Sehr geehrte Damen und Herren!
Es ist für mich ein bewegender Augenblick, noch einmal am Pult der Universität
zu stehen und noch einmal eine Vorlesung halten zu dürfen. Meine Gedanken gehen dabei zurück in die
Jahre, in denen ich an der Universität Bonn nach einer schönen Periode an der Freisinger Hochschule
meine Tätigkeit als akademischer Lehrer aufgenommen habe. Es war – 1959 – noch die Zeit der alten Ordinarien-Universität.
Für die einzelnen Lehrstühle gab es weder Assistenten noch Schreibkräfte, dafür aber gab es eine
sehr unmittelbare Begegnung mit den Studenten und vor allem auch der Professoren untereinander.
In den
Dozentenräumen traf man sich vor und nach den Vorlesungen. Die Kontakte mit den Historikern, den Philosophen,
den Philologen und natürlich auch zwischen beiden Theologischen Fakultäten waren sehr lebendig.
Es
gab jedes Semester einen sogenannten Dies academicus, an dem sich Professoren aller Fakultäten den Studenten
der gesamten Universität vorstellten und so ein wirkliches Erleben von Universitas möglich wurde:
Daß
wir in allen Spezialisierungen, die uns manchmal sprachlos füreinander machen, doch ein Ganzes bilden
und im Ganzen der einen Vernunft mit all ihren Dimensionen arbeiten und so auch in einer gemeinschaftlichen
Verantwortung für den rechten Gebrauch der Vernunft stehen – das wurde erlebbar.
Die Universität war
auch durchaus stolz auf ihre beiden Theologischen Fakultäten. Es war klar, daß auch sie, indem sie nach
der Vernunft des Glaubens fragen, eine Arbeit tun, die notwendig zum Ganzen der Universitas scientiarum
gehört, auch wenn nicht alle den Glauben teilen konnten, um dessen Zuordnung zur gemeinsamen Vernunft
sich die Theologen mühen.
Dieser innere Zusammenhalt im Kosmos der Vernunft wurde auch nicht gestört,
als einmal verlautete, einer der Kollegen habe geäußert, an unserer Universität gebe es etwas Merkwürdiges:
zwei Fakultäten, die sich mit etwas befaßten, was es gar nicht gebe – mit Gott.
Daß es auch solch
radikaler Skepsis gegenüber notwendig und vernünftig bleibt, mit der Vernunft nach Gott zu fragen und
es im Zusammenhang der Überlieferung des christlichen Glaubens zu tun, war im Ganzen der Universität
unbestritten.
All dies ist mir wieder in den Sinn gekommen, als ich kürzlich den von Professor Theodore
Khoury (Münster) herausgegebenen Teil des Dialogs las, den der gelehrte byzantinische Kaiser Manuel II.
Palaeologos wohl 1391 im Winterlager zu Ankara mit einem gebildeten Perser über Christentum und Islam
und beider Wahrheit führte.
Der Kaiser hat wohl während der Belagerung von Konstantinopel zwischen
1394 und 1402 den Dialog aufgezeichnet; so versteht man auch, daß seine eigenen Ausführungen sehr viel
ausführlicher wiedergegeben sind als die Antworten des persischen Gelehrten.
Der Dialog erstreckt sich
über den ganzen Bereich des von Bibel und Koran umschriebenen Glaubensgefüges und kreist besonders um
das Gottes- und das Menschenbild, aber auch immer wieder notwendigerweise um das Verhältnis der „drei
Gesetze“: Altes Testament – Neues Testament – Koran.
In dieser Vorlesung möchte ich nur einen – im Aufbau
des Dialogs eher marginalen – Punkt behandeln, der mich im Zusammenhang des Themas Glaube und Vernunft
fasziniert hat und der mir als Ausgangspunkt für meine Überlegungen zu diesem Thema dient. In der von
Professor Khoury herausgegebenen siebten Gesprächsrunde (διάλεξις – Kontroverse) kommt der Kaiser
auf das Thema des Djihād (heiliger Krieg) zu sprechen.
