NACHSYNODALES APOSTOLISCHES SCHREIBEN SACRAMENTUM CARITATIS VON PAPST BENEDIKT XVI.
EINFÜHRUNG
1. Sakrament
der Liebe: (1) Die Heilige Eucharistie ist das Geschenk der Selbsthingabe Jesu Christi, mit dem er uns
die unendliche Liebe Gottes zu jedem Menschen offenbart. In diesem wunderbaren Sakrament zeigt sich die
»größte« Liebe, die dazu drängt, »das eigene Leben für die Freunde hinzugeben« (vgl. Joh 15,13).
Ja, Jesus liebte die Seinen »bis zur Vollendung« (Joh 13,1). Mit dieser Formulierung führt der Evangelist
auf die Geste unendlicher Demut hin, die Jesus vollbracht hat: Bevor er am Kreuz für uns starb, wusch
er, umgürtet mit einem Leintuch, seinen Jüngern die Füße. In gleicher Weise liebt Jesus uns im eucharistischen
Sakrament immer noch »bis zur Vollendung«, bis zur Hingabe seines Leibes und seines Blutes. Welch ein
Staunen muß die Herzen der Apostel ergriffen haben angesichts der Gesten und Worte des Herrn während
jenes Abendmahles! Welch eine Verwunderung muß das eucharistische Geheimnis auch in unserem Herzen auslösen!
Die Speise der Wahrheit
2. Im Altarssakrament kommt der Herr dem als Abbild Gottes (vgl. Gen 1,27) geschaffenen
Menschen entgegen und wird sein Weggefährte. In diesem Sakrament macht sich der Herr nämlich zur Speise
für den Menschen, der nach Wahrheit und Freiheit hungert. Da allein die Wahrheit uns wirklich frei machen
kann (vgl. Joh 8,36), macht sich Christus für uns zur Speise der Wahrheit. In scharfsinniger Kenntnis
der menschlichen Wirklichkeit hat der hl. Augustinus verdeutlicht, wie der Mensch sich freiwillig, und
nicht unter Zwang, regt, wenn er auf etwas bezogen ist, das ihn anzieht und in ihm ein Verlangen erweckt.
Als der heilige Bischof sich dann fragt, was den Menschen wohl letztlich im Innersten bewegen könne,
ruft er aus: »Wonach verlangt die Seele denn brennender als nach der Wahrheit?« (2) Tatsächlich trägt
jeder Mensch das unstillbare Verlangen nach der letzten und endgültigen Wahrheit in sich. Darum wendet
sich Jesus, der Herr, »der Weg, die Wahrheit und das Leben« (Joh 14,6) dem schmachtenden Herzen des
Menschen zu, der sich als dürstender Pilger fühlt, dem Herzen, das sich nach der Quelle des Lebens sehnt,
dem Herzen, das um die Wahrheit ringt. Jesus Christus ist ja die Person gewordene Wahrheit, die die Welt
an sich zieht. »Jesus ist der Polarstern der menschlichen Freiheit; ohne ihn verliert sie ihre Ausrichtung,
denn ohne die Erkenntnis der Wahrheit entartet die Freiheit, sie isoliert sich und wird zu steriler Willkür.
Mit Jesus findet sich die Wahrheit wieder«. (3) Im Sakrament der Eucharistie zeigt Jesus uns im besonderen
die Wahrheit der Liebe, die das Wesen Gottes selbst ist. Diese im Evangelium begründete Wahrheit geht
jeden Menschen und den ganzen Menschen an. Die Kirche, die in der Eucharistie ihre lebensnotwendige Mitte
findet, bemüht sich darum unablässig, allen zu verkündigen, daß Gott Liebe ist, ob man es hören will
oder nicht (vgl. 2 Tim 4,2). (4) Gerade weil Christus für uns zur Speise der Wahrheit geworden ist, wendet
sich die Kirche an den Menschen und lädt ihn ein, das Geschenk Gottes frei anzunehmen.
Die Entwicklung
des eucharistischen Ritus
3. Wenn wir auf die zweitausendjährige Geschichte der Kirche Gottes blicken,
die durch das weise Handeln des Heiligen Geistes geleitet wurde, bewundern wir voller Dankbarkeit die
über die Zeit hin geordnete Entwicklung der rituellen Formen, in denen wir des Ereignisses unseres Heiles
gedenken. Von den vielfältigen Formen der ersten Jahrhunderte, die noch in den Riten der Alten Ostkirchen
aufleuchten, bis zur Verbreitung des römischen Ritus; von den klaren Anweisungen des Konzils von Trient
und des Missale des hl. Pius’ V. bis zur vom Zweiten Vatikanischen Konzil angeregten Liturgiereform: In
jeder Epoche der Kirchengeschichte erstrahlt die Eucharistiefeier als Quelle und Höhepunkt ihres Lebens
und ihrer Sendung im liturgischen Ritus in all ihrem vielfältigen Reichtum. Die Elfte Ordentliche Vollversammlung
der Bischofssynode, die vom 2. bis zum 23. Oktober 2005 im Vatikan stattfand, hat angesichts dieser Geschichte
ihren tiefen Dank Gott gegenüber zum Ausdruck gebracht und bekannt, daß in ihr die Führung des Heiligen
Geistes wirksam war. Im besonderen haben die Synodenväter den segensreichen Einfluß festgestellt und
bestätigt, den die seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil verwirklichte Liturgiereform auf das Leben der
Kirche ausgeübt hat. (5) Die Bischofssynode hatte die Möglichkeit, ihre Rezeption nach der Konzilsversammlung
zu beurteilen. Es gab außerordentlich viele Würdigungen. Wie bekräftigt wurde, können die Schwierigkeiten
und auch einige erwähnte Mißbräuche den Wert und die Wirksamkeit der Liturgiereform, die noch bisher
nicht völlig erkundete Schätze in sich birgt, nicht verdunkeln. Konkret geht es darum, die vom Konzil
beabsichtigten Änderungen innerhalb der Einheit zu verstehen, die die geschichtliche Entwicklung des
Ritus selbst kennzeichnet, ohne unnatürliche Brüche einzuführen. (6)
Die Bischofssynode und das Jahr
der Eucharistie
4. Im übrigen ist es notwendig, die Beziehung zwischen der jüngsten Bischofssynode
über die Eucharistie und dem, was in den letzten Jahren im Leben der Kirche geschehen ist, hervorzuheben.
Zunächst müssen wir uns im Geiste in das Große Jubiläum des Jahres 2000 zurückversetzen, mit dem
mein lieber Vorgänger, der Diener Gottes Johannes Paul II., die Kirche in das dritte christliche Jahrtausend
geführt hat. Das Jubiläumsjahr war zweifellos stark eucharistisch geprägt. Zudem darf man nicht vergessen,
daß der Bischofssynode das von Johannes Paul II. in großem Weitblick für die gesamte Kirche gewollte
Jahr der Eucharistie vorausging und sie in gewisser Weise auch vorbereitet hat. Dieser Zeitraum, der mit
dem Internationalen Eucharistischen Kongreß in Guadalajara im Oktober 2004 begonnen hatte, fand seinen
Abschluß am Ende der 11. Synodalversammlung mit der Heiligsprechung von fünf Seligen, die sich durch
ihre eucharistische Frömmigkeit besonders ausgezeichnet hatten: des Bischofs Józef Bilczewski, der Priester
Gaetano Catanoso, Zygmunt Gorazdowski und Alberto Hurtado Cruchaga und des Kapuziners Felice da Nicosia.
Aufgrund der von Johannes Paul II. in dem Apostolischen Schreiben Mane nobiscum Domine (7) dargelegten
Lehren und dank der wertvollen Vorschläge der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung
(8) haben die Diözesen und verschiedene kirchliche Organisationen zahlreiche Initiativen ergriffen, um
bei den Gläubigen den eucharistischen Glauben wiederzuerwecken und zu erweitern, um die Sorgfalt bei
den Zelebrationen zu erhöhen und die eucharistische Anbetung zu fördern, um zu einer tätigen Solidarität
zu ermutigen, die von der Eucharistie ausgehend die Bedürftigen erreicht. Schließlich muß noch die
letzte Enzyklika Ecclesia de Eucharistia (9) meines Verehrten Vorgängers erwähnt werden, mit der er
uns einen sicheren lehramtlichen Anhaltspunkt über die eucharistische Lehre hinterlassen hat und ein
letztes Zeugnis dafür, welch zentrale Rolle dieses göttliche Sakrament in seinem Leben spielte.
Der
Zweck des vorliegenden Schreibens
5. Dieses nachsynodale Schreiben verfolgt den Zweck, den mannigfaltigen
Reichtum der Reflexionen und Vorschläge aufzugreifen, die in der letzten Ordentlichen Generalversammlung
der Bischofssynode aufgekommen sind – von den Lineamenta über das Instrumentum laboris, die Relationes
ante et post disceptationem, die Beiträge der Synodenväter, der Auditores und der Delegierten der Schwesterkirchen
bis zu den Propositiones –, in der Absicht, einige grundlegende Orientierungslinien zu formulieren, die
darauf ausgerichtet sind, in der Kirche neuen eucharistischen Impuls und Eifer zu erwecken. Im Bewußtsein
des umfassenden doktrinellen und disziplinären Erbes, das sich im Laufe der Jahrhunderte in bezug auf
dieses Sakrament angesammelt hat, (10) möchte ich im vorliegenden Dokument den Wunsch der Synodenväter
(11) aufgreifen und vor allem das christliche Volk zu einer gedanklichen Vertiefung der Verbindung zwischen
eucharistischem Geheimnis, liturgischer Handlung und dem aus der Eucharistie entspringenden neuen geistlichen
Dienst als dem Sakrament der Nächstenliebe aufrufen. Unter diesem Gesichtspunkt möchte ich das vorliegende
Schreiben mit meiner ersten Enzyklika Deus caritas est in Zusammenhang bringen, in der ich wiederholt
über das Sakrament der Eucharistie gesprochen habe, um seine Beziehung zur christlichen Gottes- und Nächstenliebe
zu verdeutlichen: »Der fleischgewordene Gott zieht uns alle an sich. Von da versteht es sich, daß Agape
nun auch eine Bezeichnung der Eucharistie wird: In ihr kommt die Agape Gottes leibhaft zu uns, um in uns
und durch uns weiterzuwirken«. (12)
ERSTER TEIL
EUCHARISTIE, EIN GEHEIMNIS,
AN DAS MAN GLAUBT
»Das
ist das Werk Gottes, daß ihr an den glaubt, den er gesandt hat« (Joh 6,29)
Der eucharistische Glaube
der Kirche
6. »Geheimnis des Glaubens!« – Mit diesem Ausruf unmittelbar nach den Konsekrationsworten
verkündet der Priester das gefeierte Mysterium und drückt sein Staunen angesichts der Wesensverwandlung
von Bot und Wein in den Leib und das Blut Christi aus – einer Wirklichkeit, die alles menschliche Verstehen
übersteigt. In der Tat, die Eucharistie ist das »Geheimnis des Glaubens« schlechthin: Sie ist »der
Inbegriff und die Summe unseres Glaubens«. (13) Der Glaube der Kirche ist im wesentlichen ein eucharistischer
Glaube und erhält seine Nahrung in besonderer Weise beim Mahl der Eucharistie. Glaube und Sakramente
sind zwei sich gegenseitig ergänzende Aspekte des kirchlichen Lebens. Durch die Verkündigung des Wortes
Gottes erweckt, nährt sich der Glaube und wächst in der gnadenreichen Begegnung mit dem auferstandenen
Herrn, die sich in den Sakramenten verwirklicht: »Der Glaube drückt sich im Ritus aus, und der Ritus
stärkt und festigt den Glauben«. (14) Darum steht das Altarssakrament immer im Mittelpunkt des kirchlichen
Lebens; »dank der Eucharistie wird die Kirche immer wieder neu geboren!« (15) Je lebendiger der eucharistische
Glaube im Gottesvolk ist, um so tiefer ist dessen Teilnahme am kirchlichen Leben durch eine überzeugte
Unterstützung der Sendung, die Christus seinen Jüngern aufgetragen hat. Das bezeugt die Geschichte der
Kirche selbst. Jede große Reform ist in irgendeiner Weise verbunden mit der Wiederentdeckung des Glaubens
an die eucharistische Gegenwart des Herrn inmitten seines Volkes.
Die Heiligste Dreifaltigkeit
und die
Eucharistie
Das Brot vom Himmel
7. Der Hauptinhalt des eucharistischen Glaubens ist das Mysterium Gottes
selbst, der trinitarische Liebe ist. In dem Gespräch Jesu mit Nikodemus finden wir diesbezüglich eine
erhellende Aussage: »Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder,
der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in
die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird« (Joh 3,16-17).
Diese Worte zeigen die tiefste Wurzel der Gabe Gottes. Jesus schenkt in der Eucharistie nicht »etwas«,
sondern sich selbst; er bringt seinen Leib als Opfer dar und vergießt sein Blut. Auf diese Weise verschenkt
er sich in der Ganzheit seiner Existenz und offenbart die ursprüngliche Quelle dieser Liebe. Er ist der
ewige Sohn, der vom Vater für uns hingegeben wurde. Im Evangelium hören wir dazu noch einmal die Worte
Jesu. Nach der Speisung der Menschenmenge durch die Vermehrung der Brote und der Fische sagt er zu seinen
Gesprächspartnern, die ihm bis in die Synagoge von Kafarnaum gefolgt sind: »Mein Vater gibt euch das
wahre Brot vom Himmel. Denn das Brot, das Gott gibt, kommt vom Himmel herab und gibt der Welt das Leben«
(Joh 6,32-33). Und er geht so weit, sich selbst, sein Fleisch und sein Blut, mit diesem Brot zu identifizieren:
»Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot ißt, wird in Ewigkeit
leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt« (Joh 6,51). Auf diese
Weise offenbart sich Jesus als das Brot des Lebens, das der ewige Vater den Menschen schenkt.
Ungeschuldete
Gabe der Heiligsten Dreifaltigkeit
8. In der Eucharistie offenbart sich der Plan der Liebe, der die gesamte
Heilsgeschichte bestimmt (vgl. Eph 1,10; 3,8-11). In ihr gibt der Deus Trinitas, der in sich selbst die
Liebe ist (vgl. 1 Joh 4,78), sich gänzlich in unsere menschliche Befindlichkeit hinein. Im Brot und im
Wein, unter deren Gestalten Christus sich uns im österlichen Mahl schenkt (vgl. Lk 22,14-20; 1 Kor 11,
2326), kommt in Form des Sakraments das ganze göttliche Leben zu uns und teilt sich uns mit. Gott ist
das vollkommene Mit- und Ineinander gegenseitiger Liebe zwischen dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen
Geist. Schon in der Schöpfung empfängt der Mensch die Berufung, in einem gewissen Maß am Lebensatem
Gottes teilzuhaben (vgl. Gen 2,7). Doch im gestorbenen und auferstandenen Christus und in der Aussendung
des Heiligen Geistes, der unbegrenzt gegeben wird (vgl. Joh 3,34), werden wir der innersten Tiefen Gottes
anteilig. (16) Jesus Christus, »der sich selbst kraft ewigen Geistes Gott als makelloses Opfer dargebracht
hat« (Hebr 9,14), teilt uns in der eucharistischen Gabe also das eigene göttliche Leben mit. Es handelt
sich um eine absolut vorleistungsfreie Gabe, die allein den Verheißungen Gottes nachkommt und diese über
alle Maßen erfüllt. In treuem Gehorsam nimmt die Kirche diese Gabe an, feiert sie und betet sie an.
