Lieber Jubilar,
lieber ernannter Weihbischof,
verehrte, liebe Mitbrüder im geistlichen Amt,
liebe Schwestern
und Brüder in Christus, dem Herrn!
Das schönste Geschenk zum Silbernen Weihejubiläum hat unser Heiliger
Vater Papst Benedikt XVI, dem Jubilarbischof Dr. Joachim Wanke gemacht, indem er den Erfurter Dompfarrer
Dr. Reinhard Hauke zum Weihbischof für Erfurt ernannt hat. Und der neue Weihbischof kann sich eigentlich
keinen schöneren Weihetag denken als das Jubiläumsfest seines Diözesanbischofs, von dem er schon die
Diakonen- und Priesterweihe empfangen hat. Und für uns alle, die wir hier zum heutigen Festtag geladen
sind, kann es keine anschaulichere Erfahrung dessen geben, was wir die Apostolische Sukzession nennen,
d.h. die Weitergabe des Bischofsamtes von Generation zu Generation, von den Aposteln bis in die Gegenwart
hinein durch Handauflegung und Gebet.
„Allen alles zu werden“ (1 Kor 9,22), ist das apostolische Ideal,
das Paulus für sich und alle Nachfolger im apostolischen Dienst gültig definiert hat. Nur, wem Gott
ein und alles ist, dem hilft die universale Gnade Gottes, auch allen anderen alles zu werden. Darin liegt
die Berufung des Bischofs, Diener der kirchlichen Einheit zu sein, letztlich begründet. Mir persönlich
war die Bischofsweihe vor über 30 Jahren hier im Erfurter Mariendom immer ein wichtiger Hinweis auf den
inkarnatorischen Charakter der Kirche, der in Maria ein menschliches Antlitz hat.
Aus Maria wird durch
Überschattung des Heiligen Geistes der Erlöser, der Gott-Mensch, Jesus Christus geboren. Sie ist die
Verkörperung der Einheit von Gott und Mensch, von Himmel und Erde, von Gnade und Sendung. In ihr verbinden
sich Gottheit und Menschheit zur einen Person des Erlösers Jesus Christus. Sie ist damit die Verkörperung
des katholischen „et – et“, d.h. des katholischen „Und“, das Gottheit und Menschheit in Christus verbindet.
Diesem „Und“ entsprechen dann auch die anderen: Gottesdienst und Weltdienst, Gotteslob und Menschensorge,
Christus und die Kirche. Erst Beides zusammen garantiert die ganze Wirklichkeit Gottes unter den Menschen.
Maria steht gegen jede Verspiritualisierung des Christentums und gegen jede Vermenschlichung des Christlichen.
Unsichtbarer Christus und sichtbare Kirche bilden eine unauflösbare Einheit. Er hat sich die sichtbare
Kirche als seinen Leib erwählt, zu dessen unsichtbarem Haupt er sich konstituiert hat. Darum tragen die
orthodoxen Bischöfe anstelle des Bischofskreuzes die Panagia, d.h. ein Medaillon mit der Muttergottes
und dem Christuskind auf ihrem Arm. In der Panagia stellt Maria die Kirche, den Leib Christi dar, das
Kind aber das Haupt der Kirche. Katholisch sein, bedeutet nicht nur, über die ganze Welt verbreitet zu
sein, sondern ganz besonders all das verwirklicht zu haben, was der Herr den Seinen hinterlassen hat.
Der Bischof tritt durch die Handauflegung bei der Bischofsweihe – wie schon erwähnt – in die so genannte
Apostolische Sukzession ein, das ist in die direkte Nachfolge der Apostel, sodass er die vertikale Einheit
der Kirche sichtbar macht. Der Bischof bringt deshalb die Gegenwart der Kirche in Verbindung mit ihrem
Ursprung. Er garantiert also die Einheit von kirchlichem Ursprung und kirchlicher Gegenwart, indem er
für die Unversehrtheit der Lehre und für die Einheit des Glaubensbekenntnisses Sorge trägt! Die Kirche
kann nicht aus eigenen Beschlüssen erneuert werden, sondern nur von ihrem Ursprung her, d.h. vom Herrn
selbst. Viele Menschen übernehmen heute aus verschiedenen Gründen nur jene Wahrheiten der Glaubens-
und der kirchlichen Lebenslehre, die ihnen passen, während sie andere ablehnen. Eine solche Selektion
ist unannehmbar. Der Glaube verträgt keine Teilung, so wie Gott selbst unteilbar ist. Ein geteilter Glaube
frustriert! Nur ein ganzer Glaube befreit und inspiriert.