Der Kaiser wußte sicher, daß in Sure 2, 256
steht: Kein Zwang in Glaubenssachen – es ist eine der frühen Suren aus der Zeit, in der Mohammed selbst
noch machtlos und bedroht war. Aber der Kaiser kannte natürlich auch die im Koran niedergelegten – später
entstandenen – Bestimmungen über den heiligen Krieg.
Ohne sich auf Einzelheiten wie die unterschiedliche
Behandlung von „Schriftbesitzern“ und „Ungläubigen“ einzulassen, wendet er sich in erstaunlich schroffer
Form ganz einfach mit der zentralen Frage nach dem Verhältnis von Religion und Gewalt überhaupt an seinen
Gesprächspartner. Er sagt: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat und da wirst du nur Schlechtes
und Inhumanes finden wie dies, daß er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert
zu verbreiten“.
Der Kaiser begründet dann eingehend, warum Glaubensverbreitung durch Gewalt widersinnig
ist. Sie steht im Widerspruch zum Wesen Gottes und zum Wesen der Seele. „Gott hat kein Gefallen am Blut,
und nicht vernunftgemäß (σν λόγω) zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider. Der Glaube ist Frucht
der Seele, nicht des Körpers.
Wer also jemanden zum Glauben führen will, braucht die Fähigkeit zur
guten Rede und ein rechtes Denken, nicht aber Gewalt und Drohung… Um eine vernünftige Seele zu überzeugen,
braucht man nicht seinen Arm, nicht Schlagwerkzeuge noch sonst eines der Mittel, durch die man jemanden
mit dem Tod bedrohen kann…“.
Der entscheidende Satz in dieser Argumentation gegen Bekehrung durch Gewalt
lautet: Nicht vernunftgemäß handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider.
Der Herausgeber, Theodore Khoury,
kommentiert dazu: Für den Kaiser als einen in griechischer Philosophie aufgewachsenen Byzantiner ist
dieser Satz evident. Für die moslemische Lehre hingegen ist Gott absolut transzendent.
Sein Wille ist
an keine unserer Kategorien gebunden und sei es die der Vernünftigkeit. Khoury zitiert dazu eine Arbeit
des bekannten französischen Islamologen R. Arnaldez, der darauf hinweist, daß Ibn Hazn so weit gehe
zu erklären, daß Gott auch nicht durch sein eigenes Wort gehalten sei und daß nichts ihn dazu verpflichte,
uns die Wahrheit zu offenbaren. Wenn er es wollte, müsse der Mensch auch Idolatrie treiben.
Hier tut
sich ein Scheideweg im Verständnis Gottes und so in der konkreten Verwirklichung von Religion auf, der
uns heute ganz unmittelbar herausfordert.
Ist es nur griechisch zu glauben, daß vernunftwidrig zu handeln
dem Wesen Gottes zuwider ist, oder gilt das immer und in sich selbst? Ich denke, daß an dieser Stelle
der tiefe Einklang zwischen dem, was im besten Sinn griechisch ist und dem auf der Bibel gründenden Gottesglauben
sichtbar wird.
Den ersten Vers der Genesis abwandelnd, hat Johannes den Prolog seines Evangeliums mit
dem Wort eröffnet: Im Anfang war der Logos. Dies ist genau das Wort, das der Kaiser gebraucht: Gott handelt
mit Logos. Logos ist Vernunft und Wort zugleich – eine Vernunft, die schöpferisch ist und sich mitteilen
kann, aber eben als Vernunft.
Johannes hat uns damit das abschließende Wort des biblischen Gottesbegriffs
geschenkt, in dem alle die oft mühsamen und verschlungenen Wege des biblischen Glaubens an ihr Ziel kommen
und ihre Synthese finden.
Im Anfang war der Logos, und der Logos ist Gott, so sagt uns der Evangelist.
