Verehrte Mitbrüder im Bischofsamt,
liebe Brüder und Schwestern auf der ganzen Welt!
1. „Duc in altum!“
Zu Beginn des Apostolischen Schreibens Novo millennio ineunte habe ich an die Worte erinnert, mit denen
Jesus die ersten Jünger auffordert, ihre Netze zu einem Fischfang auszuwerfen, der sich als äußerst
ergiebig erweisen wird. Er sagt zu Petrus: „Duc in altum“ (Lk 5,4). „Petrus und die ersten Gefährten
vertrauten dem Wort Christi und warfen ihre Netze aus“ (Novo millennio ineunte, 1).
Diese bekannte Begebenheit
aus dem Evangelium bildet den Hintergrund des kommenden Weltgebetstages für geistliche Berufungen, der
unter dem Leitwort steht: „Zum Hinausfahren berufen.“ Er ist eine bevorzugte Gelegenheit, über die Berufung
nachzudenken, Jesus zu folgen und Ihm insbesondere auf dem Weg des Priestertums und des geweihten Lebens
nachzufolgen.
2. „Duc in altum!“ Diese Weisung Christi ist besonders aktuell in unserer Zeit, in der
sich eine gewisse Mentalität ausbreitet, welche die persönliche Teilnahmslosigkeit angesichts auftretender
Schwierigkeiten fördert. Die erste Bedingung für das „Hinausfahren“ besteht darin, einen tiefen Geist
des Gebets zu pflegen, der durch das tägliche Hören des Wortes Gottes genährt wird. Die Wahrhaftigkeit
des christlichen Lebens läßt sich an der Tiefe des Gebetes messen, einer Kunst, die wir demütig „von
den Lippen des göttlichen Meisters“ selbst ablesen müssen, wobei wir Ihn gleichsam wie die ersten Jünger
bitten sollen: ‘Herr, lehre uns beten.’ (Lk 11,1). Im Gebet entwickelt sich jener Dialog mit Christus,
der uns zu seinen engsten Vertrauten macht: Bleibt in mir, dann bleibe ich in euch (Joh 15,4)“ (Novo millennio
ineunte, 32).
Diese Verbindung mit Christus im Gebet läßt uns seine Gegenwart auch in den Augenblicken
vermeintlichen Scheiterns erkennen, wenn alle Mühen unnütz erscheinen. Dies ist den Aposteln selbst
widerfahren, als sie nach einer arbeitsreichen Nacht ausriefen: „Meister, wir haben […] nichts gefangen“
(Lk 5,5). Besonders in diesen Momenten müssen wir das Herz dem Strom der Gnade öffnen und dem Wort Christi
gestatten, uns mit aller Kraft zu durchdringen: „Duc in altum!“ (vgl. Novo millennio ineunte, 38).
3.
Wer sein Herz für Christus öffnet, wird nicht nur das Geheimnis seines eigenen Daseins verstehen, sondern
auch das seiner eigenen Berufung, und er wird wunderbare Früchte der Gnade heranreifen lassen. Die erste
unter ihnen ist das Wachsen in der Heiligkeit auf einem geistlichen Weg, der mit dem Geschenk der Taufe
beginnt und bis zur völligen Entfaltung der vollkommenen Liebe führt (vgl. ebd., 30). Wenn der Christ
das Evangelium ohne Abstriche lebt, wird er immer mehr dazu fähig, wie Christus selbst zu lieben und
seine Mahnung zu beherzigen: „Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist“
(Mt 5,48). Er strebt danach, innerhalb der Gemeinschaft der Kirche mit den Brüdern in Einheit verbunden
zu bleiben und stellt sich in den Dienst an der Neuevangelisierung, um die großartige Wahrheit der heilbringenden
Liebe Gottes zu verkünden und zu bezeugen.
4. Liebe Heranwachsende und Jugendliche, vor allem Euch gegenüber
möchte ich die Einladung Christi wiederholen, „hinauszufahren“. Ihr befindet Euch in Situationen, in
denen Ihr wichtige Entscheidungen für Eure Zukunft zu treffen habt. In meinem Herzen bewahre ich die
zahlreichen Gelegenheiten, bei denen ich in den vergangenen Jahren jungen Menschen begegnet bin, die heute
erwachsen sind und vielleicht Eltern von einigen unter Euch – oder Priester, Ordensmänner und -frauen,
Eure Erzieher im Glauben. Ich habe sie fröhlich gesehen, wie junge Menschen es sein sollen, aber auch
nachdenklich, da sie vom Wunsch beseelt sind, ihrem Leben einen umfassenden „Sinn“ zu geben. Immer tiefer
habe ich erkannt, daß im Denken der neuen Generationen das Streben nach geistigen Werten stark ausgeprägt
und ihre Sehnsucht nach Heiligkeit sehr aufrichtig ist. Die jungen Menschen brauchen Christus, aber sie
wissen auch, daß Christus nicht ohne sie auskommen wollte.