In einer solchen Verkündigung wird der Bischof –
wie die Schrift sagt – zum Helfer der Freude an der frohen Botschaft unseres Herrn (vgl. 2 Kor 1,23).
Der Bischof hat Verwalter eines Hauses zu sein, das ihm nicht gehört. Er ist nicht Herr, sondern Treuhänder
Gottes. Er darf nicht über Dinge verfügen, die allein der Verfügbarkeit Christi vorbehalten sind. Er
ist Tradent des Wortes und nicht Produzent. Denn das Evangelium ist nicht Menschenwerk. Der Bischof hat
zusammen mit seinem Weihbischof und mit allen seinen Mitarbeitern den Glaubensgehorsam gegenüber dem
Worte Gottes vorzuleben. Und wir haben darin dem Volke Gottes nicht nur das Zeugnis einer erhofften, sondern
einer wirklich gelebten Einheit zu geben. Helft eurem Bischof weiterhin, Diener der Einheit im wiedererstandenen
Bistum Erfurt zu sein! Davon wird weithin die Zukunft eures Bistums in der Mitte Deutschlands abhängen.
Was ist gerade in den letzten 25 Jahren hier einem Bischof an apostolischer Kraft von den Herausforderungen
der gesellschaftlichen Gegebenheiten abverlangt worden? Bevor wir vor 25 Jahren zum Dom zur Bischofsweihe
fuhren, waren wir, der Weihekandidat Joachim Wanke und der Weihebischof Joachim Meisner, am Krankenbett
von Bischof Aufderbeck. Wir knieten dort nieder und erbaten seinen Segen für alles, was der neue Bischof
zu bewältigen haben wird. Keiner von uns wusste, damals dass unter diesem Segen auch die Wiedervereinigung
unseres Vaterlandes stehen wird.
Ich bat Bischof Aufderbeck, er möge mir jetzt seinen Bischofsring an
die Hand stecken, damit dann auch im Dom sichtbar wird, dass ich sein „Handlanger“ bin, der eigentlich
für ihn dem neu ernannten Bischof die Hände zur Weihe auflegen wird, so wie er sie mir 5 Jahre vorher
an der gleichen Stelle aufgelegt hat. Seine brennende Sorge und Mühe, den Menschen hier vor Ort das Evangelium
nahe zu bringen, prägten und prägen wesentlich dann auch den bischöflichen Dienst von Bischof Joachim
Wanke, der darin weit über das Bistum Erfurt hinaus bekannt ist. Bei diesem Rückblick kann nur die Eucharistie,
die Danksagung, unsere einzig mögliche Antwort sein. Diese Erfahrung in der Vergangenheit mit Gottes
Beistand gibt uns die Hoffnung für alle weiteren Herausforderungen in Gegenwart und Zukunft. Gottes Erbarmen
ist immer ein wenig größer als menschliche Erbärmlichkeit. Das soll auch den neu zu weihenden Bischof
von heute mit Vertrauen und Zuversicht erfüllen.
Der Bischof ist auch der Garant der horizontalen Einheit
der Kirche, indem er zum Haupt des Presbyteriums seines Bistums und zum Mitglied des Weltbischofskollegiums
unter dem Vorsitz des Papstes wird. Diesem Einheitsdienst des Diözesanbischofs mit seinem Presbyterium –
und wir fügen hinzu: mit seinen Diakonen und allen anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Pastoral
und Caritas – ist seelsorgliche Fruchtbarkeit im Bistum verheißen.
Mit dem Bischof eins zu sein, heißt:
Mit der Kirche in Einheit zu stehen. Der heilige Märtyrerbischof Ignatius von Antiochien, der wohl ein
Schüler des Apostels Johannes war, sieht im 2. Jahrhundert das Verhältnis von Gott Vater zu den Aposteln
als Beziehungsmodell des Bischofs zu seinen Priestern. Darum findet er auch so starke Worte, die uns heute
nur schwer über die Lippen gehen. So etwa: „Hört auf den Bischof, damit auch Gott auf euch höre!“ (Polycarp
6,1), oder: „Wer hinter dem Rücken des Bischofs etwas tut, der dient dem Teufel!“ (Smyrna 9,1). Bischof
Cyprian von Karthago (+ 258) bestätigt das, indem er sagt: „Wo der Bischof ist, dort ist die Kirche!“.