Das »Geheimnis des Glaubens« ist ein Geheimnis der trinitarischen Liebe, an der teilzuhaben wir aus
Gnade berufen sind. Auch wir müssen daher mit Augustinus rufen: »Wenn du die Liebe siehst, siehst du
die Trinität«. (17)
Eucharistie:
Jesus, das wahre Opferlamm
Der neue und ewige Bund im Blut des Lammes
9. Die Sendung, deretwegen Jesus zu uns gekommen ist, erreicht ihre Erfüllung im Pascha-Mysterium. Bevor
er »seinen Geist aufgibt«, sagt er von der Höhe des Kreuzes aus, von der er alle an sich zieht (vgl.
Joh 12,32): »Es ist vollbracht!« (Joh 19,30). In dem Geheimnis seines Gehorsams bis zum Tod, bis zum
Tod am Kreuz (vgl. Phil 2,8) wurde der neue und ewige Bund verwirklicht. In seinem gekreuzigten Leib haben
sich die Freiheit Gottes und die Freiheit des Menschen in einem unauflöslichen, immerwährenden Bündnis
endgültig zusammengefunden. Auch die Sünde des Menschen ist durch den Sohn Gottes ein für allemal gesühnt
worden (vgl. Hebr 7,27; 1 Joh 2,2; 4,10;). »In seinem Tod am Kreuz vollzieht sich« – wie ich an anderer
Stelle bereits betonte – »jene Wende Gottes gegen sich selbst, in der er sich verschenkt, um den Menschen
wieder aufzuheben und zu retten – Liebe in ihrer radikalsten Form«. (18) Im Pascha-Mysterium ist unsere
Befreiung vom Bösen und vom Tod tatsächlich Wirklichkeit geworden. Bei der Einsetzung des Altarssakramentes
hatte Jesus selbst vom »neuen und ewigen Bund« gesprochen, der in dem von ihm vergossenen Blut geschlossen
wurde (vgl. Mt 26,28; Mk 14,24; Lk 22,20). Dieses letzte Ziel seiner Sendung war bereits zu Beginn seines
öffentlichen Lebens sehr deutlich. Als nämlich Johannes der Täufer am Ufer des Jordans Jesus auf sich
zukommen sieht, ruft er aus: »Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt!« (Joh 1,29).
Es ist bezeichnend, daß ebendieses Wort in jeder Meßfeier in dem Augenblick wiederkehrt, da der Priester
zum Empfang der Kommunion einlädt: »Seht das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünden der Welt! Selig,
die zum Hochzeitsmahl des Lammes geladen sind!« Jesus ist das wahre Osterlamm, das sich selbst freiwillig
als Opfer für uns dargebracht und so den neuen und ewigen Bund verwirklicht hat. Die Eucharistie enthält
in sich diese radikale Neuheit, die uns in jeder Meßfeier neu dargeboten wird. (19)
Die Einsetzung der
Eucharistie
10. In dieser Weise werden wir zum Nachdenken über die Einsetzung der Eucharistie während
des Letzten Abendmahles geführt. Sie geschah im Rahmen eines rituellen Mahles, das die Gedenkfeier des
Gründungsereignisses des Volkes Israel darstellte, der Befreiung aus der Knechtschaft Ägyptens. Dieses
mit der Opferung der Lämmer verbundene rituelle Mahl (vgl. Ex 12,1-28.43-51) war Erinnerung an die Vergangenheit,
doch zugleich auch ein prophetisches Gedenken, das heißt die Verkündigung einer zukünftigen Befreiung.
Das Volk hatte nämlich erfahren, daß jene Befreiung noch keine endgültige gewesen war, denn seine Geschichte
stand noch zu sehr unter dem Zeichen der Knechtschaft und der Sünde. So öffnete sich das Gedenken der
alten Befreiung der Bitte und Erwartung eines tiefergreifenden Heiles, das grundlegend, umfassend und
endgültig sein würde. In diesen Zusammenhang fügt Jesus die Neuheit seiner Gabe ein. Im Lobpreis, der
Berakah, dankt er dem Vater nicht nur für die großen Ereignisse der Vergangenheit, sondern auch für
seine eigene »Erhöhung«. Indem er das Sakrament der Eucharistie einsetzt, nimmt Jesus das Kreuzesopfer
und den Sieg der Auferstehung vorweg und schließt beides in das Sakrament ein. Zugleich offenbart er
sich als das wahre Opferlamm, das im Plan des Vaters von Anbeginn der Welt vorgesehen war, wie der Erste
Petrusbrief betont (vgl. 1,18-20). Indem Jesus seine Gabe in diesen Zusammenhang stellt, tut er die heilbringende
Bedeutung seines Todes und seiner Auferstehung kund, dieses Geheimnisses, das somit zu einer Gegebenheit
wird, welche die Geschichte und den gesamten Kosmos erneuert. Tatsächlich zeigt die Einsetzung der Eucharistie,
wie dieser an sich gewaltsame und sinnlose Tod in Jesus zum erhabensten Akt der Liebe und zur endgültigen
Befreiung der Menschheit vom Bösen geworden ist.
Figura transit in veritatem
11. Auf diese Weise fügt
Jesus sein tiefgreifendes novum ins Innere des alten jüdischen Opfermahles ein. Jenes Mahl bedarf für
uns Christen keiner Wiederholung. Zu Recht sagten die Väter, daß »figura transit in veritatem«: Was
die kommenden Wirklichkeiten vorausverkündete, hat nun der Wahrheit selbst Platz gemacht. Der alte Ritus
hat sich erfüllt und ist durch die Liebesgabe des fleischgewordenen Gottessohnes endgültig überholt.
Die Speise der Wahrheit, der für uns geopferte Christus, dat figuris terminum. (20) Mit dem Auftrag:
»Tut dies zu meinem Gedächtnis!« (Lk 22,19; 1 Kor 11,25), fordert er uns auf, seiner Gabe zu entsprechen
und sie sakramental darzustellen. Mit diesen Worten bringt der Herr sozusagen die Erwartung zum Ausdruck,
daß seine Kirche, die aus seinem Opfer hervorgegangen ist, diese Gabe annimmt und unter der Führung
des Heiligen Geistes die liturgische Form des Sakramentes entwickelt. Die Gedenkfeier seiner vollkommenen
Gabe besteht ja nicht in der einfachen Wiederholung des Letzten Abendmahles, sondern eigens in der Eucharistie,
das heißt in der radikalen Neuheit des christlichen Kultes. So hat Jesus uns die Aufgabe hinterlassen,
in seine »Stunde« einzutreten: »Die Eucharistie zieht uns in den Hingabeakt Jesu hinein. Wir empfangen
nicht nur statisch den inkarnierten Logos, sondern werden in die Dynamik seiner Hingabe hineingenommen«.
(21) Er »zieht uns in sich hinein«. (22) Die Wesensverwandlung von Brot und Wein in seinen Leib und
sein Blut bringt in die Schöpfung das Prinzip einer tiefgreifenden Veränderung ein, wie eine Art »Kernspaltung« –
um ein uns heute wohlbekanntes Bild zu benutzen –, die ins Innerste des Seins getragen worden ist, eine
Veränderung, die dazu bestimmt ist, einen Prozeß der Verwandlung der Wirklichkeit auszulösen, dessen
letztes Ziel die Verklärung der gesamten Welt ist bis zu jenem Zustand, in dem Gott alles in allem sein
wird (vgl. 1 Kor 15,28).
Der Heilige Geist und die Eucharistie
Jesus und der Heilige Geist
12. Mit
seinem Wort und mit Brot und Wein hat der Herr selbst uns die wesentlichen Elemente des neuen Kultes geschenkt.
Die Kirche, seine Braut, ist berufen, das eucharistische Mahl Tag für Tag zu seinem Gedächtnis zu feiern.
Sie schreibt auf diese Weise das erlösende Opfer ihres Bräutigams in die Geschichte der Menschen ein
und läßt es in allen Kulturen sakramental gegenwärtig werden. Dieses große Geheimnis wird in den liturgischen
Formen gefeiert, die die Kirche, vom Heiligen Geist geführt, in Zeit und Raum entwickelt. (23) In diesem
Zusammenhang ist es nötig, daß wir in uns das Bewußtsein der entscheidenden Rolle wachrufen, die der
Heilige Geist für die Entwicklung der liturgischen Form und für das Vertiefen der göttlichen Geheimnisse
spielt. Der Paraklet, die erste Gabe an die Gläubigen, (24) der schon in der Schöpfung am Werk war (vgl.
Gen 1,2), ist vollends gegenwärtig im gesamten Leben des fleischgewordenen Wortes: Jesus Christus wurde
ja durch das Wirken des Heiligen Geistes von der Jungfrau Maria empfangen (vgl. Mt 1,18; Lk 1,35); zu
Beginn seiner öffentlichen Sendung sieht er ihn am Jordanufer in Form einer Taube auf sich herabkommen
(vgl. Mt 3,16 und Par.); in ebendiesem Geist handelt, redet und frohlockt er (vgl. Lk 10,21); und in ihm
kann er sich selbst als Opfer darbringen (vgl. Hebr 9,14). In den sogenannten, von Johannes aufgezeichneten
»Abschiedsreden« stellt Jesus eine deutliche Beziehung her zwischen der Hingabe seines Lebens im Pascha-Mysterium
und der Gabe des Geistes an die Seinen (vgl. Joh 16,7). Als Auferstandener, der die Zeichen der Passion
an seinem Leib trägt, kann er mit seinem Hauch den Geist ausströmen (vgl. Joh 20,22) und so die Seinen
an der eigenen Sendung beteiligen (vgl. Joh 20,21). Der Geist wird dann die Jünger alles lehren und sie
an alles erinnern, was Christus ihnen gesagt hat (vgl. Joh 14,26), denn als Geist der Wahrheit (vgl. Joh
15,26) kommt es ihm zu, die Jünger in die ganze Wahrheit zu führen (vgl. Joh 16,13). In der Apostelgeschichte
wird berichtet, daß der Geist am Pfingsttag auf die mit Maria im Gebet versammelten Apostel herabkommt
(vgl. 2,1-4) und sie zu der Aufgabe anfeuert, allen Völkern die Frohe Botschaft zu verkünden. Deswegen
geschieht es kraft des Geistes, daß Christus selbst in seiner Kirche von ihrer Lebensmitte, der Eucharistie,
aus gegenwärtig und wirkend bleibt.
Heiliger Geist und Eucharistiefeier
13. Vor diesem Hintergrund
wird die entscheidende Rolle des Heiligen Geistes in der Eucharistiefeier und speziell in bezug auf die
Transsubstantiation verständlich. Ein entsprechendes Bewußtsein ist bei den Kirchenvätern deutlich
nachweisbar. Der hl. Cyrill von Jerusalem erinnert in seinen Katechesen daran, daß wir »den barmherzigen
Gott anrufen, seinen Heiligen Geist auf die vor uns liegenden Opfergaben herabzusenden, damit er das Brot
in den Leib Christi und den Wein in das Blut Christi verwandle. Was der Heilige Geist berührt, ist geheiligt
und völlig verwandelt«. (25) Auch der hl. Johannes Chrysostomus weist darauf hin, daß der Priester
den Heiligen Geist anruft, wenn er das Opfer feiert: (26) Wie Elias, der Diener Gottes, so ruft er den
Heiligen Geist herbei – sagt er –, damit »wenn die Gnade auf das Opfer herabkommt, die Seelen aller durch
sie entzündet werden«. (27) Von größter Wichtigkeit für das geistliche Leben der Gläubigen ist eine
klarere Kenntnis des Reichtums der Anaphora: Neben den von Christus beim Letzten Abendmahl gesprochenen
Worten enthält sie die Epiklese als Bitte an den Vater, die Gabe des Heiligen Geistes herabzusenden,
damit Brot und Wein zum Leib und zum Blut Jesu Christi werden und »die ganze Gemeinde immer mehr Leib
Christi werde«. (28) Der Geist, der vom Zelebranten auf die auf den Altar gelegten Gaben von Brot und
Wein herabgerufen wird, ist derselbe, der die Gläubigen in »einem Leib« vereint und sie zu einem geistigen
Opfer macht, das dem Vater wohlgefällt. (29)
Eucharistie und Kirche
Eucharistie – Kausalprinzip der
Kirche
14. Durch das eucharistische Sakrament nimmt Jesus die Gläubigen in seine »Stunde« hinein;
auf diese Weise zeigt er uns die Bindung, die er zwischen sich und uns, zwischen seiner Person und der
Kirche beabsichtigte. Tatsächlich hat Christus selbst im Kreuzesopfer die Kirche gezeugt als seine Braut
und seinen Leib. Die Kirchenväter haben ausgiebig meditiert über die Beziehung zwischen dem Ursprung
Evas aus der Seite des schlafenden Adam (vgl. Gen 2,21-23) und dem der neuen Eva, der Kirche, aus der
geöffneten Seite Christi, der im Schlaf des Todes versunken war: Aus der durchbohrten Seite – erzählt
Johannes – floß Blut und Wasser heraus (vgl. Joh 19,34), ein Symbol der Sakramente. (30) Ein kontemplativer
Blick »auf den … den sie durchbohrt haben« (Joh 19,37) bringt uns zum Nachdenken über die kausale
Verbindung zwischen dem Opfer Christi, der Eucharistie und der Kirche. In der Tat: »Die Kirche lebt von
der Eucharistie«. (31) Da in ihr das erlösende Opfer Christi gegenwärtig wird, muß man vor allem erkennen,
daß sich »ein ursächlicher Einfluß der Eucharistie … an den direkten Ursprüngen der Kirche« zeigt.
(32) Die Eucharistie ist Christus, der sich uns schenkt und uns so fortwährend als seinen Leib aufbaut.
Darum ist in der eindrucksvollen Wechselwirkung von Eucharistie, welche die Kirche aufbaut, und der Kirche
selbst, welche die Eucharistie realisiert, (33) die Erstursache jene, die in der ersten Formulierung ausgedrückt
ist: Die Kirche kann das Mysterium des in der Eucharistie gegenwärtigen Christus eben deshalb feiern
und anbeten, weil zuerst Christus selbst sich ihr im Kreuzesopfer geschenkt hat. Die Möglichkeit der
Kirche, die Eucharistie zu »verwirklichen«, ist ganz und gar verwurzelt in der Selbsthingabe Christi
an sie. Auch hier entdecken wir einen überzeugenden Aspekt der Formulierung des Johannes: »Er hat uns
zuerst geliebt« (vgl. 1 Joh 4,19). So bekennen auch wir in jeder Feier den Vorrang der Gabe Christi.