Das Zusammentreffen der biblischen Botschaft und des griechischen Denkens war kein Zufall.
Die Vision
des heiligen Paulus, dem sich die Wege in Asien verschlossen und der nächtens in einem Gesicht einen
Mazedonier sah und ihn rufen hörte: Komm herüber und hilf uns (Apg 16, 6 – 10) – diese Vision darf als
Verdichtung des von innen her nötigen Aufeinanderzugehens zwischen biblischem Glauben und griechischem
Fragen gedeutet werden.
Dabei war dieses Zugehen längst im Gang. Schon der geheimnisvolle Gottesname
vom brennenden Dornbusch, der diesen Gott aus den Göttern mit den vielen Namen herausnimmt und von ihm
einfach das Sein aussagt, ist eine Bestreitung des Mythos, zu der der sokratische Versuch, den Mythos
zu überwinden und zu übersteigen, in einer inneren Analogie steht.
Der am Dornbusch begonnene Prozeß
kommt im Innern des Alten Testaments zu einer neuen Reife während des Exils, wo nun der landlos und kultlos
gewordene Gott Israels sich als den Gott des Himmels und der Erde verkündet und sich mit einer einfachen,
das Dornbusch-Wort weiterführenden Formel vorstellt: „Ich bin’s.“
Mit diesem neuen Erkennen Gottes geht
eine Art von Aufklärung Hand in Hand, die sich im Spott über die Götter drastisch ausdrückt, die nur
Machwerke der Menschen sind (vgl. Ps 115).
So geht der biblische Glaube in der hellenistischen Epoche
bei aller Schärfe des Gegensatzes zu den hellenistischen Herrschern, die die Angleichung an die griechische
Lebensweise und ihren Götterkult erzwingen wollten, dem Besten des griechischen Denkens von innen her
entgegen zu einer gegenseitigen Berührung, wie sie sich dann besonders in der späten Weisheits- Literatur
vollzogen hat.
Heute wissen wir, daß die in Alexandrien entstandene griechische Übersetzung des Alten
Testaments – die Septuaginta – mehr als eine bloße (vielleicht wenig positiv zu beurteilende) Übersetzung
des hebräischen Textes, nämlich ein selbständiger Textzeuge und ein eigener wichtiger Schritt der Offenbarungsgeschichte
ist, in dem sich diese Begegnung auf eine Weise realisiert hat, die für die Entstehung des Christentums
und seine Verbreitung entscheidende Bedeutung gewann.
Zutiefst geht es dabei um die Begegnung zwischen
Glaube und Vernunft, von rechter Aufklärung und Religion. Manuel II. hat wirklich aus dem inneren Wesen
des christlichen Glaubens heraus und zugleich aus dem Wesen des Hellenistischen, das sich mit dem Glauben
verschmolzen hatte, sagen können: Nicht „mit dem Logos“ handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider.
Hier
ist der Redlichkeit halber anzumerken, daß sich im Spätmittelalter Tendenzen der Theologie entwickelt
haben, die diese Synthese von Griechischem und Christlichem aufsprengen.
Gegenüber dem sogenannten augustinischen
und thomistischen Intellektualismus beginnt bei Duns Scotus eine Position des Voluntarismus, die schließlich
dahinführte zu sagen, wir kennten von Gott nur seine Voluntas ordinata.
Jenseits davon gebe es die Freiheit
Gottes, kraft derer er ja auch das Gegenteil von allem, was er getan hat, hätte machen und tun können.
Hier zeichnen sich Positionen ab, die denen von Ibn Hazn durchaus nahekommen können und auf das Bild
eines Willkür-Gottes zulaufen könnten, der auch nicht an die Wahrheit und an das Gute gebunden ist.
Die Transzendenz und die Andersheit Gottes werden so weit übersteigert, daß auch unsere Vernunft, unser
Sinn für das Wahre und Gute kein wirklicher Spiegel Gottes mehr sind, dessen abgründige Möglichkeiten
hinter seinen tatsächlichen Entscheiden für uns ewig unzugänglich und verborgen bleiben.
