„Als Jesus die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen“ (Mt 9,36).
Liebe Brüder und Schwestern!
Die Österliche Bußzeit ist besonders geeignet, sich innerlich zu dem aufzumachen, der die Quelle des
Erbarmens ist. Es ist ein Pilgern, bei dem Er selbst uns durch die Wüste unserer Armut begleitet, und
uns Kraft gibt auf dem Weg zur tiefen Osterfreude. Gott behütet und stärkt uns auch in der „finsteren
Schlucht“, von welcher der Psalmist (Ps 23,4) spricht, während der Versucher uns einflüstert, zu verzagen
oder irrig auf das Werk unserer Hände zu hoffen.
Ja, auch heute hört der Herr den Schrei der vielen,
die nach Freude, nach Frieden, nach Liebe hungern. Sie fühlen sich verlassen wie eh und je. Aber Gott
erlaubt nicht, dass die Finsternis des Schreckens grenzenlos herrsche inmitten des jammervollen Elends,
der Verlassenheit, der Gewalt und des Hungers, von denen unterschiedslos alte Menschen, Erwachsene und
Kinder betroffen sind.
Wie mein geliebter Vorgänger der Diener Gottes Johannes Paul II. geschrieben
hat, gibt es in der Tat eine „von Gott gesetzte Grenze für das Böse“, nämlich seine Barmherzigkeit
(in „Identität und Erinnerung, 28 ff.; 74 ff.). All das hat mich veranlasst, das Wort des Evangeliums
„Als Jesus die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen“ (Mt 9,36) an den Anfang dieser Botschaft
zu stellen. In seinem Licht möchte ich bei einer viel diskutierten Frage unserer Zeit innehalten, bei
der Frage der Entwicklung.
Auch heute ist Jesus bewegt und schaut auf die Menschen und Völker. Er schaut
sie an im Bewusstsein, dass der göttliche „Plan“ sie zum Heile ruft. Jesus kennt die Hindernisse, die
diesem Plan entgegenstehen, und hat mit den vielen Mitleid: Er ist entschlossen, sie vor den Wölfen zu
verteidigen selbst um den Preis seines Lebens. Mit solchem „Blick“ umfasst Jesus die Einzelnen wie die
vielen und vertraut alle dem Vater an, indem er sich selbst als Sühneopfer hingibt.
Von dieser österlichen
Wahrheit erleuchtet, weiß die Kirche, dass für die Förderung einer vollen Entwicklung unser „Blick“
an dem Jesu Maß nehmen muss. Die Antwort auf die materiellen und sozialen Bedürfnisse der Menschen kann
nämlich keineswegs von der Erfüllung der tiefen Sehnsucht ihrer Herzen getrennt werden. Dies ist in
unserer Zeit großer Veränderungen umso mehr herauszustellen, je stärker wir unsere lebendige und unerlässliche
Verantwortung für die Armen der Welt spüren.
Bereits mein verehrter Vorgänger der Diener Gottes Paul
VI. bezeichnete die Unterentwicklung mit ihren schlimmen Folgen als einen Entzug von Menschlichkeit. In
diesem Sinne beklagte er in der Enzyklika „Populorum Progressio“ „die materiellen Nöte derer, denen das
Existenzminimum fehlt; … die sittliche Not derer, die vom Egoismus zerfressen sind… die Züge der
Gewalt, die im Missbrauch des Besitzes oder der Macht ihren Grund haben, in der Ausbeutung der Arbeiter,
in ungerechtem Geschäftsgebaren“ (Nr. 21).
Als Gegenmittel dieser Übel empfahl Paul VI. nicht nur „das
deutlichere Wissen um die Würde des Menschen, das Ausrichten auf den Geist der Armut, die Zusammenarbeit
zum Wohle aller, der Wille zum Frieden“, sondern auch „die Anerkennung letzter Werte vonseiten des Menschen
und die Anerkennung Gottes, ihrer Quelle und ihres Zieles“ (ebd.).
In diesem Sinne zögerte der Papst
nicht zu versichern, dass „endlich vor allem der Glaube“ zählt. „Gottes Gabe, angenommen durch des Menschen
guten Willen, und die Einheit in der Liebe Christi“ (ebd.). Der „Blick“ Jesu gebietet uns also die echten
Gehalte jenes „Humanismus im Vollsinn des Wortes“ hervorzuheben, der – wieder nach den Worten Pauls VI. –
in der „umfassenden Entwicklung des ganzen Menschen und der ganzen Menschheit“ besteht (ebd. Nr. 42).
Darum ist der erste Beitrag der Kirche zur Entwicklung des Menschen und der Völker nicht die Bereitstellung
materieller Mittel oder technischer Lösungen, sondern die Verkündigung der Wahrheit Christi, welche
die Gewissen erzieht und die authentische Würde der menschlichen Person wie der Arbeit lehrt, und zudem
eine Kultur fördert, die auf alle echten Fragen der Menschheit antwortet.
Angesichts der schrecklichen
Herausforderungen der Armut vieler Menschen stehen die Gleichgültigkeit und die Verschlossenheit im eigenen
Egoismus in unerträglichem Gegensatz zum „Blick“ Christi. Die Beispiele der Heiligen und die vielen Erfahrungen
der Mission, welche die Geschichte der Kirche kennzeichnen, sind kostbare Verweise darauf, wie Entwicklung
zu fördern ist.