Liebe junge Männer und Frauen! Vertraut
Ihm, hört auf seine Lehren, richtet Euren Blick auf sein Antlitz, hört beharrlich sein Wort. Laßt zu,
daß er all Eurem Suchen und Sehnen, all Euren Idealen und Herzenswünschen Orientierung gibt.
5. Nun
wende ich mich an Euch, liebe Eltern und christliche Erzieher, sowie an Euch, liebe Priester, Personen
des geweihten Lebens und Katecheten. Gott hat Euch die besondere Aufgabe übertragen, die Jugendlichen
auf dem Weg der Heiligkeit zu führen. Seid ihnen Vorbilder großherziger Treue zu Christus. Ermutigt
sie, ohne zu Zögern „hinauszufahren“ und spontan auf die Einladung des Herrn zu antworten. Einige beruft
er zum Familienleben, andere zum geweihten Leben oder zum priesterlichen Dienst. Helft ihnen, ihren Weg
zu erkennen und zu echten Freunden Christi und zu seinen wahren Jüngern zu werden. Wenn vom Glauben erfüllte
Erwachsene durch ihr Wort und Beispiel das Antlitz Christi sichtbar machen, fällt es den Jugendlichen
leichter, die anspruchsvolle, vom Geheimnis des Kreuzes geprägte Botschaft anzunehmen.
Vergeßt zudem
nicht, daß auch heute großer Bedarf an heiligmäßigen Priestern besteht, an Seelen, die ganz dem Dienst
an Gott geweiht sind. Daher möchte ich erneut hervorheben: „Es ist dringend notwendig, eine breitangelegte
und engmaschige Berufungspastoral zu schaffen. Sie muß die Pfarreien, Bildungszentren und Familien erreichen
und ein aufmerksameres Nachdenken über die wesentlichen Werte des Lebens wecken. Diese finden ihre entscheidende
Zusammenschau in der Antwort, die jeder auf den Ruf Gottes geben soll. Dies gilt besonders dann, wenn
die Antwort es erfordert, sich selbst ganz hinzugeben und die eigenen Energien für das Reich Gottes einzusetzen“
(Novo millennio ineunte, 46).
Vor Euch Jugendlichen wiederhole ich die Worte Jesu: „Duc in altum!“ Wenn
ich von neuem auf diese seine Aufforderung hinweise, so denke ich zugleich an die Worte, die Maria, seine
Mutter, in Kana in Galiläa an die Diener richtete: „Was er euch sagt, das tut!“ (Joh 2,5). Christus,
liebe Jugendliche, bittet Euch „hinauszufahren“, und die Jungfrau Maria ermutigt Euch, Ihm ohne Zögern
nachzufolgen.
6. Unterstützt von der mütterlichen Fürsprache der Gottesmutter, steige aus allen Teilen
der Erde unser inniges Gebet zum himmlischen Vater auf, auf daß Er „Arbeiter für seine Ernte“ (Mt 9,38)
aussende. Er möge allen Gliedern seiner Herde eifrige und heilige Priester schenken. Getragen von diesem
Bewußtsein, wenden wir uns an Christus, den Hohenpriester, und sprechen zu Ihm mit neuer Zuversicht:
Jesus, Sohn Gottes,
in dem die Fülle der Gottheit wohnt,
Du berufst alle Getauften, „hinauszufahren“
und den Weg der Heiligkeit zu gehen.
Erwecke in den Herzen der jungen Menschen die Sehnsucht, in der
Welt
von heute Zeugen der Macht Deiner Liebe zu sein.
Erfülle sie mit Deinem Geist der Stärke und Besonnenheit,
damit sie fähig werden, die volle Wahrheit über sich selbst und ihre
Berufung zu entdecken.
Unser Erlöser,
vom Vater gesandt, seine barmherzige Liebe zu offenbaren, schenke
Deiner Kirche junge Menschen, die bereit
sind, „hinauszufahren“
und für ihre Brüder zum Zeichen Deiner erneuernden und
heilbringenden Gegenwart
zu werden.
Heilige Jungfrau, Mutter des Erlösers,
sichere Führerin auf dem Weg zu Gott und dem Nächsten,
Du hast seine Worte im Innersten Deines Herzens bewahrt.
Stehe mit Deiner mütterlichen Fürsprache den
Familien und
kirchlichen Gemeinschaften zur Seite,
damit sie den Heranwachsenden und Jugendlichen dabei
helfen,
großherzig auf den Ruf des Herrn zu antworten.
Amen.
Dienstag, 11. Januar 2005 00:05
„Zum Hinausfahren berufen“