Demgegenüber
hat der kirchliche Glaube immer daran festgehalten, daß es zwischen Gott und uns, zwischen seinem ewigen
Schöpfergeist und unserer geschaffenen Vernunft eine wirkliche Analogie gibt, in der zwar die Unähnlichkeiten
unendlich größer sind als die Ähnlichkeiten, daß aber eben doch die Analogie und ihre Sprache nicht
aufgehoben werden (vgl. Lat IV).
Gott wird nicht göttlicher dadurch, daß wir ihn in einen reinen und
undurchschaubaren Voluntarismus entrücken, sondern der wahrhaft göttliche Gott ist der Gott, der sich
als Logos gezeigt und als Logos liebend für uns gehandelt hat und handelt.
Gewiß, die Liebe „übersteigt“
die Erkenntnis und vermag daher mehr wahrzunehmen als das bloße Denken (vgl. Eph 3, 19), aber sie bleibt
doch Liebe des Gottes-Logos, weshalb christlicher Gottesdienst λογικ λατρεία ist – Gottesdienst,
der im Einklang mit dem ewigen Wort und mit unserer Vernunft steht (vgl. Röm 12, 1).
Dieses hier angedeutete
innere Zugehen aufeinander, das sich zwischen biblischem Glauben und griechischem philosophischem Fragen
vollzogen hat, ist ein nicht nur religionsgeschichtlich, sondern weltgeschichtlich entscheidender Vorgang,
der uns auch heute in Pflicht nimmt.
Wenn man diese Begegnung sieht, ist es nicht verwunderlich, daß
das Christentum trotz seines Ursprungs und wichtiger Entfaltungen im Orient schließlich seine geschichtlich
entscheidende Prägung in Europa gefunden hat.
Wir können auch umgekehrt sagen: Diese Begegnung, zu
der dann noch das Erbe Roms hinzutritt, hat Europa geschaffen und bleibt die Grundlage dessen, was man
mit Recht Europa nennen kann.
Der These, daß das kritisch gereinigte griechische Erbe wesentlich zum
christlichen Glauben gehört, steht die Forderung nach der Enthellenisierung des Christentums entgegen,
die seit dem Beginn der Neuzeit wachsend das theologische Ringen beherrscht. Wenn man näher zusieht,
kann man drei Wellen des Enthellenisierungsprogramms beobachten, die zwar miteinander verbunden, aber
in ihren Begründungen und Zielen doch deutlich voneinander verschieden sind.
Die Enthellenisierung erscheint
zuerst mit den Grundanliegen der Reformation des 16. Jahrhunderts verknüpft. Die Reformatoren sahen sich
angesichts der theologischen Schultradition einer ganz von der Philosophie her bestimmten Systematisierung
des Glaubens gegenüber, sozusagen einer Fremdbestimmung des Glaubens durch ein nicht aus ihm kommendes
Denken.
Der Glaube erschien dabei nicht mehr als lebendiges geschichtliches Wort, sondern eingehaust
in ein philosophisches System. Das Sola Scriptura sucht demgegenüber die reine Urgestalt des Glaubens,
wie er im biblischen Wort ursprünglich da ist.
Metaphysik erscheint als eine Vorgabe von anderswoher,
von der man den Glauben befreien muß, damit er ganz wieder er selber sein könne. In einer für die Reformatoren
nicht vorhersehbaren Radikalität hat Kant mit seiner Aussage, er habe das Denken beiseite schaffen müssen,
um dem Glauben Platz zu machen, aus diesem Programm heraus gehandelt. Er hat dabei den Glauben ausschließlich
in der praktischen Vernunft verankert und ihm den Zugang zum Ganzen der Wirklichkeit abgesprochen.