Der kausale Einfluß der Eucharistie auf den Ursprung der Kirche verdeutlicht schließlich das nicht nur
chronologische, sondern auch ontologische Zuvorkommen seiner Liebe, mit der er uns »zuerst geliebt«
hat. Er ist in Ewigkeit derjenige, welcher uns zuerst liebt.
Eucharistie und kirchliche Communio
15.
Die Eucharistie ist also grundlegend für das Sein und Handeln der Kirche. Deshalb bezeichnete das christliche
Altertum den von der Jungfrau Maria geborenen Leib, den eucharistischen Leib und den kirchlichen Leib
Christi mit ein und demselben Begriff als Corpus Christi. (34) Dieses in der Überlieferung stark vertretene
Faktum verhilft uns zu einem vermehrten Bewußtsein der Untrennbarkeit von Christus und der Kirche. Indem
unser Herr Jesus sich selbst als Opfer für uns hingegeben hat, hat er in seiner Gabe wirkungsvoll auf
das Geheimnis der Kirche hingedeutet. Es ist bezeichnend, daß das zweite Eucharistische Hochgebet mit
der Epiklese nach der Konsekration die Bitte um die Einheit der Kirche in folgenden Worten verbindet:
»Schenke uns Anteil an Christi Leib und Blut und laß uns eins werden durch den Heiligen Geist.« Diese
Formulierung läßt deutlich werden, daß die res des eucharistischen Sakramentes die Einheit der Gläubigen
in der kirchlichen Gemeinschaft ist. So zeigt sich die Eucharistie an der Wurzel der Kirche als Geheimnis
der Communio. (35)
Auf die Beziehung zwischen Eucharistie und Communio hatte schon der Diener Gottes
Johannes Paul II. in seiner Enzyklika Ecclesia de Eucharistia aufmerksam gemacht. Er bezeichnete die Gedenkfeier
Christi als »die höchste sakramentale Darstellung der Gemeinschaft in der Kirche«. (36) Die Einheit
der kirchlichen Gemeinschaft zeigt sich konkret in den christlichen Gemeinden und erneuert sich im eucharistischen
Akt, der sie vereint und in Teilkirchen unterscheidet, »in quibus et ex quibus una et unica Ecclesia
catholica exsistit«. (37) Gerade die Realität der einen Eucharistie, die in jeder Diözese um den jeweils
eigenen Bischof gefeiert wird, macht uns verständlich, wie die Teilkirchen selbst in und ex Ecclesia
bestehen. »Die Einzigkeit und Unteilbarkeit des eucharistischen Herrenleibes schließt die Einzigkeit
seines mystischen Leibes, der einen und unteilbaren Kirche, ein. Aus der eucharistischen Mitte ergibt
sich die notwendige Offenheit jeder feiernden Gemeinde, jeder Teilkirche: Angezogen von den offenen Armen
des Herrn, wird sie in seinen einzigen und unteilbaren Leib eingegliedert«. (38) Aus diesem Grund befindet
sich bei der Eucharistiefeier jeder Gläubige in seiner Kirche, das heißt in der Kirche Christi. Aus
dieser recht verstandenen eucharistischen Sicht erweist sich die kirchliche Communio als eine von Natur
aus katholische Wirklichkeit. (39) Diese eucharistische Wurzel der kirchlichen Gemeinschaft hervorzuheben,
kann auch ein wirksamer Beitrag sein zum ökumenischen Dialog mit den Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften,
die nicht in der vollen Gemeinschaft mit dem Sitz Petri stehen. Die Eucharistie knüpft nämlich objektiv
ein starkes Band der Einheit zwischen der katholischen Kirche und den orthodoxen Kirchen, die das unverfälschte
und vollständige Wesen des Mysteriums der Eucharistie bewahrt haben. Zugleich kann die Betonung des ekklesialen
Charakters der Eucharistie ein bevorzugtes Element im Dialog auch mit den aus der Reformation hervorgegangenen
Gemeinschaften werden. (40)
Eucharistie und Sakramente
Die Sakramentalität der Kirche
16. Das Zweite
Vatikanische Konzil hat daran erinnert, daß »mit der Eucharistie die übrigen Sakramente im Zusammenhang
[stehen]; auf die Eucharistie sind sie hingeordnet; das gilt auch für die anderen kirchlichen Dienste
und für die Apostolatswerke. Die Heiligste Eucharistie enthält ja das Heilsgut der Kirche in seiner
ganzen Fülle, Christus selbst, unser Osterlamm und das lebendige Brot. Durch sein Fleisch, das durch
den Heiligen Geist lebt und Leben schafft, spendet er den Menschen das Leben; so werden sie ermuntert
und angeleitet, sich selbst, ihre Arbeiten und die ganze Schöpfung mit ihm darzubringen«. (41) Diese
innerste Verbindung der Eucharistie mit allen anderen Sakramenten und mit dem christlichen Leben wird
in ihrer Wurzel verstanden, wenn man das Geheimnis der Kirche selbst als Sakrament betrachtet. (42) Das
Konzil hat in diesem Zusammenhang bekräftigt: »Die Kirche ist … in Christus gleichsam das Sakrament,
das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen
Menschheit«. (43) Als das – wie der hl. Cyprian sagt – »von der Einheit des Vaters, des Sohnes und des
Heiligen Geistes her geeinte Volk« (44) ist sie Sakrament der trinitarischen Communio.
Die Tatsache,
daß die Kirche »allumfassendes Heilssakrament« (45) ist, zeigt, wie die sakramentale »Ökonomie«
letztlich die Art bestimmt, in der Christus, der einzige Retter, durch den Geist unser Leben in der Besonderheit
seiner Umstände erreicht. Die Kirche empfängt sich und drückt sich zugleich aus in den sieben Sakramenten,
durch die die Gnade Gottes konkret auf das Sein der Gläubigen einwirkt, damit das ganze, von Christus
erlöste Leben ein Gott wohlgefälliger Kult werde. In dieser Sicht möchte ich einige von den Synodenvätern
hervorgehobene Elemente unterstreichen, die hilfreich sein können, um die Beziehung aller Sakramente
zum eucharistischen Mysterium zu verstehen.
I. Eucharistie und christliche Initiation
Eucharistie, Fülle
der christlichen Initiation
17. Wenn die Eucharistie wirklich Quelle und Höhepunkt von Leben und Sendung
der Kirche ist, folgt daraus vor allem, daß der Weg christlicher Initiation darauf ausgerichtet ist,
die Möglichkeit des Zugangs zu diesem Sakrament zu verschaffen. Wie die Synodenväter sagten, müssen
wir uns in diesem Zusammenhang fragen, ob in unseren christlichen Gemeinden die enge Verbindung von Taufe,
Firmung und Eucharistie ausreichend wahrgenommen wird. (46) Man darf nämlich nie vergessen, daß wir
im Hinblick auf die Eucharistie getauft und gefirmt werden. Das bringt die Verpflichtung mit sich, in
der pastoralen Praxis ein Verständnis zu fördern, das mehr die Einheit des gesamten christlichen Initiationsweges
im Auge hat. Das Sakrament der Taufe, mit dem wir Christus gleichgestaltet, (47) in die Kirche aufgenommen
und Kinder Gottes werden, ist die Eingangstür zu allen Sakramenten. Mit ihm werden wir in den einen Leib
Christi (vgl. 1 Kor 12,13), in das priesterliche Volk, eingegliedert. Dennoch ist es die Teilnahme am
eucharistischen Opfer, die in uns vervollkommnet, was uns in der Taufe geschenkt wurde. Auch die Gaben
des Geistes werden zum Aufbau des Leibes Christi (vgl. 1 Kor 12) und zum größeren evangelischen Zeugnis
in der Welt verliehen. (48) Darum führt die Heiligste Eucharistie die christliche Initiation zu ihrer
Fülle und stellt die Mitte und das Ziel des gesamten sakramentalen Lebens dar. (49)
Die Reihenfolge
der Initiations-Sakramente
18. In diesem Zusammenhang ist es nötig, die Aufmerksamkeit dem Thema der
Reihenfolge der Initiations-Sakramente zuzuwenden. Es gibt in der Kirche diesbezüglich unterschiedliche
Traditionen. Diese Verschiedenheit tritt offen zutage in den kirchlichen Bräuchen des Ostens (50) und
selbst in der westlichen Praxis, was die Initiation Erwachsener (51) im Vergleich zu der von Kindern (52)
angeht. Solche Differenzierungen haben jedoch keinen eigentlich dogmatischen Stellenwert, sondern sind
pastoraler Art. Konkret muß geklärt werden, welche Praxis den Gläubigen tatsächlich am besten helfen
kann, das Sakrament der Eucharistie als die Wirklichkeit, auf die die gesamte Initiation zustrebt, in
den Mittelpunkt zu stellen. Die Bischofskonferenzen mögen in enger Zusammenarbeit mit den zuständigen
Dikasterien der Römischen Kurie die Wirksamkeit der aktuellen Initiationswege überprüfen, damit der
bzw. dem Gläubigen durch die erzieherische Tätigkeit unserer Gemeinden geholfen werde, in einem fortschreitenden
Reifungsprozeß zu einer authentisch eucharistischen Lebenseinstellung zu gelangen, um so fähig zu sein,
in einer unserer Zeit angemessenen Weise jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt,
die uns erfüllt (vgl. 1 Petr 3,15).
Initiation, kirchliche Gemeinschaft und Familie
19. Immer sollte
man sich vergegenwärtigen, daß die gesamte christliche Initiation ein Weg der Umkehr ist, der mit der
Hilfe Gottes und in ständiger Bezugnahme auf die kirchliche Gemeinschaft zu vollziehen ist, sei es, wenn
Erwachsene um Aufnahme in die Kirche bitten, wie es an Orten der Erstevangelisierung oder in vielen säkularisierten
Regionen geschieht, sei es, wenn Eltern die Sakramente für ihre Kinder erbitten. In diesem Zusammenhang
möchte ich vor allem auf die Beziehung zwischen christlicher Initiation und Familie aufmerksam machen.
Im pastoralen Wirken muß man die christliche Familie immer am Weg der Initiation beteiligen. Der Empfang
der Taufe, der Firmung und der ersten Heiligen Kommunion sind entscheidende Momente nicht nur für die
Person, welche das Sakrament empfängt, sondern auch für die ganze Familie, die in ihrer Erziehungsaufgabe
von der kirchlichen Gemeinschaft in ihren verschiedenen Komponenten unterstützt werden muß. (53) Hier
möchte ich die Wichtigkeit der Erstkommunion hervorheben. Sehr vielen Gläubigen bleibt dieser Tag zu
Recht tief in der Erinnerung haften als der erste Augenblick, in dem sie, wenn auch nur anfänglich, die
Bedeutung der persönlichen Begegnung mit Jesus wahrgenommen haben. Die Seelsorge in der Pfarrei muß
diese so bedeutsame Gelegenheit in angemessener Weise nutzen.
II. Eucharistie und Sakrament der Versöhnung
Ihre innere Verbindung
20. Zu Recht haben die Synodenväter erklärt, daß die Liebe zur Eucharistie
dazu führt, auch das Sakrament der Versöhnung immer mehr zu schätzen. (54) Aufgrund der Verbindung
zwischen diesen Sakramenten kann eine authentische Katechese über den Sinn der Eucharistie nicht losgelöst
sein von der Ermunterung zu einem Weg der Buße (vgl. 1 Kor 11,27-29). Sicher, wir stellen fest, daß
die Gläubigen in unserer Zeit in eine Kultur eingetaucht sind, die dazu neigt, das Empfinden für die
Sünde auszulöschen, (55) indem sie eine oberflächliche Haltung fördert, die die Notwendigkeit, in
Gottes Gnade zu stehen, um die Kommunion würdig empfangen zu können, vergessen läßt. (56) In Wirklichkeit
bringt der Verlust des Sündenbewußtseins immer auch eine gewisse Oberflächlichkeit in der Wahrnehmung
der Liebe Gottes mit sich. Es ist den Gläubigen von großem Nutzen, sich die Elemente ins Gedächtnis
zu rufen, die innerhalb des Ritus der Heiligen Messe das Bewußtsein der eigenen Sünde und zugleich das
der Barmherzigkeit Gottes eindeutig zum Ausdruck bringen. (57) Außerdem erinnert uns die Beziehung zwischen
Eucharistie und Versöhnung daran, daß die Sünde niemals eine ausschließlich individuelle Angelegenheit
ist; sie bringt immer auch eine Verletzung innerhalb der kirchlichen Gemeinschaft mit sich, in die wir
dank der Taufe eingegliedert sind. Darum ist die Versöhnung, wie die Väter sagten, laboriosus quidam
baptismus, (58) womit sie unterstrichen, daß das Ergebnis des Weges der Umkehr auch die Wiederherstellung
der vollen kirchlichen Gemeinschaft ist, die im erneuten Empfang der Eucharistie zum Ausdruck kommt. (59)
Einige pastorale Anweisungen
21. Die Synode hat daran erinnert, daß es die pastorale Aufgabe des Bischofs
ist, in seiner Diözese eine entschiedene Wiederbelebung der Erziehung zur Umkehr anzuregen, die sich
aus der Eucharistie ergibt, und unter den Gläubigen die häufige Beichte zu fördern. Alle Priester sollen
sich großzügig mit Engagement und Kompetenz der Spendung des Sakramentes der Versöhnung widmen. (60)
In diesem Zusammenhang muß darauf geachtet werden, daß die Beichtstühle in unseren Kirchen gut sichtbar
sind und die Bedeutung dieses Sakramentes zum Ausdruck bringen. Ich bitte die Hirten, die Art des Vollzugs
des Sakramentes der Versöhnung aufmerksam zu überwachen und die Praxis der allgemeinen Absolution ausschließlich
auf die eigens vorgesehenen Fälle zu beschränken, (61) da nur die persönliche Beichte die ordnungsgemäße
Form darstellt. (62) Angesichts der Notwendigkeit der Wiederentdeckung der sakramentalen Vergebung sollte
es in allen Diözesen immer den Pönitentiar geben. (63) Schließlich kann eine wertvolle Hilfe für die
erneute Bewußtmachung der Beziehung zwischen Eucharistie und Versöhnung eine ausgeglichene und vertiefte
Praxis der für sich selbst oder für die Verstorbenen gewonnenen Indulgenz sein. Mit ihr erhält man
»vor Gott den Nachlaß der zeitlichen Strafe für die Sünden, die – was die Schuld betrifft – schon
vergeben sind«. (64) Die Inanspruchnahme der Ablässe hilft uns verstehen, daß wir allein mit unseren
Kräften niemals imstande wären, das begangene Böse wiedergutzumachen, und daß die Sünden jedes Einzelnen
der ganzen Gemeinschaft Schaden zufügen. Darüber hinaus verdeutlicht uns die Praxis der Indulgenz, da
sie außer der Lehre von den unendlichen Verdiensten Christi auch die von der Gemeinschaft der Heiligen
einschließt, »wie eng wir in Christus miteinander vereint sind und wie sehr das übernatürliche Leben
jedes Einzelnen den anderen nützen kann«. (65) Da ihre Form unter den Bedingungen den Empfang des Beichtsakramentes
und der Kommunion vorsieht, kann ihre Übung die Gläubigen auf dem Weg der Umkehr und bei der Entdeckung
der Zentralität der Eucharistie im christlichen Leben wirkungsvoll unterstützen.
III. Eucharistie und
Krankensalbung
22. Jesus hat seine Jünger nicht nur ausgesandt, die Kranken zu heilen (vgl. Mt 10,8;
Lk 9,2; 10,9), sondern er hat für sie auch ein spezifisches Sakrament eingesetzt: die Krankensalbung.
(66) Der Jakobusbrief bezeugt uns das Vorhandensein dieser sakramentalen Handlung bereits in der ersten
christlichen Gemeinde (vgl. 5,14-16). Wenn die Eucharistie zeigt, wie Leiden und Tod Christi in Liebe
verwandelt worden sind, so vereint die Krankensalbung den Leidenden mit der Selbsthingabe Christi zum
Heil aller, so daß auch er im Mysterium der Gemeinschaft der Heiligen sich an der Erlösung der Welt
beteiligen kann. Die Verbindung dieser Sakramente wird außerdem angesichts der Verschlimmerung der Krankheit
offenbar: »Die Kirche bietet den Sterbenden neben der Krankensalbung die Eucharistie als Wegzehrung an«.
(67) Im Heimgang zum Vater erweist sich die Kommunion mit dem Leib und dem Blut Christi als Same des ewigen
Lebens und Kraft zur Auferstehung: »Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben,
und ich werde ihn auferwecken am Letzten Tag« (Joh 6,54). Da die Heilige Wegzehrung dem Kranken die Fülle
des Pascha-Mysteriums erschließt, muß ihre Darreichung sichergestellt werden. (68) Die Zuwendung und
die pastorale Sorge, die den Kranken entgegengebracht werden, bringen sicher einen geistlichen Gewinn
für die ganze Gemeinde mit sich. Bekanntlich haben wir ja alles, was wir für den Geringsten getan haben,
für Jesus selbst getan (vgl. Mt 25,40).
IV. Eucharistie und Priesterweihe
In persona Christi capitis
23. Die innere Verbindung zwischen Eucharistie und Priesterweihe geht aus Jesu eigenen Worten im Abendmahlssaal
hervor: »Tut dies zu meinem Gedächtnis!« (Lc 22,19). Jesus hat ja am Vorabend seines Todes die Eucharistie
eingesetzt und zugleich das Priestertum des neuen Bundes gegründet. Er ist Priester, Opfer und Altar:
Mittler zwischen Gott Vater und dem Volk (vgl. Hebr 5,5-10), Sühnopfer (vgl. 1 Joh 2,2; 4,10), das sich
selbst auf dem Altar des Kreuzes darbringt. Niemand kann sagen: »Das ist mein Leib« und: »Das ist der
Kelch des Neuen Bundes, mein Blut…«, außer im Namen und in der Person Christi, des einzigen Hohenpriesters
des neuen und ewigen Bundes (vgl. Hebr 8-9). Die Bischofssynode hat schon in anderen Versammlungen das
Thema des Amtspriestertums behandelt, sei es in bezug auf die Identität des Dienstes, (69) sei es bezüglich
der Ausbildung der Kandidaten. (70) Bei dieser Gelegenheit und im Licht des Dialogs innerhalb der letzten
Synodenversammlung drängt es mich, an einige wichtige Punkte zu erinnern, die die Beziehung zwischen
eucharistischem Sakrament und Priesterweihe betreffen. Zunächst ist es notwendig zu bekräftigen, daß
die Verbindung zwischen Priesterweihe und Eucharistie gerade in der Messe sichtbar wird, deren Zelebration
der Bischof oder der Priester in der Person Christi als des Hauptes vorsteht.
Nach der Lehre der Kirche
ist die Priesterweihe die unumgängliche Bedingung für die gültige Feier der Eucharistie. (71) Denn
»Christus selbst ist im kirchlichen Dienst des geweihten Priesters in seiner Kirche zugegen als Haupt
seines Leibes, Hirt seiner Herde, Hoherpriester des Erlösungsopfers«. (72) Natürlich »handelt der
geweihte Priester auch im Namen der ganzen Kirche, wenn er das Gebet der Kirche an Gott richtet, vor allem,
wenn er das eucharistische Opfer darbringt«. (73) Darum müssen die Priester sich bewußt sein, daß
ihr gesamter Dienst niemals sie selbst oder ihre Meinung in den Mittelpunkt setzen darf, sondern Jesus
Christus. Jeder Versuch, sich selbst zum Protagonisten der liturgischen Handlung zu machen, widerspricht
dem Wesen des Priestertums. Der Priester ist in erster Linie Diener und muß sich ständig darum bemühen,
ein Zeichen zu sein, das als gefügiges Werkzeug in Christi Händen auf ihn verweist. Das kommt besonders
in der Demut zum Ausdruck, mit der er in treuer Befolgung des Ritus die liturgische Handlung führt, ihr
im Herzen und im Geist entspricht und alles vermeidet, was den Eindruck einer unangebrachten Geltungssucht
erwecken könnte. Darum empfehle ich dem Klerus, sich immer tiefer bewußt zu machen, daß der eigene
eucharistische Dienst ein demütiger Dienst für Christus und für seine Kirche ist. Das Priestertum ist –
wie der hl. Augustinus sagte – amoris officium, (74) es ist der Dienst des guten Hirten, der das Leben
hingibt für die Schafe (vgl. Joh 10,14-15).
Eucharistie und priesterlicher Zölibat
24. Die Synodenväter
haben hervorgehoben, daß das Amtspriestertum durch die Weihe eine vollkommene Gleichgestaltung mit Christus
erfordert. Bei aller Achtung gegenüber der abweichenden ostkirchlichen Handhabung und Tradition ist es
doch notwendig, den tiefen Sinn des priesterlichen Zölibats zu bekräftigen, der zu Recht als ein unschätzbarer
Reichtum betrachtet wird; in der Ostkirche findet er seine Bestätigung darin, daß die Auswahl der Kandidaten
zum Bischofsamt nur unter zölibatär lebenden Priestern vorgenommen wird und der von vielen Priestern
freiwillig gelebte Zölibat hohes Ansehen genießt. In dieser Wahl des Priesters kommen nämlich in ganz
eigener Weise seine Hingabe, die ihn Christus gleichgestaltet, und seine Selbstaufopferung ausschließlich
für das Reich Gottes zum Ausdruck. (75) Die Tatsache, daß Christus, der ewige Hohepriester, selber seine
Sendung bis zum Kreuzesopfer im Stand der Jungfräulichkeit gelebt hat, bietet einen sicheren Anhaltspunkt,
um den Sinn der Tradition der lateinischen Kirche in dieser Sache zu erfassen. Deshalb reicht es nicht
aus, den priesterlichen Zölibat unter rein funktionalen Gesichtspunkten zu verstehen. In Wirklichkeit
stellt er eine besondere Angleichung an den Lebensstil Christi selbst dar. Eine solche Wahl hat vor allem
hochzeitlichen Charakter; sie ist ein Sicheinfühlen in das Herz Christi als des Bräutigams, der sein
Leben für die Braut hingibt. In Einheit mit der großen kirchlichen Tradition, mit dem Zweiten Vatikanischen
Konzil (76) und meinen Vorgängern im Petrusamt (77) bekräftige ich die Schönheit und die Bedeutung
eines im Zölibat gelebten Priesterlebens als ausdrucksvolles Zeichen der völligen und ausschließlichen
Hingabe an Christus, an die Kirche und an das Reich Gottes und bestätige folglich seinen obligatorischen
Charakter für die lateinische Tradition. Der in Reife, Freude und Hingabe gelebte priesterliche Zölibat
ist ein sehr großer Segen für die Kirche und für die Gesellschaft selbst.
Priestermangel und Berufungspastoral
25. Im Zusammenhang mit der Verbindung zwischen Weihe und Eucharistie ist die Synode näher auf die Verlegenheit
eingegangen, in die einige Diözesen geraten, wenn es darum geht, sich mit dem Priestermangel auseinanderzusetzen.
Das geschieht nicht nur in einigen Gebieten der Erstevangelisierung, sondern auch in vielen Ländern mit
langer christlicher Tradition. Sicher ist zur Lösung des Problems eine gerechtere Verteilung des Klerus
hilfreich. Darum bedarf es einer Arbeit umfassender Sensibilisierung. Die Bischöfe sollten auf dem Gebiet
des seelsorglichen Bedarfs die Institute gottgeweihten Lebens und die neuen kirchlichen Gruppierungen
unter Berücksichtigung ihres je eigenen Charismas einbeziehen und alle Mitglieder des Klerus zu einer
größeren Bereitschaft ermahnen, der Kirche dort zu dienen, wo es notwendig ist, auch wenn das Opfer
verlangt. (78) Außerdem wurde in der Synode über die pastoralen Maßnahmen diskutiert, die getroffen
werden müssen, um vor allem bei den Jugendlichen die innere Offenheit gegenüber der Priesterberufung
zu begünstigen. Diese Situation kann nicht durch bloße pragmatische Kunstgriffe gelöst werden. Es ist
zu vermeiden, daß die Bischöfe unter dem Druck durchaus verständlicher funktionaler Sorgen aufgrund
des Priestermangels keine angemessene Berufungsklärung vornehmen und Kandidaten, die nicht die für den
priesterlichen Dienst notwendigen Eigenschaften besitzen, zur spezifischen Ausbildung und zur Weihe zulassen.
(79) Ein mangelhaft ausgebildeter Klerus, der ohne die gebotene Prüfung zur Weihe zugelassen worden ist,
wird kaum ein Zeugnis bieten können, das geeignet ist, in anderen den Wunsch zu wecken, dem Ruf Christi
großherzig zu folgen. Die Berufungspastoral muß wirklich die ganze christliche Gemeinschaft in all ihren
Bereichen einbeziehen. (80) Natürlich schließt diese flächendeckende pastorale Arbeit auch die Sensibilisierung
der Familien ein, die einer vermutlichen Priesterberufung oft gleichgültig, wenn nicht sogar ablehnend
gegenüberstehen. Sie sollen sich großherzig dem Geschenk des Lebens öffnen und die Kinder zur Verfügbarkeit
gegenüber dem Willen Gottes erziehen. In wenigen Worten: Es bedarf vor allem des Mutes, den Jugendlichen
die Radikalität der Nachfolge Christi nahezubringen, indem man ihnen zeigt, welche Faszination darin
liegt.
Dankbarkeit und Hoffnung
26. Schließlich ist es nötig, mit mehr Glauben und Hoffnung auf die
Initiative Gottes zu vertrauen. Auch wenn in einigen Gebieten Priestermangel zu verzeichnen ist, sollte
man niemals die Zuversicht verlieren, daß Christus weiterhin Männer erwecken wird, die alles andere
hinter sich lassen und sich völlig der Feier der heiligen Mysterien, der Predigt des Evangeliums und
dem pastoralen Dienst widmen. Bei dieser Gelegenheit möchte ich die Dankbarkeit der ganzen Kirche gegenüber
allen Bischöfen und Priestern zum Ausdruck bringen, die mit treuer Hingabe und voller Engagement ihre
Sendung erfüllen. Natürlich geht der Dank der Kirche auch an die Diakone, welche die Handauflegung »nicht
zum Priestertum, sondern zur Dienstleistung« ( 81) empfangen haben. Auf Empfehlung der Synodenversammlung
richte ich einen speziellen Dank an die Fidei-donum-Priester, die im Dienst der Mission der Kirche mit
Kompetenz und großherziger Hingabe die Gemeinde aufbauen, indem sie ihr das Wort Gottes verkünden und
das Brot des Lebens brechen, ohne ihre Kräfte zu schonen. (82) Man muß Gott danken für die vielen Priester,
die Leiden bis zum Opfer des eigenen Lebens ertragen haben, um Christus zu dienen. An ihnen offenbart
sich durch die Sprache der Tatsachen, was es bedeutet, ganz und gar Priester zu sein. Es handelt sich
um erschütternde Zeugnisse, die viele junge Menschen anregen können, ihrerseits Christus nachzufolgen,
ihr Leben für die anderen hinzugeben und gerade so das wahre Leben zu finden.
V. Eucharistie und Ehe
Die Eucharistie, ein bräutliches Sakrament
27. Die Eucharistie, das Sakrament der Liebe, steht in besonderer
Beziehung zur Liebe zwischen Mann und Frau, die in der Ehe vereint sind. Diese Verbindung zu vertiefen,
ist eine Notwendigkeit gerade unserer Zeit. (83) Papst Johannes Paul II. hatte mehrmals die Gelegenheit,
den bräutlichen Charakter der Eucharistie und ihre besondere Beziehung zum Ehesakrament zu bekräftigen:
»Die Eucharistie ist das Sakrament unserer Erlösung. Sie ist das Sakrament des Bräutigams und der Braut«.
(84) Im übrigen trägt »das ganze christliche Leben … die Handschrift der bräutlichen Liebe Christi
und der Kirche. Schon die Taufe, der Eintritt in das Volk Gottes, ist ein bräutliches Mysterium; sie
ist sozusagen das ,Hochzeitsbad’, das dem Hochzeitsmahl, der Eucharistie, vorausgeht«. (85) Die Eucharistie
stärkt in unerschöpflicher Weise die unauflösliche Einheit und Liebe jeder christlichen Ehe. In ihr
ist die eheliche Bindung kraft des Sakraments innerlich verknüpft mit der eucharistischen Einheit zwischen
dem Bräutigam Christus und seiner Braut, der Kirche (vgl. Eph 5,31-32). Die gegenseitige Zustimmung,
die Bräutigam und Braut in Christus einander geben und die ihre Lebens- und Liebesgemeinschaft gründet,
hat ebenfalls eine eucharistische Dimension. Tatsächlich ist in der paulinischen Theologie die eheliche
Liebe ein sakramentales Zeichen der Liebe Christi zu seiner Kirche – einer Liebe, die ihren Höhepunkt
im Kreuz erreicht, das der Ausdruck seiner »Hochzeit« mit der Menschheit und zugleich der Ursprung und
das Zentrum der Eucharistie ist. Darum tut die Kirche all denen, die ihre Familie auf das Sakrament der
Ehe gegründet haben, eine besondere geistliche Nähe kund. (86) Die Familie – eine Hauskirche (87) –
ist ein vorrangiger Bereich des kirchlichen Lebens, speziell wegen der entscheidenden Rolle in bezug auf
die christliche Erziehung der Kinder. (88) In diesem Zusammenhang hat die Synode auch empfohlen, die einzigartige
Aufgabe der Frau in der Familie und in der Gesellschaft anzuerkennen – eine Aufgabe, die verteidigt, bewahrt
und gefördert werden muß. (89) Ihr Dasein als Ehefrau und Mutter stellt eine unumgängliche Realität
dar, die niemals abgewertet werden darf.
Eucharistie und Einzigkeit der Ehe
28. Gerade im Licht dieser
inneren Beziehung von Ehe, Familie und Eucharistie kann man einige pastorale Probleme betrachten. Die
treue, unauflösliche und ausschließliche Bindung, die Christus und die Kirche miteinander vereint und
die ihren sakramentalen Ausdruck in der Eucharistie findet, entspricht einer ursprünglichen anthropologischen
Gegebenheit, nach der der Mann sich definitiv an eine einzige Frau binden soll und umgekehrt (vgl. Gen
2,24; Mt 19,5). In diesem gedanklichen Zusammenhang hat sich die Synode auseinandergesetzt mit dem Thema
der pastoralen Praxis gegenüber denjenigen, die aus Kulturen stammen, in denen die Polygamie praktiziert
wird, und die dann der Verkündigung des Evangeliums begegnen. Solchen Personen muß, wenn sie sich dem
christlichen Glauben öffnen, geholfen werden, ihr menschliches Vorhaben in die radikale Neuheit Christi
zu integrieren. Während des Katechumenats holt Christus sie in ihrer spezifischen Lage ab und ruft sie
im Hinblick auf die vollkommene kirchliche Gemeinschaft über den Weg der notwendigen Verzichte zur vollen
Wahrheit der Liebe. Die Kirche begleitet sie mit einer liebevoll-milden und zugleich kompromißlosen Seelsorge,
(90) vor allem, indem sie ihnen zeigt, in welchem Licht die christlichen Mysterien die menschliche Natur
und die menschlichen Gefühle erstrahlen lassen.
Eucharistie und Unauflöslichkeit der Ehe
29. Wenn
die Eucharistie die Unwiderruflichkeit der Liebe Gottes in Christus zu seiner Kirche ausdrückt, wird
verständlich, warum sie in Beziehung zum Sakrament der Ehe jene Unauflöslichkeit einschließt, nach
der sich jede wahre Liebe unweigerlich sehnt. (91) Darum ist die pastorale Aufmerksamkeit mehr als gerechtfertigt,
die die Synode den schmerzlichen Situationen gewidmet hat, in denen sich nicht wenige Gläubige befinden,
die sich nach einer sakramentalen Trauung haben scheiden lassen und eine neue Verbindung eingegangen sind.
Es handelt sich um ein dornenreiches und kompliziertes pastorales Problem, eine wahre Plage des heutigen
sozialen Umfelds, die in zunehmendem Maße auch auf katholische Kreise übergreift. Die Hirten sind aus
Liebe zur Wahrheit verpflichtet, die verschiedenen Situationen genau zu unterscheiden, um den betroffenen
Gläubigen in angemessener Weise geistlich zu helfen. (92) Die Bischofssynode hat die auf die Heilige
Schrift (vgl. Mc 10,2-12) gegründete Praxis der Kirche, wiederverheiratete Geschiedene nicht zu den Sakramenten
zuzulassen, bestätigt, weil ihr Status und ihre Lebenslage objektiv jener Liebesvereinigung zwischen
Christus und seiner Kirche widersprechen, die in der Eucharistie bedeutet und verwirklicht wird. Die wiederverheirateten
Geschiedenen gehören jedoch trotz ihrer Situation weiter zur Kirche, die ihnen mit spezieller Aufmerksamkeit
nachgeht, in dem Wunsch, daß sie so weit als möglich einen christlichen Lebensstil pflegen durch die
Teilnahme an der heiligen Messe, wenn auch ohne Kommunionempfang, das Hören des Wortes Gottes, die eucharistische
Anbetung, das Gebet, die Teilnahme am Gemeindeleben, das vertrauensvolle Gespräch mit einem Priester
oder einem geistlichen Führer, hingebungsvoll geübte Nächstenliebe, Werke der Buße und den Einsatz
in der Erziehung der Kinder.
Wo berechtigte Zweifel an der Gültigkeit der sakramental geschlossenen
Ehe aufkommen, muß das Notwendige unternommen werden, um deren Fundierung zu überprüfen. Sodann ist
es nötig, unter voller Beachtung des kanonischen Rechts (93) das Vorhandensein kirchlicher Gerichte im
jeweiligen Gebiet sowie ihren pastoralen Charakter und ihr korrektes und schnelles Handeln sicherzustellen.
(94) Für eine zügige Arbeitsweise der kirchlichen Gerichte bedarf es in jeder Diözese einer ausreichenden
Anzahl entsprechend ausgebildeter Personen. Ich erinnere daran, daß es »eine dringende Pflicht ist,
den Gläubigen das institutionelle Wirken der Kirche in den Gerichten immer näher zu bringen«. (95)
Es ist jedoch unbedingt zu vermeiden, daß die pastorale Sorge als Gegenposition zum Recht mißdeutet
wird. Man sollte vielmehr von der Voraussetzung ausgehen, daß der grundlegende Berührungspunkt zwischen
Recht und Pastoral die Liebe zur Wahrheit ist: Diese ist nämlich niemals abstrakt, sondern »fügt sich
in den menschlichen und christlichen Weg jedes Gläubigen ein«. (96) Wo schließlich die Ehenichtigkeit
nicht anerkannt wird und objektive Bedingungen gegeben sind, die das Zusammenleben tatsächlich irreversibel
machen, ermutigt die Kirche jene Gläubigen, ihre Beziehung entsprechend den Anforderungen des Gesetzes
Gottes als Freunde, wie Bruder und Schwester, zu leben; so können sie – unter Berücksichtigung der bewährten
kirchlichen Praxis – wieder am eucharistischen Mahl teilnehmen. Damit ein solcher Weg möglich ist und
fruchtbar wird, muß er durch die Hilfe der Seelsorger und durch geeignete kirchliche Initiativen unterstützt
werden, wobei in jedem Fall zu vermeiden ist, diese Verbindungen zu segnen, damit unter den Gläubigen
keine Verwirrungen in bezug auf den Wert der Ehe aufkommen. (97)
Angesichts der Vielschichtigkeit des
kulturellen Umfelds, in der die Kirche in vielen Ländern lebt, hat die Synode zudem empfohlen, in der
Vorbereitung der Brautleute und in der vorausgehenden Prüfung ihrer Ansichten über die für die Gültigkeit
des Ehesakraments unverzichtbaren Verpflichtungen größte pastorale Sorgfalt walten zu lassen. Durch
eine ernsthafte Klärung in diesem Punkt kann vermieden werden, daß emotive Impulse oder oberflächliche
Gründe die beiden jungen Leute dazu führen, Verantwortungen zu übernehmen, denen sie dann nicht gerecht
werden können. (98) Das Gute, das die Kirche und die ganze Gesellschaft von der Ehe und der auf sie gegründeten
Familie erwarten, ist zu groß, um sich in diesem spezifischen pastoralen Bereich nicht bis zum Grunde
einzusetzen. Ehe und Familie sind Einrichtungen, die gefördert und gegen jegliches Mißverständnis bezüglich
ihrer Grundwahrheit verteidigt werden müssen, denn jeder Schaden, der ihnen zugefügt wird, ist in der
Tat eine Verletzung, die dem menschlichen Zusammenleben als solchem beigebracht wird.
Eucharistie und
Eschatologie
Eucharistie: Geschenk an den Menschen unterwegs
30. Wenn es wahr ist, daß die Sakramente
eine Wirklichkeit sind, die der in der Zeit pilgernden Kirche zugehört, (99) welche der vollen Offenbarung
des Sieges des auferstandenen Christus entgegengeht, so ist es jedoch ebenso wahr, daß uns – speziell
in der eucharistischen Liturgie – ein Vorgeschmack der eschatologischen Erfüllung gewährt wird, zu der
jeder Mensch und die ganze Schöpfung unterwegs ist (vgl. Röm 8,19ff). Der Mensch ist für die wirkliche
und ewige Glückseligkeit geschaffen, die allein die Liebe Gottes geben kann. Aber unsere angeschlagene
Freiheit würde sich verlieren, wenn es nicht möglich wäre, schon jetzt etwas von der zukünftigen Vollendung
zu erfahren. Im übrigen muß jeder Mensch, um in die rechte Richtung gehen zu können, auf das Endziel
hin ausgerichtet werden. Diese letzte Bestimmung ist in Wirklichkeit Christus, der Herr, selbst, der Sieger
über Sünde und Tod, der für uns in besonderer Weise gegenwärtig wird in der Eucharistiefeier. So haben
wir, obwohl noch »Fremde und Gäste in dieser Welt« (1 Petr 2,11), im Glauben bereits Anteil an der
Fülle des auferstandenen Lebens. Indem das eucharistische Mahl seine stark eschatologische Dimension
offenbart, kommt es unserer Freiheit, die noch auf dem Wege ist, zu Hilfe.
Das eschatologische Mahl
31. Wenn wir über dieses Geheimnis nachdenken, können wir sagen, daß Jesus sich mit seinem Kommen in
Beziehung zu der Erwartung gesetzt hat, die im Volk Israel, in der gesamten Menschheit und im Grunde sogar
in der Schöpfung zugegen ist. Mit seiner Selbsthingabe hat er objektiv das eschatologische Zeitalter
eröffnet. Christus ist gekommen, um das zerstreute Gottesvolk zusammenzurufen (vgl. Joh 11,52), und hat
seine Absicht deutlich gemacht, die Gemeinde des Bundes zu versammeln, um die Verheißungen Gottes an
die Väter zu erfüllen (vgl. Jer 23,3; 31,10; Lk 1,55.70). In der Berufung der Zwölf – eine Bezugnahme
auf die zwölf Stämme Israels – und in der ihnen beim Letzten Abendmahl vor seinem erlösenden Leiden
anvertrauten Aufgabe, sein Gedächtnis zu feiern, hat Jesus gezeigt, daß er den Auftrag, in der Geschichte
Zeichen und Werkzeug der in ihm begonnenen eschatologischen Versammlung zu sein, auf die ganze von ihm
gegründete Gemeinde übertragen wollte. Darum verwirklicht sich auf sakramentale Weise in jeder Eucharistiefeier
die eschatologische Zusammenkunft des Gottesvolkes. Das eucharistische Mahl ist für uns eine reale Vorwegnahme
des endgültigen Festmahles, das von den Propheten angekündigt (vgl. Jes 25,6-9) und im Neuen Testament
als »Hochzeitsmahl des Lammes« (vgl. Offb 19,7-9) beschrieben wird; es soll in der Freude der Gemeinschaft
der Heiligen gefeiert werden. (100)
Das Gebet für die Verstorbenen
32. Die Eucharistiefeier, in der
wir den Tod des Herrn verkünden, seine Auferstehung preisen und auf seine Wiederkunft warten, ist ein
Unterpfand der zukünftigen Herrlichkeit, in der auch unser Leib verherrlicht sein wird. Indem wir das
Gedächtnis unseres Heiles feiern, stärkt sich in uns die Hoffnung auf die Auferstehung des Fleisches
und auf die Möglichkeit, denjenigen wieder von Angesicht zu Angesicht zu begegnen, die uns im Zeichen
des Glaubens vorangegangen sind. Aus dieser Sicht möchte ich gemeinsam mit den Synodenvätern alle Gläubigen
an die Wichtigkeit des Fürbittgebetes – insbesondere der Meßfeiern – für die Verstorbenen erinnern,
damit sie geläutert zur seligen Schau Gottes gelangen können. (101) Wenn wir die eschatologische Dimension
wiederentdecken, die der gefeierten und angebeteten Eucharistie innewohnt, werden wir unterstützt auf
unserem Weg und getröstet in der Hoffnung auf die Herrlichkeit (vgl. Röm 5,2; Tit 2,13).
Die Eucharistie
und die Jungfrau Maria
33. Aus der Beziehung zwischen der Eucharistie und den einzelnen Sakramenten und
aus der eschatologischen Bedeutung der Mysterien geht das Profil der christlichen Existenz in seiner Ganzheit
hervor – einer Existenz, die berufen ist, in jedem Augenblick Gottesdienst zu sein, ein Gott wohlgefälliges
Opfer der Selbsthingabe. Und wenn wir auch alle noch unterwegs sind zur ganzen Erfüllung unserer Hoffnung,
heißt das nicht, daß wir nicht schon jetzt dankbar anerkennen können, daß alles, was Gott uns geschenkt
hat, in der Jungfrau Maria, der Mutter Gottes und unserer Mutter, seine vollkommene Verwirklichung gefunden
hat: Ihre Aufnahme in den Himmel mit Leib und Seele ist für uns ein Zeichen sicherer Hoffnung, insofern
es uns Pilgern in der Zeit jenes eschatologische Ziel anzeigt, von dem uns das Sakrament der Eucharistie
schon jetzt einen Vorgeschmack gibt.
In der heiligen Jungfrau sehen wir auch die sakramentale Weise,
mit der Gott das Geschöpf Mensch erreicht und in seine Heilsinitiative einbezieht, gänzlich erfüllt.
Von der Verkündigung bis zum Pfingstereignis erscheint Maria von Nazaret als die Person, deren Freiheit
sich ganz und gar dem Willen Gottes anpaßt. Ihre unbefleckte Empfängnis offenbart sich im eigentlichen
Sinn in der unbedingten Verfügbarkeit gegenüber dem göttlichen Wort. In jedem Augenblick ist ihr Leben
geprägt von einem gehorsamen Glauben angesichts des Handelns Gottes. Als die hörende Jungfrau lebt sie
in vollkommenem Einklang mit dem göttlichen Willen; die Worte, die ihr von Gott zukommen, bewahrt sie
in ihrem Herzen, und indem sie sie wie zu einem Mosaik zusammensetzt, lernt sie sie tiefer verstehen (vgl.
Lk 2,19.51); Maria ist die große Glaubende, die sich vertrauensvoll in die Hände Gottes gibt und sich
seinem Willen überläßt. (102) Dieses Geheimnis verdichtet sich bis zur vollen Einbeziehung in den Erlösungsauftrag
Jesu. Wie das Zweite Vatikanische Konzil erklärt hat, ging »die selige Jungfrau Maria den Pilgerweg
des Glaubens. Ihre Vereinigung mit dem Sohn hielt sie in Treue bis zum Kreuz, wo sie nicht ohne göttliche
Absicht stand (vgl. Joh 19,25), heftig mit ihrem Eingeborenen litt und sich mit seinem Opfer in mütterlichem
Geist verband, indem sie der Opferung dessen, den sie geboren hatte, liebevoll zustimmte. Und schließlich
wurde sie von Christus Jesus selbst, als er am Kreuz starb, dem Jünger zur Mutter gegeben mit den Worten:
Frau, siehe da dein Sohn«. (103) Von der Verkündigung bis zum Kreuz ist Maria diejenige, die das Wort
aufnimmt – das Wort, das in ihr Fleisch annimmt und am Ende verstummt im Schweigen des Todes. Sie ist
es schließlich, die in ihre Arme den bereits leblosen hingegebenen Leib dessen aufnimmt, der die Seinen
wirklich »bis zu Vollendung« (Joh 13,1) geliebt hat.
Darum wenden wir uns jedesmal, wenn wir in der
Eucharistiefeier den Leib und das Blut Christi empfangen, auch an sie, die in voller Zustimmung das Opfer
Christi für die ganze Kirche angenommen hat. Zu Recht haben die Synodenväter bekräftigt, daß »Maria
die Teilnahme der Kirche am Opfer des Erlösers eröffnet«. (104) Sie ist die Unbefleckte, die die Gabe
Gottes bedingungslos annimmt und auf diese Weise am Heilswerk beteiligt wird. Maria von Nazaret, die Ikone
der entstehenden Kirche, ist das Vorbild dafür, wie jeder von uns das Geschenk empfangen soll, zu dem
Jesus in der Eucharistie sich selbst macht.
ZWEITER TEIL
EUCHARISTIE, EIN GEHEIMNIS,
DAS MAN FEIERT
»Amen, amen, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt
euch das wahre Brot vom Himmel« (Joh 6,32)
Lex orandi und lex credendi
34. Die Bischofssynode hat viel
über die innere Beziehung zwischen eucharistischem Glauben und liturgischer Feier nachgedacht. Sie hat
dabei die Verknüpfung von lex orandi und lex credendi hervorgehoben und den Vorrang der liturgischen
Handlung betont. Man muß die Eucharistie als authentisch gefeiertes Glaubensgeheimnis erleben, in dem
klaren Bewußtsein, daß »der intellectus fidei immer ursprünglich in Beziehung steht zur liturgischen
Handlung der Kirche«. (105) In diesem Bereich kann die theologische Reflexion niemals von der sakramentalen
Ordnung absehen, die von Christus selbst eingesetzt ist. Andererseits kann die liturgische Handlung niemals
allgemein betrachtet werden, unabhängig vom Glaubensgeheimnis. Die Quelle unseres Glaubens und der eucharistischen
Liturgie ist ja ein und dasselbe Ereignis: die Selbsthingabe Christi im Pascha-Mysterium.
Schönheit
und Liturgie
35. Die Beziehung zwischen geglaubtem und gefeiertem Mysterium zeigt sich in besonderer
Weise im theologischen und liturgischen Wert der Schönheit. Die Liturgie hat nämlich, wie übrigens
auch die christliche Offenbarung, eine innere Verbindung zur Schönheit: Sie ist veritatis splendor. In
der Liturgie leuchtet das Pascha-Mysterium auf, durch das Christus selbst uns zu sich hinzieht und uns
zur Gemeinschaft ruft. In Jesus betrachten wir – wie der hl. Bonaventura zu sagen pflegte – die Schönheit
und den Glanz des Ursprungs. (106) Dieses Merkmal, auf das wir uns berufen, ist nicht nur bloßer Ästhetizismus,
sondern eine Art und Weise, wie die Wahrheit der Liebe Gottes in Christus uns erreicht, uns fasziniert,
uns begeistert und so bewirkt, daß wir aus uns herausgehen und zu unserer wahren Berufung hingezogen
werden: zur Liebe. (107) Schon in der Schöpfung läßt Gott sich erahnen in der Schönheit und der Harmonie
des Kosmos (vgl. Weish 13,5; Röm 1,19-20). Im Alten Testament finden wir dann eingehende Zeichen des
Glanzes der Macht Gottes, der sich mit seiner Herrlichkeit durch die Wunder offenbart, die er im erwählten
Volk geschehen läßt (vgl. Ex 14; 16,10; 24,12-18; Num 14,20-23). Im Neuen Testament findet diese Epiphanie
der Schönheit ihre endgültige Erfüllung in der Selbstmitteilung Gottes in Jesus Christus: (108) Er
ist die vollständige Offenbarung der göttlichen Herrlichkeit. In der Verherrlichung des Sohnes leuchtet
die Herrlichkeit des Vaters auf und überträgt sich (vgl. Joh 1,14; 8,54; 12,28; 17,1). Diese Schönheit
ist jedoch nicht eine bloße Harmonie der Formen; »der Schönste von allen Menschen« (Ps 45 [44],3)
ist geheimnisvollerweise auch derjenige, der »keine schöne und edle Gestalt« hatte, »so daß wir ihn
anschauen mochten« (Jes 53,2). Jesus Christus zeigt uns, wie die Wahrheit der Liebe auch das dunkle Geheimnis
des Todes in das strahlende Licht der Auferstehung zu verklären vermag. Hier überragt der Glanz der
Herrlichkeit Gottes jede innerweltliche Schönheit. Die wahre Schönheit ist die Liebe Gottes, die sich
uns endgültig im Pascha-Mysterium offenbart hat.
Die Schönheit der Liturgie ist Teil dieses Geheimnisses;
sie ist höchster Ausdruck der Herrlichkeit Gottes und stellt in gewissem Sinne ein Sich-Herunterbeugen
des Himmels auf die Erde dar. Die Gedenkfeier des Erlösungsopfers trägt die Züge jener Schönheit Jesu
in sich, die Petrus, Jakobus und Johannes uns bezeugt haben, als der Meister sich auf dem Weg nach Jerusalem
vor ihnen verklärte (vgl. Mk 9,2). Die Schönheit ist demnach nicht ein dekorativer Faktor der liturgischen
Handlung; sie ist vielmehr ein für sie konstitutives Element, insofern sie eine Eigenschaft Gottes selbst
und seiner Offenbarung ist. All das muß uns bewußt machen, mit welcher Sorgfalt darauf zu achten ist,
daß die liturgische Handlung ihrem Wesen gemäß erstrahlt.
Die Eucharistiefeier, ein Werk
des »Christus
totus«
Christus totus in capite et in corpore
36. Das eigentliche Subjekt der inneren Schönheit der
Liturgie ist der auferstandene und im Heiligen Geist verherrlichte Christus, der die Kirche in sein Handeln
einschließt. (109) In diesem Zusammenhang ist es recht eindrucksvoll, sich die Worte des hl. Augustinus
ins Gedächtnis zu rufen, die in wirkungsvoller Weise diese der Eucharistie eigene Dynamik des Glaubens
beschreiben. Der große Heilige von Hippo hebt gerade in bezug auf das eucharistische Mysterium hervor,
wie Christus selbst uns in sich aufnimmt: »Das Brot, das ihr auf dem Altar seht, ist, geheiligt durch
das Wort Gottes, der Leib Christi. Der Kelch, oder besser: das, was der Kelch enthält, ist, geheiligt
durch das Wort Gottes, Blut Christi. Mit diesen [Zeichen] wollte Christus, der Herr, uns seinen Leib anvertrauen
und sein Blut, das er für uns zur Vergebung der Sünden vergossen hat. Wenn ihr beides in rechter Weise
empfangen habt, seid ihr selber das, was ihr empfangen habt«. (110) Darum »sind wir nicht nur Christen
geworden, sondern wir sind Christus selbst geworden«. (111) Von hier aus können wir das geheimnisvolle
Handeln Gottes betrachten, das zur tiefen Einheit zwischen uns und Jesus, dem Herrn, führt: »Man muß
nämlich nicht glauben, Christus sei im Haupt, ohne auch im Leib zu sein: Er ist ganz und gar im Haupt
und im Leib«. (112)
Eucharistie und der auferstandene Christus
37. Da die eucharistische Liturgie wesentlich
actio Dei ist, die uns durch den Heiligen Geist in Jesus hineinzieht, steht ihr Fundament nicht unserer
Willkür zur Verfügung und darf nicht die Erpressung durch Modeströmungen des jeweiligen Augenblicks
erfahren. Auch hier gilt die unumstößliche Aussage des hl. Paulus: »Einen anderen Grund kann niemand
legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus« (1 Kor 3,11). Und wiederum ist es der Völkerapostel,
der uns in Bezug auf die Eucharistie versichert, er überliefere uns nicht eine von ihm selbst entwickelte
Lehre, sondern das, was er seinerseits empfangen habe (vgl. 1 Kor 11,23). Die Feier der Eucharistie schließt
nämlich die lebendige Überlieferung ein. Die Kirche feiert das eucharistische Opfer im Gehorsam gegenüber
dem Auftrag Christi, ausgehend von der Erfahrung des Auferstandenen und der Ausgießung des Heiligen Geistes.
Aus diesem Grund versammelt sich die christliche Gemeinde zur fractio panis von Anfang an am Tag des Herrn.
Der Tag, an dem Christus von den Toten auferstanden ist, der Sonntag, ist auch der erste Tag der Woche,
derjenige, in dem die alttestamentliche Überlieferung den Beginn der Schöpfung sah. Der Tag der Schöpfung
ist nun der Tag der »neuen Schöpfung« geworden, der Tag unserer Befreiung, an dem wir des gestorbenen
und auferstandenen Christus gedenken. (113)
Ars celebrandi
38. Während der Synodenarbeit ist mehrfach
nachdrücklich auf die Notwendigkeit hingewiesen worden, jede mögliche Trennung zwischen der ars celebrandi,
d. h. der Kunst des rechten Zelebrierens, und der vollen, aktiven und fruchtbaren Teilnahme aller Gläubigen
zu überwinden. Tatsächlich ist die geeignetste Methode, die Teilnahme des Gottesvolkes am sakralen Ritus
zu begünstigen, den Ritus selbst in angemessener Weise zu feiern. Die ars celebrandi ist die beste Bedingung
für die actuosa participatio. (114) Die ars celebrandi entspringt aus dem treuen Gehorsam gegenüber
den liturgischen Normen in ihrer Vollständigkeit, denn gerade diese Art zu zelebrieren ist es, die seit
zweitausend Jahren das Glaubensleben aller Gläubigen sicherstellt, die dazu berufen sind, die Zelebration
als Gottesvolk, als königliches Priestertum, als heiliger Stamm zu erleben (vgl. 1 Petr 2,4-5.9). (115)
Der Bischof, Liturge schlechthin
39. Auch wenn das ganze Gottesvolk an der eucharistischen Liturgie
teilnimmt, kommt jedoch in bezug auf die rechte ars celebrandi denen, die das Sakrament der Weihe empfangen
haben, eine unumgängliche Aufgabe zu. Bischöfe, Priester und Diakone müssen – jeder seinem Grad entsprechend –
die Zelebration als ihre Hauptpflicht betrachten. (116) Das betrifft vor allem den Diözesanbischof: Er
ist nämlich »der erste Spender der Geheimnisse Gottes in der ihm anvertrauten Teilkirche, ist der Leiter,
Förderer und Hüter des gesamten liturgischen Lebens«. (117) All das ist für das Leben der Teilkirche
entscheidend, nicht nur, weil die Gemeinschaft mit dem Bischof die Bedingung für die Gültigkeit jeder
Zelebration auf seinem Gebiet ist, sondern auch, weil er selbst der Liturge seiner Kirche schlechthin
ist. (118) Ihm obliegt es, die harmonische Einheit der Zelebrationen in seiner Diözese zu bewahren. Darum
ist es »seine Sache, darauf zu achten, daß die Priester, die Diakone und die christgläubigen Laien
den eigentlichen Sinn der liturgischen Riten und Texte immer tiefer verstehen und so zur tätigen und
fruchtbaren Feier der Eucharistie geführt werden«. (119) Im besonderen ermahne ich, das Nötige zu tun,
damit die vom Bischof abgehaltenen liturgischen Feiern in der Kathedral-Kirche in voller Beachtung der
ars celebrandi geschehen, so daß sie als Vorbild für alle über das Gebiet verstreuten Kirchen betrachtet
werden können. (120)
Die Beachtung der liturgischen Bücher und des Reichtums der Zeichen
40. Mit der
Betonung der Wichtigkeit der ars celebrandi wird folglich auch die Bedeutung der liturgischen Vorschriften
deutlich. (121) Die ars celebrandi muß das Gespür für das Heilige fördern und sich äußerer Formen
bedienen, die zu diesem Gespür erziehen, zum Beispiel der Harmonie des Ritus, der liturgischen Gewänder,
der Ausstattung und des heiligen Ortes. Dort, wo die Priester und die für die liturgische Pastoral Verantwortlichen
sich bemühen, die gültigen liturgischen Bücher und die entsprechenden Vorschriften bekannt zu machen
und den großen Reichtum der Allgemeinen Einführung in das Römische Meßbuch und der Leseordnung für
die Feier der heiligen Messe hervorheben, gereicht das der Eucharistiefeier sehr zum Vorteil. In den kirchlichen
Gemeinschaften setzt man deren Kenntnis und rechte Wertschätzung wahrscheinlich voraus, doch oft zu Unrecht.
In Wirklichkeit sind es Texte, welche Schätze enthalten, die den Glauben und den Weg des Gottesvolkes
in den zweitausend Jahren seiner Geschichte bewahren und darstellen. Ebenso wichtig für eine rechte ars
celebrandi ist die Beachtung aller von der Liturgie vorgesehenen Ausdrucksformen: Wort und Gesang, Gesten
und Schweigen, Körperbewegung, liturgische Farben der Paramente. Die Liturgie besitzt tatsächlich von
Natur aus eine Vielfalt von Registern zur Mitteilung, die es ihr ermöglichen, die Einbeziehung des ganzen
Menschen anzustreben. Die Einfachheit der Gesten und die Nüchternheit der in der vorgesehenen Reihenfolge
und im gegebenen Moment gesetzten Zeichen vermitteln mehr und beteiligen stärker als die Künstlichkeit
unangebrachter Hinzufügungen. Achtung und Folgsamkeit gegenüber der Eigenstruktur des Ritus drücken
die Anerkennung des Geschenk-Charakters der Eucharistie aus und offenbaren zugleich den Willen des Priesters,
in Demut und Dankbarkeit die unbeschreibliche Gabe anzunehmen.
Kunst im Dienst der Zelebration
41. Die
tiefe Verbindung von Schönheit und Liturgie muß uns zu einer aufmerksamen Betrachtung aller in den Dienst
der Zelebration gestellten künstlerischen Ausdrucksmittel anregen. (122) Eine wichtige Komponente sakraler
Kunst ist natürlich die Architektur der Kirchen, (123) in denen die Einheit der besonderen Elemente des
Presbyteriums – Altar, Kruzifix, Tabernakel, Ambo und Sitz – hervortreten muß. In diesem Zusammenhang
muß man berücksichtigen, daß der Zweck der sakralen Architektur darin besteht, der Kirche, welche die
Glaubensgeheimnisse – und speziell die Eucharistie – feiert, den am besten geeigneten Raum für den angemessenen
Ablauf ihrer liturgischen Handlung zu bieten. (124) Das Wesen des christlichen Gotteshauses ist nämlich
durch die liturgische Handlung selbst definiert, die das Sich-Versammeln der Gläubigen (ecclesia) einschließt,
welche die lebendigen Steine des Tempels sind (vgl. 1 Petr 2,5).
Das gleiche Prinzip gilt allgemein für
alle sakrale Kunst, besonders für Malerei und Bildhauerei, in denen die religiöse Ikonographie sich
an der sakramentalen Mystagogie orientieren muß. Eine vertiefte Kenntnis der Formen, welche die sakrale
Kunst im Laufe der Jahrhunderte hervorgebracht hat, kann denen sehr hilfreich sein, die gegenüber Architekten
und Künstlern die Verantwortung der Auftragsvergabe für Kunstwerke haben, die mit der liturgischen Handlung
verbunden sind. Darum ist es unverzichtbar, daß zur Ausbildung der Seminaristen und der Priester als
wichtige Disziplin die Kunstgeschichte gehört, mit einem besonderen Verweis auf die kultischen Bauten
im Licht der liturgischen Vorschriften. Kurzum, es ist notwendig, daß in allem, was die Eucharistie betrifft,
guter Geschmack für das Schöne herrsche. Achtung und Sorgfalt müssen auch den Paramenten, den Kirchengeräten
und den heiligen Gefäßen gelten, damit sie, organisch miteinander verbunden und aufeinander abgestimmt,
das Staunen angesichts des Mysteriums Gottes lebendig halten, die Einheit des Glaubens verdeutlichen und
die Frömmigkeit stärken. (125)
Der liturgische Gesang
42. Einen bedeutenden Platz in der ars celebrandi
nimmt der liturgische Gesang ein. (126) Zu Recht bekräftigt der hl. Augustinus in einer seiner berühmten
Reden: »Der neue Mensch weiß, welches das neue Lied ist. Das Singen ist Ausdruck der Freude und – wenn
wir ein wenig aufmerksamer darüber nachdenken – ist Ausdruck der Liebe«. (127) Das zur Feier versammelte
Gottesvolk singt das Lob Gottes. Die Kirche hat in ihrer zweitausendjährigen Geschichte Instrumental-
und Vokalmusik geschaffen – und schafft sie immer noch –, die ein Erbe an Glauben und Liebe darstellt,
das nicht verlorengehen darf. In der Liturgie können wir wahrlich nicht sagen, daß alle Gesänge gleich
gut sind. In diesem Zusammenhang muß die oberflächliche Improvisation oder die Einführung musikalischer
Gattungen vermieden werden, die den Sinn der Liturgie nicht berücksichtigen. In seiner Eigenschaft als
liturgisches Element hat sich der Gesang in die besondere Form der Zelebration einzufügen. (128) Folglich
muß alles – im Text, in der Melodie und in der Ausführung – dem Sinn des gefeierten Mysteriums, den
Teilen des Ritus und den liturgischen Zeiten entsprechen. (129) Schließlich möchte ich, obwohl ich die
verschiedenen Orientierungen und die sehr lobenswerten unterschiedlichen Traditionen berücksichtige,
daß entsprechend der Bitte der Synodenväter der gregorianische Choral angemessen zur Geltung gebracht
wird, (130) da dies der eigentliche Gesang der römischen Liturgie ist. (131)
Die Struktur der Eucharistiefeier
43. Nachdem ich die tragenden Elemente der ars celebrandi erwähnt habe, möchte ich die Aufmerksamkeit
eingehender auf einige Teile der Struktur der Eucharistiefeier lenken, die in unserer Zeit einer besonderen
Sorgfalt bedürfen, mit dem Ziel, dem Grundanliegen der vom Zweiten Vatikanischen Konzil angeregten liturgischen
Erneuerung in Kontinuität mit der ganzen großen kirchlichen Überlieferung treu zu bleiben.
Die innere
Einheit der liturgischen Handlung
44. Zuallererst ist es nötig, über die innere Einheit des Ritus der
Heiligen Messe nachzudenken. Sowohl in der Katechese als auch in der Art der Zelebration muß vermieden
werden, daß der Eindruck zweier nebeneinander gestellter Teile vermittelt wird. Wortgottesdienst und
eucharistische Liturgie sind – neben den Einführungs- und Schlußriten – »so eng miteinander verbunden,
daß sie eine gottesdienstliche Einheit bilden«. (132) Tatsächlich existiert eine innere Verbindung
zwischen dem Wort Gottes und der Eucharistie. Beim Hören des Gotteswortes keimt der Glaube auf oder wird
gestärkt (vgl. Röm 10,17); in der Eucharistie schenkt das fleischgewordene Wort sich uns als geistliche
Speise. (133) So geschieht es, daß »die Kirche von den beiden Tischen des Wortes und des Leibes Christi
das Brot des Lebens empfängt und den Gläubigen anbietet«. (134) Darum muß man sich stets vor Augen
halten, daß das von der Kirche gelesene und in der Liturgie verkündete Wort Gottes zur Eucharistie als
seinem wesenseigenen Ziel hinführt.
Der Wortgottesdienst
45. Gemeinsam mit der Synode bitte ich darum,
daß der Wortgottesdienst immer gebührend vorbereitet und gelebt wird. Darum empfehle ich dringend, in
den Liturgien mit großer Aufmerksamkeit darauf zu achten, daß das Wort Gottes von gut vorbereiteten
Lektoren vorgetragen wird. Vergessen wir nie: »Wenn in der Kirche die Heiligen Schriften gelesen werden,
spricht Gott selbst zu seinem Volk und verkündet Christus, gegenwärtig in seinem Wort, das Evangelium«.
(135) Wenn die Umstände es angebracht erscheinen lassen, kann man an einige einführende Worte denken,
die den Gläubigen helfen, sich dessen neu inne zu werden. Um das Wort Gottes recht zu verstehen, muß
man es mit kirchlicher Gesinnung und im Bewußtsein seiner Einheit mit dem eucharistischen Sakrament hören
und aufnehmen. Das Wort, das wir verkünden und hören, ist ja das fleischgewordene Wort (vgl. Joh 1,14);
es besitzt einen inneren Bezug zur Person Christi und zur sakramentalen Weise seines Gegenwärtigbleibens.
Christus spricht nicht in der Vergangenheit, sondern in unserer Gegenwart, gleich wie er in der liturgischen
Handlung gegenwärtig ist. In dieser sakramentalen Sicht der christlichen Offenbarung (136) ermöglichen
uns die Kenntnis und das Studium des Wortes Gottes, die Eucharistie besser zu schätzen, zu feiern und
zu leben. Auch hier erweist sich die Behauptung, nach der »die Unkenntnis der Schrift Unkenntnis Christi
ist«, (137) in ihrer vollen Wahrheit.
Zu diesem Zweck ist es notwendig, daß den Gläubigen durch pastorale
Initiativen, Wortgottesdienste und geistliche Lesung (lectio divina) geholfen wird, den Reichtum der Heiligen
Schrift, der im Lektionar vorhanden ist, zu schätzen. Darüber hinaus sollte man nicht vergessen, die
von der Tradition bestätigten Gebetsformen zu fördern: das Stundengebet – vor allem die Laudes, die
Vesper und die Komplet – sowie auch die Vigilfeiern. Das Psalmengebet, die biblischen Lesungen und die
in den Lesehoren des Breviers dargebotenen Texte der großen Tradition können zu einer vertieften Erfahrung
des Christus-Geschehens und der Heilsökonomie führen, die ihrerseits das Verständnis und die innere
Teilnahme an der Eucharistiefeier bereichern kann. (138)
Die Homilie
46. In Verbindung mit der Bedeutung
des Wortes Gottes erhebt sich die Notwendigkeit, die Qualität der Homilie zu verbessern. Sie ist ja »Teil
der liturgischen Handlung« (139) und hat die Aufgabe, ein tieferes Verstehen und eine umfassendere Wirksamkeit
des Wortes Gottes im Leben der Gläubigen zu fördern. Deshalb müssen die Priester »die Predigt sorgfältig
vorbereiten, indem sie sich auf eine angemessene Kenntnis der Heiligen Schrift stützen«. (140) Oberflächlichallgemeine
oder abstrakte Predigten sind zu vermeiden. Im besonderen bitte ich die Prediger, dafür zu sorgen, daß
die Homilie das verkündete Wort Gottes in so enge Verbindung mit der sakramentalen Feier (141) und mit
dem Leben der Gemeinde bringt, daß das Wort Gottes für die Kirche wirklich Rückhalt und Leben ist.
(142) Darum berücksichtige man den katechetischen und den ermahnenden Zweck der Homilie. Es erscheint
angebracht, den Gläubigen – ausgehend vom Drei-Jahres-Lektionar – wohlbedacht thematische Homilien zu
halten, die im Laufe des liturgischen Jahres die großen Themen des christlichen Glaubens behandeln und
dabei auf das zurückgreifen, was vom Lehramt maßgebend vorgeschlagen wird in den »vier Säulen« des
Katechismus der Katholischen Kirche und dem später erschienenen Kompendium: dem Glaubensbekenntnis, der
Feier des christlichen Mysteriums, dem Leben in Christus und dem christlichen Gebet. (143)
Die Darbringung
der Gaben
47. Die Synodenväter haben auch auf die Darbringung der Gaben aufmerksam gemacht. Es handelt
sich nicht einfach um eine Art »Intermezzo« zwischen dem Wortgottesdienst und der eucharistischen Liturgie.
Das würde unter anderem auch nicht dem Sinn des einen, aus zwei Teilen zusammengesetzten Ritus gerecht
werden. In dieser demütigen und einfachen Handlung kommt in Wirklichkeit eine sehr tiefe Bedeutung zum
Ausdruck: In Brot und Wein, die wir zum Altar bringen, wird die ganze Schöpfung von Christus, dem Erlöser,
angenommen, um verwandelt und dem Vater dargeboten zu werden. (144) So gesehen, tragen wir auch alles
Leid und allen Schmerz der Welt zum Altar, in der Gewißheit, daß in den Augen Gottes alles kostbar ist.
Diese Handlung bedarf nicht der Hervorhebung durch unangebrachte Komplikationen, um in ihrer authentischen
Bedeutung erlebt zu werden. Sie erlaubt, die ursprüngliche Beteiligung, die Gott vom Menschen verlangt,
um das göttliche Werk in ihm zu vollenden, auszuwerten und auf diese Weise der menschlichen Arbeit ihren
letzten Sinn zu geben: durch die Eucharistiefeier mit dem erlösenden Opfer Christi vereint zu werden.
Das eucharistische Hochgebet
48. Das eucharistische Hochgebet ist »Mitte und Höhepunkt der ganzen
Feier«. (145) Seine Bedeutung verdient es, entsprechend hervorgehoben zu werden. Die verschiedenen im
Meßbuch enthaltenen eucharistischen Hochgebete sind uns von der lebendigen Überlieferung der Kirche
übergeben worden; sie zeichnen sich aus durch einen unerschöpflichen theologischen und spirituellen
Reichtum. Die Gläubigen müssen angeleitet werden, ihn entsprechend zu schätzen. Dazu ist uns die Allgemeine
Einführung in das Römische Meßbuch hilfreich, indem sie uns die Grundelemente jedes Hochgebetes ins
Gedächtnis ruft: Danksagung, Akklamation, Epiklese, Einsetzungsbericht, Konsekration, Anamnese, Darbringung,
Interzessionen und Schlußdoxologie. (146) Die eucharistische Spiritualität und die theologische Reflexion
werden besonders erhellt, wenn man die tiefe Einheit in der Anapher zwischen der Anrufung des Heiligen
Geistes und dem Einsetzungsbericht (147) betrachtet, worin »das Opfer vollzogen [wird], das Christus
selber beim letzten Abendmahl eingesetzt hat«. (148) Tatsächlich »erfleht die Kirche durch besondere
Anrufungen die Kraft des Heiligen Geistes, damit die von Menschen dargebrachten Gaben konsekriert, das
heißt, Leib und Blut Christi werden und damit die makellose Opfergabe, die in der Kommunion empfangen
wird, denen zum Heil gereiche, die daran Anteil erhalten«. (149)
Der Austausch des Friedensgrußes
49. Die Eucharistie ist von Natur aus ein Sakrament des Friedens. Diese Dimension des eucharistischen
Mysteriums findet in der liturgischen Feier seinen besonderen Ausdruck im Austausch des Friedensgrußes.
Zweifellos handelt es sich um ein Zeichen von großem Wert (vgl. Joh 14,27). In unserer so erschreckend
konfliktbeladenen Zeit bekommt diese Geste auch unter dem Gesichtspunkt des allgemeinen Empfindens eine
besondere Bedeutung, insofern die Kirche die Aufgabe, vom Herrn das Geschenk des Friedens und der Einheit
für sich und für die gesamte Menschheitsfamilie zu erflehen, immer mehr als eigenen Auftrag wahrnimmt.
Der Friede ist sicherlich eine nicht zu unterdrückende Sehnsucht im Herzen eines jeden. Die Kirche macht
sich zur Wortführerin dieser Bitte um Frieden und Versöhnung, die aus dem Innern jedes Menschen guten
Willens aufsteigt, und richtet sie an den, der »unser Friede« ist (Eph 2,14) und der auch Völker und
Einzelpersonen miteinander versöhnen kann, wo menschliche Versuche scheitern. Aus all dem wird die Intensität
verständlich, mit der in der liturgischen Feier der Ritus des Friedens häufig empfunden wird. Dennoch
wurde in diesem Zusammenhang auf der Bischofssynode betont, daß es zweckmäßig ist, diese Geste, die
übertriebene Formen annehmen und ausgerechnet unmittelbar vor der Kommunion Verwirrung stiften kann,
in Grenzen zu halten. Es ist gut, daran zu erinnern, daß der große Wert der Geste mitnichten geschmälert
wird durch die Nüchternheit, die notwendig ist, um ein der Feier angemessenes Klima zu wahren; man könnte
zum Beispiel den Friedensgruß auf die beschränken, die in der Nähe stehen. (150)
Austeilung und Empfang
der Eucharistie
50. Ein weiteres Moment der Feier, das zur Sprache gebracht werden muß, betrifft Austeilung
und Empfang der heiligen Kommunion. Ich ersuche alle, besonders die geweihten Amtsträger und diejenigen,
die – entsprechend vorbereitet – im Fall wirklicher Notwendigkeit zum Dienst der Austeilung der Eucharistie
bevollmächtigt sind, alles Mögliche zu tun, damit die Handlung in ihrer Einfachheit ihrer Bedeutung
der persönlichen Begegnung mit dem Herrn Jesus im Sakrament entspreche. Was die Vorschriften zur korrekten
Praxis betrifft, verweise ich auf die jüngst herausgegebenen Dokumente. (151) Alle christlichen Gemeinden
sollen sich treu an die gültigen Normen halten und in ihnen den Ausdruck des Glaubens und der Liebe sehen,
die wir alle gegenüber diesem erhabenen Sakrament haben müssen. Darüber hinaus sollte die kostbare
Zeit der Danksagung nach der Kommunion nicht vernachlässigt werden: außer der Ausführung eines passenden
Gesanges kann es sehr nützlich sein, gesammelt im Schweigen zu verharren. (152)
In diesem Zusammenhang
möchte ich auf ein pastorales Problem aufmerksam machen, auf das man heutzutage oft stößt. Ich meine
die Tatsache, daß bei einigen Gelegenheiten wie zum Beispiel bei Meßfeiern aus Anlaß von Trauungen,
Beerdigungen oder ähnlichen Ereignissen außer den praktizierenden Gläubigen auch andere bei der Feier
zugegen sind, die eventuell jahrelang nicht die Kommunion empfangen haben oder die sich vielleicht in
Lebensverhältnissen befinden, die den Zugang zu den Sakramenten nicht gestatten. Andere Male geschieht
es, daß Angehörige anderer christlicher Konfessionen oder sogar anderer Religionen zugegen sind. Ähnliche
Umstände sind auch in Kirchen gegeben, die – besonders in den großen Kunstmetropolen – Ziel von Besucherströmen
sind. Es versteht sich, daß dann Möglichkeiten gefunden werden müssen, kurz und wirkungsvoll allen
den Sinn der sakramentalen Kommunion und die Bedingungen für ihren Empfang ins Gedächtnis zu rufen.
Wo Situationen gegeben sind, in denen die notwendige Klärung in bezug auf die Bedeutung der Eucharistie
nicht gewährleistet werden kann, ist zu erwägen, inwieweit es zweckmäßig ist, anstelle der Eucharistiefeier
einen Wortgottesdienst zu halten. (153)
Die Entlassung: »Ite missa est«
51. Schließlich möchte ich
auf das eingehen, was die Synodenväter über den Entlassungsgruß am Ende der Eucharistiefeier gesagt
haben. Nach dem Segen verabschiedet der Diakon oder der Priester das Volk mit den Worten: »Ite missa
est«. In diesem Gruß können wir die Beziehung zwischen der gefeierten Messe und der christlichen Sendung
in der Welt erkennen. Im Altertum bedeutete »missa« einfach »Entlassung«. Im christlichen Gebrauch
hat das Wort jedoch eine immer tiefere Bedeutung gewonnen, indem »missa« zunehmend als »missio« verstanden
und so Entlassung zu Aussendung wird. Dieser Gruß drückt in wenigen Worten die missionarische Natur
der Kirche aus. Darum ist es gut, dem Volk zu helfen, diese konstitutive Dimension des kirchlichen Lebens
zu vertiefen, indem man sich von der Liturgie anregen läßt. In dieser Hinsicht kann es nützlich sein,
über entsprechend approbierte Texte für das Gebet über das Volk und den Schlußsegen zu verfügen,
die diese Verbindung deutlich zum Ausdruck bringen. (154)
Actuosa participatio
Authentische Teilnahme
52. Das Zweite Vatikanische Konzil hatte zu Recht mit besonderer Eindringlichkeit von der aktiven, vollen
und fruchtbaren Teilnahme des ganzen Gottesvolkes an der Eucharistiefeier gesprochen. (155) Sicherlich
hat die in diesen Jahren verwirklichte Erneuerung beachtliche Fortschritte in der von den Konzilsvätern
gewünschten Richtung begünstigt. Dennoch dürfen wir nicht über die Tatsache hinwegsehen, daß sich
dabei gelegentlich eine mangelnde Einsicht gerade in den eigentlichen Sinn dieser Teilnahme gezeigt hat.
Darum muß geklärt werden, daß mit diesem Begriff nicht eine einfache äußere Aktivität während der
Feier gemeint ist. In Wirklichkeit ist die vom Konzil erwünschte aktive Teilnahme in viel wesentlicherem
Sinn zu verstehen, angefangen von einer tieferen Bewußtheit des Mysteriums, das gefeiert wird, und seiner
Beziehung zum täglichen Leben. Die Empfehlung der Konzilskonstitution Sacrosanctum Concilium, welche
die Gläubigen aufruft, der eucharistischen Liturgie nicht »wie Außenstehende und stumme Zuschauer«
beizuwohnen, sondern »die heilige Handlung bewußt, fromm und tätig« mitzufeiern, (156) ist nach wie
vor voll gültig. Das Konzil fuhr fort, indem es die Überlegungen entfaltete: Die Gläubigen sollen »sich
durch das Wort Gottes formen lassen« und »am Tisch des Herrn Stärkung finden. Sie sollen Gott danksagen
und die unbefleckte Opfergabe darbringen nicht nur durch die Hände des Priesters, sondern auch gemeinsam
mit ihm und dadurch sich selber darbringen lernen. So sollen sie durch Christus, den Mittler, von Tag
zu Tag zu immer vollerer Einheit mit Gott und untereinander gelangen«. (157)
Teilnahme und priesterlicher
Dienst
53. Die Schönheit und die Harmonie der liturgischen Handlung finden einen bedeutungsvollen Ausdruck
in der Ordnung, in der jeder berufen ist, aktiv teilzunehmen. Das beinhaltet die Anerkennung der verschiedenen
hierarchischen Rollen, die in die Zelebration selbst einbezogen sind. Es ist hilfreich, daran zu erinnern,
daß die aktive Teilnahme an ihr nicht unbedingt mit der Ausübung eines besonderen Dienstes zusammenfällt.
Vor allem ist der Sache der aktiven Teilnahme der Gläubigen nicht gedient durch eine Verwirrung, die
durch die Unfähigkeit erzeugt würde, in der kirchlichen Gemeinschaft die verschiedenen Aufgaben zu unterscheiden,
die jedem zukommen. (158) Im besonderen ist es notwendig, daß bezüglich der spezifischen Aufgaben des
Priesters Klarheit herrscht. Wie die Tradition der Kirche bestätigt, ist er in unersetzlicher Weise derjenige,
welcher der gesamten Eucharistiefeier vorsteht, vom Eröffnungsgruß bis zum Schlußsegen. Kraft der heiligen
Weihe, die er empfangen hat, vertritt er Jesus Christus, das Haupt der Kirche, und in der ihm eigenen
Weise auch die Kirche selbst. (159) Jede Feier der Eucharistie wird vom Bischof geleitet, entweder von
ihm selbst oder durch die Priester als seine Helfer«. (160) Eine Hilfe hat er im Diakon, dem in der Feier
einige spezifische Aufgaben zukommen: Bereitung des Altars, Assistenz des Priesters, Verkündigung des
Evangeliums, eventuell die Predigt, Führung der Gemeinde bei den Fürbitten, Austeilung der Kommunion.
(161) Im Zusammenhang mit diesen, an die Weihe gebundenen Aufgaben stehen andere Ämter für den liturgischen
Dienst, die zweckmäßig von Ordensleuten und entsprechend vorbereiteten Laien ausgeübt werden. (162)
Eucharistiefeier und Inkulturation
54. Seit den grundlegenden Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils
ist die Bedeutung der aktiven Teilnahme der Gläubigen am eucharistischen Opfer wiederholt betont worden.
Um diese Einbeziehung zu begünstigen, kann man einigen Anpassungen Raum geben, die für die verschiedenen
Zusammenhänge und unterschiedlichen Kulturen geeignet sind. (163) Die Tatsache, daß es dabei einige
Mißbräuche gegeben hat, trübt nicht die Klarheit dieses Prinzips, das den wirklichen Bedürfnissen
der Kirche entsprechend beibehalten werden muß; sie lebt und feiert ein und dasselbe Mysterium Christi
in unterschiedlichen kulturellen Situationen. Jesus, der Herr, hat sich nämlich, indem er als vollkommener
Mensch von einer Frau geboren wurde (vgl. Gal 4,4), gerade im Geheimnis der Inkarnation in direkte Beziehung
nicht nur zu den innerhalb des Alten Testaments vorhandenen, sondern auch zu den von allen Völkern gehegten
Erwartungen gesetzt. Damit hat er gezeigt, daß Gott uns in unserem Lebensumfeld erreichen will. Darum
ist für eine wirkungsvollere Teilnahme der Gläubigen an den heiligen Mysterien die Fortsetzung des Inkulturationsprozesses
im Rahmen der Eucharistiefeier von Nutzen. Dabei sind die Möglichkeiten der Anpassung zu berücksichtigen,
welche die Allgemeine Einführung in das Römische Meßbuch bietet; (164) sie müssen interpretiert werden
im Licht der Kriterien der 4. Instruktion der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung
Varietates legitimae vom 25. Januar 1994 (165) und der Richtlinien, die von Papst Johannes Paul II. in
den Nachsynodalen Schreiben Ecclesia in Africa, Ecclesia in America, Ecclesia in Asia, Ecclesia in Oceania,
und Ecclesia in Europa (166) ausgedrückt sind. Zu diesem Zweck empfehle ich den Bischofskonferenzen,
bei ihrem Handeln die rechte Ausgewogenheit zwischen bereits erlassenen Kriterien und Richtlinien und
neuen Anpassungen zu begünstigen, (167) immer in Übereinkunft mit dem Apostolischen Stuhl.
Persönliche
Bedingungen für eine »actuosa participatio«
55. Bei der Erörterung des Themas der actuosa participatio
der Gläubigen am heiligen Ritus haben die Synodenväter auch die persönliche Verfassung hervorgehoben,
in der sich jeder für eine fruchtbare Teilnahme befinden muß. (168) Ein Element dabei ist sicherlich
der Geist fortwährender innerer Umkehr, der das Leben aller Gläubigen kennzeichnen muß. Man kann sich
keine aktive Teilnahme an der eucharistischen Liturgie erwarten, wenn man nur oberflächlich dabei ist,
ohne zuvor das eigene Lebens überprüft zu haben. Eine solche innere Bereitschaft wird gefördert zum
Beispiel durch Sammlung und Schweigen, zumindest einige Momente vor Beginn der Liturgie, durch Fasten
und, wenn nötig, durch die sakramentale Beichte. Ein mit Gott versöhntes Herz befähigt zu wahrer Teilnahme.
Im besonderen muß man die Gläubigen daran erinnern, daß eine actuosa paticipatio nicht zu realisieren
ist, wenn man nicht zugleich versucht, aktiv am kirchlichen Leben in seiner Ganzheit teilzunehmen, was
auch den missionarischen Einsatz einschließt, die Liebe Christi in die Gesellschaft hineinzutragen.
Zweifellos ist die volle Teilnahme an der Eucharistie dann gegeben, wenn man auch selbst die Kommunion
empfängt. (169) Trotzdem muß darauf geachtet werden, daß diese richtige Aussage bei den Gläubigen
nicht zu einem gewissen Automatismus führt, so als habe man, nur weil man sich während der Liturgie
in der Kirche befindet, das Recht oder vielleicht sogar die Pflicht, zum eucharistischen Mahl zu gehen.
Auch wenn es nicht möglich ist, die sakramentale Kommunion zu empfangen, bleibt die Teilnahme an der
heiligen Messe notwendig, gültig, bedeutungsvoll und fruchtbar. Unter diesen Umständen ist es gut, das
Verlangen nach der vollen Vereinigung mit Christus zu pflegen, zum Beispiel mit der Praxis der geistlichen
Kommunion, an die Johannes Paul II. erinnert (170) und die von heiligen Lehrmeistern des geistlichen Leben
empfohlen wird. (171)
Die Teilnahme nicht katholischer Christen
56. Mit dem Thema der Teilnahme müssen
wir unvermeidlich über die Christen sprechen, die Kirchen oder kirchlichen Gemeinschaften angehören,
die nicht in voller Gemeinschaft mit der Katholischen Kirche stehen. In diesem Zusammenhang ist zu sagen,
daß die innere Verbindung, die zwischen Eucharistie und Einheit der Kirche besteht, uns einerseits brennend
den Tag herbeiwünschen läßt, an dem wir gemeinsam mit allen Christgläubigen die Eucharistie feiern
und so die Fülle der von Christus für seine Jünger gewollten Einheit (vgl. Joh 17,21) ausdrücken können.
Andererseits verbietet uns die Ehrfurcht, die wir dem Sakrament des Leibes und Blutes Christi schulden,
daraus ein bloßes »Mittel« zu machen, das unterschiedslos angewendet wird, um ebendiese Einheit zu
erlangen. (172) Die Eucharistie drückt ja nicht nur unsere persönliche Gemeinschaft mit Jesus Christus
aus, sondern schließt auch die volle Communio mit der Kirche ein. Das ist also das Motiv, warum wir mit
Schmerz, doch nicht ohne Hoffnung, die nicht katholischen Christen bitten, unsere Überzeugung, die auf
die Bibel und die Überlieferung zurückgreift, zu verstehen und zu respektieren. Wir meinen, daß die
eucharistische Kommunion und die kirchliche Communio so zuinnerst einander angehören, daß es für nicht
katholische Christen allgemein unmöglich ist, das Sakrament der Kommunion zu empfangen, ohne die Communio
zu teilen. Noch sinnloser wäre eine regelrechte Konzelebration mit Amtsträgern anderer Kirchen oder
kirchlicher Gemeinschaften, die nicht in voller Gemeinschaft mit der Katholischen Kirche stehen. Trotzdem
bleibt gültig, daß im Hinblick auf das ewige Heil die Möglichkeit der Zulassung einzelner nicht katholischer
Christen zur Eucharistie, zum Bußsakrament und zur Krankensalbung besteht. Das setzt jedoch voraus, daß
bestimmte, außergewöhnliche, durch genaue Bedingungen gekennzeichnete Situationen gegeben sind. (173)
Diese sind im Katechismus der Katholischen Kirche (174) und in seinem Kompendium ( 175) deutlich angegeben.
Es ist die Pflicht eines jeden, sich treu daran zu halten.
Teilnahme über die Kommunikationsmittel
57. Aufgrund der gewaltigen Entwicklung der Kommunikationsmittel in den letzten Jahrzehnten hat das Wort
»Teilnahme« eine weitere Bedeutung angenommen als in der Vergangenheit. Wir alle anerkennen mit Zufriedenheit,
daß diese Instrumente neue Möglichkeiten auch in bezug auf die Eucharistiefeier eröffnen. (176) Das
erfordert von den pastoralen Mitarbeitern auf diesem Sektor eine spezifische Vorbereitung und ein waches
Verantwortungsbewußtsein. Die im Fernsehen übertragene heilige Messe bekommt nämlich unvermeidlich
einen gewissen Charakter der Vorbildlichkeit. Darum muß nicht nur besonders darauf geachtet werden, daß
die Feier sich an würdigen und gut vorbereiteten Orten vollzieht, sondern daß sie zudem auch die liturgischen
Normen berücksichtigt.
Was schließlich den Wert der durch die Kommunikationsmittel ermöglichten Teilnahme
an der heiligen Messe betrifft, so muß, wer solchen Übertragungen beiwohnt, wissen, daß er unter normalen
Voraussetzungen nicht die Sonntagspflicht erfüllt. Denn das Ausdrucksmittel Bild stellt zwar die Wirklichkeit
dar, reproduziert sie aber nicht in sich selbst. (177) Wenn es sehr lobenswert ist, daß alte und kranke
Menschen durch die Radiound Fernsehübertragungen an der Sonntagsmesse teilnehmen, träfe das nicht in
gleicher Weise zu für diejenigen, die sich durch solche Übertragungen davon dispensieren wollten, in
die Kirche zu gehen, um an der Eucharistiefeier in der Versammlung der lebendigen Kirche teilzunehmen.
»Actuosa participatio« der Kranken
58. In Anbetracht der Lage derer, die sich aus Krankheits- oder
Altersgründen nicht zu den Orten des Gottesdienstes begeben können, möchte ich die gesamte kirchliche
Gemeinschaft auf die pastorale Notwendigkeit aufmerksam machen, für die Kranken, die zu Hause sind oder
sich im Krankenhaus befinden, den geistlichen Beistand sicherzustellen. Wiederholt wurde in der Bischofssynode
ihre Lage angesprochen. Es muß dafür gesorgt werden, daß diese unsere Brüder und Schwester
Dienstag, 13. März 2007 12:11
Sacramentum Caritatis





