Liebe Schwestern, liebe Brüder!
Der Sterbetag ist oftmals wie ein Ausrufezeichen, das auf das Lebenswerk
des Heimgerufenen aufmerksam machen will. So starb etwa der große Benediktinertheologe Odo Casel, der
sein theologisches Werk dem Ostermysterium gewidmet hatte, während der Feier der heiligen Osternacht.
Unser lieber verstorbener Kardinal Leo Scheffczyk wurde am 8. Dezember, dem Hochfest der unbefleckt empfangenen
Jungfrau und Gottesmutter Maria, heimgerufen. Dieser Sterbetag ist ebenfalls ein großes Ausrufezeichen,
das auf den Inhalt dieses gesegneten Lebens von Kardinal Scheffczyk hinweist.
Vom Johannesevangelium
sagt man, daß es einen marianischen Rahmen hat. Maria tritt nur zweimal im Johannesevangelium auf, und
zwar am Anfang des öffentlichen Wirkens Jesu und am Ende seines irdischen Lebens. Die Mitte ist ganz
geprägt vom Christusgeheimnis. So steht Maria am Anfang inmitten des Hochzeitssaales von Kana in Galiläa
und wirkt mit, als der Herr aus dem Wasser den Wein werden läßt. Am Ende seines irdischen Lebens steht
Maria unter dem Kreuz von Golgotha und wird zur Zeugin, wie aus seiner geöffneten Seite Wasser und Blut
herausströmen, das Wasser der Taufe und das Blut der Eucharistie. Vielleicht ist gerade wegen dieses
marianischen Rahmens das Christusmysterium im Johannesevangelium so tief erkannt und beschrieben.
Das
Leben unseres heimgerufenen Kardinals hatte ebenfalls einen solchen marianischen Rahmen. Von frühester
Kindheit an haben seine Eltern das sensible und geistig wache Kind in das kirchliche Leben des oberschlesischen
Landes hineingeführt, das tief marianisch geprägt war. Die marianischen Wallfahrtsorte, die berühmten
Marienbilder in den Pfarr- und Klosterkirchen, die unzähligen Marienbildstöcke der oberschlesischen
Landschaft und die unsterblichen schlesischen Marienlieder haben die Seele des Kindes tief geprägt und
sie damit geöffnet für das Geheimnis der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus und sein gottmenschliches
Wirken.
Maria ist nicht das Wort, das Fleisch geworden ist, nein, das ist – außer Konkurrenz – ihr Sohn
Jesus Christus. Aber sie ist das Vorwort, das zum Hauptwort hinführt. Und weil Kardinal Scheffczyk als
Kind schon mit allen wachen Sinnen seines Lebens das Vorwort zur Kenntnis nehmen und verstehen lernen
konnte, war er dann später als Priester und Theologe so – im wahrsten Sinne des Wortes – präpariert
für das Hören und das Erkennen des Wortes, das aus Maria Fleisch geworden ist und das schon im Anfang
bei Gott war, ja das Gott selbst war.
Kardinal Scheffczyk war ein großer Theologe, der Theologie nicht
nur als Rede über Gott, sondern in besonderer Weise als Rede vor Gott verstanden hat. Deswegen weht zwischen
den Zeilen seiner theologischen Werke der Geist der Ehrfurcht, des Staunens, der Bewunderung und der Anbetung.
Seine theologischen Arbeiten kommen aus einem Geist, der ganz diesem Worte Gottes verpflichtet ist, der
nicht darauf schaut, ob er ankommt oder Schlagzeilen macht.
Politische oder gesellschaftliche Rücksichtnahmen
haben nie sein theologisches Arbeiten bestimmt, sondern die Ehrfurcht vor dem Geheimnis Gottes, das er
den Menschen zu vermitteln suchte. Das Evangelium selbst war ihm Maßstab für sein Denken, Lehren, Schreiben
und Handeln. Darum sind seine theologischen Werke geprägt von Glaubensreinheit und Glaubenstiefe, die
das Herz des Studenten und Lesers zutiefst berühren.
Der Glaubensgehorsam gegenüber dem sich offenbarenden
Gott war ihm wichtiger als menschlicher Beifall. Und deshalb fand und findet seine Theologie so viel Zustimmung
und wird – davon bin ich zutiefst überzeugt – die Zeiten überdauern. Die Aufgabe des Theologen, die
Offenbarung in den Verstehenshorizont der Menschen einer Zeit zu übersetzen, ist in der theologischen
Werkstatt von Leo Scheffczyk nie auf Kosten der Wahrheit geschehen, auch dort nicht, wo sie dem Zeitgeist
widersprach. Darum war und ist sie so überzeugend und anziehend.