Die
liberale Theologie des 19. und 20. Jahrhunderts brachte eine zweite Welle im Programm der Enthellenisierung
mit sich, für die Adolf von Harnack als herausragender Repräsentant steht. In der Zeit, als ich studierte,
wie in den frühen Jahren meines akademischen Wirkens war dieses Programm auch in der katholischen Theologie
kräftig am Werk.
Pascals Unterscheidung zwischen dem Gott der Philosophen und dem Gott Abrahams, Isaaks
und Jakobs diente als Ausgangspunkt dafür. In meiner Bonner Antrittsvorlesung von 1959 habe ich mich
damit auseinanderzusetzen versucht.
Dies alles möchte ich hier nicht neu aufnehmen. Wohl aber möchte
ich wenigstens in aller Kürze versuchen, das unterscheidend Neue dieser zweiten Enthellenisierungswelle
gegenüber der ersten herauszustellen.
Als Kerngedanke erscheint bei Harnack die Rückkehr zum einfachen
Menschen Jesus und zu seiner einfachen Botschaft, die allen Theologisierungen und eben auch Hellenisierungen
voraus liege: Diese einfache Botschaft stelle die wirkliche Höhe der religiösen Entwicklung der Menschheit
dar. Jesus habe den Kult zugunsten der Moral verabschiedet. Er wird im letzten als Vater einer menschenfreundlichen
moralischen Botschaft dargestellt.
Dabei geht es im Grunde darum, das Christentum wieder mit der modernen
Vernunft in Einklang zu bringen, eben indem man es von scheinbar philosophischen und theologischen Elementen
wie etwa dem Glauben an die Gottheit Christi und die Dreieinheit Gottes befreie.
Insofern ordnet die
historisch-kritische Auslegung des Neuen Testaments die Theologie wieder neu in den Kosmos der Universität
ein: Theologie ist für Harnack wesentlich historisch und so streng wissenschaftlich.
Was sie auf dem
Weg der Kritik über Jesus ermittelt, ist sozusagen Ausdruck der praktischen Vernunft und damit auch im
Ganzen der Universität vertretbar.
Im Hintergrund steht die neuzeitliche Selbstbeschränkung der Vernunft,
wie sie in Kants Kritiken klassischen Ausdruck gefunden hatte, inzwischen aber vom naturwissenschaftlichen
Denken weiter radikalisiert wurde.
Diese moderne Auffassung der Vernunft beruht auf einer durch den technischen
Erfolg bestätigten Synthese zwischen Platonismus (Cartesianismus) und Empirismus, um es verkürzt zu
sagen.
Auf der einen Seite wird die mathematische Struktur der Materie, sozusagen ihre innere Rationalität
vorausgesetzt, die es möglich macht, sie in ihrer Wirkform zu verstehen und zu gebrauchen: Diese Grundvoraussetzung
ist sozusagen das platonische Element im modernen Naturverständnis.
Auf der anderen Seite geht es um
die Funktionalisierbarkeit der Natur für unsere Zwecke, wobei die Möglichkeit der Verifizierung oder
Falsifizierung im Experiment erst die entscheidende Gewißheit liefert.
Das Gewicht zwischen den beiden
Polen kann je nachdem mehr auf der einen oder der anderen Seite liegen. Ein so streng positivistischer
Denker wie J. Monod hat sich als überzeugter Platoniker bzw. Cartesianer bezeichnet.
Dies bringt zwei
für unsere Frage entscheidende Grundorientierungen mit sich. Nur die im Zusammenspiel von Mathematik
und Empirie sich ergebende Form von Gewißheit gestattet es, von Wissenschaftlichkeit zu sprechen.
Was
Wissenschaft sein will, muß sich diesem Maßstab stellen. So versuchen dann auch die auf die menschlichen
Dinge bezogenen Wissenschaften wie Geschichte, Psychologie, Soziologie, Philosophie sich diesem Kanon
von Wissenschaftlichkeit anzunähern.