Auch in der heutigen Zeit globaler Abhängigkeit kann man feststellen, dass die Hingabe
seiner selbst an den anderen, in der sich die Liebe ausdrückt, durch kein ökonomisches, soziales oder
politisches Projekt ersetzt werden kann. Wer nach dieser Logik des Evangeliums tätig ist, lebt den Glauben
als Freundschasft mit dem menschgewordenen Gott und nimmt sich – wie ER – der materiellen und geistlichen
Nöte des Nächsten an.
Er erschaut ihn als unmessbares Geheimnis, das unbegrenzter Sorge und Aufmerksameit
würdig ist. Er weiß, wer nicht Gott gibt, gibt zu wenig – wie die selige Theresa von Kalkutta sagte:
„Die erste Armut der Völker ist es, dass sie Christus nicht kennen.“ Darum gilt es, Gott im barmherzigen
Antlitz Christi zu finden; ohne diese Perspektive baut eine Völkergemeinschaft nicht auf festen Grund.
Durch dem Hl. Geist gehorsame Männer und Frauen sind in der Kirche viele Werke der Nächstenliebe entstanden.
Sie haben die Entwicklung von Krankenhäusern, Universitäten, berufsbildenden Schulen oder Mikrounternehmen
gefördert. Sie stifteten diese Werke, weil sie von der Botschaft des Evangeliums bewegt waren: Viel früher
als andere Formen der Gesellschaft haben sie die echte Sorge um den Menschen unter Beweis gestellt.
Diese
Initiativen geben noch heute einen Weg an, der die Welt zu einer Globalisierung führen kann, die um das
wahre Wohl des Menschen kreist und so zu authentischem Frieden führt. Zusammen mit Jesu Mitleid für
die vielen sieht die Kirche es auch heute als ihre ureigene Aufgabe an, die Verantwortlichen in Politik,
Wirtschaft und Finanzen zu bitten, eine Entwicklung zu fördern, die die Würde jedes Menschen beachtet.
Eine wichtige Bewährung dieser Anstrengung zeigt sich in wirklicher Religionsfreiheit – nicht nur als
Möglichkeit für die Verkündigung und Feier des Christusgeheimnisses, sondern auch als Freiraum an einer
von der Nächstenliebe bestimmten Welt mitzubauen. Solchem Bemühen dient es auch, wenn die zentrale Rolle
beachtet wird, die die echten religiösen Werte im Leben des Menschen haben, sobald es um die Antwort
auf seine tiefsten Fragen geht und um die ethische Verantwortung auf persönlicher und sozialer Ebene.
Anhand dieser Kriterien lernen die Christen auch, mit Weisheit Regierungsprogramme zu beurteilen.
Wir
können unsere Augen nicht verschließen vor den Irrtümern, die im Lauf der Geschichte von vielen begangen
worden sind, die sich Jünger Jesu nannten. Von schweren Problemen bedrängt haben sie nicht selten gedacht,
man müsse zuerst die Erde verbessern und dann an den Himmel denken. Es gab die Versuchung, angesichts
drückender Zwänge zu meinen, man müsse zuerst die äußeren Strukturen verändern. Für manche wandelte
sich so das Christentum in Moralismus, und der Glauben wurde durch das Tun ersetzt.
Zurecht bemerkte
mein Vorgänger ehrwürdigen Gedenkens, Johannes Paul II.: „Die Versuchung heute besteht darin, das Christentum
auf eine rein menschliche Weisheit zu reduzieren, gleichsam als Lehre des guten Lebens. In einer stark
säkularisierten Welt ist „nach und nach eine Säkularisierung des Heiles“ eingetreten, für die man gewiss
zugunsten des Menschen kämpft, aber eines Menschen, der halbiert und allein auf die horizontale Dimension
beschränkt ist. Wir unsererseits wissen, dass Jesus gekommen ist, um das umfassende Heil zu bringen“
(Enzyklika Redemptoris missio, 11).
Gerade zu diesem ganzheitlichen Heil möchte uns die Fastenzeit führen
angesichts des Sieges Christi über alles Böse, das den Menschen unterdrückt. In der Hinwendung zum
göttlichen Lehrer, in der Bekehrung zu Ihm, in der Erfahrung seiner Barmherzigkeit durch das Sakrament
der Versöhnung werden wir eines „Blickes“ inne, der uns in der Tiefe anschaut und prüft; er kann der
großen Zahl und jedem einzelnen von uns wieder aufhelfen. Er lässt allen, die sich nicht in Skepsis
verschließen, neu Vertrauen und einen Schimmer der ewigen Seligkeit aufleuchten.
Selbst wenn der Hass
zu herrschen scheint, so lässt es der Herr doch bereits in unserem Äon nicht an hellen Zeugnissen seiner
Liebe fehlen. Maria, „der lebendigen Quelle der Hoffnung“ (Dante Alighieri, „Paradiso, XXXIII, 12), vertraue
ich unseren Weg durch die Fastenzeit an, auf dass sie uns zu ihrem Sohn führe. Ihr vertraue ich besonders
die vielen an, die noch heute Armut erleiden und nach Hilfe, Halt und Verständnis rufen.
Somit erteile
ich allen den besonderen Apostolischen Segen.
Aus dem Vatikan, am 29. September 2005
Benedictus PP. XVI
Dienstag, 31. Januar 2006 22:43
BOTSCHAFT VON PAPST BENEDIKT XVI. FÜR DIE FASTENZEIT 2006





