initiativen der Kirche
direkt einsehen und sind nicht auf Informationsträger angewiesen, die die Anliegen notgedrungen verkürzt
und nicht selten auch entstellt weitergeben.
Liebe Schwestern und Brüder, Gott ist anders, als wir ihn
uns vorstellen. Er kennt andere Wege, die er mit uns gehen will, als wir sie uns in unserer Begrenztheit
ausdenken.
Auch dort, wo uns das Wasser bis zum Hals steht, brauchen wir den Kopf nicht hängen zu lassen.
Wir dürfen gewiß sein: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20).
Ihre Schweizer
Bischöfe
Freitag, 2. September 2005 23:04
Liebe Schwestern und Brüder!