Papst Johannes Paul II. sagte in seinem
Apostolischen Schreiben „Novo millennio ineunte“ nach der Feier der Jahrtausendwende, daß es die Aufgabe
der Christen in der Zukunft sein werde, eine Pädagogik der Heiligkeit zu entwickeln. Ich bin der Meinung,
daß die theologische Arbeit von Leo Kardinal Scheffczyk eine einzige Pädagogik christlicher Heiligkeit
darstellt. Sie inspiriert den Gläubigen, der seiner Theologie begegnet, gottfähig und gottähnlich zu
werden. Sein theologisches Werk ist eine einzige Einladung in das marianische Wort bei der Hochzeit zu
Kana: „Was er (der Herr) euch sagt, das tut!“
Und der Theologe Scheffczyk nimmt gleichsam in dieser Szene
die Rolle des Speisemeisters ein, der die Qualität des in Wein verwandelten Wassers gültig definiert:
„Du jedoch hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten“. Leo Kardinal Scheffczyk hat den guten Wein
theologischer Lehre allezeit ausgeschenkt.
Nicht nur im theologischen Hörsaal und nicht nur am Studiertisch
diente Kardinal Scheffczyk den Menschen, sondern er war ein gesuchter und geschätzter Prediger und Zelebrant
bei Gottesdiensten, kirchlichen Kongressen, geistlichen Übungen und Einkehrtagen. Er verstand es, den
Menschen Geschmack an Gott zu vermitteln, und er wußte, daß dieser Gott immer nach mehr schmeckt und
die Menschen darum alle Appetitlosigkeit und Geschmacklosigkeit an Gott und seiner Kirche verlieren werden.
Er stellte sich dabei immer ganz zurück, um ganz dem Wort Raum zu geben, was zu verkündigen ihm aufgetragen
war.
Deshalb freuten sich so viele Menschen mit, als ihn Papst Johannes Paul II. im Jahre 2001 in das
Kardinalskollegium berief. Er war damals schon über 80 Jahre alt. Er sah darin nicht nur eine Ehrung
der Kirche für sein gesegnetes theologisches Werk, sondern auch einen Auftrag, für Christus und seine
Kirche Zeugnis vor aller Welt abzulegen. Darum meldete sich der zurückhaltende Theologe plötzlich als
Kardinal öfters zu Wort, wo es darum ging, Klärung und Orientierung in Situationen der Verwirrung und
des Irrtums zu geben. Papst Benedikt XVI. sagte mir erst vor kurzem, von den spät berufenen Theologen
ins Kardinalskollegium sei Leo Scheffczyk einer der wenigen gewesen, von denen die Kirche noch viel Erleuchtung
und Ermutigung erhalten habe.
Nun schließt sich der marianische Rahmen seines Lebens, indem die göttliche
Vorsehung den 8. Dezember, den großen marianischen Festtag, zu seinem Sterbetag bestimmt hat. Maria führte
die Menschen immer zu den Quellen ihres Lebens. Am Anfang – bei der Hochzeit zu Kana – an die von Christus,
ihrem Sohn, gefüllten Weinkrüge und unter dem Kreuz an das geöffnete Herz Jesu, aus dem das Wasser
und das Blut der Sakramente fließen.
Leo Scheffczyk hat in der treuen Nachfolge Mariens die Menschen
an die Quellen des Glaubens zu Christus geführt. Nun hat ihn Maria gleichsam selbst heimgeleitet zu diesen
Quellen des Lebens. Einige Tage vor seinem Sterben sagte er noch, daß er jetzt ganz arm sei. Was er besessen
hat, habe er verschenkt, die Gesundheit sei ihm genommen, nun habe er nur noch Jesus Christus. Und das
machte seinen ganzen Reichtum aus, der sein Herz erfüllt. Wir glauben und hoffen, daß er nun das schaut,
besitzt und genießen darf, was er in der Schule Mariens erhofft, geglaubt und ersehnt hat. Amen.
+ Joachim
Kardinal Meisner
Erzbischof von Köln
Freitag, 16. Dezember 2005 06:39
Predigt am Begräbnis von Leo Kardinal Scheffczyk