Wichtig für unsere Überlegungen ist aber noch, daß die Methode
als solche die Gottesfrage ausschließt und sie als unwissenschaftliche oder vorwissenschaftliche Frage
erscheinen läßt. Damit aber stehen wir vor einer Verkürzung des Radius von Wissenschaft und Vernunft,
die in Frage gestellt werden muß.
Darauf werden wir zurückkommen. Einstweilen bleibt festzustellen,
daß bei einem von dieser Sichtweise her bestimmten Versuch, Theologie „wissenschaftlich“ zu erhalten,
vom Christentum nur ein armseliges Fragmentstück übrigbleibt.
Aber wir müssen mehr sagen: Der Mensch
selbst wird dabei verkürzt. Denn die eigentlich menschlichen Fragen, die nach unserem Woher und Wohin,
die Fragen der Religion und des Ethos können dann nicht im Raum der gemeinsamen, von der „Wissenschaft“
umschriebenen Vernunft Platz finden und müssen ins Subjektive verlegt werden.
Das Subjekt entscheidet
mit seinen Erfahrungen, was ihm religiös tragbar erscheint, und das subjektive „Gewissen“ wird zur letztlich
einzigen ethischen Instanz.
So aber verlieren Ethos und Religion ihre gemeinschaftsbildende Kraft und
verfallen der Beliebigkeit. Dieser Zustand ist für die Menschheit gefährlich: Wir sehen es an den uns
bedrohenden Pathologien der Religion und der Vernunft, die notwendig ausbrechen müssen, wo die Vernunft
so verengt wird, daß ihr die Fragen der Religion und des Ethos nicht mehr zugehören. Was an ethischen
Versuchen von den Regeln der Evolution oder von Psychologie und Soziologie her bleibt, reicht ganz einfach
nicht aus.
Bevor ich zu den Schlußfolgerungen komme, auf die ich mit alledem hinaus will, muß ich noch
kurz die dritte Enthellenisierungswelle andeuten, die zurzeit umgeht. Angesichts der Begegnung mit der
Vielheit der Kulturen sagt man heute gern, die Synthese mit dem Griechentum, die sich in der alten Kirche
vollzogen habe, sei eine erste Inkulturation des Christlichen gewesen, auf die man die anderen Kulturen
nicht festlegen dürfe.
Ihr Recht müsse es sein, hinter diese Inkulturation zurückzugehen auf die einfache
Botschaft des Neuen Testaments, um sie in ihren Räumen jeweils neu zu inkulturieren.
Diese These ist
nicht einfach falsch, aber doch vergröbert und ungenau. Denn das Neue Testament ist griechisch geschrieben
und trägt in sich selber die Berührung mit dem griechischen Geist, die in der vorangegangenen Entwicklung
des Alten Testaments gereift war.
Gewiß gibt es Schichten im Werdeprozeß der alten Kirche, die nicht
in alle Kulturen eingehen müssen. Aber die Grundentscheidungen, die eben den Zusammenhang des Glaubens
mit dem Suchen der menschlichen Vernunft betreffen, die gehören zu diesem Glauben selbst und sind seine
ihm gemäße Entfaltung.
Damit komme ich zum Schluß. Die eben in ganz groben Zügen versuchte Selbstkritik
der modernen Vernunft schließt ganz und gar nicht die Auffassung ein, man müsse nun wieder hinter die
Aufklärung zurückgehen und die Einsichten der Moderne verabschieden.
Das Große der modernen Geistesentwicklung
wird ungeschmälert anerkannt: Wir alle sind dankbar für die großen Möglichkeiten, die sie dem Menschen
erschlossen hat und für die Fortschritte an Menschlichkeit, die uns geschenkt wurden.
Das Ethos der
Wissenschaftlichkeit ist im übrigen Wille zum Gehorsam gegenüber der Wahrheit und insofern Ausdruck
einer Grundhaltung, die zu den Grundentscheiden des Christlichen gehört.
Nicht Rücknahme, nicht negative
Kritik ist gemeint, sondern um Ausweitung unseres Vernunftbegriffs und -gebrauchs geht es. Denn bei aller
Freude über die neuen Möglichkeiten des Menschen sehen wir auch die Bedrohungen, die aus diesen Möglichkeiten
aufsteigen und müssen uns fragen, wie wir ihrer Herr werden können.
Wir können es nur, wenn Vernunft
und Glaube auf neue Weise zueinanderfinden; wenn wir die selbstverfügte Beschränkung der Vernunft auf
das im Experiment Falsifizierbare überwinden und der Vernunft ihre ganze Weite wieder eröffnen.
In
diesem Sinn gehört Theologie nicht nur als historische und humanwissenschaftliche Disziplin, sondern
als eigentliche Theologie, als Frage nach der Vernunft des Glaubens an die Universität und in ihren weiten
Dialog der Wissenschaften hinein.
Nur so werden wir auch zum wirklichen Dialog der Kulturen und Religionen
fähig, dessen wir so dringend bedürfen. In der westlichen Welt herrscht weithin die Meinung, allein
die positivistische Vernunft und die ihr zugehörigen Formen der Philosophie seien universal.
Aber von
den tief religiösen Kulturen der Welt wird gerade dieser Ausschluß des Göttlichen aus der Universalität
der Vernunft als Verstoß gegen ihre innersten Überzeugungen angesehen.
Eine Vernunft, die dem Göttlichen
gegenüber taub ist und Religion in den Bereich der Subkulturen abdrängt, ist unfähig zum Dialog der
Kulturen. Dabei trägt, wie ich zu zeigen versuchte, die moderne naturwissenschaftliche Vernunft mit dem
ihr innewohnenden platonischen Element eine Frage in sich, die über sie und ihre methodischen Möglichkeiten
hinausweist.
Sie selber muß die rationale Struktur der Materie wie die Korrespondenz zwischen unserem
Geist und den in der Natur waltenden rationalen Strukturen ganz einfach als Gegebenheit annehmen, auf
der ihr methodischer Weg beruht. Aber die Frage, warum dies so ist, die besteht doch und muß von der
Naturwissenschaft weitergegeben werden an andere Ebenen und Weisen des Denkens – an Philosophie und Theologie.
Für die Philosophie und in anderer Weise für die Theologie ist das Hören auf die großen Erfahrungen
und Einsichten der religiösen Traditionen der Menschheit, besonders aber des christlichen Glaubens, eine
Erkenntnisquelle, der sich zu verweigern eine unzulässige Verengung unseres Hörens und Antwortens wäre.
Mir kommt da ein Wort des Sokrates an Phaidon in den Sinn.
In den vorangehenden Gesprächen hatte man
viele falsche philosophische Meinungen berührt, und nun sagt Sokrates: Es wäre wohl zu verstehen, wenn
einer aus Ärger über so viel Falsches sein übriges Leben lang alle Reden über das Sein haßte und
schmähte. Aber auf diese Weise würde er der Wahrheit des Seienden verlustig gehen und einen sehr großen
Schaden erleiden.
Der Westen ist seit langem von dieser Abneigung gegen die grundlegenden Fragen seiner
Vernunft bedroht und kann damit nur einen großen Schaden erleiden. Mut zur Weite der Vernunft, nicht
Absage an ihre Größe – das ist das Programm, mit dem eine dem biblischen Glauben verpflichtete Theologie
in den Disput der Gegenwart eintritt.
„Nicht vernunftgemäß (mit dem Logos) handeln ist dem Wesen Gottes
zuwider“, hat Manuel II. von seinem christlichen Gottesbild her zu seinem persischen Gesprächspartner
gesagt. In diesen großen Logos, in diese Weite der Vernunft laden wir beim Dialog der Kulturen unsere
Gesprächspartner ein. Sie selber immer wieder zu finden, ist die große Aufgabe der Universität.
Mittwoch, 13. September 2006 08:54
Vorlesung von Benedikt XVI. in Regensburg