Darüber hinaus ist der Bischof schließlich auch der Garant der Einheit der Teilkirche mit der Universalkirche.
Wenn Kirche „communio“ ist, dann hat sie auch mit den anderen Ortsbischöfen in Kommunion zu stehen, namentlich
mit dem Papst in ihrer Mitte. Das tägliche Memento bei der Eucharistiefeier, bei der immer der Papst
und der Ortsbischof genannt werden, ist in erster Linie nicht ein Fürbittgebet, sondern die Legitimation
des Priesters als authentischem Zelebranten vor dem Volke Gottes. Denn ein Priester feiert nur dann wirklich
authentisch die Eucharistie, wenn er in lebendiger Einheit mit dem Papst und dem Ortsbischof steht.
Diese
Einheit soll sich auch zeigen in unserer Solidarität mit den anderen Ortskirchen, von dessen geistlichen
Gütern wir nehmen und denen wir von unseren Gütern geben dürfen. Katholisch sein, heißt: „in Querverbindung
stehen“. Eine Diözese, deren Blick an den Türmen der Kathedrale endet, verliert ihre Katholizität.
Sie sieht sich nur noch selbst und kreist dann nur noch um sich selbst. Sie versinkt schließlich in einem
kleinkarierten Provinzialismus und verliert ihre vom Herrn hinterlassene Universalität. Der Kirche ist
es doch aufgegeben, engen Nationalismus und anachronistischen Provinzialismus in eine gottgewirkte und
Völker verbindende Familiarität zu verwandeln.
Müsste die Kirche im europäischen Einigungsprozess
aus ihrer universalen Sendung und aus ihrer gesamteuropäischen Vergangenheit heraus nicht der Politik
weit voraus sein? Aber gerade auch in Erfurt wird unser Blick gerichtet auf die nichtkatholischen Kirchen
und kirchlichen Gemeinschaften, mit denen uns die gemeinsame Taufe verbindet und das Gebet des Herrn zum
Vater: „Alle sollen eins sein“ (Joh 17,21) Mit Beharrlichkeit und Redlichkeit haben wir uns auch dieser
vor uns liegenden Einheit zu verschreiben. Dieser Herausforderung hat sich Bischof Joachim Wanke in den
25 Jahren seines Dienstes besonders angenommen.
Alles, was dem Bischof in Würdigung seines 25-jährigen
Dienstes gesagt wurde, gilt auch unserem Mitbruder, der mit dem heutigen Tag in den bischöflichen Dienst
hinein tritt. Hab Mut! Wen Gott belastet, den trägt er auch. Du hast die Aufgabe, in einem nicht allzu
großen Bistum mit einem dir seit langem vertrauten Bischof das Wort Gottes zu verkünden, die heiligen
Geheimnisse zu feiern und die Caritas Christi zu üben. Sei darin mit Bischof Joachim ein Herz und eine
Seele!
Am Abend meiner Bischofsweihe, am 17. Mai 1975, nahm mich Bischof Hugo Aufderbeck mit in die Kapelle
des Bischofshauses. Dort knieten wir vor dem Tabernakel nieder. Und dabei sagte er mir: „Seit heute morgen
bist du mit mir unter das gleiche Joch gespannt wie zwei Ochsen, um die Lasten Gottes zu ziehen. Wir werden
manche Schläge bekommen. Versprich mir, wir werden nicht zurückschlagen!“ Ich habe es versprochen.
„Allen alles zu werden“ gilt nicht nur dem Bischof, sondern jedem einzelnen von uns, auch einer Diözese.
In der Bischofsweihe gibt sich ein Einzelner an den Einen, damit er allen alles werden kann, sodass er
Augustinus berühmtes Wort nachsprechen kann: „Für euch bin ich Bischof, mit euch bin ich Christ.“ Helft
eurem Diözesanbischof Joachim weiterhin, mit euch Christ und für euch Bischof zu sein, und helft eurem
neuen Weihbischof Reinhard, dass er beides sei! Amen.
+ Joachim Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln
